Inhalt:"Physische Leiden sind Erscheinungen, die uns mehr oder minder aus unserer unmittelbaren Umgebung vertraut sind. Solche Erscheinungen können wir - auch im außerliterarischen Bereich - verstehen, bei ihnen können wir aufgrund von Beobachtungen oder aufgrund eigener, analoger Erfahrungen mitfühlen. Kaum oder schwer verständlich - uneinfühlbar wie die Psychologen sagen - sind dagegen Vorgänge, die sich in einer krankhaft veränderten Psyche abspielen. Der Autor, der sich bemüht, auch solche Vorgänge zu gestalten, gerät dabei in eine Lage, die der eines Psychoanalytikers vergleichbar ist: Er muss die Worte und Gesten seines Modells dechiffrieren, er muss im sinnlos, ja absurd erscheinenden stofflichen Wust den verborgenen Zusammenhang finden. Entzieht sich wie im Falle der hier dargestellten Schizophrenie der psychotische Vorgang einer individualpsychologischen Deutung, so bleibt dem Autor nur noch die Möglichkeit einer allgemeinen Sinngebung, die sich darauf beschränkt, jene kollektiven Urbilder, Urängste und Urwünsche aufzuzeigen, die in der Krankheit des Geistes sichtbar werden, aber nicht nur den Inhalt pathologischen Wahns bilden, sondern darüber hinaus die poetische Rede kennzeichnen und das Wesen des Menschen mitbestimmen." Diesen Worten des Autors ist wenig hinzuzufügen. In Form einer Befragung, deren Verlauf und Ergebnisse von einem Kommentator lakonisch vermerkt werden, beschreibt Weißenborn den reduzierten Menschen, der vom Wahn ergriffen und gepeinigt wird ohne die geringste Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. Unbewusst und ungewollt und daher dem heillos Leidenden kein Trost, gibt das Verhalten im Wahn Aufschluss über die Struktur des menschlichen Geistes. . "Der Schneider von Ulm" ist, wie der Autor ausdrücklich vermerkt, den Werken "Schizophrenie und Sprache" von Leo Navratil und "Sprachphänomene und Psychose" von Theodor Spoerri verpflichtet. Der Sendung wird ein Tondokument - die Aufzeichnung des Sprachverhaltens eines schizophrenen Patienten - vorangestellt, Ausgangsmaterial der Weißenbornschen Arbeit.
Regie:Oswald Döpke
Produktion:Westdeutscher Rundfunk 1969
Erstausstrahlung:19.06.1969
Dauer:33 Minuten und 46 Sekunden
Mitwirkende:
Sprecher:Rolle/Funktion:
Herbert FleischmannPatient
Hans PaetschArzt und Kommentator