Zur Dialektik von Vertrauen und Kontrolle

Wer als Westdeutscher nie auch nur eine einzige Zelle von Lenin gelesen hat, kennt doch zumindest seinen oft zitierten Ausspruch: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." und hat ihn vielleicht selbst schon bei passender oder unpassender Gelegenheit im Munde geführt. Dieser Ausspruch soll im Folgenden interpretiert und formal- und ideenkritisch untersucht werden.

Lenins These besteht aus zwei Teilen: sie beginnt mit dem positiven Urteil "Vertrauen ist gut", das - wie nach einer kurzen Besinnungspause - durch den komparativischen Zusatz "Kontrolle ist besser" sogleich relativiert wird, wobei der Komparativ den Wert des Vertrauens herabstuft. Das heißt (da das Bessere der Feind des Guten ist und vor diesem den Vorrang hat) bei der Wahl zwischen Vertrauen und Kontrolle, ist die Kontrolle dem Vertrauen als das bessere Alterum vorzuziehen.

Wieso ist und bleibt nun Vertrauen, wenn auch auf niederer Stufe, gleichwohl gut?

Hierauf gibt die Psychologie eine Antwort. Sie spricht nämlich vom "Urvertrauen", dessen der Mensch bedarf, da er im Leben sonst keinen einzigen Schritt mit Zuversicht tun könnte, keine einzige Entscheidung treffen könnte, von deren Richtigkeit er überzeugt wäre, keinen erfolgversprechenden Plan entwickeln und niemals eine beherzte Tat vollbringen könnte. Wer das Glück hatte, in seiner frühen Kindheit, vor allem in den ersten drei Lebensjahren und darüber hinaus, vertrauenswürdige, zuverlässige Bezugspersonen zu haben, die ihn mit steter, intensiver und liebevoller Zuwendung umsorgt haben, dem wird dieses Urvertrauen gleichsam als ein soziales Geschenk zuteil, und paart sich dieses Vertrauen zu anderen Menschen mit einem gesunden Selbstvertrauen, das heißt mit einer realistischen positiven Einschätzung der eigenen Kräfte, so ist der in dieser Weise Begünstigte zu beglückwünschen, denn er bringt die beste Voraussetzung dafür mit, sein Leben zu meistern. Das Vertrauen, das er aufgrund seiner frühen Lebenserfahrungen seinen Mitmenschen entgegenbringt, ist die bestangemessene Reaktion auf deren Zuverlässigkeit und bestärkt sie in ihrer Vertrauenswürdigkeit, so sie denn ihrerseits moralisch integer sind, das in sie gesetzte Vertrauen zu schätzen wissen und nicht der Versuchung erliegen, es zu missbrauchen.

Doch, ach, dieser Idealfall ist nicht immer gegeben! Was uns als Grundregel (Regula aurea) allen sozialen Lebens vor Augen steht, das, was selbstverständlich sein sollte, versteht sich nicht immer von selbst, denn alle Erfahrung lehrt: Die Seele des Menschen (nach einem Wort Erich Fromms) ist fähig zum Guten wie zum Bösen. Wer nur an das Gute im Menschen glaubt und keinen Blick für das Böse hat, ist auf einem Auge blind, man öffne beide Augen uns sehe sich um: Lug und Betrug sind hierzuland wie überall in der Welt an der Tagesordnung, Gesetzeswidrigkeiten, von der kleinsten Ordnungswidrigkeit bis zum größten Verbrechen (Vergewaltigung, Raub, Mord und Totschlag) sind unleugbare Realität, und alle nur denkbaren Delikte werden oftmals gerade von jenen Personengruppen begangen, die ein besonders hohes Sozialprestige genießen und nicht müde werden, ihre eigene moralische Integrität zu beteuern. - Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Fakt ist: Eltern vernachlässigen, quälen und ermorden ihre Kinder, Ärzte erbringen überflüssige, medizinisch nicht indizierte Leistungen, um sie ihren Patienten oder den Krankenkassen in Rechnung zu stellen, ebenso verfahren Krankenhäuser und Kliniken aller Art, Trickbetrüger nutzen Online-Banking und Internet, um an Kontonummern und PIN-Nummern zu gelangen und fremde Konten abzuräumen, Handwerker stellen überhöhte Rechnungen aus oder Rechnungen über Leistungen, die sie gar nicht erbracht haben, Buchhalter fälschen Bilanzen (oft im Auftrag ihrer Arbeitgeber), um Steuergelder zu ergaunern, Banker verkaufen wertlose "Wertpapiere", Makler und Banken vermitteln den Verkauf von Schrottimmobilien, Pharmaunternehmen bringen unwirksame oder gar gesundheitsschädliche Medikamente auf den Markt, Priester vergehen sich sexuell an Kindern, Zeugen, Schöffen und Richter- lassen sich bestechen, Kontrollbehörden (z.B. Jugendämter) sehen "keinen Handlungsbedarf", Geheimdienste zetteln Bürgerkriege an und unterstützen korrupte Regenten, Diktatoren beuten ihre eigenen Völker aus, plündern die Staatskasse und transferieren Staatsgelder in Höhe von Millionen und Milliarden auf ihre Privatkonten im Ausland - und, um in Deutschland zu bleiben: Die Regierung Merkel, statt Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, macht sich zum Erfüllungsgehilfen privater Wirtschaftsunternehmen, verschleiert und fördert den Lobbyismus, bedient Partikularinteressen von Wirtschaftsbossen und stellt das öffentliche Interesse des Volkes hintan, begünstigt auf dem Weg der Gesetzgebung die Reichen zum Nachteil der Armen und entblödet sich nicht, gleichzeitig über den Vertrauensverlust und die Politikverdrossenheit der Bürger zu jammern.

Hier drängt sich die Frage auf: Warum, wenn angesichts der hier aufgezählten evidenten Fehler Kontrolle (Überwachung, Verfolgung und Bestrafung) schuldiger Personen oder Institutionen ganz offensichtlich dringend geboten ist, warum weigern sich die angeblich zu Unrecht Beschuldigten (natürliche oder juristische Personen, Politiker, Parteien, Ministerien, Regierungen) dann so beharrlich und mit fadenscheinigen, oft an den Haaren herbeigezogenen, geradezu grotesken Begründungen, diese Kontrolle durch staatliche Kontrollbehörden zuzulassen? - Die Antwort kann nur lauten: Weil sie ein schlechtes Gewissen haben und befürchten müssen, dass Machenschaften zutage gefördert werden könnten, die ihre Vertrauensunwürdigkeit erweisen würden. Sie bangen um ihren zu Unrecht erworbenen Besitz, befürchten den Verlust von Ansehen und Macht, vor allem jener Macht, die sie dazu befähigt, weiterhin unbehindert gegen Recht und Gesetz zu verstoßen.

Damit berauben sie sich natürlich selbst jeder Möglichkeit, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen und neues Vertrauen zu begründen, und so fallen sie verdienter Verachtung anheim, indem sie immer wieder aufs Neue beweisen, wie eng moralische Korruptheit mit psychologischer Dummheit gepaart sein kann.

Aufs Ganze gesehen, lässt sich sagen: Wer betrügerischen und anderen kriminellen Machenschaften in allen Bereichen des sozialen Zusammenlebens so sicher, wie nur irgend möglich, entgehen will, der beherzige den eingangs zitierten Ausspruch Lenins. Dem vermeintlichen oder tatsächlichen Übeltäter aber sei gesagt: Wer Kontrolle zulässt, begründet Vertrauen - wer sich der Kontrolle zu entziehen sucht, weckt Argwohn.