Zur Apologie der Irratonalität

Rationalität wird gemeinhin mit Vernunft, Irrationalität mit Unvernunft gleichgesetzt - jene ist im Allgemeinen vom Wissenschaftsdenken geprägten Sprachgebrauch positiv, diese dagegen negativ besetzt. Dabei wird übersehen, dass beide Begriffe ihre je eigene Ambivalenz haben.

Kritische Rationalität im Sinne Hans Alberts ("Traktat über kritische Rationalität") zielt auf in sich widerspruchsfreie möglichst objektive, realitätskonforme Erkenntnis unter Ausschluss aller nur denkbaren Fehlerquellen, allen Wunschdenkens und aller sachlich unbegründeten Ängste, die das Ergebnis wissenschaftlicher Forschung verfälschen könnten. Zudem sucht Sie den Bereich des wissenschaftlich Erforschbaren ständig auszuweiten, was ihr in einem langwierigen und mühseligen Prozess mehr oder minder auch gelingt. Dies ist ihr unbestreitbares Verdienst, zeigt aber auch ihre Grenze. Denn im Maße Rationalität sich als einzig sinnvoller und erfolgversprechender Zugang zur Wirklichkeit darstellt, übersteigt sie ihre Kompetenz und wird zum Rationalismus und damit - das Wortende "ismus" signalisiert es - zur Ideologie.

Der Fehler liegt in der Annahme, dass alles und jedes in der Welt, also auch alles innerseelische Geschehen, Erfahrungen wie Hass, Liebe, Angst, Trauer, Begeisterung usf. (die sogenannten "Qualia") sich auf den Begriff bringen lasse. Indes: diese soeben genannten, introspektiv erfahrbaren Phänomene vollziehen sich wie Naturereignisse in der Zeit, sind keine aufgespießten toten Käfer, sondern Äußerungen lebendigen individuellen Daseins, das keiner statischen, sondern (falls es so etwas gäbe) allenfalls einer dynamischen Logik sich erschlösse. Jeder Begriff, jedes Wort, das sich fachsprachlich clare et distincte definieren lässt, ist für das konkrete Individuum je nach dessen Lebenserfahrungen von frühester Kindheit an von einer eigenen Aura umgeben, löst von Mensch zu Mensch die unterschiedlichsten Assoziationen und Emotionen aus und gehört in den Bereich dessen, was Goethe das "Inkommensurable" nannte. Diese innerseelischen Vorgänge sind oft kaum oder nur schwer einfühlbar, lassen sich allenfalls vom Betroffenen in der Ich-Form umschreiben, sind eher der Poesie als der Wissenschaftssprache zugänglich und erschließen sich in ihrer Bedeutung allenfalls noch dem poesietherapeutisch geschulten und mit besonderer Empathie begabten Therapeuten. Sie gehorchen oft nicht den Geboten der ökonomischen oder utilitaristischen Zweckrationalität, sondern haben ihre eigenen Gesetze. (Erich Fried: "Es ist, was es ist, sagt die Liebe.")

Dies ist nicht zu korrigieren oder gar zu bekämpfen, sondern zunächst einmal als unbestreitbar gegebene Tatsache hinzunehmen und zu respektieren, zumal es den Kern der menschlichen Person ausmacht und den Menschen zutiefst in seinem Innern bewegt.

Wo es im Bereich der Wissenschaftssprache um logische Beweisketten geht, um Widerspruchsfreiheit und Übereinstimmung mit der Empirie, da freilich hat Irrationalität nichts zu suchen.

Doch als innerseelisches Geschehen bedrückender oder beglückender Art hat sie ihre Existenzberechtigung. Philipp Lersch ("Der Aufbau des Charakters", München, 1948, und "Aufbau der Person", München, 1970) spricht in diesem Zusammenhang vom "endothymen Grund" als dem Zusammenhang der Emotionen, Ahnungen, Regungen, Stimmungen, Wertgefühle, vorsprachlichen oder sprachlich nicht fassbaren Erfahrungen und Empfindungen des Menschen, gleichsam einem Biotop, aus dem die künstlerischen und mitunter - auf dem Weg von der Intuition zur Gewissheit - auch die wissenschaftlichen Werke erwachsen, im Unterschied zum psychischen Oberbau, der Schicht des bewussten, planenden Wollens und des logischen Denkens, mittels deren das vorsprachlich Gegebene ins Bewusstsein geholt, bearbeitet und gestaltet wird.

Irrationalität und Rationalität, Herz und Hirn, Gemüt und Verstand bilden zusammen die Ganzheit der Person. In der Psyche eines jeden Menschen können und sollten sie friedlich koexistieren und synergetisch zusammenwirken. So dies geschieht, ist der Mensch mit sich im reinen und psychisch gesund.