Wider "altehrwürdige" Traditionen

Wer, etwa als Völkerkundler und ausgestattet mit wohl dotierten Forschungsaufträgen, nicht nur den Schwarzwald durchwandert, sondern auch fernere und fernste Gegenden der Erde bereist und dabei entlegene Kulturen und exotische Völker kennenlernt, ihre Sitten und Gebräuche studiert und heil von seinen Expeditionen zurückkehrt, wird wohl von Beobachtungen und Erfahrungen zu berichten wissen, die dem ethnologischen Laien so haarsträubend erscheinen oder gar so entsetzlich, dass ihm das Blut in den Adern gerinnt.

Vom harmlosen Ostereiersuchen bis zum grausamsten Mord reicht die Liste all dessen, was die menschliche Fantasie sich nur ausdenken kann, und "Tradition" heißt das Wort, unter dem sich nahezu jedes Verbrechen, dessen der Mensch fähig ist, subsumieren lässt, Wort, von dem für viele Menschen fast so etwas wie ein Zauber auszugehen scheint, das sich selbst und seine jeweiligen konkreten Inhalte als über alle Kritik erhaben erscheinen lässt und, mit schmückenden Beiwörtern wie "altehrwürdig" oder "geheiligt" versehen, fast in die Sphäre des religiös Erhabenen entrückt scheint. Selbst der Krieg (Dschihad) gilt dann als heilig, Gott wohlgefällig und gottgewollt, und der evidenteste Irrsinn findet noch seine akademisch geschulten Apologeten.

Wie verblendet muss ein Mensch sein, wie vernebelt sein Hirn, dass er dem Koran oder der Bibel (etwa der "Apokalypse" des Johannes) mehr Glauben schenkt als allen Geistern der Aufklärung zusammen! (Zu Recht sagte Albert Einstein, zwei Dinge erfüllten ihn mit unendlichem Staunen: die Weite des Universums und die menschliche Dummheit.)

Versuchen wir einmal, uns ohne weitere Polemik einen möglichst umfassenden Überblick zu verschaffen über alles, was der Begriff Tradition so abdeckt:

Da wäre zum einen der tradierte und weltweit geübte Brauch, das neue Jahr mit einem möglichst spektakulären Feuerwerk zu begrüßen, eine Sache, an der kaum jemand Anstoß nimmt. Das Event ist behördlich genehmigt, wird von den Zuschauern, zumal von Kindern, bestaunt und bejubelt und erregt allenfalls den Zorn jener, die die Geldverschwendung beklagen, weil sie daran denken, wie viele Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn man die finanziellen Mittel, statt sie einfach zu verpulvern, in humanitäre Hilfsaktionen investiert hätte. Dann die zumeist von Schützen-, Heimat- und Karnevalsvereinen gepflegten Traditionen festlicher Umzüge, die von Automobilclubs durchgeführten Blumencorsos, die Kirchweihfeste, Wallfahrten und Bittprozessionen, kurz: Festivitäten aller Art, bei denen es vergnüglich zugeht und bei denen niemand zu Schaden kommt.

Dazu kommen wohl noch etliche ähnliche alte Bräuche, doch bald schon hört der Spaß auf, und es zeigt sich die widerwärtige, abstoßende Seite der Medaille:

Da gibt es Hundekämpfe, Hahnenkämpfe, Stierkämpfe, die in vielen Ländern erlaubt, in einigen wenigen verboten sind und dort heimlich veranstaltet werden und bei denen Tiere, die ja doch leben wollen, grausam verletzt und getötet werden. Dann das in ländlichen Gegenden vielerorts übliche Stopfen und Rupfen der Gänse, qualvolle Misshandlungen der Tiere, denn durch das Stopfen werden die Tiere absichtlich krank gemacht, da es eine krankhafte Lebervergrößerung (Fettleber) bezweckt, und wie schmerzhaft das Rupfen ist, bei dem den Tieren die Flaumfedern aus der Haut gerissen werden, wird einem jeden klar, der sich vorstellt, es würden ihm büschelweise die Haare aus der Kopfhaut gerissen. Noch schlimmer, um bei Thema Tierquälerei zu bleiben, das bei Juden und Muslimen übliche rituelle Schächten der Schlachttiere, bei dem den Tieren ja nicht nur die Halsschlagader, sondern auch die Gurgel durchschnitten wird, so dass die Tiere ihr eigenes Blut aspirieren und also an ihrem eigenen Blut qualvoll ersticken.

In den "Parerga und Paralipomena" Arthur Schopenhauers findet sich ein viele Seiten langer Exkurs über Tierquälerei, der dem sensiblen Leser die Tränen in die Augen treibt. Nie hätte ich gedacht, dass eine philosophische Schrift mich jemals emotional so sehr erschüttern könne, dass ich in Tränen ausbrechen würde - aber genau das ist mir bei Schopenhauer widerfahren, dessen Wort "Wer die Menschen kennt, liebt die Tiere" ich aus tiefstem Herzen zustimme!

Kommen wir nun von den Tieren zu den Menschen, und zwar zunächst zu jenen Qualen, die Menschen sich selbst zufügen: Hier denke ich vor allem an alle möglichen Arten übermäßigen Drogenkonsums, hierzulande vor allem der Volksdrogen Alkohol und Nikotin, staatlich geduldet und gefördert, denn die Abgeordneten in der gesetzgebenden Versammlung sind bestechlich und erpressbar, gehorchen den Lobbyisten der Herstellerfirmen, die mit dem Verlust von Arbeitsplätzen drohen und Millionen, wenn nicht Milliarden von Steuergeldern in die Staatskasse fließen lassen. Das Ergebnis ist der Suizid auf Raten, der darin besteht, dass Hunderttausende Menschen an Lungenkrebs oder Leberzirrhose und anderen toxisch verursachten Leiden erkranken, qualvoll dahinsiechen und sterben, zum Schaden nicht nur ihrer Angehörigen, sondern der Gesellschaft insgesamt, zumal der Solidargemeinschaft der Krankenversicherten. Dann alle möglichen Formen religiös begründeter Formen der Kasteiung, das in manchen Ländern auch heute noch übliche Flagellantentum, wo Geißler in Scharen durch die Straßen ziehen und sich mit Ketten und Riemen über die Schultern hinweg den Rücken peitschen, bis die Striemen platzen und das Blut herausströmt. Dann das weniger bekannte, weil im Verborgenen geübte Tragen von Cingula (mit Stacheln bewehrter Oberschenkelringe) bei katholischen Ordensfrauen zwecks Abtötung der Fleischeslust und damit die Gepeinigten durch ihre Schmerzen Jesus ähnlicher werden.

Und nun wird's allmählich kriminell, denn wir kommen jetzt zu jenen tradierten Bräuchen, in deren Ausübung Menschen nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Menschen Schaden zufügen. Denken wir einmal an die Mensur, eine Form des Säbelfechtens, die an manchen Hochschulen noch heute bei sogenannten "schlagenden" studentischen Verbindungen im Schwange ist und bei der die Kämpfenden vor gefährlichen Hieben nicht zurückzucken dürfen, diese vielmehr ertragen müssen, um tunlichst Verletzungen zu erleiden. Die Wunden hinterlassen dann Narben (Schmisse), zumeist im Gesicht, die von Standhaftigkeit und Tapferkeit zeugen. Ganz schlimm der lange Zeit an der Pariser Sorbonne praktizierte, inzwischen verbotene Bizutage, ein besonders ekelhafter sadomasochistischer Initiationsritus, bei dem die Neuimmatrikulierten aus einem mit tierischen Exkrementen und Erbrochenem gefüllten Bottich Suppe in sich hineinlöffeln müssen. Und das in einem westlichen Kulturland, dem wir immerhin den Code Napoleon verdanken!

Schaue ich aufs Ganze, das der Begriff Tradition beinhaltet, so scheint die Liste der Scheußlichkeiten nicht enden zu wollen. Da gibt's noch die Zwangsverheiratung junger Mädchen, die oft noch im Kindesalter sind, das Jus primae noctis, die Leibeigenschaft oder Sklaverei (ausdrücklich gerechtfertigt vom Apostel Paulus!), den sogenannten "Ehrenmord" in der eigenen Familie, die Blutrache, die Witwenverbrennung (in Indien), den Kannibalismus auf Papua Neuguinea (auch den der sublimen Art im "heiligen Messopfer" der katholischen Kirche), das Skalpieren (Abtrennen der Kopfhaut) der Feinde (ein kriegerischer Brauch der Indianer), die Menschenopfer bei den Ureinwohnern Südamerikas, bei denen zwecks Versöhnung und zur Freude der Götter den lebenden Opfern das Herz aus der Brust gerissen wurde.

Zur Zeit Abrahams (dieser kleine Exkurs sei gestattet) - etwa 800 Jahre vor unserer Zeitrechnung - wurde das Menschenopfer dann durch das Tieropfer ersetzt, bis der Apostel Paulus, der Begründer des Christentums, zurückfallend in Barbarei, den Kreuzestod Jesu (dessen Hinrichtung auf einem Justizirrtum basierte) als "Erlösungstat" interpretierte, durch die die (bekanntlich permanent beleidigte) Gottheit, erfreut ob der Hinrichtung ihres eigenen Sohnes, sich mit der Menschheit versöhnt habe. (Wer um seinen Verstand bangt - hier kann er ihn verlieren.) So die christliche Glaubenstradition, nachzulesen in "Ecclesia Catholica, Katechismus der Katholischen Kirche", München: Oldenburg, 1993.

Doch zurück zum Thema "Tradition", mit dem ich noch nicht fertig bin, denn da gab und/oder gibt es noch immer alle möglichen Arten, den menschlichen Körper zu deformieren, z.B. das Einschnüren und Verkrüppeln der Füße der Mädchen in wohlhabenden Familien im alten (kaiserlichen) China, das dazu führte, dass die Betroffenen als erwachsene Frauen sich nur an Krücken gehend fortbewegen konnten oder in Sänften getragen werden mussten, ferner das überdehnen der Hälse junger Frauen durch immer mehr ständig zu tragende Halsringe und schließlich all jene zum Teil kaum vorstellbaren genitalen Verstümmelungen von der Beschneidung der Knaben bei den Juden und Muslimen (mitunter pseudorational) damit begründet, dass sie Krebserkrankungen vorbeuge oder aus hygienischen Gründen erfolge (als ob es kein Wasser gäbe), dem Aufschlitzen der Harnröhre des männlichen Gliedes von der Eichel bis zur Peniswurzel bei den Aborigines in Australien, dem Durchtrennen des Penisnervs (als Mittel gegen die Masturbation), der Kastration der Sängerknaben (wobei der priesterliche Kastrator sagte: "Gesegnet sei das Messerlein!"), auf dass die Knaben sodann in den Kirchen mit glockenreinen Stimmen ad malorem Dei gloriam Choräle sängen, bis hin zur Ektomie der Klitoris und der kleinen Schamlippen junger Mädchen, mitunter ("pharaonische Beschneidung") auch der großen Schamlippen, in manchen Ländern Afrikas. In diesen Zusammenhang gehört auch der Zwangszölibat der katholischen Priester, die sich (so Wilhelm Busch) "durch Knollen fortpflanzen" und die Uta Ranke-Heinemann "Eunuchen für das Himmelreich" nannte, eine Form sexueller Enthaltsamkeit, für die es keine vernünftig einsehbare Erklärung gibt, sondern als Grund nur den Umstand, dass eine Kaste hochgradig neurotischer theologischer Dogmatiker es so will.

All dies war einmal oder ist immer noch Tradition und wird wohl nur durch gesetzliche Verbote und strengste Bestrafung aus der Welt zu schaffen sein, da Aufklärung wenig fruchtet. - Auch Teufelsglaube und Exorzismus haben eine lange Tradition, und auch (oder gerade) Päpste mit akademischen Titeln erweisen sich als Aufklärungsresistent. Joseph Ratzinger verteidigte die Inquisition mit dem Lob, sie habe "allererst für eine klare Rechtsordnung gesorgt", und Karol Wojtyla sagte: "Der Teufel ist eine schreckliche Realität." - Zeit daher, mit Teufels- und Dämonenglauben aufzuräumen, denn so, wie man Traditionen neu begründen kann, kann man sie auch beenden.

Bleibt noch ein Wort über Strafen und Strafjustiz zu sagen, denn gerade in diesem Bereich können Menschen einander die Hölle auf Erden bereiten. Die in der Bibel gründende und dort ausdrücklich empfohlene Prügelstrafe für Kinder ("Wer sein Kind liebt, züchtigt es.") wurde in den Schulen der BRD 1973 abgeschafft, und zwar gegen den erbitterten Widerstand des damaligen bayerischen Kultusministers Alois Hundhammer, der dafür plädierte, dass "die Prügelstrafen wenigstens in bayerischen Schulen möchte beibehalten werden." Erst 1980 folgte diesem Vorbild dann auch Bayern. In Ländern indes, in denen als Rechtsgrundlage die Scharia gilt, ist es altehrwürdiger Brauch, dass Ehemänner ihre Ehefrauen verprügeln, gibt es nach wie vor die Prügelstrafe, das Auspeitschen, das mitunter einer Hinrichtung gleichkommt, gibt es die Bastonade (Stockhiebe auf die Fußsohlen), das Abhacken der Hände als Strafe für Diebstahl, das Steinigen untreuer Ehefrauen und Scheußlichkeiten aller Art, mit denen Menschen gegen Menschen mit teuflischer Grausamkeit agieren, und all dies gilt als geheiligte Tradition, nur weil es irgendwo in einem sogenannten heiligen Buch steht.

Dies alles bedenkend, komme ich zu dem Schluss, das Wort Tradition möge auf uns fortan wie ein Warnsignal wirken und uns zu permanenter Kritik herausfordern!

Fazit: Null Pardon, keine Toleranz für die Verletzung von Menschenrechten!

Denn alle Erfahrung lehrt, dass es nicht nur des Gesetzes, sondern auch der Gewalt bedarf, um das Recht zu erzwingen überall da, wo es an Einsicht gebricht.