Wenn Philosophie das Leben bedroht

Der Titel dieses Aufsatzes wird vermutlich all jene Leser verwundern, für die bisher außer Frage stand, dass Philosophie (Liebe zur Weisheit) Lebenshilfe bietet und im weitesten Sinne dem Gemeinwohl dient. Auf weite Strecken mag dies auch wohl der Fall sein, wie sich anhand zahlreicher menschenfreundlicher philosophischer Texte belegen lässt, doch ist dies leider nicht immer so.

Um dies zu verdeutlichen, sei hier auf die Schriften Friedrich Nietzsches verwiesen, in denen sich ausgeprägt inhumane, sozialdarwinistische Implikate finden, die einem jeden humanitären Ethos (vom jesuanischen Gebot der Nächstenliebe und Barmherzigkeit ganz zu schweigen) ungeniert Hohn sprechen und nahezu satanisch wirken. So etwa, wenn er das Gesunde und Starke rühmt, das Schwache und Kranke aber auszumerzen empfiehlt ("Was da fällt, das soll man auch noch treten.") Kein Wunder, dass gerade die Nazis sich auf Nietzsche beriefen, weil dieser ihrer wahnwitzigen, menschenverachtenden Ideologie Munition lieferte und sie aus seiner Lehre Gründe für die Rechtfertigung ihrer Verbrechen gegen die Menschlichkeit herleiten konnten. Nach dem Holokaust und dem, von dem Nazis so genannten "Euthanasie"-Programm mit der Ermordung Hunderttausender Geisteskranker, der Vernichtung "lebensunwerten Lebens", sind Nietzsches Gedanken als ideologische Vorbereitung dieser Gräueltaten schier unerträglich. Ihre Folgen (nach Alexander Gauland "ein Vogelschiss") sind ein nie zu tilgender Schandfleck der deutschen Geschichte, weshalb wir uns für diese "Liebe zur Weisheit" verächtlich bedanken und sie als das bezeichnen wollen, was sie ist: als ideologischen Schmutz.

Bedrohlich nahe rückte mir lebensfeindliche Philosophie selber einmal vor Jahren, als mir ein Bekannter das Buch eines hochgebildeten Autors, des ehemaligen Intendanten einer großen ARD-Anstalt, zuschickte, in dem auf akademischem Niveau und formal durchaus schlüssig als sinnvollere Alternative zum Leben der Suizid empfohlen wurde.

Ich retournierte dieses Machwerk postwendend und erklärte, dass ich mir derlei geistige Umweltverschmutzung verböte. Das aber passte dem Lieferanten des Buches nun ganz und gar nicht. Der Autor spreche ihm aus der Seele, schrieb er, denn auch er selbst meine, wenn man schon einmal geboren sei, sei es das Beste, die Welt auf dem schnellsten Weg wieder zu verlassen. - Das mir, der ich das Leben liebe, und das zu einer Zeit, da ich mich bester Gesundheit erfreute und voller Schaffenskraft und Schaffensfreude war! Ich überlegte, ob mein Bekannter vielleicht an einer Depression litt, deren er sich schämte und die er daher zu rationalisieren suchte, oder ob er sich vielleicht wie ein Geck auf einer Party mit provokanten Sprüchen interessant machen wollte. Wie auch immer - es folgte ein vermutlich für alle Beteiligten unerquicklicher Briefwechsel, in dem einer den andern mit mehr oder minder vernünftigen oder auch emotionalen Argumenten zu überzeugen suchte. Ich zitierte die humanistischen Psychologen sowie Jean Paul Sartre, doch mit diesen wusste mein Briefpartner nichts anzufangen. Er berief sich auf Theodor W. Adornos Satz, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe, und meinte, dass deshalb alles Leben wert- und sinnlos sei und beendet werden müsse.

Dabei war mein Kontrahent Chefarzt einer großen Klinik, also in hochdotierter Stellung, war im besten Mannesalter, war glücklich verheiratet, hatte zwei prächtige Söhne, bewohnte eine luxuriöse Villa, kurz: er war ein vom Leben in jeder Hinsicht begünstigter Mensch. Und was die These Adornos betraf, so war diese von Erich Fromm längst widerlegt worden mit dem Hinweis auf die Männer des 20 Juli, die, umgeben von Falschheit und Lüge, durchaus richtig gelebt und genau das Richtige getan hätten.

Der brieflich ausgetragene Meinungsstreit versandete schließlich, und ich war froh, als mein Widerpart endlich Ruhe gab und mich mit weiteren nihilistischen Philosophemen verschonte.

Natürlich ist die Welt voller Leid, voller Scheußlichkeiten großen Stils, die einem den Schlaf rauben und die Lebensfreude nehmen können. Aber gerade dem gilt es im Rahmen des Möglichen entgegenzuwirken durch wertschaffende, sinnstiftende Taten. So jedenfalls verstehe ich Sartre ("... die Tat ist das einzige, was dem Menschen zu leben erlaubt.")

Also suche ich nach Kräften, nicht Verzweiflung, sondern Zuversicht und Hoffnung zu verbreiten, rühme ich das Schöne, preise ich Freude und Glück, wo immer sie mir begegnen, und bringe ich eine jede positive Erfahrung in meinen Schriften zu Papier, da mit andere dadurch ermutigt werden.

Im Übrigen sei jedem Leser, auch und gerade philosophischer Schriften, angeraten, bei der Auswahl seiner Lektüre sorgfältig auf psychische Hygiene zu achten, zeigt doch das Beispiel nach wie vor verbreiteten NS- Schrifttums (siehe Hitlers "Mein Kampf"), dass es auch in der Literatur, also zwischen Buchdeckeln, versteckten ideologischen Schmutz und Schund gibt, dem man, wenn er sich schon nicht verbieten lässt, tunlichst aus dem Weg gehen sollte. Ein jeder Leser hat das Recht, nach eigenem Gutdünken zu entscheiden, was für seine eigene seelische Gesundheitsschädlich oder förderlich ist, was ihn erhebt oder niederzieht.

Und so empfehle ich ihm, Goethes Ratschlag zu beherzigen, der im 2. Teil des "Faust" in Versform sagt: "Was euch nicht angehört, müsset ihr meiden! Was euch das Innre stört, dürft ihr nicht leiden!"