Was ist eigentlich tragisch?

Zur Klärung eines oft falsch verwendeten Begriffs

Man muss kein Altphilologe sein und muss weder das Graecum noch das kleine oder das große Latinum haben, um zu wissen, was Tragik ist. Ein guter Deutschunterricht mit der Lektüre eines klassischen Dramas von Goethe oder Schiller tut es auch. Aber was ist mit unsern Journalisten, den Presse-, Rundfunk- und Fernsehreportern los? Hatten die allesamt keinen guten Deutschunterricht? Oder haben sie es am Gymnasium als verkrachte Schülerexistenzen nur bis zur mittleren Reife gebracht und dadurch wichtige Lektionen versäumt? Und haben sie sich danach auch nicht weitergebildet, weil in der Medienlandschaft ohnehin "anything goes"?

Wie auch immer - mit der deutschen Sprache steht die Journaille auf Kriegsfuß. Sprachlich stümpert sie herum, dass es einen graust. Sie gedenkt "den Toten", lässt sich nicht "auseinanderdividieren", interviewt den "Held", verwechselt Referenz und Reverenz, kommt aus aller Herren "Länder" (statt, wie es richtig heißen müsste: "Ländern") und begeht eine linguistische Torheit nach der andern.

Eine besonders auffällige ihrer Eseleien ist, dass sie - wohl aufgrund eines äußerst begrenzten Wortschatzes - ein jedes Ereignis, bei dem Menschen zu Tode kommen, als "tragisch" bezeichnet. Wenn ein Schulbus oder ein Motorradfahrer verunglückt, ein Kind aus dem Fenster stürzt oder ertrinkt, ein Zug entgleist, ein Wohnblock in Flammen aufgeht, ein Fährschiff versinkt, ein Flugzeug abstürzt, ein Vulkan ausbricht, eine Bombe oder ein Tankwagen explodiert - immer hat sich ein "tragischer" Unfall ereignet, immer ist es "tragisch", und immer ist die Bezeichnung "tragisch" unzutreffend, also falsch!

Wohl bemerkt: alle die soeben genannten Ereignisse sind traurig, in hohem Maße beklagenswert, schrecklich, furchtbar, entsetzlich oder gar grauenhaft. Aber tragisch? Nein! Tragisch sind sie nicht! Nicht die Bohne! Denn hier stehen keine Antinomoi (miteinander konkurrierende Werte) auf dem Spiel, Werte, von denen jeweils nur einer auf Kosten des andern realisiert werden kann. In keinem dieser Fälle ist so etwas wie ein Dilemma, eine Zwickmühle zu erkennen, eine Situation, in der eine handelnde Person (der "Held" der Tragödie) angesichts einer Alternative, wie immer sie entscheidet und was immer sie tut oder lässt, unausweichlich in der einen oder anderen Richtung schuldig wird.

Die nachstehenden konkreten Beispiele mögen zeigen, was das Wort Tragik wirklich bedeutet:

Als tragisch, wäre die Situation eines Arztes zu bezeichnen, der als Helfer bei einer extrem schwierigen Geburt entscheiden muss, ob er den Fötus im Mutterleib zerstückeln soll, um das Leben der Mutter zu retten, oder ob er dem Ungeborenen zum Leben verhelfen und dabei das Leben der Mutter gefährden soll.

Und tragisch könnte auch die Situation eines Politikers sein, der entscheiden muss, ob er Truppen in ein anderes Land entsenden soll mit dem Auftrag, in einen dort tobenden Bürgerkrieg einzugreifen, um jene Menschen zu beschützen, die sonst aller Voraussicht nach von einem grausamen Gegner wie etwa dem IS massakriert werden würden, und der zugleich vor der Frage steht, ob er, um Menschenrechte zu schützen, gegen das Völkerrecht verstoßen darf, wodurch er womöglich (gleichsam Benzin ins Feuer gießend) das Kriegsgeschehen noch ausweiten würde, oder ob er das Völkerrecht achten und dadurch Menschenrechte preisgeben soll. (So soll es auf dem Höhepunkt des Balkankonflikts in Srebrenica gewesen sein, wo Blauhelm-Soldaten mangels Schießbefehls oder mangels Schießerlaubnis untätig dabeistanden, als annähernd 7.000 bosnische Männer von den Serben ermordet wurden.) Was wiegt schwerer? Das konkrete Menschenrecht des Einzelnen oder das Völkerrecht, das indirekt ja auch Werte und Rechte des Einzelnen in seiner völkischen Gemeinschaft schützt? - Wer möchte es wagen, dies zu entscheiden?

Gemeinsam ist den hier geschilderten Situationen, dass in ihnen nicht Wert gegen Unwert, sondern Wert gegen Wert steht, wobei nicht beide zugleich und in gleicher Weise verwirklicht werden können, sondern immer der eine zugunsten des anderen oder der andere zugunsten des einen hintangesetzt oder gar vernichtet werden muss. Auch Nichtentscheiden oder Davonlaufen hilft hier nicht weiter, denn auch durch Unterlassung kann man schuldig werden, im privaten Leben ebenso wie im öffentlichen und politischen Raum. (Siehe auch, was das StGB unter dem Stichwort "unterlassene Hilfe" hierzu sagt.)

Die Ethik rät, in solchen schwer entscheidbaren Situationen das Minus malum (das kleinere Übel) zu wählen, damit der höhere Wert bewahrt oder verwirklich werden kann. Das klingt theoretisch plausibel. Das Problem ist nur: wie erkenne ich jeweils, welches das kleinere und welches das größere Übel oder welches der höhere und welches der niedere Wert ist? In der Praxis gehen die Ansichten darüber oft extrem auseinander, so dass die letztgültige Entscheidung in der konkreten Situation immer nur vom Einzelnen in nicht delegierbarer, eigener persönlicher Verantwortung getroffen werden kann.

"Aus der tragischen Situation", schreibt Nicolai Hartmann in seiner "Ethik", "gibt es den schuldlosen Ausgang nicht." Dies ist die wahre Tragik: das unausweichliche, notwendige Schuldigwerden. Dies ist die Crux des menschlichen Daseins in einer nun einmal so und nicht anders beschaffenen Welt, die Crux unserer Existenz, die niemand uns abnehmen kann und die - entgegen anderslautenden (kirchlichen) Meldungen - auch Jesus uns nicht abgenommen hat, von dem es heißt, dass er die Tragik durch seinen Opfertod am Kreuz überwunden habe, ist doch die Welt seit seinem Tod genauso tragisch strukturiert wie zuvor.

Damit, so scheint es, ist das Thema erschöpft. Mehr jedenfalls - man sehe es mir nach - fällt mir hierzu nicht ein.