über Willensfreiheit und Determination

Vorab: Freiheit (Handlungs- und Willensfreiheit) ist definiert als Abwesenheit von Zwang, wobei wir zwischen äußerem und innerem Zwang unterscheiden wollen. Äußere Zwänge sind z.B. die uns von der Natur gesetzten materiellen Schranken, etwa der Umstand, dass wir in Raum und Zeit existieren, d.h. dass wir uns unausweichlich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort befinden, ferner alle Arten gesellschaftlicher Zwänge, soziale Kontrolle, Gesetze, Willkür von Behörden und Machthabern, Nötigung, Erpressung, körperliche Gewalt und andere denkbare Einschränkungen, etwa durch Krankheit oder Alter. Zu den inneren Zwängen zählen moralische Bedenken aller Art, verinnerlichte Wertvorstellungen, Gewohnheiten, Hemmungen, tief verwurzelte Abneigungen, Ressentiments, real begründete Befürchtungen, irreale Ängste (Phobien), neurotische Fehlhaltungen oder gar psychotische Geistesstörungen. Dabei wissen wir dank Sigmund Freud, dass viele dieser Beweggründe nicht nur dem Außenstehenden, sondern auch uns selbst verborgen sein können. Wir sprechen dann von "Unbewussten Motiven" und sind mitunter über uns selbst erstaunt, wenn wir uns plötzlich einmal in einem Akt der Selbsterkenntnis eines solchen Motivs bewusst werden. Alle diese Beweggründe (Wirkfaktoren oder Determinanten), ob bewusst oder nicht, gehören zur Gesamtmenge der auf uns einwirkenden, unser Wollen und Handeln (Tun oder Unterlassen) bestimmenden Kräfte. Stets sind wir diesen Faktoren ausgesetzt, stets sind wir von ihnen determiniert, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Oder anders: Nie sind wir "Unbewegte Beweger", sondern immer sind wir bewegte Beweger gemäß dem für alles real Seiende geltenden Kausalitätsprinzip, immer sind wir notwendigerweise gezwungen, das zu wollen und/oder zu tun, was wir de facto wollen oder tun, und das Gegenteil zu unterlassen.

Was aber unsere Freiheit (Im Sinne der Abwesenheit ungewünschter Hindernisse) betrifft, so können wir sagen: Wir fühlen uns frei und sind frei, im Maße unserm Wollen und Handeln nichts im Wege steht oder im Maße wir frei von hinderlichen Zwängen sind. Dies nennen wir, "Freiheit von etwas". Anders, und ins Positive gewendet, können wir auch sagen: Wir fühlen uns frei und sind es, im Maße uns der Weg offensteht, das von uns Gewünschte und Gewollte uneingeschränkt in die Tat umzusetzen. Wir sprechen dann von "Freiheit zu etwas".

Je mehr Wege uns offenstehen, umso größer ist unser Freiheitsspielraum. Welchen der Wege wir dann de facto einschlagen, darüber entscheiden aber wieder die im Moment der Entscheidung wirkenden Determinanten oder die jeweils stärkeren Wirkfaktoren (die übrigens von uns nicht als Zwänge empfunden werden, da sie unser Wollen und Handeln begünstigen).

Natürlich können wir nie alle uns offenstehenden Wege zugleich gehen, nie alle uns gegebenen Möglichkeiten gleichzeitig nutzen. Vieles von dem, was wir können, wollen wir nicht - vieles von dem, was wir wollen, können wir nicht, denn wir sind nicht allmächtig, und viele der uns Heutigen selbstverständlich erscheinenden Freiheitsrechte (man denke an die Menschenrechte und die demokratischen Grundrechte) mussten mühsam erkämpft werden.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Klärung des Begriffs der Freiwilligkeit (etwa, wenn es heißt: "Die Teilnahme an der Veranstaltung ist freiwillig" oder "Freiwillige Spenden werden dankbar entgegengenommen"). "Freiwillig" heißt keinesfalls "Unmotiviert" oder "indeterminiert", sondern vielmehr soviel wie "Ohne äußeren Zwang", "aus eigenem inneren Antrieb" oder auch "aus freien Stücken", und die entsprechenden Willensakte und die daraus entspringenden Aktionen sind selbstverständlich wie alles in der Welt real Geschehende determiniert und notwendig (denn andernfalls wären sie nicht wirklich, sondern allenfalls möglich).

Rufen wir uns noch einmal ins Gedächtnis: Was immer wir tun oder lassen - immer ist unser Wollen und Handeln determiniert, d.h. von uns teils bewussten, teils unbewussten Wirkfaktoren bestimmt: von Triebwünschen, Instinkten, Willens- und Handlungsimpulsen aller Art, bewussten oder unbewussten Motiven sowie von mehr oder weniger vernünftigen Überlegungen. Dies kann auch gar nicht anders sein. Nicolai Hartmann sagt in seiner "Ethik": "Freiheit ist nicht unbestimmte (indeterminierte TW) Freiheit." Warum dies so ist? - Nun, alles Wollen und Handeln untersteht wie alles Seiende oder Geschehende dem Kausalitätsprinzip, und für alles Wollen und Handeln wie für alles Seiende oder Geschehende gilt der Satz vom zureichenden Grunde (Principium rationis sufficientis), der da lautet: "Nil est sine ratione sufficiente." (Auf Deutsch: "Nichts ist (oder geschieht) ohne zureichenden Grund" oder "Alles Seiende (oder Geschehende) bedarf eines hinreichenden Grundes, damit es sei und nicht vielmehr nicht sei (oder geschehe und nicht vielmehr nicht geschehe)". Hiermit korrespondiert auch das Seinsprinzip "Ex nihilo nihil fit", auf Deutsch: "Aus nichts wird nichts."

Hiergegen wird von Indeterministen zumeist das "Prinzip der alternativen Möglichkeiten" ins Feld geführt mit der Behauptung, der Handelnde habe zum Zeitpunkt seines Handelns auch anders handeln können, wenn er nur gewollt hätte, denn gerade darin bestehe die menschliche Willensfreiheit. - Diese von den empirischen Wissenschaften (Psychologie, Neurologie, Hirnforschung) längst widerlegte These ist auch logisch unhaltbar, da sie dem Principium contradictionis widerspricht, das Aristoteles als zweiten Lehrsatz seiner Logik formulierte, der da lautet: "Dass dasselbe demselben in demselben Sinne gleichzeitig zukomme und nicht zukomme, ist nicht möglich." Der Ton liegt hier auf dem Wort "gleichzeitig", so dass der Satz, angewandt auf das menschliche Wollen, lauten würde: "Niemand kann zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas wollen und gleichzeitig nicht wollen."

Der Wollende kann zwar wankelmütig sein, kann im Abstand weniger Sekunden etwas wollen und dann auch wieder nicht wollen. Aber in demselben Augenblick, da er als Wähler in der Wahlkabine sein Kreuzchen macht, kann er dies nicht unterlassen, auch wenn er seine Wahl kurz darauf schon wieder bereut.

Wer also unter Zugrundelegung einer Willensfreiheit im Sinne Immanuel Kants (einer Vorstellung, die inzwischen obsolet ist) dem Menschen unterstellt, dass er sich angesichts einer klar erkannten Alternative auch anders hätte entscheiden können, als er es de facto getan hat, der tut ihm Unrecht. Die Gegebenheit einer Alternative wird nicht bestritten; sie ist ja die logische Voraussetzung einer jeden Wahl. Aber wie die Wahl getroffen wird, welche der beiden Möglichkeiten wir wählen - darüber entscheiden die stärkeren Determinanten. Sie sind es, die bei unseren (vermeintlich freien) Entscheidungen den Ausschlag geben und die uns gemäß dem Kausalitätsprinzip mit naturgesetzlicher Notwendigkeit zwingen, entweder statt des einen das andere oder statt des anderen das eine zu wählen, statt nein ja oder statt ja nein zu sagen, so dass wir gar nicht anders können, als dem Diktat der jeweils stärkeren Determinanten zu folgen. Auf die Determinanten selbst haben wir im Augenblick der Entscheidung keinen Einfluss. Sie sind uns zum größten Teil ja nicht einmal bewusst, und (so, sinngemäß und in Übereinstimmung mit Karl Jaspers der Neurologe Gerhard Roth) niemand kann über seinen Schatten springen, niemand kann hinter seinen eigenen Willen zurücktreten oder sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. (Hierzu auch David Hume: "...ich habe keine Willensfreiheit. Ich kann meinen Willen selber nicht mehr wollen.")

Zu einem späteren Zeitpunkt und unter dann anderen Umständen können wir allerdings aufgrund gewandelter innerer Einstellung, neuer Informationen und genauerer rationaler Überlegungen statt des vormals gewählten einennun das andere oder statt des vormals gewählten anderen nun das eine wählen, wobei wiederum die stärkeren Determinanten den Ausschlag geben. (Dies, weil wir lebende, datenverarbeitende, wachsende, lernende, sich wandelnde Organismen sind.) Im Augenblick der Entscheidung können wir jedoch immer nur Eines, nicht aber gleichzeitig dessen kontradiktorisches Gegenteil wollen.

Hier jetzt an Lamettrie (l'homme machine) zu denken, wäre ganz abwegig. Den hat spätestens Nicolai Hartmann in seinem Werk "Der Aufbau der realen Welt" widerlegt, indem er den höheren Seinsschichten jeweils höhere Determinationstypen zuordnete. Der Mensch ist keine Maschine. Als Lebewesen hat er Interessen, sucht Lust zu gewinnen und Leid zu vermeiden, und als Geistwesen strebt er nach Werten und erkennt er Bedeutungen.

Unbedingt wichtig ist es aber, an dieser Stelle anzumerken, dass die Tatsache der Determination den Handelnden keineswegs der Verantwortung seiner Taten enthebt, so dass er in jedem Fall die Folgen seiner Entscheidungen zu tragen hat. Dabei spielt die Determination insofern eine Rolle, als die Gesellschaft, wenn sie auf dem Wege der Gesetzgebung positive oder negative Sanktionen verhängt, das Gewünschte belohnt und das Verbotene bestraft, der Gesamtmenge der sozialen Determinanten einige weitere hinzufügt, die den Einzelnen geneigt machen sollen, das sozial Gewünschte zu tun und das Verbotene zu unterlassen. (Wie wir ja auch sonst in das Naturgeschehen eingreifen, um es nach unseren Wünschen zu korrigieren und zu lenken.) Die Sanktionierung setzt also logischerweise die Determination als gegebenes Faktum voraus und trägt dem Rechnung.

Irreführend im Zusammenhang mit unseren Überlegungen (dies sei zusätzlich erklärend noch gesagt) ist daneben der von Leibniz stammende Satz: "Der Wille ist nicht hinreichend determiniert." - Dieser Satz gilt allenfalls für einen Willen oder ein Wollen in statu nascendi, ein Wollen, das sich noch in der Besinnungs- oder Überlegungsphase befindet, wobei der nachdenklich Abwägende noch gar nicht entscheidet, vielleicht noch gar nicht weiß, was er will. Doch in demselben Moment (noch einmal sei es gesagt), da er als Wähler sein Kreuzchen macht, ist dies anders, ist sein Agieren ein Seiendes bzw. Geschehendes in Raum und Zeit, das nach dem Satz vom zureichenden Grunde hinreichend determiniert ist und das überdies nach dem Satz vom Widerspruch nicht gleichzeitig sein und nicht sein bzw. geschehen und nicht geschehen kann.

Bleibt noch zu sagen, dass jeder reale Willensakt oder jedes aktuelle Wollen wie jedes reale Geschehen gemäß der ontologischen Lehre von den Modalitäten notwendig geschieht, sobald die für seine Realisierung unerlässlichen und hinreichenden Voraussetzungen gegeben sind. Solange diese Voraussetzungen oder diese bedingenden Determinanten jedoch nicht gegeben sind verharrt der Wille im Modus der Möglichkeit oder anders: ist er potentieller Wille ante factum. Willensakte sind somit Naturereignisse und ereignen sich mit naturgesetzlicher Notwendigkeit. Wenn sie gleichwohl nicht voraussehbar und voraussagbar sind, so deshalb, weil uns die den Willen bestimmenden Determinanten nie in ihrer Gesamtheit, sondern immer nur zu einem größeren oder geringeren Teil bekannt sind. In der Erforschung und Erklärung menschlichen Erlebens und Verhaltens gelangt auch der beste Menschenkenner immer wieder an eine Grenze, die er nicht überschreiten kann. Er spricht dann vom "Geheimnis der Person", so dass man sagen kann: auch hier gilt wie in allen Forschungsbereichen der Satz: "Ein Rätsel löst sich - das Geheimnis bleibt."