Über Wahrheit, Wissen und Glaube

"Was ist Wahrheit?" fragte Pilatus, und Jesus schwieg. Warum schwieg Jesus?

Von Otto Pankok gibt es eine kleine, etwa 20 cm hohe Plastik mit dem Titel "Jesus vor Pilatus". Sie zeigt den schweigenden Jesus hocherhobenen Hauptes, mit hochnäsig-schnöder Mimik, hochgezogenen Brauen und raffaelischem Augenaufschlag zum Himmel aufblickend, so, als wollte er sagen: "Wie kann dieser Mann mich nur so etwas fragen! Er müsste doch wissen, dass Erkenntnistheorie und Kategorialanalyse tief unter meinem Niveau sind!"

Wenn Pankok mit seiner Statuette des Dünkels - wohl im Gedanken an die jesuanischen Worte: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." - das Verhalten des Nazareners als Ausdruck des Hochmuts deutet, so werte ich das als eine mögliche Interpretation unter möglichen anderen.

Näher, meine ich, liegt die Erklärung, dass Jesus schwieg, weil er keine Antwort wusste, weil er einem rationalen Diskurs nicht gewachsen war, ähnlich wie Karl Rahner oder Hans Küng, dem Hans Albert als kritischer Rationalist in seiner Schrift "Das Elend der Theologie" auf hohem akademischen Niveau den intellektuellen Garaus machte. Also, auch wenn es den frommen Gläubigen kränken mag - Jesus war intellektuell ungebildet.

Schwerlich hätten wohl seine Eltern sich einen griechischen Sklaven als Hauslehrer leisten können, während Pilatus ein offenbar gebildeter Mann aus wohlhabendem Hause war und jedenfalls so problembewusst, dass er eine zentrale philosophische Frage stellte.

Jesu Muttersprache war Aramäisch. Des Griechischen und des Lateinischen war er mit Sicherheit nicht mächtig. Wenn er sprach, so war seine Rede apodiktisch, oder er sprach in Gleichnissen, "um dem, der nicht viel Verstand besitzt, die Wahrheit" (oder was er dafür hielt TW) "durch ein Bild zu sagen". Sein Streben galt nicht der Erkenntnis oder dem Wissen, sondern der Verkündigung dessen, was er selbst glaubte oder für wahr hielt. Analyse und Klärung komplexer Sachverhalte, Differenzierung und jede Form dialektischen Denkens waren ihm fremd. Er sah nur Freund oder Feind, Schwarz oder Weiß, keine Grautöne, so dass man sagen kann: Er war ein Terrible simplificateur - kein Gesprächspartner für einen gebildeten Römer wie Pilatus.

Doch zurück zu dessen Frage, was Wahrheit sei! - Hier, meine ich, wären vorab vier Bedeutungen des Begriffs zu unterscheiden: Wahrheit als Echtheit oder Unverfälschtheit, Wahrheit als Aletheia (Unverborgenheit, Evidenz), Wahrheit als Faktizität und Wahrheit als Adaequatio rel et intellectūs.

Ad 1: Hierzu einige konkrete Beispiele: wahre Liebe, wahre Freundschaft, ein wahres Dorado, ein wahrer Glücksfall oder auch der Liedvers "Wir sind im wahren Christentum..."
Ad 2: Hier genügt zur Erklärung ein einziges Beispiel: "Da zeigte er sein wahres Gesicht, und sie erkannte seine wahre Absicht."
Ad 3: Wahrheit als Wahrheit von Sachverhalten, auch "historische Wahrheit" genannt, Wahrheit als Tatsache, als Faktum (lat. factum,engl. fact) im Gegensatz zu Fiktion (engl. fiction), Dichtung, Erfindung, Konfabulation (Märchen, Sage, Mythos, Legende), On-dit, Irrtum, Selbst- oder Fremdtäuschung, Lüge, unbewiesene Behauptung, fantastische Vorstellung, Hirngespinst oder Glaube.
In diesem Sinne gebrauchte Goethe das Wort Wahrheit im Titel seiner Autobiografie "Dichtung und Wahrheit".
Ad 4: Wahrheit als Angemessenheit oder gar Übereinstimmung von Sachverhalt (lat. res) und erkennender Wahrnehmung (lat. intellectūs).
Dieser Wahrheitsbegriff wurde zuerst von Aristoteles entwickelt, dann von Thomas von Aquin übernommen und von diesem auf die Formel "Veritas adaequatio rei et intellectūs est" Info gebracht.
Er wird auf Aussagesätze oder Urteile angewandt, wenn wir von wahren Sätzen sprechen, d.h. von Sätzen, die einer Sache oder einem Sachverhalt (dem Satzgegenstand) eine Bestimmtheit (Eigenschaft oder Tätigkeit) zuordnen, also etwas über ihn aussagen (Satzaussage) und deren Aussage mit dem auch außerhalb des Satzes oder des Denkens (extra mentem) existierenden Sachverhalt übereinstimmt und (annähernd oder vorläufig) als verifiziert gilt.
Um als wahr zu gelten, bedürfen Aussagesätze oder Urteile also der rationalen Begründung, die sich wie Vernunft schlechthin auf Logik und Empirie als ihre tragenden Säulen stützt, d.h. solche Aussagen müssen in sich widerspruchsfrei sein und mit der Erfahrung übereinstimmen.
Hier das Beispiel eines falschen Aussagesatzes, der sich als Schlussfolgerung auf zwei Voraussetzungen stützt: "Flipper ist ein Fisch." Begründung: Delphine sind Fische (Prämisse 1), Flipper ist ein Delphin (Prämisse 2), und also ist Flipper ein Fisch.
Dieser Beweis ist zwar formal logisch richtig, weil die Einzelwesen einer Art oder Klasse allesamt zum genus proximum gehören, aber empirisch falsch, weil die erste der beiden Prämissen falsch ist. Delphine sind keine Fische. Sie müssten sonst laichen und durch Kiemen atmen. Dies tun sie aber erwiesenermaßen nicht, denn sie sind Lungenatmer, bringen lebende Junge zur Welt und säugen sie.
Richtig wäre somit der Satz: "Flipper ist ein Meeressäuger" mit dem Beweis: Delphine sind Meeressäuger, Flipper ist ein Delphin, und also ist Flipper ein Meeressäuger.
Die Beweislast für die Wahrheit eines Urteils trägt grundsätzlich immer der, der eine positive Aussage macht, und in Analogie zur Unschuldsvermutung in der Rechtsprechung gilt in der Philosophie und in den Einzelwissenschaften die Regel: Eine positive (bejahende) Aussage gilt so lange als falsch (oder unwahr), bis sie bewiesen ist, und eine negative (verneinende) Aussage gilt als richtig (oder wahr) bis zum Beweis ihres Gegenteils.
Beispiel: Sobald zwei schwarze Schwäne gesichtet werden, ist der Satz "Es gibt keine schwarzen Schwäne." empirisch widerlegt (falsifiziert) und der Satz "Es gibt schwarze Schwäne." empirisch bewiesen (verifiziert).

Da oben der zunächst nicht weiter untersuchte Begriff Glaube auftauchte, möchte ich auf ihn zurücklenken und einen Exkurs über Glaube und Wissen und ihrer beider kontradiktorisch gegensätzliches Verhältnis zur Wahrheit machen. Um dies zu veranschaulichen, hier zunächst - gleichsam in Parenthese - ein konkretes Beispiel dafür, wie Glaube und Wissen unversöhnt und miteinander unvereinbar nebeneinander hergehen und miteinander wetteifern: In meiner Gymnasialzeit, Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wurden wir Schüler im Biologieunterricht mit Darwins Evolutionstheorie vertraut gemacht, während gleichzeitig im Religionsunterricht ein Priester die biblische Schöpfungsgeschichte lehrte, so, wie noch heute christliche Fundamentalisten die Entstehung der Welt als das Werk eines Deus creator interpretieren bzw. einem "intelligent designer" in die Schuhe schieben. Wir Schüler begriffen: Im Biologieunterricht wurde Wissen vermittelt - im Religionsunterricht Glaube gepredigt. Die Evolutionstheorie, dank der Evidenz der sie stützenden beobachtbaren Fakten, hatte Überzeugungskraft - die Genesis wurde freundlich belächelt als das, was sie ist: ein großes Märchen, denn natürlich nahmen wir den Religionslehrer nicht ernst. Wir waren aber zu brav, um ihm zu widersprechen, nahmen das, was er sagte, nur gehorsam zur Kenntnis, nickten wohl auch einmal mit den Köpfen, so dass er annehmen musste, wir glaubten ihm. Wir ließen ihn in diesem Glauben, und damit schien er zufrieden, so, wie der Kirche die auf dem Papier stehende Mitgliedschaft ihrer Schäfchen genügt, auch wenn diese sich innerlich längst emanzipiert und die kirchlichen Glaubenslehren längst in den Wind geschlagen haben. Gewiss: auch die Evolutionstheorie erklärt nicht alles. Wir wissen bis heute nicht, wie das Leben entstanden ist und wie Mutationen zustande kommen. Aber es bringt nichts, ein Nichts wissen durch ein anderes Nichtwissen zu ersetzen, Wissenslücken spekulativ mit Fiktionen zu füllen. Phänomene wie das Leben, Mutationen oder auch die Entstehung des geistigen Seins dürfen nicht Gegenstände unbewiesener Behauptungen sein, sondern müssen Gegenstände der Forschung bleiben. Denn wo kein Wissen ist, fängt Forschung allererst an, und wo Wissen endet, forschen wir weiter.

Angesichts von Wissenslücken, die niemand bestreitet, wird von interessierter Seite gelegentlich der Satz zitiert: "Der Glaube wird das Wissen immer ergänzen müssen."

Ich weiß nicht, auf wessen Mist diese Gedankenblüte gewachsen ist, aber der Satz ist blanker Unsinn. Sicherlich aber war sein Urheber ein gläubiger Mensch, ein Glaubensvertreter, dem an der Verbreitung seiner Ware gelegen war, jemand, der angesichts einer Wissenslücke einen Horror vacui verspürte und der (wie Hans Küng in seinem Buch "Der Ursprung aller Dinge") diese Lücke sogleich mit einer Glaubensvorstellung, im Zweifelsfall mit "Gott" zustopfen wollte. Nun kann man aber defizitäres Wissen ebenso wenig mit Glaube ergänzen wie fehlendes Wasser mit Hobelspänen oder fehlendes Sauerkraut mit Marmelade. Lückenhaftes Wissen kann nur durch zusätzliches Wissen vermehrt und schließlich, im Idealfall, durch das noch fehlende, weitere Wissen ergänzt werden. Dies ist der ständige Ansporn des Forschers, der nicht glauben, sondern wissen will, der die Wahrheit, so schmerzlich sie mitunter auch sein mag, als dem Menschen zumutbar betrachtet, daher auch die gelegentliche Enttäuschung nicht fürchtet, da sie ihn der Täuschung enthebt und neuen Realitätsgewinn ermöglicht, und also bleibt er allzeit strebend bemüht bis ans Ende seiner Tage.

Halten wir nach all dem fest: Wissen als Kenntnis ist das Ergebnis von Er-kenntnis. Und Erkenntnis - gerade wegen ihrer Begrenztheit und Lückenhaftigkeit - zielt stets möglichst vorurteilsfrei und unvoreingenommen sowie unter Ausschluss aller denkbaren Fehlerquellen auf die Ermittlung des wahren Sachverhalts. Der um Erkenntnis Bemühte will wissen, wie etwas tatsächlich, wirklich ist. (Deshalb Heinrich Bölls stereotype Frage: "Ist das wirklich so?") Und er weiß: Diese Wahrheit, ob erkannt oder nicht, ist unabhängig von seinem Wünschen und Wollen, unabhängig von seinem Dafür- oder Dawiderhalten. Was ist, lässt sich nicht hinwegzweifeln, und was nicht ist, lässt sich nicht herbei glauben, wie dies schon Matthias Claudius sah, der in seiner Schrift "Brief an meinen Sohn Johannes" sagte: "Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, lieber Sohn, sondern wir müssen uns nach ihr richten."

Dem um Erkenntnis des wahren Sachverhalts Bemühten geht es stets darum, in seinem Kopf (in mente) ein möglichst getreues Abbild des extra mentem existierenden Gegenstandes zu erzeugen, also adaequatio im Sinne von Ähnlichkeit herzustellen, so dass man anhand des Abbildes das Abgebildete erkennen und wiedererkennen kann. Er sucht dabei, das Abbild dem Abzubildenden immer mehr anzunähern oder anzugleichen, so wie ein naturalistischer Porträtmaler als Konterfei seines Auftraggebers (Gemälde oder Zeichnung) dessen Antlitz so naturgetreu wiederzugeben sucht wie nur irgend möglich, wobei er prüfend, vergleichend, messend sich stets am Gegenstand orientiert, d.h. seine Sicht dem Gegenstand angleicht und nicht etwa umgekehrt den Gegenstand seiner Sicht. Ganz anders also als der gläubige Idealist, der in seinem Kopf (in mente) nicht auf Beobachtung gestützte Abbilder, sondern nur mehr oder weniger fantastische Vorstellungsbilder hegt, denen keine nachgewiesene oder nachweisbare Realität entspricht. Das ist die Crux des Glaubens und die Ursache seines Mangels an rationaler Überzeugungskraft.

Natürlich kann auch das beste Wissen, wie alle Erfahrung lehrt, immer nur vorläufig und nie endgültig festgelegt sein, weshalb auch der rationale Diskurs stets ergebnisoffen ist. Dies bietet den Vorteil stets möglicher Korrektur von Irrtümern und wenn auch langwierigen, so doch ständigen Realitätsgewinns. Diese Möglichkeit ständiger Revision und Falsifizierbarkeit eines jeglichen Lehrsatzes hat Karl R. Popper geradezu als das Signum wissenschaftlicher Arbeit bezeichnet und sich damit gegen jeglichen Dogmatismus gestellt.

Aufgrund kritischer Rationalität gewonnenes, d.h. in sich widerspruchsfreies und auf empirisch überprüfbare Fakten gegründetes Wissen ist im Übrigen von jedem vernunftbegabten Menschen nachvollziehbar und kann deshalb in einem rationalen Diskurs durch Argumente oder die Darlegung von Beweisgründen auch womöglich anders, aber jedenfalls vernünftig denkenden Menschen weitervermittelt werden.

Ganz anders dagegen der Glaube, zumal der religiöse Glaube, der nicht auf Erkenntnis zielt, sondern verkünden will, weil er sich im Besitz ausgemachter Wahrheit wähnt, der fromm und zugleich dumm ist. "Glauben", so hat man diesen Begriff definiert, "ist ein Für-wahr-Halten von etwas ohne Einblick in den Sachverhalt aufgrund einer Autorität. " Die Autorität, das sind die Eltern, die Lehrer, die Priester, die kirchlichen Lehrämter oder andere Instanzen - nur nicht der Homo sapiens, der sapere audet und sich der Kräfte seines Geistes ohne Anleitung von seiten eines Dritten bedient, wie Immanuel Kant es sinngemäß in seiner Erklärung des Begriffs Aufklärung formuliert hat.

Der Glaube fürchtet das Wissen wie (bildlich gesprochen) der Teufel das Weihwasser. Er schottet sich ab gegen besseres Wissen, gegen Wissen überhaupt, insbesondere gegen rationale Kritik, gegen die er sich zu immunisieren sucht wie gegen eine ansteckende Krankheit. (Siehe hierzu das Wort eines Papstes, der da sagte: "Die Demokratie ist eine moderne Geisteskrankheit. ") Der Glaube will vor allem eins: er will beharren, will nicht umdenken, keine neue Einsicht gewinnen, die ihn nötigen könnte, falsche, aber liebgewordene Vorstellungen preiszugeben. Er geht dabei so weit, dass er in intellektueller Selbstverleugnung (Sacrificium intellectūs) auch offensichtliche logische innere Widersprüche der Glaubenslehre in Kauf nimmt, und selbst dann, wenn ein Philosoph wie Seneca ihm mit logischer Stringenz den Widerspruch in seinem Gottesbild darlegt, indem er sagt, dass Gott nicht gleichzeitig allgütig und allmächtig sein kann, weil eines das andere ausschließt - selbst dann beharrt der Glaubende auf seiner Meinung und sagt wie Tertullian: "Credo, quia absurdum est." Daher, in Ermangelung vernünftig einsehbarer und nachvollziehbarer Beweisgründe und somit ohne rationale Überzeugungskraft, muss der Glaube sich selbst ständig emphatisch bestätigen. Daher das ständige "Wahrlich, wahrlich" des Nazareners, eine geläufige homiletische Floskel, die zwar die Wahrheit des Gesagten nachdrücklich und feierlich behauptet, aber (man denke hier an Barschels "Ehrenwort"!) nichts davon auch nur im Geringsten beweist.

Die Stützen des Glaubens sind eben nicht Logik und Empirie, sondern Tradition und Offenbarung (auf die wir noch gesondert zu sprechen kommen). Glaube (mit seinen z. T. jeder Vernunft Hohn sprechenden abstrusen Inhalten) zielt auf Knechtung der Vernunft und fordert Unterwerfung. Bei seiner Vermittlung, der Verkündigung der sogenannten, "frohen Botschaft" bedient er sich fragwürdiger und mitunter auch verwerflicher Mittel: des Mittels der Überredung, der Bedrohung und im schlimmsten Fall des Mittels brutaler körperlicher Gewalt.

Der kirchliche Glaubensverkünder lockt mit dem Zuckerbrot der ewigen Seligkeit im himmlischen Paradies und schwingt zugleich die Peitsche, indem er, dem Beispiel des Nazareners folgend, den Ungläubigen mit ewigen Höllenstrafen bedroht. So wird schon in den kirchlichen Kindergärten den vertrauensseligen Kleinsten die Hölle heiß gemacht. Das ist nicht nur pädagogischer Schwachsinn (der dann auch noch mit Steuergeldern finanziert wird), sondern schlimmer: es ist Nötigung - ein Straftatbestand, der juristisch definiert ist als "Androhung eines empfindlichen Übels, um eine Tat oder deren Unterlassung zu erzwingen." - Wann endlich werden solche "Erzieher" statt Lohn Strafanzeigen erhalten!

Während der ganzen Zeit ihres Bestehens hat die katholische Kirche entsetzliches Leid über die Menschen gebracht: angefangen bei den Kreuzzügen (darunter ein Kinderkreuzzug!) und von da an weiter über die brutale Verfolgung Andersgläubiger z.B. der Albigenser oder der Hugenotten), die Verbrennung von Hexen und Ketzern bis zum Kondomverbot in den Zeiten von Aids, das ein Kirchenmann rechtfertigte wie folgt: "Wenn der Aids-infizierte Ehemann die lebenslängliche völlige Abstinenz nicht fertigbringt ist es besser, dass er seine Frau infiziert, als dass er ein Kondom nimmt, denn die Wahrung spiritueller Güter wie des Sakramentes der Ehe ist dem Gut des Lebens vorzuziehen." So Carlo Caffarra, der Leiter des Päpstlichen Instituts für Ehe- und Familienfragen, am 12. November 1988 auf dem internationalen Moraltheologenkongress in Rom.

Aber wenden wir uns nun jenen beiden Säulen zu, auf denen der Glaube ruht, der Tradition und der Offenbarung, und machen wir uns dabei auf das Schlimmste gefasst!

Beginnen wir mit der Offenbarung. - Mit Offenbarung ist im Theologenjargon natürlich die "göttliche" Offenbarung, die Stimme Gottes gemeint, der durch seine Beauftragten, die Propheten, zu den Menschen spricht. Auf ihn, einen nicht vernehmbaren Zeugen und die höchste und nicht weiter hinterfragbare Autorität, berufen sich die Propheten, wobei sie ihre eigenen Vorlieben und Abneigungen, Wünsche und Ängste auf die Gottheit projizieren. Das kann gutgehen, wenn der Prophet biophile, tier- und menschenfreundliche Gedanken hegt, wenn Hosea beispielsweise sagt: "An Liebe habe ich Wohlgefallen und nicht an Schlachtopfern." Aber es kann auch grauenhafte Folgen haben, wenn die Offenbarung darin besteht, dass Gott Massenmorde oder gar Völkermorde gebietet. - "Alle die Völker, die dir der Herr, dein Gott, preisgibt, sollst du vertilgen und nicht mitleidig auf sie schauen." (Dtn. 7,17), "Tochter Babel, du Zerstörerin! Wohl dem, der deine Kinder packt und sie am Felsen zerschmettert!" (Ps. 137, 8, 9), "In ihrer Kehle sei Lobpreis Gottes, in ihrer Hand ein zweischneidiges Schwert, um Rache zu üben an den Völkern, Strafgerichte an den Nationen!" (Ps. 149, 6-7), "Ich selbst habe meine heiligen Krieger aufgeboten, ich habe sie alle zusammengerufen, meine hochgemuten jauchzenden Helden, damit sie meinen Zorn vollstrecken... Seht, der Tag des Herrn kommt, voll Grausamkeit, Grimm und glühendem Zorn... Man sticht jeden nieder, dem man begegnet, wen man zu fassen bekommt, der fällt unter dem Schwert. Vor den Augen ihrer Eltern werden die Kinder zerschmettert, ihre Häuser werden geplündert, ihre Frauen geschändet. Seht, ich stachle die Meder gegen sie auf... Ihre Bogen strecken die jungen Männer nieder; mit der Leibesfrucht, haben, sie kein Erbarmen, mit den Kindern kein Mitleid." (Jes. 13, 3, 5, 7, 8, 9, 15-18). - Zur Offenbarung zählt auch das Johannes-Evangelium, die sogenannte "Geheime Offenbarung". Jenes Horrorszenario des Weltuntergangs, in dem sich eine sadistische Rache- und Vernichtungsfantasie austobt, wie sie uns allenfalls aus den Schriften Geisteskranker bekannt ist, so dass man dem Autor aus psychiatrischer Sicht eine Psychose aus dem Formenkreis der Schizophrenien attestieren muss.

Und nun zur Tradition:

Nicht minder fragwürdig als die Berufung auf Offenbarung, ja mitunter geradezu kriminell ist die Berufung mancher Gläubigen auf "religiös geheiligte Tradition", zumal dann, wenn eine derartige Berufung der Rechtfertigung schwerer und. schwerster Verstöße gegen die Menschenrechte dienen soll. - Was ist da nicht alles Tradition! Welche Abstrusitäten, Gräuel und Scheußlichkeiten werden da nicht als rechtmäßig, sinnvoll und sakrosankt hingestellt, nur weil sie bona fide überliefert und autoritätshörig-kritiklos übernommen wurden! - Da gibt es das rituelle Schächten von Opfertieren, alle möglichen Arten der Selbstkasteiung wie die Selbstgeißelung bei Bußprozessionen oder das qualvolle Tragen von Cingula (stachligen Oberschenkelringen) zwecks "Abtötung der Fleischeslust" bei katholischen Ordensfrauen, die Beschneidung der Knaben bei den Juden und Muslimen und schließlich, gemäß dem islamischen Recht der Scharia, das oft tödliche öffentliche Auspeitschen mit je nach Schwere der Straftat bis zu eintausend Peitschenhieben und die Steinigung untreuer Ehefrauen.

All dies war oder ist immer noch Tradition und wird wohl nur durch geduldige Aufklärungsarbeit, die sich über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte erstrecken kann, aus der Welt zu schaffen sein. Und dabei ist mit erbittertem Widerstand von Seiten der Verantwortlichen zu rechnen. Auch Teufelsglaube und Exorzismus haben eine lange Tradition, und auch Päpste mit akademischen Titeln erweisen sich als aufklärungsresistent. Joseph Ratzinger verteidigte die Inquisition mit dem Lob, sie habe "allererst für eine klare Rechtsordnung gesorgt", und Karol Wojtyla sagte: "Der Teufel ist eine schreckliche Realität." - Zeit daher, mit Teufels- und Dämonenglauben aufzuräumen und dafür zu sorgen, dass Menschen einander nicht die Hölle auf Erden bereiten und einander nicht teuflisch grausam quälen!

Das Wort Tradition aber mag fortan wie ein Alarmsignal wirken und zu permanenter Kritik mahnen!

Was aber den Glauben betrifft, so sei der Vollständigkeit halber noch gesagt, dass es neben dem Glauben als einem Fürwahr-Halten von etwas auch den Glauben an jemanden oder an etwas gibt (wobei der Ton auf dem Wörtchen "an" liegt), wie der Text des Credos, des christlichen Glaubensbekenntnisses, zeigt. Einen solchen Glauben, den man auch als Vertrauen bezeichnen kann, bekundete Wilhelm II., als er sagte: "Ich glaube an das Pferd! Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung." - Man sieht: auch dieser Glaube kann täuschen, so dass überprüfbares Wissen allemal besser ist. Denn, so Lenin: "Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser."