über die sogenannte "christliche Wertegemeinschaft"

Sprecher der bürgerlichen Parteien - allen voran Angela Merkel - beschwören hierzuland gern (und oft in Verbindung mit dem Wunsch nach einer "europäischen Leitkultur") eine von ihnen so genannte und als vorbildlich angesehene "christliche Wertegemeinschaft".

Das erinnert mich fatal an den chauvinistischen Satz aus der Kaiserzeit: "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.", ich frage mich, welche Werte diesen politischen Sonntagspredigern wohl vorschweben, und sage rund heraus: "Eine christliche Wertegemeinschaft gibt es nicht, denn von allen Werten, die hierzuland gültig, also allgemein anerkannt sind, ist kein einziger genuin christlich." Gehen wir einmal der Reihe nach vor und lassen wir einmal Revue passieren, was da an Werten infrage kommen könnte:

Die Goldene Regel (regula aurea) verdanken wir der fernöstlichen Philosophie der Achsenzeit (3.-4. Jh. v. Chr.), und auch der Gedanke der Feindesliebe taucht dort bereits auf. So berichtet die Legende, Laotse und Konfuzius seien einander einmal begegnet, wobei Laotse gesagt habe, es sei doch wünschenswert, dass man auch seine Feinde liebe. Konfuzius, von Beruf Staatsrechtslehrer, wie wir heute sagen würden, und Dialektiker von hohem Rang, habe darauf erwidert: "Wenn ich meine Feinde liebe - soll ich dann meine Freunde hassen?" (So, wie er wohl zu einem Hund gesagt hätte: "Lecke nicht die Hand, die dich schlägt, und beiße nicht die Hand, die dich streichelt!") - Und damit sei das Gespräch beendet gewesen.

Und die Nächstenliebe, die Jesus der Gottesliebe gleichsetzte, die Caritas? Auch sie war bereits den alten Griechen bekannt und hieß bei ihnen Agape.

Ebenso wurden Kardinaltugenden wie Mut/Tapferkeit, Freigebigkeit/Großzügigkeit, Mäßigung, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und andere bereits von Aristoteles, also ebenfalls lange vor unserer Zeitrechnung, in seinen Schriften "Ethik" und "Nikomachische Ethik" erörtert.

Und wie steht's um die mönchischen Tugenden: Armut, Keuschheit und Gehorsam?

Gehen wir auch hier der Reihe nach vor: Besitzlosigkeit, Konsumverzicht und/oder Bedürfnislosigkeit waren bereits bei den Kynikern zu finden. Diogenes lebte bekanntlich in einer Tonne, und von Sokrates heißt es, er habe gesagt: "Wenn ich über den Markt gehe, freue ich mich immer, dass es so viele schöne Sachen gibt, die ich alle nicht brauche." Keuschheit oder sexuelle Enthaltsamkeit ist daneben überhaupt kein Wert, sondern allenfalls eine psychische Marotte, die womöglich sogar der Therapie bedarf, weil sexuelle Praxis zu den normalen Lebensvollzügen gehört. Und auf den Gehorsam als "christliche Tugend" hat sich bekanntlich Adolf Eichmann berufen, als er endlich vor Gericht stand! Gehorsam im Sinne der Delegation personaler Verantwortung (In der Schweiz gesetzlich verboten!) predigte hanebüchener Weise der später heiliggesprochene Bibelübersetzer und Kirchenlehrer Hieronymus, dem dann der nicht minder fromme Alfons von Liguori folgte, der diese überaus dümmliche, aber in kirchlichen Häusern auch heute noch wertgeschätzte Lehre kritiklos weiterverbreitete. Wir halten dagegen: nicht Gehorsam, sondern die Übernahme personaler, grundsätzlich nicht delegierbarer Verantwortung ist als sittlicher Wert zu fordern, und daran besteht hierzuland wie überall in der Welt konstanter Mangel.

Und wie steht die Kirche zum Wert des Lebens, dem höchsten Güterwert, den wir kennen? Als die Konquistadoren in Südamerika die Kinder der Eingeborenen erschlugen, fielen die frommen Missionare den Mördern keineswegs in den Arm, sondern sie hatten nichts Wichtigeres zu tun, als die Kleinen, bevor sie erschlagen wurden, rasch noch zu taufen, damit ihnen das ewige Leben in der Herrlichkeit Gottes geschenkt werde. - Ob den Erschlagenen und ihren Eltern und Geschwistern das Leben auf Erden nicht lieber gewesen wäre?

Bleiben noch die vom Apostel Paulus gepriesenen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Wie steht's mit diesen?

Glaube als Gottvertrauen stammt aus dem Judentum und wurde von Jesus von Nazareth (der kein Christ, sondern Jude war!) von dort übernommen. Hoffnung ist kein sittlicher Wert, sondern eine natürliche Tugend, die sich wie auch Glaube und Liebe zu allen Zeiten überall in der Welt finden lässt. Keine dieser Tugenden lässt sich fordern oder ethisch-moralisch einklagen. Und von der Liebe heißt es ausdrücklich. "Die Liebe ist ein Kind der Freiheit."

Was mir hierzuland auffällt - auch das sei gesagt -, ist das Fehlen eines Wertes, der in anderen Ländern einen besonders hohen Stellenwert hat: nämlich die Gastfreundschaft! Statt ihrer findet man hierzuland eher das Gegenteil: Fremdenfeindlichkeit, die mitunter gepaart ist mit Xenophobie (Fremdenangst), einer therapiebedürftigen neurotischen sozialen Fehlhaltung.

Was hierzuland aber tatsächlich an Werten vorhanden und wenn auch nicht in allen, so doch in vielen sozialen Bereichen gesetzlich geschützt ist, nämlich Menschenrechte und demokratische Grundrechte, das verdanken wir gerade nicht der christlichen Ideologie, sondern zum größten Teil Kulturen, die viel älter sind als das Christentum, ferner der humanistischen Aufklärung, der französischen Revolution, der Kommission für Menschenrechte und anderen säkularen Kräften. Werte wie Wahrheitsliebe (als Liebe zu wissenschaftlicher Erkenntnis), Toleranz, Religionsfreiheit und Demokratie mussten der katholischen Kirche allererst in einem jahrhundertelangen Prozess gegen den erbitterten Widerstand der Päpste mühsam abgerungen werden, wobei der Widerstand der Kirche gegen menschenfreundliche Neuerungen wie z.B. die Homosexuellenehe in vielen Bereichen bis heute anhält.

Wohl bemerkt: ich habe nichts gegen Werte, deren Verwirklichung mein Herz erfreut und meiner Vernunft nicht widerstrebt, denn ich liebe den Wert und verabscheue den Unwert. Aber - hier folge ich ausnahmsweise einmal dem Apostel Paulus - ich prüfe alles und behalte das, was für mich (und möglichst viele andere) gut ist, während ich den Rest beherzt verwerfe. Denn es ist nicht alles Gold, was glänzt, und allzu oft versucht man, mir wertlose Wertpapiere anzudrehen oder drastischer: Scheiße als Bonbons zu verkaufen.

Generell meine ich: als zu bejahende, wünschenswerte Wertengemeinschaft einer zivilisierten und kultivierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts genügt eine Wertegemeinschaft, die sich auf Solidarität (ein neues Wort für Liebe!) und Vernunft stützt und die ein demokratisch ständig zu erneuerndes menschen- und tierfreundliches, ein biophiles Ethos hütet. Dies nach Kräften zu fördern, dazu fühle ich mich aufgerufen, und diesem Ruf zu folgen, dazu bin ich bereit.