Störfaktor Mensch oder Gesichter und Fratzen des Sozialismus

Der Sozialismus, so wie er den Autoren des "Kommunistischen Manifestes" von 1848 vorgeschwebt haben mag, hat weltweit anscheinend mehr Niederlagen erlitten als Siege errungen, Niederlagen entweder aufgrund des Versagens seiner eigenen Regenten oder weil die Reaktion stärker war oder feindliche Mächte ihn von außen bekämpften.

Besonders verdrießlich sind die Niederlagen immer dann, wenn sie selbstverschuldet sind, etwa infolge der Machtbesessenheit der (womöglich geisteskranken) sozialistischen Parteivorsitzenden oder der starrsinnigen Weigerung der Regierungen, überfällige Reformen durchzuführen, um (sogar mittels Verletzungen der Menschenrechte und unter Missachtung demokratischer Grundrechte) ihre eigenen Ideen durchzusetzen.

Führen wir uns die vielen Niederlagen und die wenigen Siege des Sozialismus einmal anhand einiger Beispiele vor Augen:

Stalin (Paranoia?), der als junger Mann Theologie studiert hatte, ließ Tausende seiner politischen Gegner erschießen oder verbannte sie in den Gulag, wo sie elendiglich zu Tode kamen. Die UdSSR ist inzwischen in Einzelstaaten zerfallen, und aus früheren Brudervölkern sind mitunter erbitterte Feinde geworden.

Ceausescu (Megalomanie?) baute sich einen protzigen Regierungspalast, schikanierte aber sein Volk und ließ es frieren. Er und seine Frau wurden erschossen. (Tyrannenmord?) Die Erschießung, als eine Art Hinrichtung nach kurzem Prozess mit Todesurteil inszeniert, wurde im Fernsehen ausgestrahlt. Ich weiß nicht, wie die Sache ethisch zu bewerten ist, ich bin Gegner der Todesstrafe und fand die Szene widerwärtig. Eine Inhaftierung, meine ich, hätte es auch getan. Aber ich kann irren.

Die DDR führte kluge Reformen durch (wie z.B. die Gründung landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften, durch die den in der Landwirtschaft Tätigen erstmals eine geregelte Arbeitszeit und eine geregelte Altersvorsorge gewährleistet wurde), ist dann aber ökonomisch gescheitert - nicht zuletzt deshalb, weil die NATO-Verbündeten sie in einem kalten Krieg zu immer größeren Rüstungsanstrengungen nötigten.

Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei (ehemals allesamt sozialistische Länder und Mitglieder des Warschauer Paktes) erweisen sich zurzeit als EU-Mitglieder solidaritätsunfähig und lassen sich von nationalen Egoismen leiten.

Was in den vergangenen Jahren speziell in Ungarn und der C.S.S.R. geschah, habe ich bis heute nicht begriffen. Dass man einem sich anbahnenden Totalitarismus entgehen will und unbeliebte Regenten abwählt oder auch einfach davonjagt, kann ich ja noch verstehen. Aber dass ganze Nationen eine Kehrtwende von 180 Grad vollziehen und vom Sozialismus zum Kapitalismus konvertieren, ist mir ein psychologisches Rätsel und eine Frage, die mir bis heute niemand überzeugend beantwortet hat.

Pol Pot (Überwert-Idee) war von dem Wahn besessen, Kambodscha in ein reines Agrarland umwandeln zu müssen, und hielt jeden Brillenträger, auch wenn dieser ein einfacher Bauer war, für einen Intellektuellen und somit für einen Staatsfeind, der liquidiert werden musste. Am Schluss hatten die Roten Khmer fünf Millionen ihrer eigenen Landsleute umgebracht.

Kim Jong Un (Megalomanie?) hält sich an der Macht, baut Atomraketen und lässt das Volk hungern. (Aber ist das überhaupt noch Sozialismus oder nicht auch wieder eine seiner Fratzen, so dass es hier - wie auch in Russland - einer neuen Revolution bedarf?)

Ho Tschi Minh hat standgehalten: Nordvietnam ist nach wie vor kommunistisch. Aber um welchen Preis? - Die USA, in kollektiven Verbrechen gegen die Menschlichkeit durchaus geübt (man denke an den Versuch der weißen Siedler, die Indianer mit Methyl-Alkohol auszurotten), führten jahrelang einen völkermörderischen Krieg gegen Nordvietnam, zerstörten das Land mit Napalmbomben, verwandelten Städte und Dörfer mitsamt ihren zivilen Bewohnern (darunter Frauen und Kinder) in flammende Infernos und hinterließen Schneisen der Verwüstung.

Was aus Nicaragua wird, wissen wir nicht. Dort - wie in anderen lateinamerikanischen Ländern - arbeitet die CIA im Untergrund, um die Kräfte der Reaktion zu stärken. So dürfen wir zwar das Beste hoffen, müssen aber das Schlimmste befürchten.

In Kuba hat der Sozialismus überdauert, trotz des Embargos, mit dem die USA das Land in den wirtschaftlichen Ruin treiben wollten. Vor einem Jahr gab Obama sich konzessionsbereit. Aber das kann auch lediglich ein strategischer Schachzug gewesen sein, mit dem er den Standort seines Foltergefängnisses in Guantánamo sichern wollte, wo er vermeintlich oder tatsächlich an Verbrechen gegen die USA beteiligten Häftlingen durch körperliche Qualen (Waterboarding) Geständnisse erpressen wollte. All dies vor dem Hintergrund einer ethisch korrupten, chauvinistischen Staatsideologie nach dem Motto: "Right or wrong - my country!"

Zu Guantánamo: Ich würde es begrüßen, wenn die kubanische Regierung unter ihrer neuen Führung von Raúl Castro so souverän wäre, die -Guantanamo betreffenden - ihr wahrscheinlich unter Androhung militärischer Gewalt (Nötigung!) aufgezwungenen - Mietverträge mit den USA als sittenwidrig fristlos zu kündigen und die dort stationierten US-Bürger unverzüglich des Landes zu verweisen. Das in Guantanamo stationierte OS-Foltergefängnis ist - notfalls mit polizeilicher Gewalt - zu räumen. Die Gefangenen sind in Schutz zu nehmen und in neuen , rechtsstaatlichen Verfahren unter Achtung ihrer Menschenrechte und Menschenwürde zu vernehmen, vor allem aber im Falle erwiesener Unschuld zu rehabilitieren und in jedem Falle für die erlittenen Folterqualen optimal zu entschädigen. Die US-Folterknechte sowie die US-Behörden, auf deren Anweisung oder mit deren Duldung sie gegen die Menschenrechte der Gefangenen verstoßen haben, sind zugleich ihrerseits vor Gericht zu stellen und einer gerechten Strafe zuzuführen.

Bei dieser Gelegenheit und in aller Deutlichkeit: Ich wünsche dem friedliebenden kubanischen Volk und seiner Regierung unter Raúl Castro auf dem Weg zu neuem Wohlstand jeden nur erdenklichen Erfolg und eine glückliche Zukunft, den USA jedoch, dass sie vor einem internationalen Gericht die öffentliche Demütigung erfahren, die sie, gerade ob ihrer chauvinistischen Überheblichkeit, schon lange verdienen.

Jedesmal, wenn der Sozialismus irgendwo in der Welt durch eigene oder fremde Schuld scheitert, empfinde ich Zorn und Bitterkeit. Besonders schmerzlich aber war für mich wie für meine gleichgesinnten Freunde und Kollegen, was in Chile geschah: Salvador Allende war durch freie Wahlen an die Macht gelangt und wurde gestürzt und in den Tod getrieben. Augusto Pinochet ließ die Anhänger Allendes in einem Stadion zusammentreiben, ließ foltern und töten und kommentierte seine Verbrechen mit dem zynischen Ausspruch: "Die Demokratie muss gelegentlich in Blut gebadet werden." - Als Norbert Blüm nach Santiago de Chile kam, hielt Pinochet ihm zur Begrüßung die Hand hin. Blüm ergriff Pinochets Hand mit völlig unbewegtem Gesicht und mochte in diesem Augenblick denken: Die Diplomatie verlangt, dass ich jetzt meinen Ekel überwinde ... (und ich schätzte mich glücklich, kein Diplomat zu sein!)

Immer, wenn ich einen Satz höre oder lese wie den oben zitierten Ausspruch Pinochets, könnte ich schreien vor Schmerz, und oftmals, wenn der Sozialismus da oder dort wieder einmal gescheitert ist und sein Scheitern selbstverschuldet war, denke ich: Hier wurde wieder einmal eine große Idee verraten, verhunzt oder gar in ihr Gegenteil verkehrt, so dass die Autoren des "Kommunistischen Manifestes", wenn sie sähen, wie ihre Lehre pervertiert wurde, im Grabe rotieren müssten, und wenn das Scheitern fremdverschuldet war, frage ich: Wie ist es ethisch zu rechtfertigen, dass eine so menschenfreundliche Doktrin wie die von Marx und Engels so erbittert bekämpft wird?

Dann überlege ich: Könnte es vielleicht sein, dass die Autoren in ihrer großartigen Vision einer ausbeutungs- und unterdrückungsfreien Gesellschaft eine wichtige Komponente übersehen haben?

Aus psychologischer und ideologiekritischer Sicht versuche ich einmal eine Erklärung, die mir nicht allzu weit hergeholt scheint: Die menschliche Providenz reicht nicht weit, und politische Vorhersagen sind nicht sicherer als Wetterprognosen, da sie immer wieder von nicht vorhersehbaren und daher nicht kalkuliere baren Faktoren durchkreuzt werden. Der wichtigste Unsicherheitsfaktor aber ist der Mensch, der - auf welchem Weg auch immer - an die Macht gelangt ist und der, je größer seine Machtfülle ist, umso mehr der Versuchung ausgesetzt ist, diese Macht zu seinem eigenen Vorteil und zum Nachteil anderer zu missbrauchen. Eben dies macht das Verhalten mächtiger Regenten so unberechenbar und bedrohlich, und wenn uns auch etliche oder gar viele, vielleicht sogar die wichtigsten Determinanten, die das menschliche Verhalten bestimmen, bekannt sind - gerade das entscheidendste Handlungsmotiv könnte sich unserer Kenntnis entziehen, und welche Determinante zu einer bestimmten Zeit und an einem genauen Ort in einer konkreten Entscheidungssituation nicht nur wahrscheinlich, sondern tatsächlich den Ausschlag gibt, das eben wissen wir nicht, und das eben ist die Crux, ist der Balken, an dem blinde Seher sich immer wieder den Kopf einrennen. Dies also könnte der Grund sein, weshalb plausible, ja logisch stringent scheinende Theorien in der sozialen Praxis sich oft kaum bewähren.

Es verärgert mich (und nicht nur mich), aber ich muss es wohl als Gegebenheit hinnehmen; Der Marxismus hat einen wichtigen, vielleicht den wichtigsten Faktor (ich neige fast dazu, zu sagen: Störfaktor) außer Acht gelassen oder zu gering veranschlagt. Dieser Faktor ist der Mensch, genauer: die offenbar unausrottbare, unersättliche Gier des Menschen nach mehr: nach mehr Kapital, mehr Produktionsmitteln, mehr Grund und Boden, mehr Bodenschätzen und vor allem - was wohl für Sozialisten ebenso: gilt wie für Nichtsozialisten - nach mehr Macht! Diese Gier nach Macht (wenn die von Marx und Engels entworfene Utopie Wirklichkeit werden soll), diese Machtgier gilt es zu zügeln! Und zwar nicht durch ethische Appelle, nicht durch Gebet und Gottvertrauen, sondern durch permanente demokratische Kontrolle. Denn (so Lenin) "Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser."

In allen hierarchisch strukturierten Institutionen, also überall da, wo es ein Oben und Unten gibt, wo Menschen in irgendeiner Weise von Menschen abhängig sind oder wo Menschen über Menschen Macht haben, gibt es Übergriffe und Rechtsverletzungen, unter denen immer die Schwächsten (Frauen, Kinder, Alte und Kranke) am meisten zu leiden haben. Ausbeutung und/oder Unterdrückung bis hin zum gezielten Mobbing gibt es nicht nur am Arbeitsplatz (in Fabriken, Handwerksbetrieben oder Behörden), sondern auch in Kindergärten, Waisenhäusern, Familien, Schulen, Kirchen und Sekten, Parteien, Gewerkschaften, Polizeiwachen, Strafvollzugsanstalten, Kasernen, Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen usw. usf.

Fazit nunmehr: Was vom Sozialismus im Allgemeinen und vor allem in seinen realen Existenzweisen zu halten sei, diese Frage lässt sich annähernd vernünftig nur dann beantworten, wenn man genau hinschaut und von Fall zu Fall sorgfältig differenziert. Wie alles unter der Sonne hat auch der Sozialismus zwei Gesichter: ein menschenfreundliches und ein menschenfeindliches, ein biophiles und ein nekrophiles. Er ist ambivalent, das heißt er kann dem Menschen sowohl nutzen als auch schaden, kann Heil wie Unheil stiften oder, wie Erich Fromm sagen würde, er ist, wie die Seele des Menschen, fähig zum Guten wie zum Bösen.