Stimmt es, dass "die Mythe log"?

Das von kritischen Rationalisten gern zitierte Verdikt Gottfried Benns "Die Mythe log" sei hier einmal Anlass zu einigen grundsätzlichen Überlegungen über Begriffe wie "Mythe", "Mythos", "Mythologie", "Mythisierung", "Entmythologisierung", "Entmythisierung" und sinnverwandte Bezeichnungen, die in theologischen, religionskritischen oder allgemein weltanschaulichen Gesprächen an zentraler Stelle stehen und an denen sich oftmals die Geister scheiden.

Beginnen wir mit einer ersten Definition dieser zentralen Begriffe:

Mythen (im Singular oft gleichbedeutend mit Mythos) sind fiktive Figuren, die im umfassenden Kontext einer um Helden, Götter, Geister und Dämonen kreisenden fiktiven Erzählung eine Rolle spielen - wie beispielsweise gute oder böse Feen, Hexen, Elfen oder Fabelwesen (Schimären) wie die Medusa, die Sirenen, Circe u.a., die uns aus der klassischen griechischen Mythologie bekannt sind. Moderne, dieser entsprechende Mythen sind Superman, Batman oder der bayerische Wolpertinger. Der "Mythos" (so wie das Märchen, die Fabel, die Sage, die Legende oder auch der moderne Roman), im Gegensatz zum Tatsachenbericht, bildet den erzählerischen Rahmen und den Schauplatz der geschilderten fantastischen Ereignisse und Geschehnisse vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende, wie sie bei allen Völkern zu allen Zeiten und in allen Kulturen mündlich oder schriftlich überliefert sind.

Die "Mythologie" ist die Wissenschaft, die mit der Sammlung und Deutung der Mythen befasst ist und die nichts über den Wahrheitsgehalt (im aristotelisch-thomistischen Sinne) der Mythen sagt, dafür aber viel über den mythenbildenden Erzähler und den mythengläubigen Menschen, dessen Ängsten und Wünschen die Mythen entsprechen.

Wenn Rudolf Bultmann also von der Entmythologisierung des Neuen Testaments spricht, so ist dieser Sprachgebrauch falsch, denn was er meint, ist nicht die Aufhebung der Wissenschaft, sondern vielmehr die Entmythisierung der Evangelien als ihre Befreiung von ihnen im Laufe der nachchristlichen Zeit hinzugefügten fiktiven Ausschmückungen und Fehldeutungen und somit die Herausarbeitung des historisch wahren Kerns, der dadurch eine neue Überzeugungskraft und Verbindlichkeit gewinnt. Dass Bultmann seine Arbeit nicht vollenden konnte, lag am Dogmatismus der evangelischen Amtskirche, die eine freie Forschung und Lehre nicht dulden kann oder will, wie u.a. der Fall des zum Atheisten mutierten Hamburger Pfarrers Paul Schulz zeigt, der seines seelsorglichen Amtes enthoben wurde, so wie zuvor Bultmann seinen Forschungsauftrag verlor.

Doch zurück zu Benns Ausspruch "Die Mythe log"! - Natürlich wusste Benn, dass als moralische Wesen nur Menschen der Lüge fähig sind, dass also Mythen ebenso wenig lügen können wie Bauwerke oder Musikstücke. Was er meinte, war wohl dies: Wenn jemand wider besseres Wissen den fiktiven Inhalt einer Erzählung als historische Wahrheit, als Tatsache ausgibt, ohne zwischen Fakt und Fiktion zu unterscheiden, so führt er seine Adressaten in die Irre, indem er, statt die Wahrheit zu sagen, Lügen verbreitet. So dies geschieht, ist der Mythos oder die Mythe eine Lüge, die es aufzudecken gilt.

Und nicht nur dies: Oftmals ist die Mythe nicht im moralischen Sinne unwahr oder Lüge, sondern sie kann auch auf Irrtum beruhen. Das ist weit weniger gefährlich, denn Irrtümer lassen sich aufklären und korrigieren. Nicht so dagegen Überzeugungen oder Glaubensinhalte, von deren vermeintlicher Tatsachenwahrheit derjenige, der sie verbreitet, so sehr durchdrungen ist, dass er, keiner Belehrung zugänglich, lieber im Irrtum verharrt als umzudenken. Damit verliert er Realität, lebt in einer Scheinwelt, ist in einer Illusion und kann auch andere durch seine dogmatisch verhärtete Irrlehre nur ins Verderben führen. Zu Recht hat man daher gesagt: "Der ärgste Feind der Wahrheit ist nicht der Irrtum, sondern die Überzeugung."

Hierzu ein ganz konkretes Beispiel aus den ersten Lebensjahren meiner Kinder Gregor und Regine: Beide - es war in den neunzehnhundertundsiebziger Jahren - gingen in einen Kindergarten, der sich in katholischer Trägerschaft befand. Beide kamen eines Tages ganz verstört und verängstigt aus dem Kindergarten nach Hause und berichteten, der Pater Ambrosius habe gesagt, wenn man Böses tue, so komme man in die Hölle und werde in ein ewig brennendes Feuer geworfen. "Stimmt das?" fragten sie, und ich hörte (zu meiner Befriedigung) meine Frau sagen: "Nein, das müsst ihr nicht glauben. Was der Pater Ambrosius da erzählt, das ist ein großes Märchen wie das Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren. Aber mit der Hölle ist das so, wie ihr es im Fernsehen gesehen habt, wie da in Vietnam, wo die Amerikaner Napalmbomben abwerfen, die Kinder verbrannt sind. Wo die Menschen einander so etwas antun, da bereiten sie einander die Hölle, aber nicht im Jenseits oder nach dem Tod, sondern hier auf Erden, und überall da, wo sie freundlich und hilfsbereit und zärtlich zueinander sind, da können sie einander auch den Himmel bereiten." und beide Kinder waren daraufhin getröstet und erleichtert und wurden im katholischen Kindergarten natürlich sofort abgemeldet.

So hatte meine Frau die Sache vom Kopf auf die Füße gestellt. Der Psychoterror war aufgehoben, und an die Stelle eines krankmachenden illusionären Schreckensszenarios war das Bild einer realen Welt getreten, in der es zwar auch Qual und Schrecken gibt, aber eben auch Freude und Glück und in der bei allem Jammer dennoch zu leben sich lohnt.

Und um noch einmal auf Benn zurückzukommen: er war kein Gegner oder gar Feind der Mythe schlechthin - wie hätte er sonst seinen dichterischen Beruf ausüben können! Er selbst erschuf in seinen schönsten Gedichten Mythen in großer Zahl, um nur ein Beispiel zu nennen: "Der Sommer stand und lehnte und sah den Schwalben zu..." Hier wird der Sommer personifiziert und damit mythisiert, und dies, die Personifizierung (darin besteht die Mythenbildung) ist das Wesen der poetischen Gestaltung.