Sind Atheisten Libertins?

Es gehört zu den Jahrtausendealten und wahrscheinlich weltweit verbreiteten menschlichen Unsitten, den weltanschaulich Andersdenkenden oder wissenschaftlichen Gegner, statt dass man sich mit seinen rationalen Argumenten auseinandersetzt, als moralisch minderwertig, verlogen und in jeder Hinsicht verachtenswert hinzustellen.

Ein klassisches Beispiel unter vielen ist hierfür ein Satz Johann Gottlieb Fichtes, der in seiner "Einführung in die Wissenschaftslehre" sagt: "Ein gekrümmter, geknechteter Charakter wird sich nie zur Höhe des Idealismus erheben." - Welch ein Hochmut! Vielleicht könnte man diesen Dünkel abkühlen mit dem entgegengesetzten Satz: "Ein Idealist, der sich selbst einem hohen sozialen Ethos verpflichtet glaubt, wird nichts dabei finden, seine weltanschaulichen Gegner auf moralischer Ebene abzuqualifizieren und zu diffamieren, also andere zu erniedrigen, um sich selbst zu erhöhen."

Und auch, ja in geradezu überwältigender Fülle finden sich Beispiele ähnlicher Art in der Kirchengeschichte, wo der Andersdenkende, der Häretiker oder der Ketzer erst verteufelt, dann verfolgt und verbannt und schließlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. Er wird schon auf Erden in den "Feuerofen" geworfen, "und daselbst wird Heulen und Zähneknirschen sein." Wahrlich, nicht eine Welt ohne Gott, sondern eine Welt mit Gott kann für den Ungläubigen die Hölle auf Erden sein, und bis in die Gegenwart herein erhält sich in kirchlichen Kreisen das Vorurteil, dass Atheisten und zumal Kommunisten böse Menschen seien, denen man sogar das Recht auf Leben absprechen darf und die man mit Napalm verbrennen darf, denn (so der Bonner Moraltheologe Schöllgen) "es handelt sich hier ja schließlich um Kommunisten."

Das verschlägt einem den Atem, und auch wenn der so Redende sich selbst richtet, wird das Übel dadurch nicht geringer. Es bleibt die noch immer weit verbreitete Irrlehre, dass Atheisten Immoralisten seien und dass ein Ethos, das sich nicht auf Glaube und Offenbarung stützt, nur ein Scheinethos sei und nur vom Teufel stammen könne.

Wir wollen im Folgenden versuchen, diese Irrmeinung zu widerlegen und uns dabei auf die unbestreitbaren historischen Fakten stützen:

Die großen, ganze Gesellschaften prägenden Gesetzesentwürfe stammen fast ausschließlich von nichtchristlichen, oft dezidiert atheistischen Geistern: von Hamurabl über Moses, Sokrates und andere griechische Denker wie Solon, dann die römischen Philosophen, unter ihnen Seneca, sowie vor allem in der Zeit der humanistischen Aufklärung in Fortentwicklung des perikleischen Gedankens der Demokratie die französischen Revolutionäre mit ihren Herolden Rousseau und den Enzyklopädisten bis hin zu den Vätern moderner demokratischer Verfassungen, in denen unter anderen, bürgerlichen Rechten, vor allem die Menschenrechte verankert sind.

Diese großartigen Ethoi verdanken wir aber gerade nicht theistischen oder gar kirchlichen Lehren, sondern sie mussten vor allem der katholischen Kirche und ihren Päpsten mühsam abgerungen werden, da diese erklärtermaßen primär am Seelenheil des Menschen und seiner jenseitigen ewigen Seligkeit, nicht aber an seinem Wohlergehen auf Erden interessiert waren und sind. So sagte der katholische Moraltheologe Carlo Caffarra wörtlich: "Wenn der AIDS-Infizierte Ehemann die lebenslängliche völlige Abstinenz nicht fertigbringt, ist es besser, dass er seine Frau infiziert, als dass er ein Kondom nimmt, denn die Wahrung spiritueller Güter, wie des Sakramentes der Ehe, ist dem Gut des Lebens vorzuziehen."

Dies zählt zu den Früchten, an denen wir den Wert oder richtiger: den Unwert theistischer, durch göttliche Offenbarung geheiligter kirchlicher Morallehren erkennen. Hier wird uns "Glaubenswahrheit" um die Ohren geschlagen, dass wir taumeln und schleunigst Halt suchen bei nicht kirchlich gebundenen, aber dezidiert biophilen Geistern wie etwa den buddhistischen Mönchen, die den Weg vor ihren Füßen fegen, um kein Tier zu zertreten.

Nach all dem, was ich gesehen und erfahren habe, halte ich dafür, dass ein möglichst optimales, für das menschliche Zusammenleben hilfreiches und für das Glück der größten Zahl dienliches Ethos nur in einem auf Solidarität und Vernunft gründenden immerwährenden rationalen Diskurs und somit auf demokratischer Grundlage ermittelt werden kann!

Was dem entgegensteht, ist neben egoistischen Interessen Einzelner, neben Habsucht und Machtgier der Herrschenden, die um ihre Privilegien bangen (Kräften, die natürlich ebenfalls in der Welt wirksam sind) vor allem der rational nicht erreichbare, da ans Pathologische grenzende überhebliche Starrsinn jener, die sich im Besitz göttlich verkündeter Wahrheit wähnen und die, wie Joseph Ratzinger, "grundsätzlich nicht belehrbar" sind. Diesen wird man zwar nicht die Hölle wünschen, weder die Hölle im Jenseits, noch eine Hölle auf Erden, aber man wird sie ihrem Schicksal überlassen müssen wie Patienten, die mangels Krankheitseinsicht die Therapie verweigern. Und das bedeutet: Das Rad der Geschichte wird über sie hinweggehen, und sie werden der Vergessenheit anheimfallen wie prähistorische Kulturen, von denen keiner der jetzt Lebenden irgendetwas weiß.