Sind Atheisten geistlos? oder Was ist Sprititualität?

Spiritualität (geistiges Leben) und christlicher Glaube sind in den vergangenen Jahrhunderten in unserm Kulturkreis so sehr zusammengewachsen, dass viele Menschen sich eine atheistische (womöglich sogar mit Religiosität gleichzusetzende) Spiritualität gar nicht vorstellen können. Dies, obwohl es große Weltreligionen wie vor allem den Buddhismus, den Taoismus und den Konfuzianismus gibt, denen die Vorstellung eines personalen Gottes gänzlich unbekannt ist, und es auch hierzulande große Geister wie Goethe, Albert Einstein und andere (vor allem die großen humanistischen Aufklärer) gegeben hat und noch gibt, die sich offen zum Atheismus bekannten und gleichzeitig als tief religiös bezeichneten.

Wie reimt sich das zusammen? Hubertus Mynarek hat ein Buch mit dem Titel "Religiös ohne Gott" herausgegeben, in dem er Hunderte solch religiöser Atheisten aus allen Gruppen und Schichten der Bevölkerung zu Wort kommen lässt. Albert Einstein (in seinem Buch "Mein Weltbild" (erstmals 1934 in Zürich erschienen) schreibt darin wörtlich: "Das Erlebnis des Geheimnisvollen (von Wittgenstein "das Mystische" genannt TW) - wenn auch mit Furcht gemischt (nach Rudolf Otto "das Tremendum" TW) - hat auch die Religion gezeugt... Dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinn und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen. Einen Gott..., der ... einen Willen hat nach Art desjenigen, den wir an uns selbst erleben, kann ich mir nicht einbilden ..."

Einsteins Fühlen und Erleben hat demnach nichts mit verfasster Religiosität zu tun - es ist vielmehr das Staunen vor dem geheimnisvoll Erhabenen, das womöglich gepaart ist mit dem Gefühl der Allverbundenheit, das bereits Romain Rolland in seinem Briefwechsel mit Sigmund Freud als "ozeanisches Gefühl" bezeichnete.

So überzeugend solche Selbstauskünfte und Bekenntnisse auch für den sein mögen, der die ihnen zugrunde liegenden Erfahrungen teilt - stets wird das fromme Gretchen sagen: "Steht aber immer schlecht darum, denn du hast kein Christentum."

Doch nicht nur von Seiten gläubiger Christen wird dem Atheisten Spiritualität abgesprochen, auch von anderer Seite, nämlich von Seiten eines kruden Materialismus droht ihm verächtliche Kritik.

So erhielt ich einmal einen Leserbrief, dessen Schreiber mich wohl irrtümlich für einen platonischen Idealisten hielt und der in seiner Zuschrift allen Ernstes erklärte, er glaube nicht, dass es "so etwas wie Geist" gebe, denn derlei sei noch nie gesichtet worden und keine empirische Wissenschaft habe derlei bisher nachweisen können. Und deshalb könne es auch keine Spiritualität geben, weder für Christen noch für Heiden.

Das war natürlich blanker Unsinn oder anders: Ausdruck einer ideologischen Verstiegenheit im Sinne Ludwig Binswangers Info. Ich antwortete dem Briefschreiber, indem ich ihn fragte, ob er sich selbst sein Menschsein absprechen wolle. Der Mensch sei zwar, biologisch gesehen, ein Säugetier, zugleich aber, als Homo sapiens, ein geistbegabtes Wesen, und gerade sein personaler Geist sei es, der ihn von den anderen Tieren unterscheide. Zugleich wies ich den Schreiber darauf hin, dass er seine These von der Nichtigkeit des Geistes in seinem Brief selbst ad absurdum führe, denn durch die Tatsache, dass er nachdenke, argumentiere, sprachlich kommuniziere, schreibe, also geistig tätig sei, widerlege er seine These durch sein eigenes Tun.

Das muss meinen Briefpartner wohl überzeugt haben. Jedenfalls habe ich danach nichts mehr von ihm gehört.

In jüngster Zeit wurde meine Überzeugung, dass es eine atheistische Spiritualität, ja gar eine atheistische Religiosität gebe, von zwei mir geistesverwandten Autoren bestätigt: von Michael Schmidt-Salomon in seinem Buch "Jenseits von Gut und Böse" sowie von André Comte-Sponville in seinem Buch "Woran glaubt ein Atheist? / Spiritualität ohne Gott." Beide beschreiben mystische Erfahrungen in der Form von Naturerlebnissen, die einem Eintauchen in das Seinsganze entsprechen und mit höchsten Glücksgefühlen verbunden gewesen seien. Beide Autoren sind im Sinne kritischer Rationalität geschult und dennoch offen für Erfahrungen eines begrifflich nicht Fassbaren, Mystischen, Inkommensurablen, davon der Rationalist Wittgenstein in seinem "Traktatus logico-philosophicus" sagte: "Es gibt allerdings Unaussprechliches; dieses zeigt sich, es ist das Mystische."

Als umfassende und differenzierende Bestimmung des Begriffs Spiritualität schlage ich nach den vorangegangenen Überlegungen nunmehr die folgende Definition vor: Spiritualität ist der Sammelbegriff der mit Werten und Bedeutungen verknüpften bewussten Vorstellungen, die ein Mensch von Personen, Sachen und Vorgängen hat, oder die geistige Welt, in der er lebt, als die Gesamtheit seiner Bewusstseinsinhalte oder als Bewusstsein alles dessen, was ihn umgibt und womit er in lebendiger Verbindung steht, einschließlich seiner (schöpferischen und/oder rezipierenden) Teile habe an Kunst und Wissenschaft sowie der Erfahrung staunenden Ergriffenseins angesichts eines überwältigend erhabenen, unendlich großen Ganzen, als dessen Teil er sich fühlt.

Auch diese Definition ist natürlich wie alles menschliche Wissen nur vorläufig und kann daher nur eine bescheidene Hilfe zu weiterer Orientierung sein.