Ressentiment und Vorurteil

Zur sozial psychologischen Klärung der Begriffe

Nicht immer liefern Nachschlagewerke bestmögliche Informationen. Dies wurde mir bewusst, als ich auf der Suche nach einer brauchbaren Definition des Wortes Ressentiment in vier verschiedenen Lexika die nahezu gleichlautende Erklärung ,,Wiedererleben schmerzlicher Gefühle wie Groll, Hass, Missgunst, Rachsucht" fand, so, als hätten die Autoren allesamt voneinander abgeschrieben. Diese Worterklärung konnte mir nicht genügen, da meine eigene Lebenserfahrung mehr umfasste als nur diese Negativa. - Gewiss, was den obengenannten Gefühlen zugrunde liegt, das sind (oft bis in die frühe Kindheit zurückreichende) leidvolle, traumatisierende Erfahrungen. Aber Menschen machen ja nicht nur leidvolle, sondern auch erfreuliche Erfahrungen, so dass der Begriff Ressentiment mit der oben zitierten Erklärung zu eng gefasst ist.

Das Wort Ressentiment ist französischen Ursprungs. Sentiment heißt Empfindung, Gefühl, Emotion, und diese sind auf der ganzen Skala des menschlichen Gemütslebens angesiedelt, von der zartesten seelischen Regung bis zum stärksten Affekt.

Freude und Leid, beide, sind mir im Leben widerfahren, und aufs Ganze gesehen ist die Zahl meiner guten Erfahrungen weit größer als die meiner schlechten, so dass ich die obengenannten negativen (schmerzlichen) Ressentiments ausdrücklich um die nachstehend genannten positiven (höchst erfreulichen) erweitern und ergänzen möchte: Dankbarkeit, Zuneigung, Sympathie, Freude (zumal Wiedersehensfreude), Wohlbehagen, Glück, Liebe, Bewunderung und Begeisterung - Gefühle, die durch Erinnerungen und Assoziationen jederzeit wiederbelebt und aufs neue, erneut oder einmal mehr (eben das steckt ja in der Vorsilbe "re".) erlebbar und erfahrbar gemacht werden können. So ist also der Begriff Ressentiment für mich eher positiv als negativ besetzt und steht in einer ungleich weiteren Dimension, als die spärlichen lexikalischen Angaben vermuten lassen.

Höchst verschieden vom Ressentiment ist nun das Vorurteil:

Während das Ressentiment in den Bereich der Emotionalität gehört, in aller Regel einfühlbar und nachvollziehbar ist und als individuelle Erfahrung zumindest relative Bedeutung hat, geht es beim Vorurteil, das Allgemeingültigkeit beansprucht, um selektive und daher getrübte oder gar verzerrte Kognition und deren sprachlichen Ausdruck in positiven (bejahenden) oder negativen (verneinenden) Sätzen. Das Vorurteil gründet (sofern es überhaupt Gründe nennt) auf der Beobachtung von Einzelfällen und besteht aus Aussagen, die (pars pro toto) vorschnell, d.h. ohne Prüfung des objektiven Sachverhalts verallgemeinert werden und dann als terrible Simplifikationen jede auf Erkenntnis zielende sprachliche Kommunikation stören. Die "Wahrnehmung", die dem vorangeht, ist dabei stets durch Affekte getrübt: entweder durch irrationale Ängste oder (im Falle positiver Vorurteile) durch ein ausgeprägtes Wunschdenken. Das Ergebnis ist im einen wie im anderen Fall Realitätsblindheit, die sich zeigt in Sätzen wie diesen: "Mein Kind lügt nicht!" - "Priester sind moralisch integer." - "Die Juden sind an allem schuld." - "Frankreich gefährdet unser Vaterland." - "Die Türken, die Polen, die Deutschen, die Schwarzen, die Weißen..." usw. usf., so dass der Satiriker fragt: "Warum nicht auch die Vegetarier, die Diabetiker oder die Philatelisten?"

Wer immer ein Vorurteil zuerst formuliert hat - ist es einmal in der Welt, so wird es von andern kritiklos, ungeprüft und ohne Kenntnis des wahren Sachverhalts übernommen und weiterverbreitet. Es ist dann nichts weiter als ein On-dit, ein Gerücht, eine haltlose Behauptung ohne Erkenntniswert.

Dabei muss man wissen, dass nicht jedes abwertende Urteil ein Vorurteil sein muss, obwohl dies von interessierter Seite oft so hingestellt wird. Es gibt abfällige Urteile, die auf Erfahrung beruhen und die objektiv verifiziert sind, so z.B., wenn Ärzte sagen: "Rauchen schadet der Gesundheit und führt in erschreckend vielen Fällen zum Herzinfarkt oder zum Lungenkrebs." Entscheidend für den Wahrheitsgehalt eines Urteils ist weder der formale Unterschied zwischen negativ (verneinend) oder positiv (bejahend) noch der inhaltliche Unterschied zwischen aufwerten oder abwertender Beurteilung des jeweiligen Gegenstandes, sondern einzig und allein, ob das Urteil sachlich begründet ist, den wahren Sachverhalt trifft und somit überprüfbar verifiziert ist.

Was aber Ressentiments ebenso wie Vorurteile so gefährlich macht, ist der Umstand, dass quälende Ressentiments wie Hass, Neid Groll oder Rachegelüste sowie abwertende Vorurteile von Demagogen geschickt für deren womöglich menschenverachtenden Zwecke ausgenutzt und geschürt werden können, so dass sich die feindseligen Gefühle im Zuge einer ungezügelten systematischen Volksverhetzung dann auf der Suche nach Sündenböcken gegen irgendwelche ethnischen, religiösen oder andersartigen Minderheiten richten können. Man denke an Hassparolen wie: "Ausländer raus!" - "Neger, husch, husch, zurück in den Busch!" - "Asylantenpack!" - "Lügenpresse!" und ähnliche oft im Chor gebrüllte Rufe, wobei es dann nicht bei Worten bleibt, sondern zu Straftaten und Verbrechen (Mord und Totschlag, Brandstiftung, Pogromen oder gar Völkermorden) kommen kann.

Wer das nicht wünscht, der sorge dafür, dass er seine unerfreulichen, leidvollen Ressentiments auf erlaubte Weise abreagiere (durch Kritik, Zivilklagen bei Gericht, Strafanzeigen oder politische Arbeit). Er überprüfe seine Urteile, frage nach ihrem objektiven Wahrheitsgehalt, checke die Fakten und stelle sich rationaler Kritik, damit jede irrige, vielleicht vorschnell gebildete Meinung fundierter Sachkenntnis weiche.