ROT-FUCHS, April 2017 (Beilage)
Theodor Weißenborn
Raketentaufe im Hunsrück

Liebe Mitmenschen,

wie Sie wissen, laufen die rüstungstechnischen Vorbereitungen zur Verhinderung eines atomaren Krieges in der Bundesrepublik Deutschtand zurzeit auf Hochtouren. Im Zuge der Realisierung des NATO-Doppelbeschlusses werden zurzeit in Mutlangen, Heilbronn-Waldheide, Neu-Ulm sowie in Hasselbach atomare Mittelstreckenwaffen vom Typ Pershing-II bzw. Cruise Missile stationiert, die ausreichen, mehr als 500 Millionen Menschen zum Schutz des Friedens zu töten. Diese Waffen sind drohend gen Osten gerichtet, gegen unsere Brüder und Schwestern im anderen Teil Deutschlands bzw. gegen die Länder des Warschauer Paktes, und halten die Mächte der Finsternis dank bewährter Abschreckungsstrategie sowie mit Gottes Hilfe in Schach.

Politisch und moralisch verantwortlich für die Stationierung und den möglichen Einsatz dieser Waffen sind voll zurechnungsfähige natürliche Personen, Persönlichkeiten überdies von hohem sittlichem Rang, nämlich die Mitglieder der Fraktionen der Christlich- Demokratischen Union bzw. Christlich-Sozialen Union sowie der Freien Demokratischen Partei im Deutschen Bundestag, die am 22. November 1983 für die Stationierung und den möglichen Einsatz dieser Waffen gestimmt haben. Viele dieser Politiker haben seitdem wiederholt öffentlich versichert, daß dieser Beschluß ihnen nicht leichtgefallen ist. Wie man hört, soll es sich dabei um eine sogenannte Gewissensentscheidung gehandelt haben, also eine Entscheidung, die entweder auf göttliches Geheiß oder mit göttlicher Billigung getroffen wurde und die also nicht nur mit politischer, sondern vor allem mit ethisch-moralischer Verantwortung verknüpft ist, so daß man hier angesichts der hohen Güter, die bei dieser Entscheidung auf dem Spiel standen, von einer, historisch gesehen, bisher einmaligen sittlichen Großtat sprechen kann.

Gerade der Umstand, daß der Weltrat der Kirchen bei seiner Jahresversammlung in Vancouver im Sommer 1983 die Stationierung atomarer Massenvernichtungsmittel als "Verbrechen gegen die Menschheit" bezeichnet hat, läßt die Entscheidung der obengenannten Politiker in besonderem Glanz erstrahlen, insofern als jede sittliche Tat umso höher zu bewerten ist, je größer die dabei zu überwindenden inneren und äußeren Widerstände sind. Die hohen Tugenden, die die Befürworter der atomaren Nachrüstung angesichts des versuchen, der in Gestalt des Weltrates der Kirchen an sie herantrat, bewährt haben, tauten: Standhaftigkeit, Tapferkeit, Bündnistreue, Klugheit und Nächstenliebe.

Foto Pershing II Raketen

Mit der Absicht, diese moralische Großtat öffentlich angemessen zu würdigen, habe ich daher den Befürwortern der Stationierung im Deutschen Bundestag, den Mitgliedern der Fraktionen der CDU/ CSU und der FDP, am 19. November vergangenen Jahres schriftlich den Vorschlag unterbreitet, für die hier in Hasselbach stationierten Marschflugkörper persönliche Patenschaften zu übernehmen, um auf diese Weise auch jenen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die der Stationierung zur Zeit noch ablehnend gegenüberstehen, sinnfällig vor Augen zu führen, daß die Stationierung und der mögliche Einsatz dieser Waffen nicht von irgendwelchen nicht näher zu bezeichnenden schicksalhaften Mächten über uns verhängt sind, sondern daß hinter jeder einzelnen Waffe ein lebendiger Mensch steht, der für ihre Stationierung und ihren möglichen Einsatz politisch und moralisch verantwortlich zeichnet, indem er sich mit seinem Namen als dem Zeichen seiner sittlichen Person zu seiner Tat sowie zu den aus ihr resultierenden Folgen bekennt.

Das Ergebnis meiner Aktion war beschämend und bedrückend: Kein einziger der von mir angeschriebenen verantwortlichen Politiker war bereit, eine Patenschaft zu übernehmen bzw. der Taufe eines atomaren Marschflugkörpers auf seinen Namen zuzustimmen, und die Absagen, die ich erhielt, reichten formal-inhaltlich von höflicher Ablehnung bis hin zu psychiatrisierenden Beschimpfungen, wobei die vorgeschobenen und mühsam konstruierten Gründe für die Ablehnung unter anderem - ich zitiere - wie folgt lauteten: "Waffen kann man nicht vermenschlichen "Ein Instrument, das ... dazu gedacht ist,... Menschen zu vernichten, würde durch die Namensgebung personifiziert", "Ich finde es erschreckend, einer Waffe durch den Namen eines Abgeordneten eine, 'Seele' geben zu wollen.", "Waffen... einer Person quasi identifikatorisch zuzueignen, ist für mich schlicht makaber." usw. usf.

Natürlich habe ich seitdem darüber nachgedacht, worauf die Renitenz der potentiellen Taufpaten in Wahrheit zurückzuführen sei, und dabei bin ich zu folgendem vorläufigem Ergebnis gelangt: Die Befürworter der Stationierung haben ihre Entscheidung keineswegs guten Gewissens, sondern ganz im Gegenteil mit schlechtem Gewissen getroffen, so daß jede Konfrontation mit den möglichen Folgen ihres Handelns, jede Konkretisierung ihrer personalen Verantwortung ihnen seelischen Schmerz, nämlich Schuldgefühle und Gewissensbisse verursacht, und wenn auch Herr Dr. Geißler gesagt hat, "daß die Folgen eines atomaren Krieges gar nicht deutlich genug gemacht werden können", so ist es doch gerade diese Verdeutlichung, diese Veranschaulichung des Schreckens, die in der Psyche zartbesaiteter Naturen verheerend wirkt, so daß der Träger der Verantwortung tagtäglich, Stunde um Stunde gewaltige Mengen psychischer Energie aufwenden muß, um die latent in ihm schlummernden Schuldgefühle zu verleugnen und zu verdrängen, zumal für christlich orientierte Politiker, die der Tugend der Nächstenliebe in besonderem Maße verpflichtet sind, muß es überaus schmerzlich sein, zu sehen, daß das höchste Gut, das wir laut Helmut Kohl haben, nämlich der Friede in Freiheit, im Verteidigungsfall nur durch die Tötung der Träger dieses Gutes, nämlich die Vernichtung der dieses Gut genießenden Menschen, realisiert werden kann, so daß Friede und Tod ineins fallen und der Kanzler an den Massengräbern der Opfer seiner atomaren Sicherheitspolitik dereinst sagen kann: "Sie mögen ruhen in Frieden und Freiheit!"

Lassen Sie mich mit der folgenden Feststellung ein vorläufiges Fazit meiner Überlegungen ziehen: Die Befürworter der atomaren Nachrüstung fürchten die Konfrontation mit ihrer personalen und somit an niemanden zu delegierenden Verantwortung wie der Teufel das Weihwasser. Ergo packe ich sie genau an diesem Punkt und sage: Die Mitglieder der Fraktionen der Regierungsparteien im Deutschen Bundestag wollten, so scheint es, die politische und moralische Verantwortung, die sie freiwillig auf sich genommen haben, konkret nicht wahrhaben. Mit ihrer wie auch immer mühsam und kläglich rationalisierten Weigerung der Übernahme einer Patenschaft für einen der gemäß ihrem eigenen Beschluß hier stationierten Marschflugkörper haben sie eine großartige Chance vertan, persönlichen moralischen Mut zu beweisen. Diese Politiker beanspruchen Entscheidungs- und Handlungsfreiheit, ohne daß sie sich, so scheint es, personal zur Rechenschaft ziehen lassen wollen; sie beanspruchen Gewissensfreiheit in abstracto, ohne daß sie, wie es scheint, das Risiko der Schuld auf sich nehmen und die konkreten Folgen einer möglichen Fehlentscheidung tragen wollen; und jeder Hinweis auf diese möglichen Folgen ist ihnen ein Gräuel, gilt ihnen als "makaber", als Zumutung, als Belästigung, als Takt- und Geschmacklosigkeit, während sie selber zugleich das Recht und die Freiheit beanspruchen, eine Entscheidung zu treffen und in die Tat umzusetzen, die - nach Ansicht des Weltrates der Kirchen - ein "Verbrechen gegen die Menschheit" ist. Angesichts dieser Verkehrtheit sittlicher Vernunft scheint es mir geboten, den Sachverhalt vom Kopf auf die Füße zu stellen. Ich tue dies, indem ich 96 Mitgliedern des Deutschen Bundestags, die en masse für die Stationierung atomarer Massenvernichtungsmittel gestimmt haben, einen konkreten Anteil an eigener personaler Verantwortung, den sie nicht wahrhaben wollten, gewaltsam, gegen ihren Witten und en detail zuordne, indem ich jedem dieser 96 Abgeordneten je einen der in Hasselbach stationierten atomaren Marschflugkörper zuweise und indem ich überdies jeder einzelnen der in Hasselbach stationierten Waffen ein mögliches Angriffsziel zuordne, eine Stadt in der DDR, der ČSSR oder in Polen, wo Menschen leben, die das Leben lieben wie wir und die nach ihrer Fasson selig werden wollen, so wie wir selig werden wollen nach der unsern, und ich tue dies in Beherzigung des oben zitierten Wortes von Dr. Heiner Geißler, damit den für die Stationierung dieser Waffen Verantwortlichen die möglichen grauenvollen Konsequenzen ihrer Entscheidung so plastisch und schmerzhaft vor Augen geführt werden wie nur irgend möglich.

Die hier aufgestellten Schautafeln bringen die beabsichtigte Konkretisierung politischer und moralischer Verantwortung, glaube ich, auch optisch sehr schön zur Geltung, vor allem die zweite dieser Tafeln, auf der einige prominente bzw. für die atomare Nachrüstung außergewöhnlich engagierte Politiker besonders hervorgehoben sind, sollten einige der verantwortlichen in den Zielgebieten der ihnen zugeordneten Atomwaffen - also etwa in Bad Doberan, Saalfeld oder Dessau - zufällig Freunde oder Verwandte haben und sollte der Gedanke an deren u. U. militärisch notwendige Liquidierung ihnen ein wenig unangenehm sein oder sie in eine gewisse Verlegenheit bringen oder sollten Herrn Dr. Wörner angesichts einer möglichen Zerstörung Dresdens gewisse Bedenken - etwa denkmalpflegerischer Art - kommen, so möchte ich die Betroffenen an ihre bereits bei der Abstimmung über die Stationierung am 22. November 1983 vorgenommene Güterabwägung erinnern. Was das Motiv der Verteidigung betrifft, so würde es im Falle eines von unserer Seite ausgehenden atomaren Zweitschlags zwar entfallen, doch wäre die gebotene Maßnahme auch in diesem Fall sittlich gerechtfertigt, da sie einer angemessenen Bestrafung des Gegners entspräche.

Vor allem aber wäre zu bedenken, daß die dem Menschen angeborene oder anerzogene Tötungshemmung natürlich nur im Friedensfall ihren Sinn hat, während sie in Kriegszeiten, als atavistisches Relikt, die Durchführung der gebotenen militärischen Maßnahmen unnötig behindern würde und somit fehl am Platze wäre.

Ich bedaure an dieser Stelle das Ableben von Frau Dr. Helga Wex, mit der die atomare Nachrüstung eine ebenso warmherzige wie couragierte Befürworterin verloren hat. Ihr Tod hat dazu geführt, daß der Marschflugkörper mit der Serialnummer 87 zurzeit ohne verantwortliche Bezugsperson ist. Das ist natürlich ein unhaltbarer Zustand, und um hier einen gewissen Ausgleich zu schaffen, scheint es mir sinnvoll, gerade diese Waffe, die hier zugleich stellvertretend für alle übrigen in der Bundesrepublik stationierten Atomwaffen genannt sei, in besonderer Weise zu würdigen, und zwar durch den Akt einer symbolischen Taufe, den ich nunmehr ohne die Möglichkeit eines Einspruchs von Seiten der Betroffenen vollziehen werde. Wir schreiten zur Zwangstaufe: Hiermit taufe ich den atomaren Marschflugkörper vom Typ Cruise Missile mit der Nr. 87, mit dem möglichen Angriffsziel Borna, einer Stadt im Bezirk Leipzig, DDR, und der Venichtungskraft von mehr als zehn Hiroshima-Bomben auf den Namen "Amtskirchliche Friedenspolitik".

Liebe Mitmenschen, wir wollen hier eine kleine Gedenkminute einlegen...

Ich danke Ihnen, die Zeremonie ist beendet.

Diese satirische, bitter-ernste Ansprache hielt Theodor Weißenbom auf der Ostermarsch-Kundgebung vor der US Air Base Hahn (Hunsrück) am 31. März 1986