Psychotherapie und Seelsorge

Zwei Menschengruppen (inmitten einer größeren Schar von Human Wissenschaftlern) bieten sich dem leidenden Menschen als Helfer und Heiler an und haben - so scheint es wenigstens auf den ersten Blick - eine gemeinsame Aufgabe und einen gemeinsamen Gegenstand. Doch schaut man genauer hin, so zeigt sich, dass die Geister beider Gruppen sich grundlegend voneinander unterscheiden, denn beide haben, wenn sie von der Psyche und/oder der Seele des Menschen sprechen, ein fundamental anderes Menschenbild vor Augen. Es geht dabei um Bilder, die klar voneinander abzugrenzen sind und die nicht verwechselt werden dürfen, oder anders: um die Unterscheidung des theologischen, unwissenschaftlich-spekulativen Begriffs Seele vom medizinisch-psychologischen Terminus Psyche.

Dem Wort Seele liegt die altgriechische Vorstellung vom Pneuma zugrunde, vom Hauch oder Anhauch Gottes, der etwas Totes lebendig macht. Dies ist die dem Menschen von Gott eingeblasene, von Theologen so genannte "unsterbliche" Seele, die den Körper nach dessen Tod verlässt und mit ungewissem Ziel (Himmel, Hölle oder Fegefeuer) ins Jenseits auswandert. Von dieser Vorstellung hat die theologische, kirchliche Lehre (lieber sage ich: die christliche Ideologie) sich bis heute nicht freimachen können; sie schleppt sie hinter sich her wie einen Klotz am Bein, während das Rad der Geschichte der Wissenschaft längst über sie hinweggegangen ist.

Der in den Humanwissenschaften gebräuchliche Fachausdruck Psyche (statt vulgo Seele) meint dagegen etwas völlig anderes.

"nämlich die Gesamtheit aller emotionalen und rationalen Regungen der höher entwickelten Lebewesen, Gemüt und Geist, die auf Substraten organischen Lebens aufruhen und an die jeweils höchstentwickelte Biomasse, das zentrale Nervensystem (beim Menschen Stammhirn, Limbisches System, Kortex und Neokortex) gekoppelt sind. Da die psychischen Regungen - das ist empirisch erwiesen - mit dem leiblichen Tod des Menschen nach und nach erlöschen, kann von einem Fortleben nach dem Tod nicht die Rede sein, und deshalb kommt alles darauf an, dass das einmalige diesseitige Leben (das Leben vor dem Tod!) gelingt und so sinnvoll gestaltet wird wie möglich.

Diese klare Gegenüberstellung der Begriffe ist fundamental wichtig, und zwar nicht nur für die Begründung der Theorie einer medizinischen Psychologie oder psychosomatischen Medizin, sondern natürlich auch für jede natur- und geisteswissenschaftlich orientierte psychotherapeutische Praxis.

Dies zeigt sich in der therapeutischen Sprechstunde oder im Beichtgespräch bereits bei der Erstellung der Diagnose: den ungelösten und womöglich unbewussten innerpsychischen oder sozialen Konflikt, unter dem der Klient oder das Beichtkind leidet, wird der Seelsorger (ein Kirchenmann, ein Priester) in aller Regel als ein Befinden im Zustand der "Sünde" interpretieren, und als Heilmittel wird er deren Vergebung im Sakrament der Beichte empfehlen. Damit ist die Sache ins Mythisch-Mystische entrückt, und wer glaubt, kann sogar selig werden - allerdings nur unter der Voraussetzung, dass der Gewinn, den der reuige Sünder aus dieser Seelsorge bezieht (Geborgenheit, gütige Zuwendung, Bestärkung, tröstlicher Zuspruch, Sinn oder gar Heilsgewissheit), dass eine subjektiv positive Erfahrung im Vordergrund seines Erlebens steht und der Preis, der dafür zu entrichten ist, dem Klienten oder dem Beichtkind gar nicht bewusst wird.

Schon der vom Lehramt der Kirche ersonnene Sprachgebrauch - das "Beichtkind" geht zu seinem "Beichtvater", oder dieser kommt zu seinem "Beichtkind" - suggeriert ein Kindschaftsverhältnis und erzeugt emotionale Abhängigkeit. Diese wird noch dadurch verstärkt, dass das Beichtkind, sobald es dem kirchlichen Heilsversprechen einmal aufgesessen ist, ohne die Absolution und das heißt ohne die Gnade Gottes ebenso wenig leben zu können glaubt wie ein Kind ohne die Liebe seiner Eltern, die das Kind (wenn sie keine guten, sondern schlechte Eltern sind) ständig mit Liebesentzug bedrohen. Die Taktik, die der Seelsorger - egal, ob bewusst oder unbewusst - verfolgt, ist hierbei durchaus verständlich: er will das Beichtkind lebenslang an die Institution Kirche binden, will sich selbst - anders als ein guter Arzt - nicht überflüssig machen, sondern will unentbehrlich scheinen, denn der Auftrag seines Amtes ist nicht die Befreiung des Menschen, sondern dessen Unterwerfung unter "Gottes heiligen Willen". Er will nicht die Autonomie des Menschen (denn diese ist Sünde) - er will Theokratie und sieht sich selbst als deren Vollstrecker!

Wo es um konkrete Entscheidungen in zentralen Situationen des Lebens geht, wird der kirchliche Seelsorger daher stets nur das anraten, was die Kirche lehrt. Er kann gar nicht anders, denn er ist entweder selbst der Ideologie, die er vertritt, hörig oder doch lohnabhängig und würde sonst seines Amtes enthoben, dem er sich durch einen Eid verpflichtet hat. Passiv wie aktiv autoritär, ist er ein Knecht, der andere knechtet. Darum wird er z.B. von einer Scheidung abraten, auch wenn eine Ehe innerlich längst zerrüttet ist, wird ein offenes Ausleben von Homosexualität als Sünde oder bestenfalls als Krankheit betrachten (weil Homosexualität "dem Herrn ein Gräuel" ist), und wie könnte er gar einen Austritt aus der Kirche gutheißen, sosehr gerade diese das Beichtkind womöglich krank macht! Und der Gedanke, dass er selbst, der "Seelsorger", nur "heilt", was er selbst zuvor krank gemacht hat, dieser Gedanke wird ihm zu allerletzt kommen. (Nicht die Psychoanalyse, so könnte man an dieser Stelle frei nach Karl Kraus sagen, aber die Kirche ist die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält.) - Arme Priester! Psychisch kranke Therapeuten! Selbst ihre eigene Misere werden sie noch verklären, ihr eigenes Leiden an der Kirche werden sie als gottgewollt erdulden und als von Gott verkündeten tiefen Sinn interpretieren, und anstatt aufzubegehren, werden sie ein Buch schreiben mit dem Titel "Freude am Zölibat"!

Dies ist die fatale Situation des kirchlichen Seelsorgers, den wir wohl seinem Schicksal überlassen müssen, nach dessen krausen Wegen er entweder ein Doppelleben führen, alkoholabhängig werden oder - ein seltener Kasus! - dem Beispiel Hubertus Mynareks folgen wird, der als Dekan der katholischen theologischen Fakultät der Universität Wien sein Lehramt quittierte, sich laisieren ließ, heiratete und Kinder zeugte.

Aber wie steht's daneben um die weltlichen Kräfte, die durchaus wissenschaftlich geschult, aber zugleich im kirchlichen Dienst stehen, die in kirchlichen Häusern als Ehe-, Familien- und Lebensberater tätig sind? Müssen diese sich nicht ständig verbiegen? Aus Angst, ihre Stelle zu verlieren? Aus falscher Loyalität? Aufgrund eigener, leidvoller emotionaler Abhängigkeit? Die Beratungspraxis, wenn es um die Frage der Abtreibung, der Empfängnisverhütung, der Sterbehilfe oder der Selbsttötung geht, zeigt, zu welch weitem Spagat der Berater genötigt sein kann, so dass niemand in seiner Haut stecken möchte.

Das Altertum zu solchen Kümmerformen professioneller Lebensberatung wäre eine humanistischer Aufklärung verpflichtete Psychotherapie, die im Sinne Carl Rogers' nicht direktiv oder dirigistisch verfährt, sondern zunächst einmal zuhört und zu verstehen sucht, bevor sie wertet und Ratschläge erteilt. Sie geht ein auf die Wünsche und Ängste des Klienten, nimmt seine Hoffnungen und Befürchtungen ebenso ernst wie seine realen Nöte, sucht sein Selbstwertgefühl zu stärken, indem sie ihm Erfolgserlebnisse vermittelt, fördert und fordert ihn nach Maßgabe seiner Kräfte und tut all dies mit dem Ziel, den Klienten in die Lage zu versetzen, selbst Auswege aus seiner vermutlich leidvollen Situation zu finden, Lösungen seiner inneren oder äußeren Konflikte zu erproben, Alternativen des eigenen Tuns und Lassens zu erkunden, selbst zu agieren, statt immer nur zu reagieren, kurz: sein Leben in eigener Regie zu führen. Das bedeutet auch, dass der Klient sich frei macht von ethisch nicht gerechtfertigten sozialen Zwängen oder anders: dass er auf dem Weg zu einem autonomen Gewissen an die Stelle einer anerzogenen Pflichtmoral ein eigenes, persönliches Verantwortungsethos setzt, in dessen Befolgung mit sich und andern ins reine kommt und in selbstkritischer Bejahung und Verneinung immer wieder auch in sich ruhen kann, so wie Fritz Riemann und Karl Minninger dies in ihren Büchern "Grundformen der Angst" und "Das Leben als Balance" beschrieben haben. Dabei darf das Pendel durchaus auch einmal in der einen oder anderen Richtung kräftig ausschlagen, wenn es nur wieder zurück zur Mitte, zur aristotelischen Mesotes, findet.

Dass ein Milltärseelsorger einem Soldaten zur Fahnenflucht rät, ist schwer vorstellbar. Aber dass ein Psychotherapeut wie Erich Fromm den Tyrannenmord rechtfertigt, könnte ich mir gut denken, denn auch ein Verstoß gegen geltendes Recht kann, wenn schon nicht legal, so doch ethisch legitim sein. Das heißt nicht, dass unter ethisch-moralischen Aspekt "anything goes" oder dass hier einer Libertinage oder einem "Laissez-faire" das Wort geredet werde, denn die Abwägung der Güter mittels kritischer Vernunft ist eher genauer, strenger, beschwerlicher und dann auch überzeugender als die Befolgung priesterlicher Willkürgebote in schafsköpfig-demütiger Unterwerfung.

Eines - wenn denn schon einmal ein Ratschlag erteilt wird - ist allerdings zu beachten: ein Handeln, das für den einen genau richtig und erfolgreich sein mag, kann für einen anderen eine grobe Fehlleistung sein. "Eines schickt sich nicht für alle." Und persönlichkeitsfremde, nicht aus dem individuellen Charakter der Person erwachsende und nicht in deren eigenem Kern gegründete Verhaltensweisen dürfen nicht empfohlen oder gar geboten werden, da sie den womöglich gutwillig Folgenden ins Unglück stürzen könnten. Wo derlei droht (denn es gibt neben schlechter Seelsorge natürlich auch schlechte Psychotherapie!), da ist der Klient hoffentlich so selbstbewusst und autonom, dass er die Kooperation verweigert und die Therapie abbricht. Dann hat er dem Therapeuten eine Lehre erteilt, und der, wenn er lernfähig ist, mag sich entsprechend fortbilden.