Prognose: ungewiss oder Das Ende einer Illusion

Im psychiatrischen Lehrbuch zweier US-amerikanischer Autoren namens Redlich und Freeman finde ich die These: "Wenn uns alle das menschliche Verhalten bestimmenden Determinanten bekannt wären, könnten wir das Verhalten eines Menschen mit absoluter Sicherheit Voraussagen." Dieser Satz ist so unbändig richtig wie das spaßige Verslein: "Es wär alles nicht so schwer, wenn es etwas leichter wär" und ist zugleich bar jeglichen Erkenntniswertes; denn das ist ja gerade die Crux, dass uns eben nicht alle diese Faktoren bekannt sind, so dass wir uns bei der Kalkulation, wie ein Mensch sich in einer konkreten Situation entscheiden und verhalten wird, auf allgemeine Erfahrungswerte, vergleichende Beobachtungen, Selbstauskünfte des Menschen und Auskünfte Dritter beschränken müssen, also auf das, was man gemeinhin als Menschenkenntnis bezeichnet und was allenfalls mehr oder weniger zutreffende Wahrscheinlichkeitsaussagen erlaubt. Darum forscht die Psychologie mit mehr oder weniger Erfolg unentwegt nach Gesetzen, gemäß denen menschliches Erleben und Verhalten sich gestaltet und hat dank Sigmund Freud und anderen Autoren deren etliche (wie z.B. Abwehr, Verdrängung, Verleugnung, Übertragung usw.) auch tatsächlich erkannt, was zweifellos zu einem genaueren und tieferen Verständnis der menschlichen Psyche geführt hat. und doch: wo es um lebenswichtige Entscheidungen in sogenannten Grenzsituationen geht, in denen innerste Wertvorstellungen auf dem Spiele stehen, sind unsere Prognosen ungewiss, stoßen wir auf ein letztes, unaufdeckbares Geheimnis, das das Wesen der Person ausmacht.

Was für die Bewertung einzelner Menschen gilt, das gilt nun erst recht für die Beurteilung größerer oder kleinerer Menschengruppen: Familien, Sippen, Volksstämme, ganze Völker und Nationen und schließlich die Menschheit insgesamt. Allzu viele Determinanten oder Faktoren wirken in schier unübersehbarer Vielfalt teils antagonistisch, teils kontagonistisch aufeinander ein. Unzählige Entitäten sind an diesem Kräftespiel beteiligt: Instinkte, Triebe, unbewusste Motive, Emotionen, Affekte, Ressentiments aller Art, Wünsche, Ängste, Bedürfnisse und Fähigkeiten, Hoffnungen und Erwartungen ebenso wie bewusste Interessen und: Tendenzen, Absichten und Pläne, Ideen und jähe Impulse. In inneren und äußeren Konfliktsituationen setzen die stärkeren Kräfte sich jeweils durch, entscheiden die Handelnden, einzelne Personen oder ganze Völker sich schließlich für jene Optionen, die die größere Sinn- und Wertfülle versprechen, bona fide und auf die Gefahr hin, sich gründlich zu irren, wobei der Außenstehende in seinen Prognosen sich, ganz oder teilweise, bald getäuscht, bald bestätigt sieht. Niemand kann bekanntlich in das Hirn eines andern hineinsehen, und so bleibt der Mensch, sei es der einzelne oder das Kollektiv, dem Menschen ein ewig unbekanntes Wesen.

Veranschaulichen wir uns die Unmöglichkeit der Providenz einmal an einem konkreten Modell, nämlich an dem Lottospiel Sechs aus neunundvierzig, das uns aus dem Fernsehen bekannt ist, und blicken wir dabei auf die gläserne Trommel, in der die nummerierten Kugeln gemischt werden. Was sehen wir da? Einen verwirrenden Wirbel tanzender, kreiselnder Kugeln, die aufeinanderprallen und einander in unberechenbarer Weise bald in die eine, bald in die andere Richtung stoßen, unmöglich, mit den Augen den Weg auch nur einer einzigen dieser Kugeln zu verfolgen, geschweige denn zu sagen, ob sie herausgefischt und fallen wird oder nicht.

Aber wenn schon dies nicht möglich ist, was ist dann, wenn wir auf das Seinsganze des Weltgeschehens blicken, in dem alles mit allem vernetzt ist und in das auch die Geschichte der gesamten Menschheit und die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft verwoben ist? Wenn wir dabei sowohl die Sphäre der unbelebten Materie, der Biosphäre und der auf diesen Schichten aufruhenden Sphäre des ideellen Seins ins Auge fassen, in denen statt lediglich 49 Entitäten Milliarden und Abermilliarden von Determinanten am Werk sind? Ist es dann nicht geradezu tollkühn, eine mit naturgesetzlicher Notwendigkeit sich entwickelnde menschliche Gesellschaft zu postulieren und gar deren Wandlung mit absoluter Sicherheit voraussagen zu wollen? Gewiss ist nach dem Satz vom zureichenden Grunde alles, was auf Erden ist oder geschieht, hinreichend begründet und eindeutig determiniert, aber das heißt noch lange nicht, dass es auch voraussehbar oder planbar wäre. Was also die Prognose einer utopischen Gewalt und unterdrückungsfreien Gesellschaft betrifft, so vermute ich, dass hier der Wunsch der Vater des Gedankens ist, denn empirisch erwiesen ist derlei mit nichten. Im sozialen Miteinander, Gegeneinander und Durcheinander beherrscht (wie in der Mischtrommel der tanzenden Kugeln) nicht lineare Kausalität, sondern Komplexität das Bild. Einflüsse, Strömungen, Trends aller Art begleiten, durchkreuzen, verstärken, schwächen, neutralisieren einander in unberechenbarer Vielfalt. Dies eben ist der Grund, weshalb plausible, ja logisch stringent scheinende Theorien, wie alle Erfahrung lehrt, in der Praxis, der rauen Wirklichkeit so oft kläglich scheitern.

In der Theorie, auf dem Reißbrett, lässt sich wohl ein Szenario zeichnen, in dem alle störenden Faktoren beseitigt und alle Bedingungen geschaffen sind, die für das reale Eintreten einer beabsichtigten Wirkung notwendig und hinreichend sind. Aber die Wahrheit, das reale Geschehen, das Faktum richtet sich nun einmal nicht nach uns und unseren Wünschen, sondern wir müssen uns nach ihr und ihm richtet. Was ist, lässt sich - allem dogmatischen Starrsinn zum Trotz - nicht hinwegzweifeln, was nicht ist, nicht herbeiglauben. Was wir sehen, sind nicht immer Klassenkämpfe, sondern auch Völkerkriege, Religionskriege, Eroberungs- oder Kolonialkriege, Machtkämpfe rivalisierender Despoten (siehe Hitler und Stalin), die ihre Völker ins Verderben stürzen, Völkermorde und Völkerwanderungen, Aufstieg und Untergang großer Kulturgesellschaften. Denn "Das Getrennte zu vereinen und das Geeinte zu trennen, ist das Wirken der Natur" (Goethe), und der Mensch ist sowohl ein Kultur- als auch ein Naturwesen, ist zwar, anders als ein passiv daliegender Kieselstein, eine Determinante seiner selbst (darin besteht seine Autonomie), aber eben nicht die einzige Determinante, sondern weithin mitdeterminiert von allen nur denkbaren auf ihn einwirkenden Mächten, seien es Naturkräfte oder Einflüsse vonseiten seiner Mitmenschen.

So bleibt es denn dabei: Im Leben herrschen keine Laborbedingungen. Wir sind keine Doctores Allwissend, können nicht einmal (trotz immer zahlreicher werdender Messdaten) das Wetter sicher voraussagen, und die Beschränktheit unserer Providenz ist evident. So schmerzlich es auch für den gläubigen Marxisten sein mag und so sehr es sein Weltbild erschüttern wird - von der Vorstellung eines mit Sicherheit zu erwartenden Himmels auf Erden wird er sich verabschieden müssen, schon um nicht der Versuchung zu erliegen, die Hände in den Schoß zu legen, weil die Utopie ihm ja ohnehin verheißen ist. Nein, nein! Das Machbare (und das ist nicht wenig) muss getan werden. Denn "Es gibt" (so Jean Paul Sartre in seinem Essay "Ist der Existentialismus ein Humanismus?") "nur Hoffnung im Handeln, und die Tat ist das einzige, was dem Menschen zu leben erlaubt."

Der Rest ist Schicksal und muss ertragen werden.

Starres Festhalten an Dogmen lähmt und versperrt den Blick in die Zukunft. Also muss der rationale Diskurs ergebnisoffen bleiben, wie die Gesellschaft offen bleiben muss für Veränderung.

Karl R. Popper und seine Schüler, allen voran Hans Albert, haben das, denke ich, stringent herausgearbeitet. Albert vor allem in seinem "Traktat über kritische Vernunft".

Und schließlich: Sollten wir, die wir den Boden bereiten wollen für Freundlichkeit, der Übermacht der Reaktion erliegen und scheitern, so wäre dies wie der Tod Salvador Allendes weder unmoralisch noch ehrenrührig, und sollten wir allesamt in dem einen oder anderen Punkt irren, so gilt auch für uns der Satz, mit dem Klaus Dörner und Ursula Plog ihr Lehrbuch der Psychiatrie betitelt haben: "Irren ist menschlich".