Wie kann man Mitglied der katholischen Kirche, praktizierender Katholik oder gar tiefgläubiger Christ und gleichzeitig psychisch gesund sein?

In der Überschrift dieses Textes werden drei Personengruppen unterschieden, deren psychische Gesundheit durch ihre unterschiedliche Verbundenheit mit der katholischen Kirche in unterschiedlicher Weise tangiert ist.

Beginnen wir mit der erstgenannten Gruppe, der Gruppe derer, die der Kirche lediglich durch ihre durch die Taufe erworbene Mitgliedschaft verbunden sind. Diese Gruppe ist gesundheitlich kaum, ja man kann sagen, überhaupt nicht gefährdet. Sie besteht aus Menschen, die zwar Kirchensteuern zahlen (diese wird ihnen ja durch den Fiskus vom Lohn oder vom Brutto-Einkommen abgezogen), im Übrigen aber, wie sie selbst sagen, "mit der Kirche nichts am Hut haben." D.h. diese Kirchenmitglieder sind kaum mehr als Karteileichen. Sie nehmen die kirchlichen Lehren (Dogmen des Glaubens oder der Moral) nicht ernst, haben sich ihren klaren Geist bewahrt, befolgen mit aufrechtem Gang ihre eigene, autonome Moral, die auf Vernunft und Solidarität oder mitmenschliche Empathie gestützt ist, konkret: sie halten sich als mehr oder weniger brave Staatsbürger an die Gesetze des BGB und des StGB, folgen - zum eigenen Vergnügen wie zur Freude ihrer Partner - ihren sexuellen Neigungen, leben gegebenenfalls ohne kirchliche Trauung in "wilder Ehe", benutzen empfängnisverhütende Mittel und tun all dies ohne Sündenangst, da die jesuanischen und kirchlichen Drohungen mit dem ewigen Höllenfeuer an ihnen abprallen wie Wassertropfen am Gefieder einer Ente. Und wenn sie gleichwohl ihre Kirchenmitgliedschaft nicht aufkündigen, so allenfalls aus Bequemlichkeit, mitleidsvoller Rücksicht auf gläubige Eltern, Großeltern, Kinder oder Geschwister (ähnlich wie Kant, der seiner pietistischen Mutter zulieb seine drei Postulate (Gott, Freiheit, Unsterblichkeit) erhob, oder sie bleiben aus Opportunismus in der Kirche, um gesellschaftliche oder berufliche Nachteile zu vermeiden oder vielleicht auch nur, weil sie dem vermutlich kirchlich verbreiteten Ondit aufgesessen sind, dass, wer keine Kirchensteuer zahle, statt dessen eine ebenso hohe "Kulturabgabe" entrichten müsse.

Kurz: diese Gruppe ist zu beglückwünschen, weil der Psychoterror derer, die blind machen, um führen zu können, und die krank machen, um heilen zu können, sie offenbar nicht erreicht hat, da sie vermutlich kluge Gegeninformanten hatten und vielleicht Sigmund Freuds Schrift "Die Zukunft einer Illusion" oder Bertrand Russells Bekenntnis "Warum ich kein Christ bin" gelesen haben.

Vergleichsweise problematisch und mitunter (nicht immer!) fatal ist dagegen die Lage jener, die sich selbst als "praktizierende Katholiken" bezeichnen.

Was bedeutet diese Etikettierung?

Der praktizierende Katholik, im zarten Säuglingsalter zwangsgetauft und von wohlmeinenden Eltern von Kindesbeinen an im christlichen Glauben erzogen, verharrt seinen Sozialisatoren in Elternhaus, Schule und Kirche gegenüber in untertänig demütiger Haltung. Er ist gutwillig und gutgläubig bis zur Autoritätshörigkeit, unterdrückt - wohl aus Furcht vor der ewigen Verdammnis - jeden noch so gut rational begründeten Zweifel an den ihm eingetrichterten Glaubenslehren, und auch wenn er einmal ein dumpfes Unbehagen verspürt, bleibt er doch der Religion seiner Väter treu. Das bedeutet aber auch, dass er nie richtig erwachsen wird, keine eigene Kompetenz in für sein eigenes Leben wichtigen Fragen gewinnt, kein autonomes Gewissen entwickelt und nicht zur Reife gelangt. Und selbst wenn er das Abitur hat und akademische Titel trägt, kann er gläubig-naiv oder naiv-gläubig sein wie ein Kind, so dass sich (in Österreich) von ihm sagen lässt: "Er hat zwar die Matura, doch was ihm fehlt, ist die Reife." Gerät er als, biologisch gesehen, Erwachsener zufällig einmal in einen religiösen Disput, so wird er sich schleunigst daraus ausklinken und ohne jedes Problembewusstsein sagen: "Ich glaube, was meine Mutter mir gesagt hat." - Ja, was mag die ihm in seiner Kindheit wohl gesagt haben? Etwas dies, dass man bei Gewitter nicht essen dürfe, weil Gott zum Blitz gesagt habe: "Wer schläft, den lass schlafen! Wer betet, den lass beten! Wer arbeitet, den lass arbeiten! Den Fresser aber schlag tot!" - Ammenmärchen also, wie nahezu alles, was die Kirche in heiligen Dogmen lehrt, von der Erbsünde bis hin zu Jesu Tod am Kreuz, durch den er der Menschheit Sünden gesühnt und den Menschen mit Gott versöhnt habe.

Es soll sogar praktizierende Katholiken geben, die als achtzigjährige Greise im Beichtstuhl sagen: "Ich habe mit anderen Kindern gezankt." Und selbst wenn er dank glücklicher Umstände wie etwa durch den Rat aufgeklärter Autoritäten auf den Weg befreienden Zweifels, den Weg der Emanzipation geführt wurde, wird der gläubige Katholik, sobald schwere Schicksalsschläge ihn treffen, diese als verdiente Strafe Gottes interpretieren, auf eine frühe infantile Entwicklungsstufe regredieren und reumütig zu Kreuze kriechen, um, gleichsam als verlorener Sohn, nur wieder in Gnaden aufgenommen zu werden.

Aber worin, fragen wir jetzt einmal, besteht eigentlich die religiöse Praxis des praktizierenden Katholiken?

Der praktizierende Katholik befolgt, soweit er's vermag, die zehn Gebote Gottes (richtiger: die zehn Gebote Mose) sowie die fünf Gebote der Kirche, d.h. er nimmt an den kirchlichen Feiertagen am heiligen Messopfer teil (wobei der blutige Opfertod Jesu symbolisch wiederholt wird, weil er gar so schön war),er geht wenigstens einmal im Jahr zur Beichte und zur Kommunion, und zwar zur österlichen Zeit, er lässt sich kirchlich trauen, um das Sakrament der Ehe zu empfangen, lässt seine Kinder taufen die sich dagegen ja nicht wehren können, erzieht sie (wenn er sie liebt, mit der Rute!) im christkatholischen Glauben, verinnerlicht kritiklos die vom kirchlichen Lehramt verkündeten Dogmen, verabscheut die Homosexualität, da diese "dem Herrn ein Gräuel" ist, wählt christliche Abgeordnete, handelt notfalls (wiederum aus Furcht vor der ewigen Verdammnis!) gegen seine eigenen Interessen sowie gegen seine im stillen gehegte bessere Überzeugung und nimmt solch vermeidbare Widrigkeiten ergeben hin, um in der Gemeinschaft der Christenheit zu bleiben, an der ihm als einer Form sozialer Anerkennung offenbar viel gelegen ist. Und das ist auch durchaus verständlich, denn wer wüsste nicht, dass die Mitglieder einer Gemeinschaft (einer Kirche, einer politischen Partei oder auch nur eines kleinen Sportvereins) besonders nett zueinander sind, verständnisvoll, teilnehmend und einander helfend mit Rat und Tat, so dass der Einzelne sich in der Gemeinschaft wohl fühlen kann wie ein Kind im Schoß der Familie, beschützt und geliebt wie das Affenbaby, das sich vertrauensvoll an seine Mutter klammert. Gerade der Kleine und Schwache - und wer wollte es ihm verdenken! - genießt ja gern den Schutz des großen Bruders oder des liebevollen und zugleich mächtigen Vaters.

Dieses nicht nur kindliche, sondern allgemein menschliche Bedürfnis nach Nähe, Wärme und Zugehörigkeit ist beim gläubigen Katholiken offenbar so ausgeprägt, dass er dafür sogar beträchtliche Nachteile in Kauf nimmt: er lebt in ständiger Sündenangst, unterdrückt u.U. um des Himmelreiches willen seine sexuellen Neigungen, riskiert ungewünschte Schwangerschaften oder gar eine Infektion mit AIDS, harrt aus in einer unglücklichen, innerlich längst zerrütteten Ehe, lässt sich nur deshalb nicht scheiden oder heiratet kein zweites Mal, da ihm sonst die Exkommunikation, also der ach so gefürchtete Ausschluss aus der Gemeinschaft droht, und u.U. wird er im qualvollsten Siechtum dahinvegetieren und seinem Leben nur deshalb kein Ende bereiten, weil der Suizid nach Lehre der Kirche eine sogenannte Todsünde ist, die den Suizidanten der Gnade des göttlichen Vaters beraubt und direkt in die Hölle führt.

Nun könnte man vielleicht meinen, schon ein einziges der obengenannten Beschwernisse könnte genügen, den am Katholizismus wie an einer Krankheit Leidenden zum Austritt aus der Kirche zu bewegen. Aber weit gefehlt! Denn gerade von mit Mühsal beladenen, leidgequälten Menschen hört man oft Sätze wie diese: "lm Glauben finde ich Hoffnung und Trost. Der Glaube gibt mir die Kraft, meine oft schweren familiären Pflichten zu erfüllen, meine Krankheit zu ertragen oder Verleumdungen und Verfolgung zu erdulden. Mein Glaube ist mir Stütze und vermittelt mir Sinn bei schweren und schwersten Schicksalsschlägen wie etwa beim Tod eines nahen Angehörigen." Oft hört man's staunend, ohne es nachvollziehen zu können, weil man selbst derlei Glaubenshilfe nie erfahren hat. Doch hüte man sich, das subjektive Wohlgefühl, das aus den obenzitierten Sätzen gläubiger Menschen spricht, als innerpsychisches Faktum (in der Fachsprache auch "Quale" genannt) in Zweifel zu ziehen oder gar zu verspotten! Niemand erdreiste sich, Erfahrungen eines andern nach eigenem Gutdünken zu bewerten! Erfahrungen sind Tatsachen eigener, innerpsychischer Art, die sich durch die Erfahrungen anderer weder beweisen noch widerlegen, sondern allenfalls relativieren lassen. Deshalb gibt es auch keine falschen oder richtigen Erfahrungen, sondern nur gute oder schlechte, erhebende, ermutigende, bestärkende oder niederziehende, entmutigende, deprimierende. Und was speziell den katholischen Glauben betrifft, so kann ich mir recht gut vorstellen, dass die symbolische Vereinigung mit Gott als dem höchsten Gut (summum bonum) in der Communio, dieser sublimen Form des Kannibalismus ("Das ist mein Fleisch, das ist mein Blut...") vom einzelnen Gläubigen als zutiefst beglückend und kraftspendend erfahren wird, zumal wenn die Konsekration und Darreichung der Hostie in feierlichem Ritual von magischen Worten und Gesten des priesterlichen Schamanen begleitet ist. Von allen religiösen Kulten in aller Welt ist Ähnliches bekannt, und ob man es nun Suggestion oder Placebo-Effekt nennt - die erwünschte positive Wirkung solcher Magie ist auch in den Biowissenschaften unbestritten und wird weiterhin ernsthaft erforscht.

Dies lässt mich an Dietrich Bonhoeffer denken. Den Tod vor Augen, fühlte er sich "von guten Mächten wunderbar getragen..." - "Ja ja! Mitten hinein in die Gaskammer!" könnte ein Ungläubiger hier dazwischenrufen, so dass ich meinerseits fragen möchte: Wer verhöhnt da wen? Der Gläubige den Ungläubigen oder der Ungläubige den Gläubigen?

Und durchaus lässt sich hier fragen: Wie groß muss die Verdrängung, die Ausblendung der Realität sein, damit ein solcher Glaube, Glaube im Sinne von Gottvertrauen, psychisch möglich und psychologisch erklärbar ist! (Siehe hierzu William James, der in seinem Buch "Die Vielfalt religiöser Erfahrung" sinngemäß sagt: "Die beseligende Glaubensgewissheit ist nur zu haben um den Preis der Verdrängung aller Lebenserfahrung, die der ersehnten Heilserfahrung im Wege steht.")

Ist das nun Brot für die Seele oder "Opium des Volk"? - Richtig und wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang, dass nicht jede Illusion ein therapiebedürftiger Wahn ist, sondern dass es auch hilfreiche, ja lebenspendende Lügen geben kann.

Die Ethik kennt den Begriff der "barmherzigen Lüge", und im Sinne Nietzsches könnte man auch einmal nach dem Nutzen und Nachteil der Wahrheit für das Leben fragen.

Dazu ein ganz konkretes Beispiel:

Als Theodor Storm, an Magenkrebs dahinsiechend, sterbenskrank und zutiefst deprimiert darniederlag, schmiedeten einige seiner Freunde, um ihm zu helfen, ein Komplott: sie versammelten eine Gruppe von Ärzten um sein Bett, angeblich Koryphäen in ihrem Fach der Onkologie, die eine genaue Diagnose stellen sollten. Diese Ärzte untersuchten den Patienten umständlich, erklärten die vorangegangene Diagnose für falsch, sagten gemäß geheimer Absprache mit Storms Freunden, es handele sich um eine chronische Gastritis und von Krebs könne keine Rede sein.

Storms Zustand besserte sich auf der Stelle. Er stand auf, fühlte sich subjektiv wohl und setzte sich an den Schreibtisch vollendete den "Schimmelreiter", schrieb kurz vor seinem Tod noch eine letzte, kleinere Novelle ("Die Armsünderglocke") und starb friedlich nach einem erfüllten Leben.

Dieses Beispiel ist wohl ein überzeugendes Argument gegen den Formalismus in der Ethik und ein glänzendes Plädoyer für eine materiale Wertethik im Sinne Max Schelers. Es zeigt deutlich, dass auch der Glaube als nachweisliche Illusion dank des ihm innewohnenden Placebo-Effekts in schwerer und schwerster Not hilfreich sein kann, denn der Mensch ist nicht nur ein denkendes, sondern auch ein fühlendes Wesen, und Emotionen sind oftmals stärker als alles zwar objektiv wahre, aber subjektiv niederziehende Wissen.

In solchen und ähnlichen Fällen ist somit auch der gläubige Christ zu beglückwünschen, zu dem Jesus sagen würde: "Dein Glaube hat dir geholfen." Und man sieht, dass es auch um die Gruppe der praktizierenden Katholiken nicht durchgängig schlecht bestellt ist und dass religiöse Toleranz auch im Sinne humanitärer Hilfe geboten sein kann.

Und dazu passt sehr gut auch der Satz Erich Fromms: "Es wäre grausam, dem Lahmen seine Krücken wegzunehmen."

Wenden wir uns nun der dritten in der Überschrift dieses Textes genannten Personengruppe, den dort so genannten tiefgläubigen Christen zu und fragen wir nicht theologisch, wie es um deren Seelenheil, sondern psychologisch, wie es um deren psychische Gesundheit bestellt ist. Vorab so viel: Bei genauer, differenzierender Betrachtung werden wir sehen, dass in dieser Gruppe sowohl Personen zu finden sind, die sich bester psychischer Gesundheit erfreuen, als auch solche, die aufs schwerste psychisch gestört sind, weil sie die "Frohbotschaft Christi" eher als eine Drohbotschaft erfahren haben, so dass ihnen der Glaube eher zum Fluch als zum Segen gereicht.

"Nanu!" höre ich den stutzigen Leser hier sagen und fragen: "Wie kann denn der christliche Glaube sich auf einzelne Menschen und auf deren psychische Gesundheit derart gegensätzlich auswirken?"

Um das zu erklären, sei ein kleiner Exkurs in die Entwicklungspsychologie gestattet. Machen wir uns einmal klar, wie sich die im zarten Kindesalter beginnende Vermittlung des Glaubens als eines von Autoritäten zu glauben Gebotenen abspielt. Das noch kaum kritikfähige Kind gehorcht (andernfalls wird es eingeschüchtert, und sein Wille wird, womöglich gar mittels biblisch empfohlener Züchtigung, gebrochen). Das Kind ist der Willkür seiner Sozialisatoren hilflos ausgeliefert, es ist wie "Ton in des Töpfers Hand". Alles kommt jetzt darauf an, wie die ihm vermittelten Glaubenslehren inhaltlich beschaffen sind und wie tief sie seiner Seele eingeprägt werden. Der Prägestempel der religiösen Indoktrination hinterlässt in der Seele Spuren, die umso tiefer sind, je stärker der prägende Druck gewesen ist. Die Prägung (das "Engramm", wie die Psychologen sagen) kann schier unauslöschlich tief sein - daher das oben gebrauchte Attribut "tiefgläubig" - , und die allerfrühesten tiefen Engramme, die der Mensch empfängt, sind dann auch jene, die in seinem Gedächtnis am längsten gespeichert bleiben, bis in sein hohes Alter hinein, ja u.U. bis zu seinem Tod. Es ist geradezu ein psychologisches Gesetz: Die zuletzt erhaltenen Informationen werden zuerst, die zuerst erhaltenen werden zuletzt vergessen oder anders: zuerst schwindet das Kurzzeitgedächtnis, zuletzt das Langzeitgedächtnis ("retrograde Amnesie").

Daraus ergibt sich für die Personengruppe der tiefgläubigen Christen: Wer das Glück hatte, dass ihm in seiner Kindheit das Bild eines liebevollen Vatergottes vermittelt wurde, nach dessen Bild der Mensch geschaffen wurde, wer also sich selbst geliebt weiß, wird auch lieben können. Und Liebesfähigkeit ist ein Symptom psychischer Gesundheit. Wer dagegen infolge einer mit Psychoterror arbeitenden frühkindlichen Indoktrination das Bild eines launischen, rachsüchtigen, sadistisch grausamen Gottes, der kaum von einem satanischen Wesen zu unterscheiden ist, verinnerlicht hat, der wird zur Verachtung seiner selbst, wohl gar zum Hass gegen sich selbst und andere disponiert und womöglich, wie die vielen Beispiele der von Priestern und Ordensleuten an Kindern verübten sexuellen Gewalttaten zeigen, sadistische Fantasien entwickeln und ausleben und in die Kriminalität abgleiten.

Dies gilt für Angehörige beider christlichen Hochkirchen, weshalb wir mit Bedacht bei der Benennung dieser Gruppe tiefgläubiger Christen zwischen Katholiken und Protestanten nicht unterschieden haben.

Wichtig für die psychische Gesundheit dieser Gläubigen ist allein, wie sie ihren Glauben erleben (ob beglückend oder bedrückend) und wie sie sich dementsprechend sozial verhalten.

Zur Gruppe der vom Glück Begünstigten ist noch zu sagen, da diese Christen das Wort Gott im augustinischen Sinne geradezu als Synonym für Liebe verstehen, kaum Zweifel und in aller Regel kaum Sinnkrisen kennen. Aller theologischen Sophistik abhold, sind sie als Männer und Frauen der Tat einzig mit praktizierter Nächstenliebe befasst, indem sie, in Beherzigung der menschenfreundlichen Implikate der Bergpredigt, zumeist als Ordensfrauen und Ordensmänner für kaum mehr als Kost und Logis und ein Vergelt's Gott in Caritas und Diakonie tätig sind. Sie sind - so wenigstens habe ich's oft beobachtet - liebesfähige und liebenswerte Menschen, denen die Freude oder gar das Glück das sie anderen bereiten, selber zum Glück und zur Freude gereichen, die also nicht egoistisch um des eigenen Seelenheils willen barmherzig wirken, sondern primär deshalb, weil sie das Leben lieben.

Anders jene ebenfalls Tiefgläubigen, die als Opfer einer verfehlten Erziehung nicht zur Selbstachtung und Selbstliebe und deshalb auch nicht zur Nächstenliebe oder zur Liebe überhaupt gelangen konnten, vielmehr von permanenter Sündenangst geplagt sind und daher kaum noch eines normalen Lebensvollzugsfähig sind und die jene Krankheitsbilder aufweisen, die Eberhard Schaetzing als die von ihm so genannten "ekklesiogenen Neurosen und Psychosen" beschrieben hat.

An dieser Stelle möchte ich auf ein besonders erschütterndes Beispiel eines besonders krassen kirchlich geprägten psychischen Leidensbildes hinweisen, dessen Beschreibung wir dem Psychoanalytiker Tilmann Moser verdanken, der seine eigene Leidensgeschichte, seine eigene ekklesiogene psychische Krankheit in seinem autobiografischen und autotherapeutischen Buch "Gottesvergiftung" dargelegt hat. In den psychiatrischen Kliniken, in denen ich in den vergangenen Jahrzehnten während meines Studiums der medizinischen Psychologie als Gasthörer, später dann als Referent ein- und ausgegangen bin, habe ich so manchen Patienten gesehen, der aufgrund tief verwurzelter Sündenangst in Depression versunken war, zwanghafte Reinigungsrituale (Waschzwänge) entwickelte, fortwährend zur Beichte lief (auch diese ist ja ein Reinigungsritual) oder eine neurologisch nicht erklärbare, also wohl psychogene Lähmung des rechten oder des linken Arms oder der rechten oder der linken Hand aufwies, die dann tiefenpsychologisch interpretiert wurde als Selbstbestrafung, als Rache eines grausamen Überichs ob der Sünde der Masturbation. Das ohnehin schwache Ich eines solchen Patienten droht in solchen Fällen zwischen den Mühlensteinen des Es und des Überichs geradezu zermahlen zu werden, weshalb es dann in der Therapie vor allem darauf ankommt, das Selbstwertgefühl des Patienten zu stärken, ihn zu Eigenkompetenz und moralischer Autonomie zu ermutigen, damit - in Ausweitung eines Gedankens von Sigmund Freud nicht nur, wo Es ist, sondern auch, wo Überich ist, Ich werde.

Die oben beschriebenen Beispiele, die vorbildlichen und die abschreckenden, zeigen, wie in der christlichen Ideologie sowohl Gesundes im Kranken wie auch Krankes im Gesunden sein kann. Und wieso auch nicht! Kann doch auch in einem ansonsten gesunden Organismus ein verborgenes Karzinom wuchern und (wie das Beispiel des Astrophysikers Hawkins zeigt) in einem kranken Körper ein mathematisches Genie am Werk sein.

Ein eigener Absatz sei in diesem Zusammenhang aber einer sogenannten charismatischen Person, nämlich Mutter Teresa gewidmet, die ob ihrer gepriesenen Menschenliebe, insbesondere ihrer Kinderliebe von kirchlicher Seite geradezu zu einer Kultfigur erhoben und fast schon zu Lebzeiten heiliggesprochen wurde. Von dieser christlichen Leitfigur hatte ich immer erhofft, dass sie die Kranken nicht, um einer Pflicht (der Christenpflicht) zu genügen, sondern aus der Neigung ihres Herzens lieben möge. Wenn ich dann aber höre, eben diese selbe Frau habe qualvoll leidenden, schmerzgepeinigten Patienten palliative, also schmerzlindernde Medikamente vorenthalten, damit die Kranken durch ihre Qualen Christus immer ähnlicher würden, so packt mich der Zorn, und ich kann nur hoffen, nie im Leben der Willkür einer solchen nicht wohl tuenden, sondern wehtuenden Pflege ausgeliefert zu sein. Hier sieht man, bis in welche "Höhen" christlicher Glaube sich versteigen und wie Nächstenliebe in genuin christlicher Weise zum Sadismus pervertieren kann. Es ist geradezu ein Kult des Leidens, der sich hier austobt, kaum wahrgenommen, gerügt oder gar gesühnt, eher bestaunt und bewundert oder als heiligmäßig gepriesen. (Man denke nur an das Wort Papst Johannes Pauls II.: "Ich schenke euch mein Leiden.") - Im Gefolge kirchlicher Indoktrination und gerade gemäß der christlichen Ideologie liefern vor allem die Heiligen der Kirche zahlreiche Beispiele masochistischen Verhaltens. So hat z.B. die heilige Katharina von Siena den Eiter aus den Brüsten krebskranker Frauen getrunken (im Bereich der Psychopathologie gibt es nichts, was es nicht gibt), und der heilige Vinzenz Pallotti geißelte sich mit selbstgeflochtenen Peitschen und ließ sich die Zehennägel einwachsen, so dass ihm das Blut aus den Schuhen rann. (Die blutdurchtränkten Pantoffeln des Heiligen sind noch heute in einer Vitrine im Kloster der Pallottiner in Limburg an der Lahn zu besichtigen).

Aus psychiatrischer Sicht scheint der Nimbus (der Heiligenschein) ein Indiz für Neurotizismus zu sein, so dass man angesichts der Opfer des Glaubenswahns im Sinne Eberhard Schätzings mit Fug und Recht von kirchlich beschädigtem Leben sprechen kann. Hier tut sich ein weites Feld für sozial psychologische und sozial psychiatrische Fall Studien auf, die aber den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen würden, weshalb ich hier innehalte und es bei diesem ersten Einblick in die Psychopathologie des christlichen Glaubens bewenden lasse.

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Heute ist Sonntag, und die Glocken läuten zum Hochamt, dass es mir in den Ohren dröhnt. In dieser zu kaum einem Drittel aus Atheisten bestehenden Gesellschaft (in der die Atheisten keinen Lärm machen) bin ich umringt von Sonntagsreden und Kirchenmusik, Muezzinrufen, Prozessionsliedern, Hare-Krishna-Gesängen und Benedetto-Chören bei Kirchentagen und Weltjugend-Events, und ich frage mich, wie ich mich als bekennender Atheist inmitten so viel Gebetsrummels wohl am besten positioniere. Am liebsten würde ich's tun, indem ich mich respektvoll und sympathisierend jenen freien Geistern zuneige, die wie Spinoza, Kant, Goethe, Ernst Haeckel, Max Planck und Albert Einstein die religiösen Übungen ihrer Zeitgenossen bald freundlich und tolerant, bald skeptisch-kritisch, immer aber aus deutlicher Distanz beobachtet haben, während sie zugleich eine eigene, autonome Spiritualität entwickelten, deren Ausdruck angesichts der unendlichen Weiten des Universums, angesichts des Erhabenen, ein fortwährend des Staunen war, ein Staunen, das in aufgeklärten Zeiten zwar nicht der Anfang des Glaubens, sehr wohl aber ein Anfang der Philosophie und der Motor ständigen Fragens ist.