Links, wo das Herz schlägt

Ein politisches Credo

Sommer 1953. Ich bin Unterprimaner und Schüler des Humanistischen Jacobi-Gymnasiums in Düsseldorf. Ein junger, offenbar progressiv denkender Studienassessor übernimmt den Geschichtsunterricht in der Unterprima, holt nach, was sein Vorgänger versäumt hat, und bespricht mit uns das "Kommunistische Manifest" von Marx und Engels aus dem Jahr 1848. Wir lesen den Text, und ich bin wie viele meiner Klassenkameraden tief beeindruckt. Das Manifest ist von einem so hohen humanitären Ethos getragen und zeugt von so tiefer Menschenliebe, dass ich sicher bin, die Autoren hätten die Hinrichtungen durch die Guillotine während der Französischen Revolution (man denke an die von Delacroix gemalten Köpfe der Enthaupteten) ebenso entsetzlich gefunden wie du und ich, und die Ermordung der Zarenfamilie nach der Oktoberrevolution 1917 (wenn sie derlei hätten voraussehen können) hätten sie sicherlich wie wir als das bezeichnet, was sie war ein schändliches Verbrechen. In gewissem Sinn, meine ich, ist das Manifest auch die Vorwegnahme von Forderungen der erst 50 Jahre später (1898) gegründeten Liga für Menschenrechte.

Aber wie auch immer - das Manifest ist ein Text von hoher Überzeugungskraft. Hinzu kommt, dass ich in einem Alter bin, in dem der Mensch sich gern für hohe Ideale begeistert, und soziale Gerechtigkeit ist wahrlich ein Ziel, für das zu leben und zu kämpfen sich lohnt. Kurz: von Stund an weiß ich: Welchen Beruf auch immer ich einmal ausüben werde (als Lehrer, Arzt, Jurist, Maler, Schriftsteller oder Journalist) - ich werde immer auf der Seite der Ausgebeuteten und Unterdrückten stehen und deren Rechte verteidigen. Eine Alternative hierzu ist nicht in Sicht und wäre aus ethischen Gründen auch niemals in irgendeiner Weise zu rechtfertigen.

Eine Sternstunde! Ich spüre: hier wird für mein weiteres Leben eine Weiche gestellt. Ich habe eine Grundsatzentscheidung getroffen, die auf Jahre und Jahrzehnte hinaus meine berufliche Tätigkeit bestimmen wird, bis zum heutigen Tag, bis zu dieser Stunde, in der ich diese Zeilen niederschreibe.

Ich wechsle das Tempus und "beschwöre ab jetzt - nicht raunend, sondern hoffentlich klar und deutlich sprechend - das Imperfekt, indem ich hinzufüge, dass ich in meiner Schulzeit (in voller Übereinstimmung mit meiner Begeisterung für den Marxismus!) noch ein gläubiger, praktizierender Katholik war. Aber während meiner dann folgenden Studien der Philosophie, Germanistik und Romanistik sowie der medizinischen Psychologie wurde mir nach und nach klar, dass sich eine Sozialisierung der Gesellschaft in den christlichen Ländern wenn überhaupt, so nur gegen den erbitterten Widerstand der katholischen Kirche durchsetzen lassen würde.

Die Kirche hatte mit den Faschisten paktiert: mit Mussolini, Franco, Hitler und anderen, zu denen auch der faschistische Regent der Slowakei (ein katholischer Priester!) zählte sowie Ante Pavelic, der Anführer der kroatischen Ustacha-Bewegung, den Pius XII. mehrmals zu seiner politischen Arbeit beglückwünschte. Zu dieser politischen Arbeit gehörte u.a. die Ermordung von 300.000 orthodoxen Serben, weil diese sich weigerten, zum Katholizismus zu konvertieren. Pavelic ließ sie in eine Schlucht treiben und dort mit Maschinengewehren niedermähen. Dabei waren ihm der Erzbischof von Sarajewo (der spätere Kardinal Stepinac) und 14 Dominikanerpatres behilflich, die alle namentlich bekannt sind. 1945 verhalf Pius XII. Pavelic und anderen Faschisten zur Flucht nach Südamerika, und während Stepinac unter Tito wegen Beihilfe zum Massenmord zu 16 Jahren Haft verurteilt wurde, bekleidete Pius XII. ihn mit dem Purpur und ernannte ihn ob seiner besonderen Verdienste um die Verbreitung des Glaubens zum Kardinal.

Ich wusste natürlich, dass hinter diesen Schandtaten der Kirche die Angst vor den ach so gottlosen Kommunisten stand. Daher auch von Seiten des Vatikans die Unterdrückung der Befreiungstheologie in den lateinamerikanischen Ländern. (Diese Theologie - so erfahre ich soeben - hat inzwischen einen prominenten Märtyrer: Erzbischof Romero, der in der Kirche, am Altar stehend, von der Reaktion erschossen wurde. Hatten - man denkt ja so allerlei - die Mörder mit Zustimmung oder gar im Auftrag des Vatikans gehandelt?)

Zwar hatte Thomas Mann den Antikommunismus als die größte Torheit des 20. Jahrhunderts bezeichnet, doch dass Christen und Kommunisten Zusammenarbeiten könnten, weil sie dasselbe Ziel nämlich soziale Gerechtigkeit anstreben, dieser Gedanke kam den Päpsten nicht in den Sinn. Denn: die Kirche lernt nicht - sie lehrt. Sie hört nicht zu - sie verkündet. Sie ist kein Parlament - sie ist bereits im Vollbesitz der Wahrheit. Einer ihrer Päpste hatte sogar wörtlich gesagt: "Die Demokratie ist eine moderne Geisteskrankheit." Noch heute integriert die Kirche lieber Kräfte aus der rechten als aus der linken Hälfte des politischen Spektrums, und der Vatikan, die letzte noch existierende absolutistische Monarchie, ist der einzige Staat in der Welt, der die Charta der Menschenrechte nicht ratifiziert hat!

Nein, mit einer solchen Organisation wollte ich nichts zu tun haben. Diese eminent reaktionäre Vereinigung konnte ich unmöglich durch meine Mitgliedschaft unterstützen.

(Zu all dem hier über die Kirche Gesagten siehe das Gesamtwerk Karlheinz Deschners, vor allem seine - inzwischen auf neun Bände angewachsene! - "Kriminalgeschichte des Christentums")

Was mich selbst betraf, so hatte die Kirche (diese Organisation, die dem Menschen grundsätzlich das Recht auf Selbstbestimmung abspricht) nie etwas Gescheites für mich getan, hatte mir vielmehr während meiner ganzen Schulzeit hirnrissige Dogmen eingetrichtert, die die Vernunft eines jeden halbwegs klardenkenden Menschen beleidigen, und mir im Übrigen mit Schuldgefühlen und Sündenangst das Leben vergällt.

Dies alles musste ich jetzt abschütteln. Ich tat es und verfuhr dabei gründlich. Ich las Bertrand Russell ("Warum ich kein Christ bin"), Sigmund Freud "Die Zukunft einer Illusion"), Erich Fromm ("Psychoanalyse und Religion"), machte eine Selbstanalyse nach Karen Horney, wurde Mitglied der Humanistischen Union und bereitete mich vor auf eine reife Entscheidung.

Im Sommer 1964 war es dann so weit: Ich trat aus der Kirche aus - ein wenig spät vielleicht, aber erheblich früher als Böll und Drewermann.

Wer der Kirche treu bleibt und am Glauben festhält, weil er Halt sucht, mag das tun. Ich tue es nicht. Ich komme aus erzkatholischer Enge, denke frei und strebe ins Weite.