Kennzeichen dichterischer Gestaltung oder Ohrfeigen für literarisches Banausentum

In der Eifel eröffnete man ein Museum für Clara Viebig. Die Landesregierung von Rheinland-Pfalz gab zigtausend D-Mark für die "Förderung der Kriminalliteratur" aus. Kurt Beck verlieh die Carl-Zuckmayer-Medaille an Udo Lindenberg, und die Deutsche Lesegesellschaft in Frankfurt/Main gab "das schnellste Buch der Welt" heraus, das von 40 Autoren in weniger als zwei Stunden geschrieben und nach insgesamt 24 Stunden fertig gebunden ausgeliefert wurde.

Dem setze ich entgegen:

Alle mit Literatur und ihrer Wertung ernsthaft und kompetent Befassten: Philologen, Linguisten, Sprachlehrer, Schriftsteller, Lektoren und Rezensenten sind sich darin einig, dass das höchste Lob, das man einem literarischen Text spenden kann, darin besteht dass man sagt: "Dies ist Dichtung.", so wie man einen Autor mit dem Attribut "Dichter" in den höchsten künstlerischen Rang erhebt Fragt man aber nach den Gründen für so hohes Lob, weil man wissen will, woran man denn die wesentlich dichterische (oder poetische) Eigenart eines Textes erkennen und wie man Dichtung von anderer, minderwertiger Literatur unterscheiden kann, so ist der Befragte mitunter ratlos und reagiert womöglich mit betretenem Schweigen wie ein vornehmlich am Umsatz interessierter Buchverkäufer, dem schließlich nichts Besseres einfällt, als auf irgend eine Bestsellerliste zu verweisen.

Da uns hiermit nicht geholfen ist, weil Verkaufszahlen in aller Regel in die Irre führen, wollen wir einmal tiefer ansetzen, das heißt uns an der Sache orientieren, meint Texte lesen und uns bewusst machen, was uns an ihnen begeistert oder kalt lässt.

Ich will versuchen, dies, von eigenen Leseerfahrungen ausgehend, an mehr oder weniger bekannten literarischen Werken zu veranschaulichen, und nenne hier vorab schon einmal drei Merkmale oder Kennzeichen des Dichterischen, die ich im Lauf meines Lebens als für die Definition von Dichtung am besten geeignet erkannt zu haben glaube: nämlich das Lebendige, das Mythische und das Kosmische.

Beginnen wir mit dem Lebendigen. - Was ist damit gemeint? - Zwei Beispiele, die ich anerkannt großer Literatur entnehme, mögen es zeigen:

In Emile Zolas Roman "Germinal" findet sich eine Szene, in der sich tief unter Tage zwei ausgemergelte und nahezu erblindete Grubenpferde begegnen, die einander beschnuppern, vor Freude wiehern und einen sekundenlangen sehnsüchtigen Tagtraum vom Leben auf einer sonnigen Wiese haben. Das mögliche Glück und das tatsächliche Leid, die Qual dieser Tiere ist vom Autor in nur wenigen Sätzen so voller Mitgefühl geschildert, dass es dem Leser die Kehle schnürt, und es zeigt dies, dass Zola nicht nur ein sozial kritischer Schriftsteller, sondern aufgrund seiner Gemütstiefe, seiner Fähigkeit des Mitleidens mit Mensch und Tier, also seiner Liebe zum Lebendigen, auch ein großer Dichter war.

Ein weiteres Beispiel des Lebendigen ist mir aus meiner Schulzeit in Erinnerung geblieben, als ich zum ersten mal Tolstois Novelle "Herr und Knecht" las mit der mich damals und noch heute zutiefst erschütternden Szene, in der das vom Knecht Nikita zärtlich geliebte Pferd Muchortyj im Todeskampf mit den Hinterhufen gegen die Wand des Schlittens trommelt, in dem die Menschen liegen, als wollte es diese auf sich aufmerksam machen und ihre Hilfe erflehen. Dann hört das Getrampel mit den Hufen auf - Muchortyj ist tot.

Eine herzzerreißende Szene, die auch Tolstoi als großen, lebendig fühlenden und mit Lebendigem fühlenden Dichter ausweist. Kommen wir nun zum Mythischen als einem weiteren Kennzeichen dichterischer Gestaltung:

Das Wesen der Mythenbildung ist die Personifizierung apersonaler Naturmächte und Naturdinge wie Wälder, Berge, Quellen, Flüsse und Meere oder auch toter Gebrauchsgegenstände oder von Menschen geschaffener Dinge, die der Dichter gleichsam zum Leben erweckt, indem er ihnen eine Seele einhaucht und eine Stimme verleiht, mit der sie dann zu ihm sprechen und zu erzählen beginnen, was er ihnen in den Mund legt, so dass sie nun an seiner Statt reden und er selbst ihnen nur noch zu lauschen braucht. Solche nunmehr personifizierten, belebten, redenden und das heißt mythisierten Größen können ein zerbrochenes altes Windrad, ein klappernder Fensterladen, eine knarrende Bodendiele, ein vergessener Sonnenschirm oder ein Schaukelstuhl auf der Terrasse eines alten, halbverfallenen Hauses, eine alte Uhr oder ein Möbelstück sein - die zauberhafte Wirkung auf den Leser ist stets die gleiche: die Mythe lebt dank der lebenspendenden Macht des allwissenden und allmächtigen Erzählers.

Ein, Meister dieser mythisierenden Erzählkunst ist der amerikanische Autor William Goyen, den Ernst Robert Curtius entdeckte, der seinen Roman "The House off Breath" ins Deutsche übersetzte - einen Roman, den ich jedem noch begeisterungsfähigen Leser dringend als Lektüre empfehle.

Zur Mythisierung selbst ist noch zu sagen, dass diese nicht unbedingt darin bestehen muss, dass der Autor Naturmächte oder Kulturgegenstände, indem er ihnen seine Sprache verleiht, selber in der Ich-Form erzählen lässt, wobei er selbst ihnen nur noch zuhört - daneben ist vielmehr auch eine andere, eine zweite Form der Personifizierung möglich, nämlich die, dass der Autor die Dinge seinerseits in der 2. Person singularis oder pluralis anspricht, so, als spräche er zu lebenden, zumeist geliebten Personen, woraus sich mitunter sogar ein Zwiegespräch zwischen Mensch und Mythe (Fluss, Quell, Gestirn, Stadt, Haus, Brunnen, Lampe oder welchem Ding auch immer) ergeben kann.

Entscheidend für die Mythisierung ist immer, dass nicht wie in alltäglicher Rede über einen oder von einem Gegenstand in der dritten Person gesprochen wird, sondern dass dieser personifiziert wird, also entweder selbst wie ein menschlicher Erzähler zu einem Hörer spricht oder aber wie ein geliebter Partner vom Erzähler mit dem freundschaftlich-familiären Du angeredet, ins Vertrauen gezogen und gleichsam zum Intimus gemacht wird.

Zwei Beispiele aus der klassischen deutschen Lyrik mögen dies veranschaulichen: In seinem Gedicht "An den Mond" sagt Goethe: "Fließe, fließe, lieber Fluss!" und wenig später: "Rausche, Fluss, das Tal entlang,... Rausche, flüstre meinem Sang Melodien zu." und Hölderlins Ode "Heidelberg" beginnt mit den Versen: "Lange lieb ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust, Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied, ...".

Zwei Beispiele, die für sich sprechen und die ich hier, nicht zerreden will.

Bleibt als drittes wesentliches Kennzeichen für Dichtung noch der Begriff des Kosmischen zu erklären. - Hierfür ein Beispiel zwar nicht aus der Gegenwartsliteratur, aber doch aus der modernen neuzeitlichen englischsprachigen Literatur: nämlich A. J. Cronins Roman "Die Sterne blicken herab". Schon mit dem Titel des Buches hat der Autor die Dimension des Kosmischen eröffnet und das von ihm erzählte irdische Geschehen (der Roman spielt 1909 und in den folgenden Jahren in dem Städtchen Sleescale im englischen Steinkohlenrevier) in den Rahmen eines übermächtigen, schicksalhaften, unendlich Erhabenen gestellt, angesichts dessen den Leser ein Schauer aus Furcht und Mitleid überrieselt. Der Schlussabschnitt des Romans macht es deutlich: "Schweigen. Die Stange klirrte. Wieder Schweigen. Der Klang einer fernen Glocke. Da standen sie, die Männer, aneinandergedrängt im Korb, aneinandergedrängt in Schweigen und Dunkel der Dämmerung, über ihnen ragten die Schachttürme des Bergwerks, beherrschten die Stadt, den Hafen, das Meer, unter ihnen lag, gleich einer Gruft, das verborgene Dunkel der Erde. Der Korb fiel. Er fiel plötzlich, rasch, ins verborgene Dunkel, und das Geräusch seines Falls stieg auf aus dem Dunkel wie ein großer Seufzer, drang empor bis zu den fernsten Sternen."

Nein, hier geht es nicht um handwerklich-technische Methoden, die sich in Schreibseminaren erlernen lassen. Das Wesen des Dichterischen ist nicht erlernbar. Dichtung erwächst aus der Tiefe der Person des Autors. Er mag ihr den Boden bereiten durch beharrliches üben und Praktizieren alles nur irgend Erlernbaren - das Beste ist am Ende doch Inspiration. Es wird ihm geschenkt, wenn er's fühlt, doch (frei nach Goethe), wenn er's nicht fühlt, so wird er's nicht erjagen...

So bleiben am Ende Staunen und Bewunderung des Grandiosen als Freude und Glück des literarischen Kenners, der das wahrhaft Große im sprachlichen Kunstwerk zu schätzen und zu würdigen weiß. - Sapienti sat.

Freilich: den Banausen wird dies nicht daran hindern, Makulatur mit Literatur verwechselnd, Bücher von Hera Lind und Dieter Bohlen zu lesen und Gustave Flaubert für den Erfinder des Luftgewehrs zu halten.