Katharsis als Befreiung von Furcht und Mitleid?

Was die Erweiterung meines Wortschatzes betrifft, bin ich ein Nimmersatt, und was die Klärung von Begriffen angeht, so habe ich's mir seit langem zur Gewohnheit gemacht, in Lexika zu vagabundieren. Dort folge ich gern den Verweisen auf Synonyma oder sinnverwandte Wörter, die einander wechselseitig erhellen oder ihr gemeinsames Bedeutungsfeld markieren, so dass ich endlich eine halbwegs brauchbare Real- oder Nominaldefinition erhalte, mit der sich Weiterarbeiten lässt.

Mitunter allerdings führt gerade das Nachschlagewerk gründlich in die Irre, so dass der Lehrmeister selbst der Belehrung bedarf - dann muss man zurück zu den Quellen gehen, um herauszufinden, von wo an das Wasser sich trübte, und darf nicht weiterhin trinken, wovon einem speiübel wird.

Dies musste ich auch heute wieder erfahren, als ich, im "Brockhaus" blätternd, auf das Stichwort "Katharsis" stieß, zu dem die schlauen Enzyklopädisten dort sagen: "... Grundbegriff für die Wirkung der Tragödie: Indem bei den Zuschauern Furcht und Mitleid erregt werden, erfahren diese eine Reinigung von eben jenen Affekten." - Diese "Erklärung" erschien mir so hanebüchen, dass sich mir schier die Haare sträubten, und, um der Sache auf den Grund zu gehen, nahm ich sofort wieder einmal die "Poetik" des Aristoteles zur Hand, natürlich nicht das Original, denn ich bin des Griechischen nicht mächtig, aber immerhin die als zuverlässig geltende Übersetzung von Olof Gigon, und tatsächlich, dort, im 6. Teil, fand ich einen entsprechenden Passus mit dem Wortlaut: "...dass mit Hilfe von Mitleid und Furcht eine Reinigung von eben derartigen Affekten bewerkstelligt wird."

Nun ist ja die "Poetik" des Aristoteles uns nur als Fragment erhalten geblieben, und es wäre womöglich nicht auszuschließen, dass die fragliche Textstelle im griechischen Original durch Korrekturen, Zusätze oder Streichungen von fremder Hand verhunzt worden wäre. Dem Übersetzer selbst scheint an dieser Stelle nicht recht wohl gewesen zu sein, denn er verschweigt in seinem Vorwort nicht, dass gerade dieser Teil des aristotelischen Textes im Lauf der Jahrhunderte immer wieder kontrovers interpretiert worden sei. Gleichzeitig aber unterschiebt er dem Originaltext und seiner Übersetzung einen vernünftigen Sinngehalt, indem er - in eigener Regie und Verantwortung! - behauptet: "Der Anblick entsetzlichen und jammervollen Geschehens auf der Bühne erzeugt im Betrachter einen Zustand heiter gelöster Beruhigtheit." - Nein, Herr Gigon! Das nun gerade nicht! Nie und nimmer! Eine solche emotionale Reaktion eines Zuschauers wäre inadäquat und psychologisch uneinfühlbar. Ich weiß natürlich nicht, was im Gemüt anderer Theaterbesucher vorgeht (das menschliche Denken geht ja oft krause Wege!), aber wenn ich in mich selbst hineinschaue, so fühle ich mich angesichts tragischen Geschehens ergriffen, erschüttert, empört ob der gezeigten Ungerechtigkeit, aufgerufen zur Solidarität mit dem Leidenden und zu politischem Handeln. Und das ist das genaue Gegenteil von heiterer Gelöstheit!

Es bleibt also angesichts des von Aristoteles, seinem Übersetzer und dem oben zitierten Brockhaus-Autor Gesagten ein tiefes Unbehagen, das vermutlich nur gründlicher Besinnung weichen wird, und damit sei auch sogleich begonnen:

Ziel der folgenden Überlegungen sei, die vier Begriffe Tragödie, Katharsis, Furcht und Mitleid in einen vernünftigen, einsehbaren Sinnzusammenhang zu bringen. Dabei dürfte vor allem wichtig sein, zu ermitteln, welche Bedeutung für Aristoteles die Begriffe Furcht und Mitleid gehabt haben könnten. Furcht oder Realangst (im Gegensatz zur Phobie) empfinden die Menschen zu allen Zeiten vor allem, was ihre Existenz bedroht. Das können Naturkatastrophen, real existierende politische Mächte, niederträchtige Mitmenschen oder imaginäre Wesen wie Götter, Teufel, Hexen und Dämonen sein. Den Zorn der Götter wird Aristoteles schwerlich im Sinn gehabt haben, denn zu seiner Zeit hatte der Logos den Mythos bereits abgelöst. Bliebe als Quelle der Furcht die noch über den Göttern waltende Moira, das übermächtige, ewige Schicksal. Naturgewalten spielen dagegen in der Tragödie keine Rolle, da sie keine Personen, keine moralischen Wesen sind. Furcht vor einem unberechenbaren übermächtigen Schicksal als Gefühl eigener Ohnmacht, ähnlich der Furcht vor einem blindwütigen, rachedurstigen Gott, mag auch der aufgeklärte Mensch empfinden, vor allem aber wohl Furcht vor der eigenen Spezies, vor dem, was Menschen selbst einander antun, Furcht vor dem eigenen Selbst, vor dem Potential an Destruktivität, das in seinem eigenen Inneren schlummert. (Siehe hierzu Goethes Ausspruch: "Ich kenne kein Verbrechen, als dessen Urheber ich mich nicht denken könnte".) Das Mitleid als weitere psychische Wirkung der Tragödie ist sicherlich nicht mildtätige Herablassung, sondern dürfte eher als Mitgefühl oder Empathie zu verstehen sein, die der Solidarisierung unmittelbar vorangeht. (Siehe dazu Wilhelm Diltheys Satz: "Verstehen heißt das Ich im Du erkennen.")

Fazit: Furcht, die nicht lähmt, sondern vielmehr Motor zur aktiven Veränderung der menschlichen Lage ist (Sartre: "Die Tat ist das einzige, was dem Menschen zu leben erlaubt."), Furcht als nüchterne Erkenntnis realer Gefahr und solidarisches Mitgefühl mit den unter der Kabale des Schurken leidenden Liebenden sind also nicht Schmutz, von dem die Psyche des erschütterten Tragödienzuschauers zu reinigen wäre, sondern sie sind beide in hohem Maße wünschenswert als der Sache angemessene, von seelischer Gesundheit zeugende emotionale Reaktionsweisen, und Katharsis als Mittel der Psychohygiene kann nur als Reinigung von minderwertigen oder wertwidrigen, sozial schädlichen Bestrebungen sinnvoll sein. Und hierzu eignet sich vielleicht nicht im Sinne des Aristoteles, aber sicherlich im Sinne Friedrich Schillers "die Schaubühne als moralische Anstalt".

Und siehe da: schlage ich in einem anderen Lexikon, diesmal im "Philosophischen Wörterbuch" von Heinrich Schmidt und Justus Streller nach, so finde ich dort unter dem Stichwort "Katharsis" die Erklärung: "Nach Aristoteles ist es Zweck der Tragödie, eine Katharsis der Seele, eine 'Läuterung der Leidenschaften' bzw. eine 'Läuterung von den Leidenschaften' herbeizuführen."

Diese Erklärung, meine ich, macht einen vernünftigen Sinn, und diese Autoren, so könnte man vielleicht mit Otto Friedrich Bollnow sagen, haben Aristoteles womöglich besser verstanden, als er sich selbst verstanden hat.