Irrtum vorbehalten

Auf meinem lebenslangen Weg vom kritiklos gläubigen Katholiken zum bekennenden Atheisten war ich in den 1970er Jahren unter dem Eindruck der Schriften Eugen Drewermanns in dem Wahn befangen, es gebe in der christlichen Ideologie neben der amtskirchlich-dogmatischen Religionslehre eine bewahrenswerte und rettbare jesuanisch geprägte Religiosität, die sich mit aufgeklärter Rationalität vereinbaren lasse. Voraussetzung hierfür sei lediglich der Bruch mit der Amtskirche und ihrem Dogmatismus und die Aufhebung des bereits von Seneca dargelegten inneren Widerspruchs des christlichen Gottesbildes.

So erfand (oder erdichtete) ich einen ohnmächtigen, aber alle gütigen, leidenden und mitleidenden Vatergott, den ich in meinem Roman "Als wie ein Rauch im Wind" wie einen unendlich verständnisvollen, weisen Psychoanalytiker zum Menschen sprechen und ihm seine Lebensgeschichte und Lebenssituation deuten ließ.

Diese Mythe rückte für mich zugleich in die Nähe dessen, was Ludwig Wittgenstein in seinem "Tractatus logico-philosophicus" (Absatz 6.522) das "Mystische" nennt. Gottes Allmacht schien mir entbehrlich. Aber der Gedanke, das Mystische, das Geheimnisvolle oder das Geheimnis des Seins schlechthin liquidieren zu sollen, erschien mir unannehmbar, fürchtete ich doch, dann meinen geliebten Beruf nicht mehr ausüben, das heißt keine poetischen Texte mehr schreiben zu können und mit dem Geheimnis das größte Faszinosum zu verlieren, das mir nach wie vor als der Kern aller Spiritualität, ja sagen wir ruhig aller nichtverfaßten Religiosität erschien. Gerade das Unaussprechliche, Unsagbare, das begrifflich nicht Fassbare oder (wie Goethe es nannte) das Inkommensurable war es ja, was mich in der Tiefe meines Innern anrührte und bewegte, nicht anders als in meiner frühen Kindheit beim morgendlichen Erwachen ein Vogelruf aus dem Park oder ein Huplaut aus dem fernen Innern der Stadt, und wenn schon die reale Existenz eines Gottes nicht beweisbar war, so schien doch der Wunsch erlaubt, dass, falls es einen personalen, sprachbegabten, dem Menschen geistig verwandten Gott geben sollte, dieser so zu mir sprechen möge wie der Erzähler in meinem Roman. Es galt also nur, Wunsch und Wirklichkeit, fact and fiction nicht zu konfundieren, um keinem Wahn zu verfallen; solange eine solche Konfusion unterblieb, konnte ich ohne Beleidigung der Vernunft sagen: "Sprich zu mir, heimliche Welt, die sich so gern zu mir gesellt ..." Ich konnte Bächen und Wasserfällen, Winden und Regengüssen Stimmen verleihen und sie zum Sprechen bringen, um ihnen zu lauschen, so wie ein Kind seine Puppen und Stofftiere zum Sprechen bringt, konnte ihnen eine Seele einhauchen, sie personifizieren und damit mythisieren, konnte gleichsam spielerisch das Tote zum Leben erwecken und den Zauber poetischer Rede genießen, den Wittgenstein überwinden wollte und schließlich doch gelten ließ - dies eben war die Macht der Poesie: das Sagbare zu sagen, es auszusprechen bis an den äußersten Rand des Möglichen, dann aber jenseits der äußersten Grenze des Sagbaren das unsagbare auszusparen im Schweigen und gerade dadurch erahnbar zu machen. Denn es gab "allerdings Unaussprechliches", das sich mir zeigte, indem es mich anrührte und bewegte, und dem ich mich verbunden fühlte, indem es zu mir redete und ich ihm antwortete oder lauschte, in dem ich selbst still wurde und zur Ruhe kam und in meinen glücklichsten Stunden nur noch Stille, nur noch Schweigen, nur Lauschen war, der Rede enthoben, nur mehr Wahrnehmung, staunendes Innewerden eines unnennbaren, unendlichen, Namenlosen, dem ich zugehörte als ein Seiendes dem Sein. - Und war es nicht dies, was sich fernab alles begrifflich Fassbaren in Ableitung vom lateinischen Verb "roll gare" Religiosität nennen ließ?

Und dies, was ich hier im Gefolge Wittgensteins nur behelfsmäßig mit dem Namen "das Mystische" belege, hatte kaum etwas zu tun mit Rationalität oder Begrifflichkeit, war keine Sache des intellektuellen Erfassens, sondern Sache der Intuition, und am nächsten, so schien mir, kam ich ihm in Stunden oder auch nur Minuten des Schaffensrausches, wenn ich in einem Flow, in einer Bilderflut versinkend meiner selbst vergaß und nur hingegeben an den Text, an dem ich schrieb, mit äußerster Konzentration und zugleich wie in einer Art Bewusstlosigkeit mich dem überließ, was mir da widerfuhr, was mir geschah, so wie ein Naturgeschehen sich vollzieht, und wenn die Seiten wie ohne mein Zutun sich mit Schriftzeichen füllten, ganze Satzperioden mir entströmten, so hätte ich, um diesen Vorgang zu beschreiben, nicht sagen können: "Ich schreibe", sondern ich hätte sagen müssen: "Es schreibt in mir", wobei gerade dieses "Es" als ein unnennbares, Namenloses das Mystische war, das mich zu einer Art Medium machte, wie ein Vormund an meiner statt sprach, in einer erschütternden, überwältigenden und zugleich erhebenden Weise in der tiefsten Tiefe meines Innern mich bewegte und zugleich emportrug auf die Höhe meiner Existenz.

Die Realität dieser mir kostbaren Erfahrung ist mir später bestätigt worden von anderen Autoren, namentlich von Michael Schmidt-Salomon ("Jenseits von Gut und Böse") und Andre Comte-Sponville ("Woran glaubt ein Atheist?"), die als ansonsten nüchterne Rationalisten und bekennende Atheisten ebensolche ekstatischen Momente erlebt hatten wie ich und in ihren Büchern ausführlich darüber berichteten.

Rational nachvollziehen lässt sich derlei nicht, denn ließe es sich auf den Begriff bringen, so wäre es nicht das, was es ist: ein individuelles innerseelisches Geschehen, ein "Qualium", wie die Psychologen sagen, das sich nur in der Ich-Form beschreiben lässt, und was die Deutung und Bewertung solch mystischer Erfahrungen und solcher Flow-Erlebnisse betrifft, so geben diese Autoren sich nicht als göttliche Propheten aus, behaupten sie an keiner Stelle, etwas extra mentem Existierendes erkannt zu haben, sondern bekunden sie lediglich, was sie in mente erlebt haben, also eine Erfahrung, an deren innerpsychischen Realität nicht zu zweifeln ist,

So standen die Dinge, als ich damals, gegen Ende der 70er Jahre nach Fertigstellung des Manuskriptes meinen Roman einem christlichen Verlag anbot. Das Buch wurde von einem - offenbar weitherzig-toleranten - Lektor zur Produktion vorgeschlagen, wurde gedruckt und erschien 1979 im F.H. Kerle Verlag, der zu der Zeit gerade vom Herder Verlag, Freiburg i.B., übernommen wurde.

Nicht ahnend, welche Missverständnisse daraus erwachsen würden, hatte ich das Buch selbst als "religiösen Roman" bezeichnet - nicht, um Etikettenschwindel zu betreiben, sondern in der naiven Annahme, dass die Leser mein eigenes - ansatzweise aufgeklärtes - Verständnis von Religiosität teilen würden. Wie irrig diese Annahme war, das ging mir dann schlagartig auf, als ich bei einer christkatholischen Zeitschrift anfragte, ob man in der Redaktion vielleicht einen Homo religiosus habe, der das Buch besprechen könne. Die Antwort lautete zu meinem Entsetzen, man werde den Roman von einem Theologen rezensieren lassen...

Da hatte ich die Bescherung: Religiosität wurde im amtskirchlich-dogmatischen Sinn verstanden, also in einem Sinn, der dem meinen diametral entgegenstand. Theologie war mir schon damals und ist mir noch heute zuwider, schon wegen ihrer intellektuellen Unredlichkeit und ihrer verquollenen Sprache (einer Verquollenheit, die sich am ausgeprägtesten in den Schriften Karl Rahners findet, bei deren Lektüre man stets den Eindruck hat, hier parodiere jemand den Sprachgebrauch des gesamten geistlichen Standes). Theologie sucht das unsagbare zu verdinglichen, um seiner habhaft zu werden, um es beherrschen, verwalten und im Dienst eigener Zwecke durchsetzen zu können. Sie behandelt das Sein (das Unendliche) so, als wäre es ein Seiendes (ein Endliches), das man definieren kann. Dabei ist sie die einzige Wissenschaft, der es bis heute nicht gelungen ist, ihren Gegenstand nachzuweisen. Was an ihr wissenschaftlich ist, ist Gegenstand anderer Disziplinen: der Geschichtswissenschaft (Kirchengeschichte), der Jurisprudenz (Kirchenrecht), der Philologie und der vergleichenden Religionswissenschaft. Im Übrigen ist sie nur eine Art Unicornologie, und was sie an pseudowissenschaftlichen Texten vorlegt, sind Interpretationen der Exegese von Deutungen, Deutungen der Exegese von Interpretationen oder Exegesen der Deutung von Interpretationen - all dies in einer inhaltlich nicht endenden Nabelschau und formal in einem nicht kommunikationsfähigen Fachjargon, in dem stets etwas anders gemeint ist, als es gesagt wird, oder anders gesagt wird, als es gemeint ist. (Als Beispiel hierfür mag der Ausspruch von Landesbischof Martin Kruse genügen: "Es geschieht nichts auf Erden, das Gott nicht will.")

Solchen Nonsens bieten kirchliche Amtsträger dem Gläubigen als Lebenshilfe, als "Orientierung" an, wie es hanebüchener kaum geht. Man denke auch an Karol Wojtylas Wort: "Ich schenke euch mein Leiden."

Nicht vieler weiterer kritischer Informationen bedurfte es, und mir war klar, dass ich auf meinem Weg zur weltanschaulich- spirituell-religiösen Autonomie nicht stehenbleiben konnte und auch mit meinem selbstfabrizierten Bild eines allgütigen Gottes aufräumen musste. So war der nächste konsequente Schritt zum Atheismus die Preisgabe einer jenseitigen, göttlichen Liebe und an ihrer Stelle die Inthronisation der diesseitigen zwischenmenschlichen Liebe im Sinne der jesuanischen Nächstenliebe, die sich mit allen mir bekannten ethischen Lehren vertrug und keines Gottesglaubens und keiner dogmatischen Rechtfertigung bedurfte.

Während ich in dieser Richtung fortschritt, konnte ich meine kritischen Ansichten in den bischöflichen Sozialakademien, die der Amtskirche bekanntlich als Feigenblatt ihrer Intoleranz oder als Ausweis für Liberalität dienen, nahezu ungestört vortragen dank eines dort sich versammelnden Publikums aus vorwiegend kirchenkritisch eingestellten und akademisch geschulten Geistern, die es ergötzte, wenn ich sagte: "Karol Wojtyla ist ein Schriftstellerkollege in Rom der mit Vorliebe über Themen schreibt, von denen er nichts versteht: nämlich über Ehe und Mutterschaft." Derlei satirische Bosheiten waren willkommen, daneben gerade noch tragbar vielleicht die Kritik am Pomp der Amtskirche und dem pompösen Bau eines Doms an der Elfenbeinküste. Aber aus war's mit der Toleranz nicht des Publikums, aber der Akademieleiter, wenn diese kirchliche Weihen trugen und ich ein Seminar anbot zum Thema "Glaubenswahn oder Glaubenswahrheit - wo finden sich brauchbare Kriterien?" Dann erteilte man mir zwar keine Absage, aber man vergaß, das Seminar im Veranstaltungsprogramm anzukündigen, so dass die Veranstaltung in Ermangelung von Teilenehmern ausfallen musste. Alles im Dogma Fixierte war heilig und unantastbar, "Glaube in Freiheit" (Titel eines Buches von Eugen Drewermann) als kirchlich nicht autorisierter Glaube konnte nur Ketzerei bedeuten, wurde zwar nicht dem Autodafé zugeführt, aber mittels Immunisierung gegen Kritik entmachtet durch Totschweigen und Verdrängung.

Meine atheistische Vergiftung schritt indessen voran. Ich las Karlheinz Deschner (das Gesamtwerk), Franz Buggle ("Denn sie wissen nicht, was sie glauben"), Michel Onfray ("Wir brauchen keinen Gott"), Hubertus Mynarek ("Religiös ohne Gott"), Paul Schulz ("Atheistischer Glaube"), Richard Dawkins ("Der Gotteswahn"), Hans Albert ("Das Elend der Theologie") und andere radikal kirchenkritisch und antichristlich eingestellte Geister, hatte nichts dagegen, wenn man mich einen "atheistischen Mystiker" nannte, und betrachtete mich selbst als einen Freidenker im Sinne eines zur Autonomie gelangten Menschen, der seine eigenen Gedanken hegt, unabhängig davon, ob andere sie teilen oder nicht, und der, offen für Kritik, seine Ansichten, so wohl begründet sie ihm auch erscheinen, doch grundsätzlich für revidierbar hält und seine Urteile über Menschen und Dinge stets mit dem Etikett "Irrtum verbehalten" versieht.

Damit konnte und kann ich leben.