In aller Stille

Die Beerdigung war auf Samstag, 15 Uhr, angesetzt.

Ich nahm mir ein Taxi und fuhr zum Südfriedhof. Da es verboten war, auf dem Friedhof zu rauchen, ging ich, eine Zigarette rauchend, vor dem Tor auf und ab. Es war noch Zeit. Um Viertel vor drei ging ich durch das Tor und hinüber zur Friedhofskapelle, vor deren Eingang mich der Juniorchef des Bestattungsinstituts erwartete.

Er sagte, es sei ihm sehr peinlich, er habe vergeblich versucht, mich telefonisch im Altenheim zu erreichen, weil- es sei noch eine Gebühr in Höhe von zehn Mark beim Friedhofsamt für die Umschreibung der Grabstätte zu entrichten gewesen, er habe den Betrag für mich ausgelegt, bitteschön, und es sei ihm sehr peinlich.

Ich nahm ein Fünfmarkstück, zwei Zweimarkstücke und zwei Fünfzigpfennigstücke aus meinem Portemonnaie und zählte ihm den Betrag in die Hand.

Er errötete und sagte, es sei ihm sehr peinlich. Bitteschön!

Er sagte, es sei alles vorbereitet und ich könne schon hineingehen.

Im Chor der Kapelle stand der Sarg, an dessen unterem Ende ein Kranz lehnte mit einer Schleife, auf der, in Druckbuchstaben, mein Vorname stand. Meine Mutter hatte dies vor drei Jahren, vermutlich in meinem Sinne, so angeordnet, um mir jede nur denkbare Mühe zu ersparen.

Es war mir recht. Ich hatte mich nicht mit dem Tod, sondern mit dem Leben meiner Mutter beschäftigt.

Sie aber hatte sich mit ihrem Tod beschäftigt.

Ich setzte mich in die erste Bank und sah auf das Corpus des Gekreuzigten an der Chorwand, das offenbar von moderner Künstlerhand geschaffen war, denn seine Form erinnerte an einen Stutenkerl oder Weckmann.

Meine Mutter hatte - vermutlich in einem Akt der Entsagung - verfügt, dass die Beerdigung in aller Stille stattfinden sollte - die Todesanzeigen würden erst nach der Beerdigung verschickt werden -, so war ich das gesamte Trauergefolge.

In diesem Augenblick setzte Orgelmusik ein, links im Chor öffnete sich eine Tür, und zwei Männer in Frauenkleidern traten herein. Sie hielten jeder ein schwarzes Buch in der Linken und trugen einen Regenschirm in der Armbeuge. Der jüngere trug außerdem einen kleinen Eimer, aus dem ein Stiel hervorragte. Sie gingen raschen Schritts bis zur Längsachse der Kapelle, vollzogen daselbst eine Vierteldrehung, wobei sie mir den Rücken zukehrten, blätterten kurz in den mitgebrachten Büchern und verharrten sodann schweigend. Der mit dem Eimerchen hatte das Eimerchen neben sich abgestellt.

Als das Orgelspiel nach etwa fünf Minuten verklang, öffnete der ältere der beiden den Mund und bat einen Herrn, dessen Namen er nicht nannte, ihn vor dem ewigen Tod zu retten an jenem Tage des Schreckens, wo Himmel und Erde wankten, da er (der Herr) komme, die Welt durch Feuer zu richten. Zittern, so sagte er, befalle ihn und Angst, denn die Rechenschaft nahe und der drohende Zorn, wo Himmel und Erde wankten. O jener Tag! rief er aus, Tag des Zornes, des Unheils, des Elends! O Tag, so groß und so bitter! Da er (der Herr) komme, die Welt durch Feuer zu richten! Der Herr, so bat er, möge ihnen die ewige Ruhe geben und das ewige Licht möge ihnen leuchten.

"Amen!" sagte der zweite, was wohl bedeutete, dass er sich mit den Worten seines Vorredners vollinhaltlich einverstanden erkläre. Zugleich hielt er dem andern das Eimerchen hin, dieser griff nach dem Stiel, der daraus hervorragte und an dem sich eine Art Tee-Ei befand, und sprühte Wasser über den vor ihm stehenden Sarg, ähnlich wie meine Mutter beim Bügeln die Wäsche anzufeuchten pflegte. Als Kind hatte ich ihr oft dabei zugesehen.

Nachdem dies erledigt war - übrigens lief alles mit erstaunlicher Geschwindigkeit ab -, führten beide mit kurzen, knappen Sätzen einen Dialog, in dessen Verlauf der ältere den Herrn unter anderem bat, er möge die Seele meiner Mutter von den Pforten der Hölle erretten.

Dies schien auch dem Wunsch seines jüngeren Kollegen zu entsprechen.

Schließlich und unisono baten beide o ihn, den Herrn, er möge die Seele seiner Dienerin Antonie Weißenborn von jeglicher Fessel der Schuld lösen, damit sie neu erweckt in der Herrlichkeit der Auferstehung inmitten seiner Heiligen und Auserwählten wieder lebe, und zwar durch Christus, ihren Herrn, wobei das Wort "ihren" grammatikalisch auf die Sprechenden bezogen war.

Hierauf schwiegen beide, und es entstand eine leicht peinliche Stille. Beide schienen meine Zustimmung, einen bestätigenden Zuruf, ein Amen aus meinem Mund zu erwarten. Ich hütete mich jedoch, solch suggestiver Erwartung zu entsprechen, da ich aus Erfahrung wusste, dass derlei unbedachte Äußerungen blitzschnell als Einverständniserklärung, ja als Vertragsabschluss gewertet werden.

Beide hätten zum Beispiel eines Tages behaupten können, ich hätte ihnen einen Blankoscheck ausgestellt und somit freiwillig auf Selbstbefriedigung sowie die Lektüre der Werke Sartres verzichtet, was mir dann leidgetan hätte, vor allem wegen der Selbstbefriedigung.

Ich hörte, wie einer der beiden sich scharf räusperte, beide vollzogen eine Halbdrehung und schritten - der ältere hochroten Gesichts - sehr rasch an mir vorbei, wobei mich ein Regenschirm streifte. Sie verließen die Kapelle durch den Haupteingang, fast lautlos wurde ein Wagen mit gummibereiften Rädern hereingeschoben, vier Männer setzten den Sarg auf den Wagen, fuhren ihn hinaus, und ich folgte ihnen. Draußen ging es die sanfte Schrägung einer Rampe hinunter und dann, auf dem Hauptweg, in gemäßigtem Tempo weiter in Richtung der Familiengrabstätte Weißenborn-Brungs. Voraus gingen die Männer in den Frauenkleidern, dann folgte der Wagen mit den vier Männern, die ihn zogen, dann ich.

Es dauerte einige Minuten, bis ich mein Schritttempo dem Tempo des Wagens angepasst hatte, wobei der Abstand zwischen mir und dem Wagen sich bald verringerte, bald vergrößerte. Dabei wurde mir ein quietschendes Geräusch bewusst, das sich bei jeder Drehung des rechten Hinterrades des Wagens wiederholte. Kein sehr lautes Geräusch,

ein quietschendes Geräusch.

Ich fühlte mich unglücklich.

Ein quietschendes Geräusch.

Ich verstand nicht, was hier geschah.

Ein quietschendes Geräusch.

Ich suchte meine Gedanken zu ordnen,

ein quietschendes Geräusch, meine Empfindungen, meine Gefühle, die mir widersprüchlich, verworren schienen,

ein quietschendes Geräusch,

- es war eine Mischung aus Tragik und Komik, Belustigung und Respekt, am ehesten aber ein Gefühl der Fremdheit und Unzugehörigkeit.

Ein quietschendes Geräusch.

Mir war, als hätte es mich verschlagen in eine Traumwelt, in einen fremden Kulturkreis, ein exotisches Land, in dem ich einem mir rätselhaften, gespenstischen Ritual beiwohnte, unter Menschen, deren Sprache ich nicht verstand, deren Sitten und Gebräuche mir unbekannt waren, unter tanzenden Derwischen, Kopfjägern in Neu Guinea oder Schamanen auf Feuerland - ich fühlte mich nicht wohl.

Die Schamanen hatten deutsch gesprochen - so hatte es wenigstens geklungen -, aber ich hatte kein Wort von dem, was sie sagten, verstanden. Manches hatte eine vage, unfreundliche Reminiszenz an meine Kindheit in mir geweckt, war wie fernes Glockenläuten gewesen, eine Verszeile - "Die Glocke hat gewackelt" - aus der Ballade "Das Kind und die Glocke" kam mir in den Sinn, aber nichts von alldem berührte hier und jetzt auch nur im geringsten meine Existenz, die sich doch auf Glaube, Hoffnung und Liebe gründete, so gut wie die eines jeden, der nicht mit dem Tod, sondern mit dem Leben befasst ist. Es wäre mir lieb gewesen, die beiden Männer hätten in schlichter Umgangssprache ein paar alltägliche Worte mit mir gewechselt. Daraus hätte sich ein Gespräch ergeben können, in dessen Verlauf wir vielleicht Reste einer gemeinsamen Sprache, also einer gemeinsamen Erfahrung entdeckt hätten, feststellend vielleicht, sogar, dass was wir, sie wie ich, dachten und taten, wenn auch auf verschiedene Weise, so doch demselben Leben, demselben Geiste gemeint war.

Ein quietschendes Geräusch.

Sicherlich war irgendwann und irgendwo einmal irgendjemandem der Sinn ihrer Worte verständlich gewesen, hatte ein Geist geweht, ein feuchter Wind, da, wo das Land nun verdorrte, weil sie geglaubt hatten, den Wind einsperren zu können in das Gehäuse der Wörter, wo er sogleich sich gelegt hatte, erstorben war in den Dogmen als den Särgen der Wahrheit. Aber entmannt am Leibe wie im Geiste, wie Origines und Tertullian, ihre geistlichen Väter, funktionierten sie noch, wie Marionetten funktionieren, erbrachten sie die Dienstleistung ihres Betriebs und trugen die Wahrheit zu Grabe.

Ein quietschendes Geräusch.

Rechts am Weg wurde der Grabaushub sichtbar,
ein letztes quietschendes Geräusch, und der Wagen hielt an.

Die vier Männer setzten den Sarg auf zwei Bohlen, die quer über der Grube lagen, und schoben den Wagen beiseite. Der Grabaushub war mit Matten aus künstlichem Rasen abgedeckt, die, da aus Plastik hergestellt, wiederholt verwendet werden konnten.

Foto Friedhof

Praktisch!

Die Männer in den Frauenkleidern standen störend zwischen meiner Mutter und mir und begannen erneut einen - diesmal allerdings kürzeren - einsamen Dialog. Ich lauschte und suchte, vergeblich, den Sinn ihrer Worte zu fassen.

Einer erklärte, der Tod sei das Tor zum Leben, was mich auf den Gedanken brachte, ob dann die Geburt das Tor zum Tode sei.

Das Entsetzliche war, dass sich in solcher Rede überhaupt nichts Sinnvolles mitteilen ließ, dass der Geist, der doch nur Geist als Sprache und Klarheit sein konnte, in ihr kollabierte und bankrottierte, dass solch sprachliches Getön überhaupt nirgendwohin führte, sondern nur ins Bodenlose.

Plötzlich wurde es still. Die vier Männer hatten den Sarg hinabgelassen und hielten sich an ihren Mützen fest, das Schlusswort schien gesprochen, die beiden Männer im Maxi-Look verharrten noch einen Augenblick reglos und traten dann zurück, dabei wandte der jüngere der beiden - er trug einen Vollbart wie ich - sich nach mir um, drückte mir die Hand und sagte etwas, was ich jedoch nicht verstand, da in diesem Augenblick ein Düsenjäger über uns hin tobte. Doch dankte ich ihm, lächelte freundlich, ja strahlte ihn geradezu an, obgleich ihm dies ungewohnt, ja sogar unschicklich erscheinen mochte. Indes, er hatte die Geste der Freundlichkeit vollzogen, die ich ersehnt hatte, und ich wusste nicht, warum ich meine Freude darüber nicht hätte zeigen sollen.

In der Erwartung, dass nun auch sein Amtsbruder mir kondolieren werde, blickte ich zu diesem hin - mit der Absicht, ihn zu fragen, ob er die Verstorbene gekannt habe -, doch der Mann war ein paar Schritte zur Seite getreten, stand da, steif wie ein Stock, also verstockt, nickte nur kurz, während ich vergebens seinen Blick suchte, wandte sich dann, hochroten Gesichts, abrupt um und ging, gefolgt von seinem jüngeren Kollegen, mit raschen Schritten zu dem bereitstehenden Taxi, dessen Ankunft ich zuvor nicht bemerkt hatte und dessen Fahrer taktvoll in einiger Entfernung gewartet hatte. Ein wenig ratlos sah ich ihnen nach, dann nahm ich das Schüppchen, das einer der Totengräber mir hinhielt, nahm ein wenig Erde darauf und warf sie in die Grube, wobei das Schüppchen seitlich abkippte, was auf meine Nervosität oder Ungeschicklichkeit zurückzuführen war.

Wieder blickte ich mich um: Das Taxi stand noch da, die Männer in Frauentracht waren eingestiegen und schienen mich zu beobachten, als warteten sie ab, was ich jetzt wohl anstellen würde. Ich gab dem Totengräber das Schüppchen zurück, wandte mich um und ging langsamen Schritts auf dem Hauptweg dem Ausgang des Friedhofs zu. Unterwegs überholte mich das Taxi. Es fuhr in pietätvollem Tempo an mir vorbei, als wäre es ihm peinlich, schneller zu fahren als ich ging, und ich sah ihm nach, wie es davonfuhr und meinem Blick am Haupteingang des Friedhofs entschwand.

Dabei kam mir der Gedanke, dass die beiden mich hätten fragen können, ob ich nicht mitfahren wolle.

Aber wir hätten wohl nicht dieselbe Richtung gehabt.