Grenze der Sprache - Ende der Welt?

Zur Apologie mythischer Rede / In Erinnerung an Ludwig Wittgenstein (1889 - 1951)

In Absatz 6.522, des "Tractatus" - so aktuell wie je - schreibt Wittgenstein: "Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische."

Ist wirklich "Unaussprechliches" gemeint? Also etwas, das nicht ausgesprochen werden darf, das tabu ist wie "die Unaussprechlichen", nämlich die Beinkleider einer Dame im Viktorianischen England? Oder ist vielmehr "Unaussprechbares" oder "Unsagbares" gemeint, mithin etwas, das nicht ausgesprochen werden kann? (Die Endsilbe "bar" eines verneinten Adjektivs drückt, auch in dessen Substantivierung, kein Verbot, sondern eine Unmöglichkeit aus, was - nebenbei - die Väter und Mütter des Grundgesetzes nicht wussten, als sie mangels Beherrschung der deutschen Sprache fälschlicherweise behaupteten, die Würde des Menschen sei "unantastbar".) Oder aber (dritte Möglichkeit): meint "unaussprechliches" die eminente Fülle des so Benannten, die alle Sprachgewalt so sehr übersteigt, dass Sprache sie nicht auszuschöpfen vermag, da sie angesichts ihrer nie an ein Ende gelangt? - Wie differenziert ist Wittgensteins Sprachgebrauch? Wie differenziert der des Übersetzers?

Aus dem Kontext des "Tractatus" lässt sich erschließen, dass "Unaussprechliches" am ehesten jenes meint, das sich nach Wittgenstein nicht "klar" sagen, also überhaupt nicht sagen lässt und somit unsagbar ist.

Ist dann aber die Proposition "Es gibt ... Unaussprechliches" im Sinne Wittgensteins ein "sinnvoller" Satz und nicht vielmehr ein "unsinniger" Satz? Wie kann ich, wenn doch das Unsagbare per definitionem nicht sagbar ist, überhaupt irgendetwas darüber sagen wie etwa, dass es (in welcher Weise auch immer) gegeben sei oder existiere? Rutscht es mir nicht (wie auch seine Synonyma "das Unendliche" oder "das Absolute") gerade durch die Benennung unter der Hand in die Gruppe oder die Menge der kontingenten seienden Gegenstände, zu denen es doch gerade nicht zählen soll, und verliert das Unendliche nicht seine Unendlichkeit, wenn ich ihm durch Abgrenzung vom Endlichen ein Ende bereite? - Genauso ist es: das so benannte Mystische ist begrifflich nicht fassbar, da jede Benennung ihren Gegenstand abgrenzt oder definiert, also verendlicht und damit entmystifiziert. Was uns durch die Finger rinnt, ist das Mystische als das Unendliche oder Absolute - was wir in den Händen behalten, ist dagegen Unsagbares als kontingentes Seiendes, über das sehr wohl sinnvolle Aussagen möglich sind wie zum Beispiel die, dass das, was hier und heute noch unsagbar ist, in Zukunft da oder dort sagbar werden kann, da Sprache selbst ein Werdendes in Raum und Zeit oder, wie Herder es nannte, "ein Fortgebäu" ist.

Die Erfahrung, die wir im Vollzug dieser Überlegung machen, legt eine Unterscheidung zwischen absolut Unsagbarem und relativ Unsagbarem nahe. Jenes entzieht sich dem rationalen Zugriff (oder rutscht mit jeder Definition wie alles andere Definierte in die Sphäre der Kontingenz), dieses aber, nämlich das relativ Unsagbare ist, wenn auch eingeschränkt, grundsätzlich sagbar, und hätte Wittgenstein dieses relativ Unsagbare im Sinne gehabt, so ließe seine Gewissheit, dass es "allerdings" existiere, sich vernünftig begründen, eben weil das relativ Unsagbare abgrenzbar und damit begrifflich fassbar ist.

(Nebenbei: Das relativ Unsagbare ist natürlich auch das relativ Sagbare, steht mit diesem im selben Seinskontinuum und ist von ihm nicht wesensmäßig, sondern nur graduell verschieden.)

Wie aber ist uns das relativ Unsagbare gegeben? Antwort: Die Gegebenheit des Unsagbaren lässt sich erschließen, seine Existenz ergibt sich aus der immanenten Logik der Sprache, die der Struktur des Seins folgt: Gäbe es das Unsagbare nicht, so gäbe es auch nicht das doch evidente Sagbare, das sich vom Unsagbaren abhebt als die Figur vom Grund. Figur und Grund aber bedürfen einander und konstituieren einander wie Leben und Tod. Wenn eines fehlte, gäbe es auch das andere nicht, wären beide unterschiedslos in keiner Weise sprachlich präsent, sänke der Kosmos zurück ins Tohuwabohu, ins Apeiron des Anaximander. Oder anders: Gäbe es die Finsternis nicht - wem wollte das Licht leuchten? Und wäre das Licht erloschen - was wollte die Finsternis dann verdunkeln?

Das Sagbare und das Unsagbare sind durch wechselseitige Negation voneinander geschieden (wobei das Sagbare sowohl positiv als auch - durch doppelte Negation, als nicht Unsagbares - negativ definiert ist). Das Unsagbare ist zunächst - als nicht Sagbares - lediglich negativ definiert, solange es nicht durch Umbenennung (etwa in "Rätsel" oder "Geheimnis") in plötzlicher Umkehrung des Figur-Grund-Verhältnisses als nunmehr positiv Definiertes aus dem Grund hervortritt, der seinerseits jetzt als das in Sagbarkeit Offenbare oder Enträtselte zurücktritt, während es selbst als das der Enthüllung oder Entbergung nicht oder noch nicht zugängliche Verborgene erscheint.

So "klar" lässt sich dies sagen, wie Wittgenstein es nur wünschen kann - hätte er nur mit dem "Unaussprechlichen" das relativ Unsagbare und nicht das                   gemeint, angesichts dessen er doch uns und sich selbst zu schweigen gebietet. Aber er hält sich nicht an sein Redeverbot - was ihm die Sprache verschlägt, stößt ihm den Mund auf, worüber er nicht schweigen kann, davon muss er reden, als der Mensch, der sich vom Unsichtbaren ein Bild macht, wie der Poet, der stammelnd das Unsagbare zu sagen sucht, der Dogmatiker, der das Unbegreifliche auf den Begriff bringen will und sich dabei in hirnrissige Widersprüche verstrickt, wie der Jahvist, der die zuvor sprachlich ausgesparte Gottheit ("Namenlos") hervortreten lässt aus dem figurlosen Grund, indem er sie mit positiven Namen und Eigenschaffen belegt und damit sowohl personifiziert als auch verdinglicht. Auf dem Wege dahin befindet sich Wittgenstein, indem er das "Unaussprechliche" nicht in Unausgesprochenheit belässt, sondern mit dem (seinerseits vielfältig austauschbaren) Synonym "das Mystische" belegt, dem er zugleich die Fähigkeit attestiert, sich zu zeigen.

Ich will den Autor deshalb nicht tadeln. Dass wir unter einem schier übermächtigen Ausdruckszwang notwendig schreien, gegen Mauern rennen und scheitern, könnte ein unausweichliches allgemeines Humanum, könnte das Signum unserer Existenz sein, und in der Tat wird in dem hier spürbaren unausweichlichen dramatischen Konflikt ein ganz eigentümlicher tief wurzelnder Antagonismus einander diametral entgegengesetzter sprachlicher Tendenzen deutlich: der Widerstreit zwischen Schweigen und Reden, Verbergen und Enthüllen, Aussparen und Ergreifen und so fort.

Zunächst schien es, als mahne Wittgenstein zu sprachlicher Selbstbeschränkung. Das Äußerste, was Sprache vermag, sobald sie an ihre aporetische Grenze, den Limes zwischen dem Sagbaren und dem Unsagbaren gelangt, wäre demnach, dass sie sich auf die Tugend des ursprünglichen Jahvisten besänne, sich vor Grenzüberschreitungen hütete, sich beschiede mit dem ihr Möglichen, dem Sagen des Sagbaren, und sich darüber hinaus für inkompetent erklärte und folgerichtig demütig schwiege.

Indes: wie aus Furcht vor dieser Konsequenz, oder einem Gegenimpuls folgend, schränkt Wittgenstein die zuvor konstatierte Unaussprechlichkeit des Unaussprechlichen in überraschender Kehrtwendung ein, indem er ihm ("Dies zeigt sich...") eine positive Eigenschaft, genauer: Tätigkeit zuspricht. Damit wird jetzt die bislang offene und zugleich zwingend sich aufdrängende Frage beantwortet, in welcher Weise denn das (behelfsmäßig so genannte) absolut Unsagbare uns gegeben wäre, wie wir zu ihm in Beziehung treten könnten und wie es uns je zugänglich wäre. Was sich zeigt (darf ich sagen: "Was sich offenbart"?), verhält sich, wie die Grammatik sagt, reflexiv zu sich selbst und wendet sich nach außen an jemanden, der das sich Zeigende sieht - denn was sonst wäre der Sinn einer solchen Monstration, wenn nicht Kontaktaufnahme, Weckung von Resonanz! Damit aber hat Wittgenstein - nicht anders als der Prophet oder der Seher (der Poeta vates) - das Unsagbare, das Mystische, mythisiert, gleichsam zur Person erhoben, die - seins von sich aus, sei's von Gnaden des Autors - in Erscheinung tritt. Angesichts einer solchen Epiphanie muss der Schauende nicht reden, aber auch nicht unbedingt schweigen - er kann vor allem lauschen, hinhören und hinschauen auf das, was sich ihm zeigt und - vermeintlich oder tatsächlich - zu ihm spricht, was sich offenbart, sich entbirgt, was sich lichtet, indem es aus Stille und Finsternis, aus seiner Verborgenheit hervortritt in die Aletheia, die Unverborgenheit seines Seins.

Weltbegegnung und Welterfahrung, Erfahrung überhaupt wären also nicht notwendig und ausschließlich an rationale Rede geknüpft, sondern wie eh und je möglich als sinnliche Wahrnehmung, bildliches Erfassen, schauendes Innewerden, Ahnung, Ergriffenheit, staunendes Aufmerken gerade angesichts dessen, was Sprache als rationalen Diskurs, als Wissenschaftssprache übersteigt oder was, als Nonsens, Paradox, Absurdität, hinter ihr zurückbleibt oder neben ihr herläuft, im Zuständigkeitsbereich der Poesie also, in jenen Gefilden, da die Mythen, da Brentanos "heimliche Welt", die Dinge Rilkes, Wind, Regen und Bäume, Steine, Tiere und Götter zu sprechen beginnen, da unsere inneren Gesichte uns wiederbegegnen, die wir womöglich - wer vermag's mit Bestimmtheit zu sagen? - projiziert, nach außen gekehrt haben, auf der Suche nach einem Du, um in der Welt nicht allein zu sein. Dann legt der Prophet - persona personans oder persona personata - der Gottheit in den Mund, was sie nach seinem Gutdünken verlautbaren möge, oder er lässt sich von ihr durchtönen, indem er ihr seine Sprache leiht, so dass wir fragen: Wer dient da wem? Der Vormund dem Mündel oder das Mündel dem Vormund? - Wie auch immer: Da solches uns widerfährt, sich ereignet wie die Liebe (oder auch nicht) als ein Naturereignis der Seele, vielleicht (so Rilke) als ein "Orkan im Geiste" - wäre dann mythische Rede als Ausdruck unbestreitbarer, weder verifizierbarer noch falsifizierbarer, allenfalls relativierbarer spiritueller Erfahrung nicht eo ipso gerechtfertigt?

Und weiter: Hätte sich in Wittgensteins "Tractatus" das Mystische dem Sprachanalytiker gerade da gezeigt, wo er dem, was er für faulen Zauber hielt, entgehen wollte, während er ihm zugleich erlag? Hätte es ihn heimgesucht durch die Hintertür, die er ihm offenhielt? Oder hätte gar eine Art immanenter Logik der Sprache ihn zu Fall gebracht oder richtiger: ihm allererst die Augen geöffnet? - Er wäre darob zu beglückwünschen wie alle zweisprachig Lebenden, die die Sprache des Logos wie die des Mythos verstehen und die nicht mehr zu besorgen haben, als dass sie die eine nicht mit der andern konfundieren.

Und gesichert bliebe als Kern ästhetischer Sprachgestaltung schlechthin, dass eine Sprache, die sich angesichts des Mystischen gleichsam selbst zum Verschwinden bringt, ihre stärksten Wirkungen gerade da erzielt, wo sie sich ausspart, so wie die Sprache des Logos in letzter, äußerster Anstrengung ihren eigenen Untergang besiegelt in so seltsamen Sätzen wie der These Hegels: "Das reine Sein ist das reine Nichts" oder dem Satz Bonhoeffers: "Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht", und auch danach noch wäre Kommunikation möglich, kann an die Stelle des Sagens die Visualisierung, das Zeigen treten und kann am Anschauungsmodell des Möbiusschen Bandes der Sinn der Paradoxie geradezu körperlich erfahrbar werden.

Je älter ich werde, umso mehr nähere ich mich einem angelsächsischen, eher fragenden als urteilenden Denken und frage also, ob über alle bisherige Erfahrung hinaus ein weiteres sprachliches "Fortgebäu" denkbar wäre, eine Umstrukturierung der Sprache, der eine Umstrukturierung des Denkens vorangehen müsste, eine vielleicht "holistisch" zu nennende Sprache als Ausdruck oder Eindruck eines "außenlosen, nur in sich selbst transzendierenden Weltganzen" (so Sloterdijk in einem Aufsatz über William James), eines Universums, in dem die Dichotomien von Geist und Materie, Gut und Böse, Subjekt und Objekt, Transzendenz und Immanenz und so fort aufgehoben wären und das sich nicht nur in Ausnahmefällen, sondern generell nur mehr schweigender Rede oder beredtem Schweigen erschlösse? Aber versänke dann nicht der Logos im Chaos? Und wäre - tremendum et fascinosum - nicht gerade dies das Wesen aller Mystik?

Und schließlich: Wozu - am Ende und bei diesem Ergebnis - der Umweg über die mühselige Analyse der Wissenschaftssprache! Ja, wozu! - "Ein Gott", schreibt Hyperion an Bellarmin, "ist der Mensch, wenn er träumt - ein Bettler, wenn er nachdenkt."

Möge der Gott dem Bettler Brot geben: Brot für die Seele!