Gott ist nicht mehr zu retten

Parerga, Glossen und Notizen

Zwar meinte Rainer Maria Rilke, Rühmen, das sei's. - Schon recht! Emil Staiger hätte seine helle Freude daran gehabt. Aber wenn ich auch einmal einen Roman gepriesen habe (William Goyens Roman "Haus aus Hauch", der nach wie vor mein Lieblingsbuch ist) - aufs Ganze gesehen bin ich wohl doch kein "zum Rühmen Bestellter", denn mit einem anderen Biblion, das oft das "Buch der Bücher" genannt wird, habe ich die größten moralischen und intellektuellen Schwierigkeiten. Da wird ein Gott angebetet, der Völkermorde gebietet, von Abraham fordert, dass dieser seinen Sohn schlachte, um seine Treue zu Gott zu beweisen, ein Gott, der seinen eigenen Sohn grausam hinrichten lässt, Eltern wird empfohlen, ihre Kinder zu verprügeln, Frauen haben kein Mitspracherecht, die Sklaverei wird gerechtfertigt, ein Wanderprediger verbreitet Psychoterror, indem er Menschen, die ihm die Gefolgschaft verweigern, mit ewigen Höllenstrafen bedroht, eine Jungfrau gebiert ein Kind, unschuldige müssen für die Sünden ihrer Väter büßen, psychisch Kranke werden mit Exorzismen gequält - kurz: es wimmelt in diesem Buch von Abstrusitäten und Scheußlichkeiten aller Art, so dass einem halbwegs klardenkenden und feinfühligen Leser die Galle hochkommt. - Ein Buch, das die Vernunft beleidigt und das krank macht!

Soeben lese ich Uta Ranke-Heinemanns Buch "Nein und Amen / Anleitung zum Glaubenszweifel". Die Autorin klärt auf (allerdings nur scheibchenweise), und von der Vorstellung eines personalen Gottes mag sie sich nicht trennen, obwohl doch gerade diese schnurstracks in die Irre führt. Denn wenn der "allmächtige" und "all-liebende" Vater unschuldige Menschen, gar Kinder (von den zur Sünde total unfähigen Tieren ganz zu schweigen) grausam leiden lässt, fragen wir mit Julius Hackethal völlig zurecht, ob Gott ein Sadist ist, werden selbst irre an ihm und zweifeln an unserem eigenen klaren Verstand. Jeder halbwegs klardenkende Mensch gibt doch unhaltbare (weil zu inneren Widersprüchen führende) Hypothesen bereitwillig auf und sucht nach anderen, vorerst widerspruchsfreien und somit plausibleren Erklärungen. - Doch nicht so die Kirche! Sie erhebt den offenkundigen Nonsens zum "Mysterium". Ihre rabulistische Apologetik reitet sich selbst vollends in den Sumpf, ins Absurde und Abstruse, und je fragwürdiger die jeweilige Sache, um so hanebüchener und grotesker die sprachlichen Verrenkungen ("Gottes Wille kennt kein Warum.") und umso morscher die dogmatischen Stützen (Erbsünde, Jungfrauenzeugung, Sühneopfer usw.), so dass wenn nicht die Hühner, so doch schon zehnjährige Kinder darüber lachen. So vermeidbar, so unnötig, so hausgemacht sind die theologischen Rechtfertigungs-Probleme, weil die Dogmatiker nicht lernfähig sind und nicht einsehen wollen (oder können), dass ihre Schlussfolgerungen falsch sind, weil sie auf irrigen Voraussetzungen ruhen. Sobald diese logisch und empirisch falsifiziert sind, stürzt das gesamte dogmatische Lehrgebäude wie ein Kartenhaus in sich zusammen. - So geht es einem, wenn man das Sacrificium intellectūs darbringt!

Die Vorstellung eines personalen Gottes taucht wohl im frühen Judentum zuerst in der Formulierung "Ich bin, der ich sein werde" auf, einem Satz, der dem bis dahin Namenlosen Ich-Bewusstsein und Sprache unterstellt und zugleich Männlichkeit, denn es heißt ja nicht: "Ich bin, die ich sein werde" oder "Ich bin, was ich sein werde." Die Suche nach dem Schutz eines mächtigen und liebevollen Vaters oder der Versuch, sich das Bedrohlich-Ungeheure durch Angleichung vertraut zu machen, um mit ihm kommunizieren zu können, oder wiederum anders: das Bedürfnis, dem unsichtbar-Gestaltlosen durch bildhaften, zur Metapher verkürzten Vergleich Gestalt und Gesicht zu verleihen, mag für den Geängstigten überlebenswichtig, also eine psychische Notwendigkeit sein und ist somit und soweit zu respektieren. (Erich Fromm: "Man darf dem Lahmen seine Krücken nicht nehmen.") Mutiert dann aber, wenn das Bild des gütigen Vaters mit weiteren Attributen über frachtet wird, der "All-liebende", "Allgerechte", "Allmächtige" und "Allweise" zu einem in sich zerrissenen Supermonster, benimmt der Geliebte sich wie ein Trunkenbold oder ein Amokläufer und hat gar der Vater ein Wohlgefallen an der grausamen Hinrichtung seines eigenen Sohnes, dann wird die Liebe zu einem solchen Vatergott aus Gründen der Psycho-logik unmöglich, dann lässt Liebe sich (unter Verdrängung des Widerwärtigen aus dem Bewusstsein) allenfalls affektieren. Wer zu diesem Opfer nicht bereit ist und wer sich seinen klaren Verstand bewahren will, wird konsequenterweise "Nein, danke!" sagen und der Kirche den Rücken kehren.

In seiner Schrift "Antwort auf Hiob" gelangt C.G. Jung trotz seiner theistischen Voreingenommenheit zu dem Schluss: "Gott ist ein amoralisches Wesen." Damit (er hätte auch sagen können: "Gott ist unzurechnungsfähig, schuldunfähig oder idiotisch.") hat er den personalen Gottesbegriff substantiell entkernt, denn Moralität als Wertbewusstsein ist gleichbedeutend mit Verantwortlichkeit und das Wesen der sittlichen Person.

Eugen Drewermann ("Glaube in Freiheit oder Tiefenpsychologie und Dogmatik") warnt ausdrücklich vor frommem Wunschdenken, projiziert dann aber - wohl in therapeutischer Absicht - wacker drauflos, indem er, statt (als Sachbuchautor, der er doch ist!) Kenntnisse zu vermitteln, immer wieder Glaubensbekenntnisse ablegt und von "unendlicher", "absoluter", "jenseitiger" Liebe schwärmt. ("Gott ist Liebe, nur Liebe und sonst gar nichts.") Zugleich empfiehlt er die Liquidation falscher Gottesbilder, was ja wohl impliziert, dass es seiner Ansicht nach auch deren richtige gibt. (Ein Kriterium zur Unterscheidung liefert er allerdings nicht.)

Mein Eindruck: Er will sich nicht festlegen und schreckt (selbst da, wo er Epikur zitiert) vor der doch naheliegenden und ernüchternden Konsequenz zurück. Anders: Er bestätigt unbewusst und ungewollt genau das, was William James ("Die Vielfalt religiöser Erfahrung") schon vor mehr als 100 Jahren herausgefunden und beschrieben hat: "Die beseligende Glaubensgewissheit ist nur zu haben um den Preis der Verdrängung der negativen Seiten des Daseins." Das aber heißt: Der Psychotherapeut Drewermann praktiziert ganz offensichtlich (sagen wir freundlich: aus Schonung des Patienten, den er wohl nicht für voll nimmt) die sogenannte "zudeckende, palliative Therapie".

Die Kernfrage in allen Streitgesprächen zwischen Theisten und Atheisten ist immer: Wie kann ich angesichts von Gottesbildern (deren innerpsychische Realität unbestritten ist) den Unterschied zwischen Abbildern und Vorstellungsbildern herausfinden, wenn ich davon ausgehe, dass dem Abbild in mente ein außerpsychisches Objekt (ein Objekt extra mentem) entspricht (oder dem intellectūs eine res) und dem Vorstellungsbild als einer Einbildung, einer Illusion oder einem intellectūs sine re) eben nicht? Anders: Welche Erscheinungen haben eine objektive Entsprechung, und welche Erscheinungen sind Pseudo-Erscheinungen oder Pseudo-Offenbarungen?

Bleibt also - wenn wir uns nicht mit unlösbaren Problemen quälen wollen - Pascal Boyers an Feuerbach anknüpfende These: "Der Mensch schuf Gott." - Wenn dies gilt, so würde auch wohl in radikaler Zuspitzung des Drewermannschen "Glaubens in Freiheit" gelten: Wir sind so frei, uns einen Gott zu backen, der uns gefällt. - Nur: warum so umständlich! Genügt es nicht, dass wir uns selbst gebieten, was zu tun und zu lassen ist, und dass wir unsere Entscheidungen und unsere Taten nicht Gott, aber unseren Mitmenschen gegenüber verantworten? Damit wäre dann die von Theisten geforderte Theokratie endgültig durch eine atheistische Homonomie ersetzt. - Wen schreckt's?

Wenn der Mensch an Gott irre wird, weil der Allgütige und Allmächtige zu einem launischen Despoten mutiert, dessen Absichten und Taten nicht einfühlbar sind, zu einem grauenerregenden Alien mit sadistischen Zügen, das die Herzen der Menschen verhärtet, um die Menschen darob umso grausamer zu bestrafen, wenn der "liebe Gott", von einem satanischen Wesen nicht mehr unterscheidbar, die Ausrottung ganzer Völker gebietet und ausdrücklich die Niedermetzelung von Frauen, Kindern und Greisen befiehlt, dann ist es Zeit, den Tyrannen zu morden und an die Stelle der Gottesliebe die Menschenliebe zu setzen. Die nämlich bedarf keiner Apologetik und keiner Theodizee, die muss nicht krampfhaft herbei spintisiert werden, die ist real, und wer sie erfahren hat am eigenen Leib, der weiß, wie sie schmeckt, dass sie frei ist von jener Strafangst, die der permanent beleidigte und rachsüchtige Jahwe verbreitet, und dass sie keiner himmlischen Vergütung bedarf, weil sie sich mit der Freude des Geliebten selbst belohnt.

Meilenweit entfernt von einem rationalen Diskurs beruft der Prediger und Katechet sich gern auf die "göttliche Offenbarung", die Bibel als das Wort Gottes, der, da ohne festen Wohnsitz, natürlich nicht als Zeuge geladen werden kann.

Dabei könnte der theologisch-dogmatisch usurpierten "Offenbarung", die gläubige Unterwerfung verlangt und keine Kritik erträgt, ja auch schlicht menschlicher Ideenreichtum zugrunde liegen, über den mehr oder weniger jedermann und jedefrau verfügt. Denn wem wäre nicht auch ohne den Beistand eines "Heiligen Geistes" einmal ein Licht aufgegangen!

Neben solchen Illuminationen gibt's freilich auch "Schnapsideen", die günstigenfalls zu behördlichen Schildbürgerstreichen führen und schlimmstenfalls wie im Falle des Hexenwahns in massenpsychiotische Raserei münden.

Und ein ganz besonderer Fall von Offenbarung (man kann sagen: geoffenbarter Sondermüll) ist die sogenannte "Geheime Offenbarung" des vermutlich schizophrenen Evangelisten Johannes, So kann, wie man sieht, auch der Traum eines Irren in ein heiliges Buch eingehen, überdies (zumal in der Übersetzung von Walter Jens) zu literarischen Ehren gelangen und ohne, wie der Gegenstand es erfordert hätte, psychiatrisch, ideen- und religionskritisch analysiert zu werden, womöglich von Horrorfans genüsslich konsumiert werden.

Hätte Hans Küng sich eingedenk seines großen Latinums (auch das kleine hätte genügt) auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "Existenz" besonnen, schwerlich wäre ihm dann der törichte Satz entfahren: "Gott existiert, aber er ist kein Seiendes", in dem der logische Unfug in der nachgeschobenen Einschränkung liegt, denn wenn Gott existiert (exsistit = hervorragt, unterscheidbar sich abhebt), dann muss er ein Seiendes sein, wenn er aber kein Seiendes ist, kann er nicht existieren. - Küngs Gott ist ein Omelett ohne Ei.

Der Nonsens der Küngschen Auslassung zeigt das Elend einer Theologie, die auf rationaler Ebene mitreden will, Philosophie aber offenbar nur als Hilfswissenschaft (ancilla theologiae) betreibt und daher schon an vergleichsweise einfachen Denkaufgaben scheitert.

Hier (als unfreiwillige Parodie auf Theologenjargon) ein Zitat aus Karl Rahner, Grundkurs des Glaubens / Einführung in den Begriff des Christentums":

"Der rein initiative Heilswille Gottes setzt dieses im Tod sich vollendende Leben Jesu und bringt sich selber so als Unwiderruflicher in Wirklichkeit und Erscheinung. Leben und Tod Jesu (in einem genommen) sind somit insofern "Ursache" des Heilswillens Gottes (insofern beide Größen als unterschieden betrachtet werden), als in eben diesen dieser Heilswille sich real und irreversibel setzt, insofern als - mit anderen Worten - also Leben und Tod Jesu (oder der das Leben zusammenfassende und vollendende Tod) eine Ursächlichkeit quasisakramentaler, real-symbolischer Art haben, in der das Bezeichnete (hier: der Heilswille Gottes) das Zeichen (den Tod Jesu mit seiner Auferweckung) setzt und durch es hindurch sich selbst bewirkt. Wird der Tod Jesu so gesehen, so wird wohl einmal verständlich, dass seine soteriologische Bedeutung (diese richtig verstanden) schon in der Erfahrung der Auferstehung Jesu mitgegeben ist. als auch zum anderen, dass die ,späte' Soteriologie im Neuen Testament (richtig verstanden!) eine berechtigte, aber in etwa doch sekundäre, abgeleitete Aussage der Heilsbedeutung des Todes Jesu ist, weil sie mit Begriffen arbeitet, die zu der ursprünglichen Erfahrung dieser Heilsbedeutung (einfach: wir sind gerettet, weil dieser Mensch, der zu uns gehört, durch Gott gerettet ist und dadurch Gott seinen Heilswillen geschichtlich real und unwiderruflich in der Welt anwesend gemacht hat) von außen als (mögliche, aber nicht einfach unentbehrliche) Interpretamente herangetragen worden sind."

Alles klar?

"Die Kirche", sagen ihre Kreditgeber, "vermittelt Sinn." Will man den aber zu fassen kriegen und fragt man den theologischen Fachmann um Rat, so verweist der, je kritischer und vernünftiger du fragst und je mehr du den Apologeten mit einem Seneca-Zitat in Bedrängnis bringst, um so emphatischer aufs "Mysterium" Gottes, über das sich "letztlich" nichts sagen lasse und das deshalb gläubig-demütige Unterwerfung verlange, kurz: er vermittelt dir einen Sinn, den du nicht verstehst. Ein Sinn, den ich nicht verstehe, ist aber für mich kein Sinn, sondern Unsinn, dem ich allenfalls, damit überhaupt Sinn in der Welt walte, durch wertschaffende Taten meinen Eigensinn entgegensetzen kann, und um das zu sehen, hätte ich keines theologischen Rates bedurft.

Was nach radikaler (weit über Bultmann hinausgehender) nicht Entmythologisierung, sondern, wie es richtig heißen muss, Entmythisierung als Gegenstand der Faszination, der Furcht oder des Staunens, was als "tremendum et fascinosum" im Sinne Rudolf Ottos noch bleibt, ist unerforschtes (und vielleicht nie gänzlich erforschliches) Unnennbares, Ewiges, Absolutes, Unendliches, All-Eines, Seins-Ganzes, Urgrund, Universum, All, Kosmos, Natur oder ein irgendwie geartetes Letztes, das man zur Abwechslung dann auch wieder "Gott" nennen kann, da alle diese Benennungen in ihrer verschwommenen Allgemeinheit nahezu beliebig austauschbar sind und keinerlei positiven Erkenntniswert haben.

Erfahre ich dieses Numinose (wieder eine andere Bezeichnung) oder dieses unsagbare, das Wittgenstein auch "das Mystische" nennt, als Schönes, also ästhetisch Faszinierendes, so bleibt es bei aller Aufklärung voll erhalten als das Sprachtranszendente, das Durchscheinende, das gerade durch Aussparung, durch Nicht-Benennung Vergegenwärtigte, auf das ich mit Staunen, Ergriffenheit, Sehnsucht, Liebe oder auch Furcht reagieren kann - also mit all jenen Gefühlen, die auch der atheistisch religiös empfindende Wissenschaftler (etwa Albert Einstein oder der Astrophysiker Hawking) im Angesicht der unendlichen kosmischen Weiten empfinden mag.

Dieser Erfahrung dürfte auch jenes Gefühl entsprechen, das Romain Roland in seinem Briefwechsel mit Freud als das "ozeanische Gefühl" beschrieben hat und das eher mit Poesie als mit Dogmatik verschwistert ist.

Solche Differenzierung oder Entfaltung des komplexen sprachlichen und gedanklichen Sachverhalts mag dafür sorgen, dass mit der Preisgabe einer ins Widersinnige führenden und somit unbrauchbaren personalen Gottesvorsteilung nicht die Dimension des Religiösen schlechthin diffamiert werde. Denn es gilt nicht, eine poetisch und/oder phänomenologisch beschreibbare psychische Realität zu leugnen, sondern es geht darum, deren mögliche theistische Fehldeutung zu verhindern.

Auf dem Friedhof des Städtchens Pulheim bei Köln las ich vor Jahren den auf einem Grabstein eingemeißelten Satz: "Gottes Wille kennt kein Warum." - Das gab mir zu denken und führte mich zu folgenden Überlegungen:

Wenn Gottes Wille kein Warum im Sinne einer Causa fonalis kennt, dann ist Gott keine Person. Denn vorausschauendes, zielstrebiges Planen gehört zu den Wesensmerkmalen eines personalen Geistes. "Gott" wäre dann nur eine andere Bezeichnung für Schicksal, Kismet, Fatum (altgriechisch: Moira) oder das Walten der Natur, das unberechenbare Werden, in das wir, ob handelnd oder leidend, eingebunden sind und dessen erste Ursachen und letzte Wirkungen sich in undurchsichtigem Nebel verlieren. So etwas wie die planende Absicht eines höheren Wesens, für dessen Bild der real existierende Mensch (s. Ludwig Feuerbach) Modell gestanden hätte, ist nirgendwo erkennbar. Ein solches Wesen ist vielmehr rein fiktiv, illusionär und bleibt Gegenstand irrationaler Spekulation im Interesse derer, die als Priesterschaft oder Glaubensgemeinschaft politische Machtansprüche daraus herleiten oder materiellen (steuerlichen) oder ideellen Nutzen wie Trost und Sinn daraus ziehen. Die Sonne scheint über Gerechten wie Ungerechten, Türme stürzen ein über Ungerechten wie Gerechten, und die Sterne blinken gleichgültig und kalt. - Gleichwohl sagte Landesbischof Martin Kruse: "Es geschieht nichts auf Erden, das Gott nicht will." Mit diesem Satz wollte er die Angst einer Schülerin vor einem atomaren Krieg beschwichtigen. Tatsächlich aber bewirkt ein solcher Satz genau das Gegenteil. Bewusst gesprochen vor dem Hintergrund der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki (vom Holokaust ganz zu schweigen), steigert er die real begründete Furcht bis zum Grauen, da man aufgrund einer solch hanebüchenen Aussage meinen könnte, Gott selbst sei vom Teufel besessen. Eine vernünftig überzeugende Erklärung in dieser theologisch total verfahrenen Situation liefert wohl nur ein Satz wie der Marie-Henri Stendhals, der da sagte: "Die einzige Entschuldigung für Gott ist die Tatsache, dass es ihn nicht gibt."

Mag der gläubige Krebspatient seine Hoffnung ruhig auf irgendetwas setzen, das ihm hilfreich erscheint: auf die Kunst der Ärzte, den Fortschritt der Wissenschaft, die Hilfe Mariens oder die Fürbitte der Heiligen, eine Spontanremission oder angebrütete Eier (Trephon-Eier) - wenn sein Glaube (ich denke an einen möglichen Placebo-Effekt) ihm hilft, werde ich ihn staunend beglückwünschen. Bleibt aber jede Hilfe aus, so weicht mein Staunen der nüchternen Erkenntnis, dass die voluntas Dei vel naturae (s. Baruch de Spinoza) oder das Fatum völlig gleichgültig ist gegenüber menschlichem Hoffen und Bangen, so wie die Wahrheit als Faktizität unabhängig ist von menschlichem Dafür- oder Dawiderhalten.

Vagabundiert man in philosophischen Schriften, so fällt einem auf, dass nicht wenige ihrer Autoren geradezu einen Horror vor dem haben, was sie den "unendlichen Regress" nennen, und auch vor dessen Pendant, dem "unendlichen Progress", scheint ihnen zu schaudern. Nein, nein, auf beides mögen sie sich nicht einlassen, beides soll nicht sein, das Denken gelangt ja sonst - wie schrecklich! - nie an ein Ende, wenn hinter dem Frühen immer noch ein Früheres, hinter dem Späten immer noch ein Späteres, hinter dem Fernen immer noch ein Ferneres sein soll. Also muss ein Anfang und ein Ende her, ein Prinzip, das dem Weiterfragenden das Maul stopft.

Man merkt schon: vor allem theologisch orientierte Denker (lustige Contradictio in adiecto!), Großgläubige sind hier am Werk, und man ahnt auch, warum: Wo kein Anfang und kein Ende ist, da ist auch keine Schöpfung und kein Weltgericht, und wo kein Prinzip ist, da ist auch kein unbewegter Beweger, keine prima causa Info, da gibt's keine creatio ex nihilo Info denn ex nihilo nihil fit Info, und aus wär's mit dem intelligenten kosmischen Designer, aus mit der "Krone der Schöpfung", denn der Homo sapiens wäre sodann nicht mehr als ein Glied in der Kette einer nicht endenden Evolution, deren Totalsinn nicht einsehbar wäre (als ob "Gottes unerforschlicher Ratschluss" nicht ebenso uneinsehbar wäre!), kurz: das theologische Gottesbild und das ihm entsprechende Weltbild gerieten ins Wanken, die Dogmatiker müssten umdenken, Gott wäre überflüssig, und das Chaos würde ausbrechen, denn (so Bischof Mixa) "eine Welt ohne Gott wäre die Hölle auf Erden." (Dann schon lieber eine Welt mit Gott, in der man in christlicher Liebe "heilige" Kriege führen, Hexen und Ketzer verbrennen und orthodoxe Serben ermorden kann, wie?)

Nun, die frommen Sorgen der Theisten teile ich nicht. Die Mathematiker gehen recht unbeschwert mit dem Begriff des Unendlichen um (die liegende Acht ist das Symbol der, Unendlichkeit), schon Albrecht Dürer zeichnete perspektivisch, war also mit dem Fluchtpunkt als einem Punkt im unendlichen vertraut, auf der Kreislinie koinzidieren Anfang und Ende in unendlich vielen Punkten, und (wer weiß?) vielleicht ist es ja so, dass alles Geschehen im Seinsganzen nicht linear, sondern zyklisch verläuft und dass der unendliche Weltraum wie die Fläche einer Kugel überall in sich selbst übergeht und aus sich selbst hervorgeht, und wenn auch ein solcher Vorgang meine Vorstellungskraft übersteigt und ich Stephen Hawking auf weite Strecken intellektuell nicht zu folgen vermag (ich weiß ja nicht einmal, wie eine Glühbirne funktioniert), so kann ich mich doch - nachsinnend, vergleichend, auswählend, verwerfend, umdenkend - mühelos einlassen auf die Erfahrung begrenzten Wissens, auf Versuch und Irrtum, ohne mich im Besitz eines Totalsinns zu wähnen und ohne deshalb in Angst oder gar in Verzweiflung zu geraten. Dass eine Welterklärung, die ja nie mehr als eine auf Hypothesen gestützte Theorie sein kann, mir plausibel erscheint, soweit sie in sich widerspruchsfrei ist und erfahrbarer Realität entspricht, genügt mir vollauf. Die Wahrscheinlichkeit ist mir lieber als eine "Glaubenswahrheit", die schon als Missgeburt der Sprache mein Denken beleidigt, und wo ich ins Leere stoße, da stopfe ich das Vakuum nicht mit Glaubenssätzen, die nach Wittgenstein, weil weder verifizierbar noch falsifizierbar, "Unsinnssätze" sind, sondern da mache ich kehrt und suche nach neuen Wegen im Sinne einer Philosophia perennis (einer Philosophie, die nie endet).