Gedanken zum Leib-Seele-Problem

Bei Gerald Ulrich, in seinem Aufsatz "Scheinprobleme als Ausdruck der 'Krise der Lebenswissenschaften' und die Voraussetzungen zu ihrer Überwindung", nachzulesen in Martin Wollschläger (Hrsg.), "Hirn - Herz - Seele - Schmerz", Tübingen, 2008, findet sich der bemerkenswerte Satz: "So wie Geistiges nur auf Geistiges wirkt, kann Stoffliches nur auf Stoffliches wirken."

Schaut man sich diesen Satz genauer an, so sieht man, dass insgesamt vier Thesen in ihm stecken: zwei positive und zwei negative Urteile, die einzeln sinngemäß lauten wie folgt:

These 1:"Geistiges wirkt auf Geistiges."
These 2:"Geistiges wirkt nicht auf Stoffliches."
These 3:"Stoffliches kann auf Stoffliches wirken."
These 4:"Stoffliches kann nicht auf Geistiges wirken."

Wir wollen einmal untersuchen, ob diese Thesen sich beweisen oder widerlegen lassen.

Zu These 1: Wenn ich zwei Bücher nebeneinanderlege, so können deren geistige Gehalte nicht aufeinander wirken, denn sie können einander nicht lesen und nicht miteinander sprechen. Erst wenn ein Mensch aus Fleisch und Blut, der zugleich Träger eines personalen Geistes ist, die beiden Bücher liest, ihre Gehalte miteinander vergleicht, Gedanken des älteren der beiden Bücher verwirft oder übernimmt, vielleicht ein drittes Buch schreibt, in dem er, was ihm bewahrenswert scheint, aus beiden Büchern zusammenfasst, kann man sagen, dass Geistiges dank eines Mediums in Gestalt eines personalen Geistes auf Geistiges gewirkt hat.

Richtig würde These 1 dann lauten: "Geistiges wirkt auf Geistiges nicht unmittelbar, sondern mittels eines personalen geistigen Mediums."

Dies ist zugleich die Voraussetzung für die Überlieferung geistiger Werte über Raum und Zeit hinweg, solange die stofflichen Substrate, auf denen die Bedeutungen ruhen, erhalten bleiben. Verschwinden aber die Substrate (man denke an den Brand der Bibliothek von Alexandria), so sind auch die geistigen Werte, die in den Schriften gespeicherten Bedeutungen weg für immer und ewig. Denn einen Geist, der frei über den Wassern schwebt, gibt es nicht.

Zu These 2: Wenn dies so wäre, wenn also Geistiges nicht auf Stoffliches wirkte, wie könnte man dann sagen: "Ideen verändern die Welt."! - Zum Beweis dieses zuletzt zitierten Satzes und damit zugleich zur Falsifikation von These 2 deshalb ein konkretes Beispiel: Jemand liest das "Kommunistische Manifest" von Marx und Engels und ist von dessen ideellem Gehalt so beeindruckt, dass er beschließt, die Welt ab sofort nicht zu interpretieren, sondern zu verändern. Er wählt Kommunisten in die Regierung, sein Beispiel macht Schule, es kommt zu Massenbewegungen, zu Revolutionen, und ganze nationale Gesellschaften werden radikal umstrukturiert. - Also hat hier doch, wie man sieht, Geistiges mit Hilfe des geistbegabten und zugleich handelnden Menschen auf Stoffliches, nämlich die Welt gewirkt, indem eine Idee oder ein Gedanke umgesetzt wurde in die Tat.

Statt These 2 in der oben zitierten Fassung müsste also der Satz gelten: „Geistiges wirkt, wenn nicht immer, so doch mitunter auf Stoffliches."

Und in der Tat, so muss es sein! Denn wäre es anders, so könnten wir keine Werte realisieren, keine Ideen in die Tat umsetzen und nicht zwecks Verbesserung unserer Lage in das Naturgeschehen eingreifen, sondern wir müssten sodann wie geistlose Kieselsteine alles, was in der Welt geschieht, passiv über uns ergehen lassen.

Zu These 3: Die Wahrheit dieses Satzes ist so evident, dass sie keines Beweises bedarf, denn tagtäglich beobachten wir, wie im gesamten Naturgeschehen unentwegt Stoffliches auf Stoffliches wirkt. Diese Wirkungen und die Gesetzmäßigkeiten, unter denen sie sich vollziehen (z.B. das Kausalitätsprinzip) zu erforschen, ist Aufgabe der Naturwissenschaften, deren Gegenstand und Berechtigung kein vernünftiger Mensch bestreitet. (Ganz im Gegensatz zur Theologie, der einzigen Wissenschaft, der es bis heute nicht gelungen ist, ihren Gegenstand nachzuweisen, und die man daher als Pseudowissenschaft bezeichnen kann.)

These 3 ist also wahr, weil durch unzählige empirische Beobachtungen verifiziert.

Zu These 4: Auch hierzu ein konkretes Beispiel: Setzen wir den Fall, ein Schriftsteller habe ein geistiges Produkt geschaffen, etwa einen Roman geschrieben, also ein Gebilde erzeugt, das per definitionem in die Sphäre des objektivierten Geistes gehört. Dann nimmt er an seinem Werk Änderungen vor, indem er ganze Passagen streicht und/oder andere, neue hinzufügt, d.h. er verändert den Text, das stoffliche Substrat, und damit die auf ihm aufruhenden geistigen Gehalte bzw. die im Text gespeicherten Bedeutungen, und zwar in planender Absicht, um eines ästhetischen Zweckes willen, so dass sein Eingriff in die Textgestalt im aristotelischen Sinne einer causa finalis folgt.

Ähnlich ein zweites Beispiel: ein an einer schweren, sogenannten endogenen Depression leidender Musiker kann nach Anwendung zahlreicher Serien von Elektroschocks sein gesamtes Notenrepertoire nicht mehr erinnern. Grund (causa efficiens): Die Stromstöße haben das gesamte Hirnareal zerstört, in dem die Noten gespeichert waren, indem sie die Ganglienzellen in diesem Teil des Hirns zerschmorten. Stoffliches (der elektrische Strom) hat also anderes Stoffliches (Hirnsubstanz) und damit auf diesem aufruhendes Geistiges, den geistigen Gehalt der Notenschriften, vollständig zerstört. Eine krassere Form von Einwirkung als Vernichtung erscheint kaum vorstellbar! Damit wäre These 4 empirisch widerlegt, und richtig müste es heißen: "Stoffliches kann auf Geistiges wirken durch Veränderung oder gar Zerstörung von dessen stofflichem Substrat."

Insgesamt ein Befund, der jede soziale Psychotherapie ermutigen mag, die den Menschen als leiblich-seelische Ganzheit sieht oder als einen datenverarbeitenden Organismus, in dem sämtliche einzelne Organe (nicht nur Stammhirn, Limbisches System, Cortex und Neocortex) neuronal vernetzt sind und der überdies mit seinem sozialen Umfeld durch Informationsaustausch in ständiger Kommunikation steht.