Freiräume des Handelns und Grenzen der Toleranz

Toleranz wird gemeinhin definiert als Duldung oder Geltenlassen weltanschaulicher oder religiöser Sichtweisen, die man selbst nicht teilt. Diese Definition, so zutreffend sie in ihrem Bezug auf weltanschaulich-religiöse Theorien, Theorien ohne Praxisbezug, sein mag, greift jedoch zu kurz, da sie eben den wichtigen Bereich des sozialen Handelns völlig außer Acht lässt. Menschen sind nicht nur denkende, sondern auch planende und handelnde Wesen, die aufgrund ihrer weltanschaulichen oder religiösen Sichtweisen auch bestimmte Normen für ihr praktisches Sozialverhalten, für ihr Tun oder Lassen in der Gesellschaft entwickeln, in der sie gerade leben, und daraus ergeben sich zahlreiche öffentliche Probleme, Probleme nicht nur wissenschaftlich-theoretischer moralischer oder ethischer Art, sondern vor allem juristischer Art, wenn man fragt: Welches Verhalten des Andersdenkenden ist tolerabel, weil soziale verträglich, und also der Allgemeinheit zumutbar. Hier gehen die Ansichten der Betroffenen, Zustimmung und Ablehnung, oft bis in die Gesetzgebung und die Rechtsprechung hinein, weit auseinander, so dass sie einander mitunter diametral entgegengesetzt sein können.

Beginnen wir einmal mit jenen religiös begründeten Sitten und Gebräuchen, die nicht nur unproblematisch, sondern womöglich sogar gesellschaftlich erwünscht sind, da sie Nutzen stiften. Da gibt es rituelle Reinigungsbäder oder Waschungen, die nicht nur symbolisch der psychischen, sondern tatsächlich auch der physischen Hygiene dienen können, ferner den bewussten, von der Glaubensgemeinschaft vorgeschriebenen Verzicht auf den Konsum von Rauschmitteln, vornehmlich Alkohol, der nicht nur der Gesundheit des Einzelnen zugutekommt, sondern auch der Volksgesundheit insgesamt und der die Solidargemeinschaft der Krankenversicherten entlastet. Dann humanitäre Hilfen aller Art durch mächtige religiöse Hilfsorganisationen wie Caritas und Diakonie.

So fraglos positiv diese Aktionen zu bewerten sind, so verabscheuenswert und verwerflich sind andererseits jene, gleichfalls als religiös begründet dargestellten Aktionen, die eindeutig gegen geltendes Recht, insbesondere gegen die Menschenrechte, verstoßen, schwere und schwerste Verbrechen wie etwa genitale Verstümmelungen, grausame Bestrafungen und Hinrichtungen, Gräueltaten wie die des IS und von Propheten als Gottes Gebot verkündete Völkermorde wie z.B. der im Alten Testament beschriebene Völkermord an den Amalekitern - eine Offenbarung, nach der Gott sogar ausdrücklich die Ermordung der Kinder gebietet! - Keine Frage, angesichts solcher Gräuel dürfen, ja müssen zivilisierte, demokratische Rechtstaaten gegen deren Urheber mit allen legalen Mitteln vorgehen und muss die Völkergemeinschaft notfalls auch militärische Gewalt ausüben, da, wer aus noch so edler, aber moralisch verkitschter Gesinnung heraus hier Toleranz fordert, sich mitschuldig macht und zu Recht gleichfalls zu verurteilen ist, so wie der Erzbischof von Sarajewo, der spätere Kardinal Stepinac unter Tito zu 16 Jahren Haft verurteilt wurde wegen seiner Beihilfe zur Ermordung von 300.000 griechisch-orthodoxer Serben durch kroatische Katholiken während des Ustascha-Regimes.

Damit ist der Rahmen abgesteckt für die weite Grauzone zwischen den Extremen religiös begründeten Sozialverhaltens, und ich wende mich nun jenen religiösen Sitten und Gebräuchen zu, über deren Bewertung die Ansichten in der Gesellschaft z.T. weit auseinandergehen:

Beginnen wir einmal mit der rituellen Schächtung von Tieren ohne Betäubung. Wer einmal (wie ich selbst in meiner Kindheit) Zeuge einer solchen Schlachtung war, wird beim Gedanken an die entsetzlichen Qualen, die das Schlachttier dabei erleidet (es wird ihm ja nicht nur die Halsschlagader, sondern auch die Luftröhre durchschnitten), wie Schopenhauer sagen: "Wer die Menschen kennt, liebt die Tiere." Oder er wird gar in Tränen ausbrechen wie Nietzsche, der einen Droschkengaul umarmte, als er sah, wie der Kutscher ihn mit der Peitsche malträtierte. Hier, meine ich, hilft nur ein gesetzliches Verbot, denn der Genuss nichtkoscheren, treifen Fleisches (das ist empirisch evident) ist dem Menschen zumutbar.

Kommen wir von hier zur Beschneidung der Knaben bei den Juden und den Muslimen, einer Form der Körperverletzung, die - so einige Juristen - so geringfügig sei, dass man sie als nicht justiziabel einstufen könne. Mag sein, dass der Gesetzgeber auf Drängen des Rates der Juden in Deutschland vor dem Hintergrund der Verfolgung der Juden im Dritten Reich, des größten Völkermordes aller Zeiten, aus Befangenheit oder aus Gründen politischen Opportunismus' hier nachgegeben und den Juden aus den genannten Gründen ein Sonderrecht eingeräumt hat, das dem Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit entgegensteht. Was, um alles in der Welt, verpflichtet ihn dann aber zu derselben Rücksicht gegenüber den Muslimen, denen die Nationalsozialisten ja nun wirklich nichts zuleide getan haben! Es ist nun einmal so, dass das Genital ein nicht nur lustempfindliches, sondern auch besonders schmerzempfindliches Organ ist, so dass ein noch im Kindesalter befindlicher Junge durchaus ängstigende Fantasien entwickeln kann, je näher der Tag des Rituals heranrückt, und auch wenn der Vater sagt, dass alles nur halb so schlimm sei - die Mutter kann die Sache schon anderssehn, und das Kindeswohl, sein Wohlbefinden in Angstfreiheit, müsste hier, so meine ich, den Vorrang vor dem Elternrecht haben.

Und da gerade die Rede vom Kindeswohl ist: Was ist nun von der Prügelstrafe als auch in christlichen Kreisen weitverbreiteter Erziehungsmethode zu sagen? Bibeltreue Christen berufen sich zwecks Rechtfertigung dieser Strafe gern auf das ihnen heilige Buch der Bücher, in dem gesagt sei: "Wer sein Kind liebt, züchtigt es." Um diese Meinung, auch wenn der derzeitige Papst sie womöglich teilt, vom Kopf auf die Füße zu stellen: Wenn dieser soeben zitierte Satz in der Bibel steht, so spricht das nicht für die Prügelstrafe, sondern gegen die Bibel, die man als wenn nicht Gewalt verherrlichendes, so doch Gewalt rechtfertigendes Buch einmal kritisch unter die Lupe nehmen sollte. Papst Franziskus, der sich selbst nach Franz von Assisi benannte, möge sich zudem einmal dazu äußern, dass der heilige Franz nicht nur den "Tierlein" (den Läusen und Flöhen TW) "auf seinem Leib eine Heimstatt" bot, sondern zugleich seine Mitbrüder mit Stockhieben traktierte, "auf dass sie dem Herrn ein Loblied sängen." Als die Bundesregierung in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts endlich die Prügelstrafe an Schulen verbot, stemmte sich der christkatholische bayrische Kultusminister Alois Hundhammer bis zuletzt dagegen und wollte, dass die Prügelstrafe wenigstens an bayrischen Schulen "möchte beibehalten werden". (Hartmut von Hentig sagte dazu: "Prügel sind die Abwesenheit von Pädagogik.")

Von hier, von der Prügelstrafe für Kinder ist es nicht weit bis zum Verprügeln der Ehefrauen, einem zumal von muslimischen Männern gern geübten "Brauch" zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung des häuslichen Friedens. Vor einigen Jahren berichteten die Medien über einen Justizskandal, der sich in Italien zugetragen hatte, einem nicht eigentlich islamischen Land. Dort hatte ein muslimischer Ehemann seine Frau krankenhausreif geschlagen, die Sache kam vor Gericht, und die Richterin, die, dem Antrag der Verteidigung folgend, ein extrem mildes Urteil gesprochen hatte, begründete dies damit, dass man die Tat vor dem religiös-kulturellen Hintergrund des Herkunftslandes des Mannes sehen müsse. Hier rufe ich dazwischen: "Mit Verlaub, Frau Vorsitzende, das ist juristischer Kitsch! Sie sind nicht Richterin in einem islamischen Land, sondern in Italien, und jede Straftat ist jeweils nach Recht und Gesetz eben jenes Landes zu verurteilen, in dem sie begangen wurde, und ich kann nur hoffen, dass das Kassationsgericht Ihr Urteil aufheben wird!"

Ich weiß nicht, wie die Sache ausgegangen ist und ob ein ähnliches Urteil womöglich auch in Deutschland hätte gesprochen werden können, doch unmöglich scheint mir dies nicht, hat doch in Ludwigsburg ein Richter einen wegen Mordes Angeklagten (er hatte auf offener Straße einen Farbigen erschlagen) lediglich wegen Totschlags verurteilt, mit der Begründung, das Opfer habe "durch seine Hautfarbe den Täter provoziert". Rassismus gilt also als mildernder Umstand!

Doch zurück zu religiös begründeten und doch eindeutig sozial schädlichen Verhaltensweisen und dazu ein weiteres konkretes Beispiel: Die Zeugen Jehovas lehnen jede Bluttransfusion ab und verweigern diese u.U. lebensrettende Maßnahme auch einem todkranken Kind, da Gott durch den Mund eines seiner Propheten gesagt habe: "Das Blut zu mir!"

In dieser Sache hat der Gesetzgeber eindeutig entschieden: Die Bluttransfusion darf auch gegen den erklärten Willen der Eltern vorgenommen werden, da deren Widerstand, auch wenn er sich auf ein sogenanntes göttliches Geheiß beruft, absolut intolerabel ist. - Bravo!

Bleiben noch zu erwähnen jene religiösen Sitten und Bräuche, die, weil sozial verträglich, durch die Bank tolerabel sind und die weder erkennbaren Nutzen (allenfalls so etwas wie Kollateralnutzen) stiften noch nennenswerten oder überhaupt gesellschaftlichen Schaden anrichten. Hier denke ich an die Errichtung von Kirchen, Tempeln und Moscheen, Prozessionen, das Läuten von Glocken (bis zu einer gewissen Lautstärke), das Segnen von Menschen und Tieren mit geweihtem Wasser, das Sprechen von Gebeten sowie das Singen frommer Lieder, Abendmahlsfeiern und Gottesdienste aller Art, schließlich auch die Glossolalien (das In-Zungen-Reden) der Pfingstler oder das allen Glaubensgemeinschaften gemeinsame mehr oder weniger dezente und schlimmstenfalls ein wenig lästige Anpreisen religiöser Schriften.

Diese und andere, hier nicht genannte Riten sind zum Teil äußerst bizarr, abstrus und auch komisch, und es gibt sie in so unübersichtlicher Vielfalt, dass der Versuch ihrer vollständigen Erfassung den Rahmen dieses kleinen Aufsatzes sprengen würde.

Deshalb leite ich jetzt über zu einer ganz anderen Toleranz, von der eher als der körperlichen und seelischen Belastbarkeit des Einzelnen in seinem höchst privaten Bereich, seiner Ehe und seiner Familie, zu sprechen ist, wo ihm z.B. die Pflege alter oder kranker Angehöriger oftmals so sehr zur Last wird, dass er selber darunter zusammenzubrechen droht. In solchem Zusammenhang zitieren großgläubige, aber pragmatisch ahnungslose Seelsorger gern den Satz: "Einer trage des anderen Last!" Dies ist ein Satz, den ich selbst immer so verstanden habe, dass der Mensch selbst, in der Art, wie er nun einmal ist, in seiner charakterlichen Eigenart, mit seinen legitimen Interessen, seinem Temperament, seinen Schwächen und Mängeln, für seinen Nächsten, den Ehepartner, die Eltern, Kinder oder Geschwister eine mitunter nur schwer zu tragende und zu ertragende Last sein kann. Dabei denke ich aber auch daran, dass nicht ein jeder jede Last tragen kann, denn, so Hölderlin, "es hat ein jeder sein Maß", weshalb auch der paulinische Satz: "Die Liebe trägt alles" eher von Weltfremdheit als von Liebe zeugt, denn auch die Belastbarkeit hat ihre Grenzen, jede Brücke ist nur bis zu einem gewissen Höchstgewicht freigegeben, und von niemandem kann verlangt werden und niemandem kann ethisch geboten werden, dass er sich zum Märtyrer macht und seine vitalen Interessen verrät.

Wo ein alkoholkranker oder nach anderen Drogen süchtiger Ehemann Frau und Kinder schikaniert, kann der seelsorgliche Rat unmöglich lauten: "Du musst sieben mal sieben mal sieben mal verzeihen!" oder, wie die christkatholische Kinderpsychotherapeutin Christa Meves es einem vom prügelnden Vater misshandelten Kind empfiehlt: "Wenn dein Vater dich schlägt, muss du ihn ganz besonders liebhaben!" - Da haben wir ihn: den moralischen oder sozialen Kitsch, der dem Patienten nicht zum Heil, sondern zum Unheil gereicht, den Leidenden in seinem Leid noch verhöhnt und nur tiefer in die Irre, in ein "falsches Bewusstsein" treibt. Solche Therapeuten verdienen ein Berufsverbot und wären, bevor man sie wieder auf leidende Menschen loslässt, erst einmal im Sinne humanistischer Aufklärung umzuschulen.

Damit dürfte die Grenze einer jeden Toleranz, was immer mit diesem Wort gemeint ist, clare et distincte abgesteckt sein, und ich möchte mir wünschen, dass ein jeder, der die menschlichen Nöte kennt, sich an jenem im römischen Recht verankerten Grundsatz orientieren möge, der da lautet: "ultra posse nemo obligatur." ("Niemand ist verpflichtet, etwas zu leisten, das seine Kräfte übersteigt.")