Exorzismus als Ausgeburt eines animistischen Wahns

Zutreffend sagte der Kabarettist Jürgen von Manger in einem seiner Sketche: "Was man nicht weiß, das muss man sich erklären." und tatsächlich: Erklärung entspricht offenbar einem Urbedürfnis des Menschen, der wohl schon in grauer Vorzeit, d.h. in einem vorwissenschaftlichen Weltverständnis so etwas wie einen zureichenden Grund allen Geschehens, eine causa efficiens geahnt und gesucht haben muss. Beobachtbar, auch ohne systematische Forschung, war überall auf Erden und zu allen Zeiten, dass Regen das Wachstum des Getreides fördert, dass Vulkanausbrüche Städte und Dörfer verwüsten, Blitze Menschen erschlagen, Wasserfluten das Vieh ertränken und ähnliches mehr. Dabei wurde gerade das mangels Technik unbeherrschbare als besonders bedrohlich erlebt. Konnte man nun das Erwünschte nicht fördern und das Befürchtete nicht verhindern und wollte man sich ihm aber auch nicht einfach unterwerfen, so konnte man doch vielleicht sozialen Kontakt zu ihm aufnehmen wie zu mächtigen Herrschern. So kam es zu Personifizierungen der Naturkräfte, zu Vorstellungen anthropomorpher Wesen, die menschenähnlich fühlten und handelten, so dass man hoffen konnte, sie in ihrem Verhalten zu beeinflussen und nach eigenen Wünschen zu lenken. Man konnte bitten, flehen, bestechen, opfern oder auch schimpfen, drohen, bespucken, so, wie man's vom eigenen mitmenschlichen Umgang gewohnt war. So entwickelten sich Rituale der Verehrung oder Beschwörung mit der Ausbildung eines eigenen hierfür zuständigen Berufsstandes der Priester und Schamanen. Fehlendes Wissen wurde durch Spekulation ersetzt, es entstanden die Mythen (Märchen der Erwachsenen), polytheistische Weltbilder mit ihrer bunten Fülle von Chimären aller Art, Engeln, Teufeln und Dämonen, die Welt war durchwaltet von guten und bösen Geistern, den Geistern der Verstorbenen, die - wie noch heute nicht nur bei Naturvölkern, sondern auch in Hochkulturen - als fortlebend vorgestellt wurden. (Aus Grabbeigaben wie Lebensmitteln und Waffen lässt sich dies schließen.) Den bösen unter den Geistern der Toten wurde nun alles Schädliche, unerwünschte oder auch nur unbekannte und daher Bedrohliche zugeschrieben, so dass es nahe lag, auch psychische Phänomene wie epileptische Anfälle, psychosomatische Lähmungen, Anfälle von Tobsucht, Depressionen usw. als das Wirken böser Geister, als Besessenheit zu interpretieren. Man hatte nun eine Erklärung, konnte sich wappnen und selbst Macht ausüben (nach dem Motto: "Gefahr erkannt - Gefahr gebannt."), die Erklärung wurde tradiert, unkritisch übernommen, von Tausenden in mehr oder weniger starren Kulturkreisen als kostbares Gedankengut gepriesen und erlangte schließlich jene Überzeugungskraft, über die der Satiriker spottet mit dem Satz: "Leute, kauft Scheiße! Fünf Millionen Fliegen können nicht irren!"

Der Frauenarzt Eberhard Schaetzing deutete bestimmte Formen psychischer Krankheiten dagegen bereits gegen Ende der 1970er Jahre als "ekklesiogene Neurosen und Psychosen", indem er sie vor allem auf eine krankmachende kirchliche Sexualerziehung zurückführte. Damit sind wir bei einem Grundübel, das in diesem Zusammenhang ausdrücklich erwähnt werden muss, den in der Tat ist es fatal, wenn sexuelle Triebregungen nicht freudig begrüßt, sondern von törichten Pädagogen schon bei Kleinkindern mit "Pfui, bah!" kommentiert und im weiteren Verlauf der Sozialisation dann zunehmend verteufelt werden. Die verbotenen und schließlich vom Betroffenen aus Sündenangst (Furcht vor der ewigen Verdammnis) verdrängten sexuellen Wünsche werden dann vom ich abgespalten und treten in mannigfaltigen Maskierungen als Organneurosen, psychosomatische Leiden oder Zwangshandlungen in Erscheinung und lösen u.U. groteske Abwehrmechanismen bis hin zur Selbstkastration à la Origenes aus. (Siehe hierzu u.a. Hemingways Kurzgeschichte "Gott hab euch selig, ihr Herren!").

Dass es sozial unverträgliche, absolut inakzeptable und intolerable Formen sexueller Gewalt oder gewalttätiger Sexualität gibt, ist ja wohl unbestritten. Aber das ist kein Grund, der Sexualität des Menschen als einem wesentlichen Teil seiner biologischen Ausstattung pauschal den Krieg zu erklären und den Menschen mit sich selbst zu entzweien. Wieso kommen Christen, Protestanten wie Katholiken, Kirchen und Sekten aller Art mit ihren Morallehren, Beichtspiegeln und Katechismen nicht auf die Idee, dass Sexualität sich ja auch mit Zärtlichkeit verbinden lässt, dass sie kultiviert, ja geradezu zur Kunst erhoben werden und dann ein Quell der Freude und des Glücks sein kann? Die seit Jahrhunderten kirchlicherseits praktizierte Verteufelung der Sexualität lässt darauf schließen, dass die Verkünder derart leib- und lebensfeindlicher Doktrinen Sexualität selbst nie als beglückend, sondern immer nur als sündhaft und bedrückend erfahren haben, so dass mögliche Liebe zum Leben und zur Lust, zur Lebenslust, in ihnen selbst sich nicht entfalten konnte und sich daher in Missgunst und Hass verkehrt hat, also pervertiert ist. Erich Fromm (in seinem Buch "Psychoanalyse und Religion") sagt dazu: "Das Leben, das sich selbst nicht entfalten konnte, rächt sich an fremdem Leben."

Das ist der traurige Befund, und jeder kirchlich geknechtete Geist, auf den er zutrifft, ist tief zu bedauern. - Aber das heißt nicht, dass der Betroffene seine Misanthropie nun ungebremst ausleben dürfte. Dem müsste, zumal im Bereich der Pädagogik, der Gesetzgeber Einhalt gebieten. Von sich aus wird die Kirche ihre Morallehren nicht widerrufen - sie würde damit auf Machtausübung verzichten, denn wer den Menschen in seiner Sexualität als dem Kernbereich seiner Person knechtet, der hat nahezu unbeschränkte Gewalt über ihn, der kann ihn (wie der in kirchlichen Kreisen hoch verehrte Don Bosco es einmal im Gespräch mit einem Besucher seines Knabenasyls demonstrierte) zusammenknüllen und gleich darauf wieder glätten wie ein Stück Papier.

Die Kirche hat den heidnischen Animismus, den es heute noch bei vielen Naturvölkern gibt, nie überwunden. Sie schleppt ihn mit durch die Jahrhunderte und huldigt ihm in ihren Kernaussagen über Gott und seinen Widerpart Satan und deren Heerscharen von Engeln und Dämonen, um es unmissverständlich zu sagen: Das Christentum ist eine animistische Religion und will dies bleiben. 2014 hat der Vatikan die Internationale Vereinigung der Exorzisten offiziell anerkannt. Der auf Exorzismus spezialisierte Journalist Marcus Wagner meint, dass es "derzeit zwei bis drei Teufelsaustreibungen pro Tag in Deutschland in der katholischen Kirche" gebe, "die aber nicht offiziell sind. Aus Reihen der evangelischen Szene sind es sechs bis sieben." Auch unter Ratzinger wurden Exorzisten ausgebildet; und unter Papst Johannes Paul II. sollen 2003 in Italien etwa 200 Priester zu Exorzisten ernannt worden sein. Die werden dann ihren Klienten zwar nicht mehr den Hexenwahn (doch wer weiß!), wohl aber den Dämonenwahn einreden und sie buchstäblich auf Teufelkommraus quälen. Erst wird der Wahn induziert, dann wird er "geheilt" durch suggestiv wirkende (Placebo-Effekt) schamanisch-magische Rituale (gemäß dem Rituale Romanum) mit Verfluchungen wie: "Apage te, satanas" ( "Satan, verpiss dich!"), und mit grässlich blasphemischen Beschimpfungen des Heiligen Geistes und der Heiligen Gottesmutter verlässt der Dämon dann den Leib des von ihm Geplagten durch dessen Mund! - Sehr eindrucksvoll!

Mitunter (siehe den Tod der Anneliese Michel in Klingenberg am Main) kommt der Klient im Prozess des Exorzismus zu Tode. Dann werden die weltlichen Gerichte tätig. Vorher nicht, und tatsächlich sind auch Fälle bekannt, in denen es dem "Besessenen" nach der Tortur des Exorzismus besser ging, so dass man vielleicht sagen kann: Bei Einbettung des Rituals in einen allgemein anerkannten kulturellen Kontext und bei entsprechendem Konsens des Klienten, also unter der Voraussetzung, dass dieser an die Wirkung des magischen Zaubers glaubt, kann das Archaische und Exotische sinnvoll, d.h. therapeutisch hilfreich sein.

Bleibt dennoch die Frage: Ist (frei nach Karl Kraus) der Exorzismus nicht eine Erscheinungsform jener Krankheit, für deren Therapie er sich hält? Oder anders: Werden bestimmte Symptome wie Krämpfe, Schreie, Visionen nicht allererst durch das Ritual, die Erwartung des Exorzisten und der übrigen dabeistehenden Bezugspersonen, ja durch das gesamte soziale Umfeld des Klienten induziert, konstelliert und ausgestaltet, so dass dieser exakt die Symptome produziert, von denen er gelesen hat oder von denen man ihm erzählt hat? In diesem Fall wäre die "Besessenheit" (die klinisch wohl in den Umkreis der hysteroiden und/oder paranoiden Krankheitsbilder gehört) wohl als Sozialprodukt oder, wie auch andere kollektive Wahnvorstellungen, als (allerdings fragwürdiges) Kulturprodukt anzusehen.

Und ganz radikal schließlich: Ist Teufelsglaube nicht selbst ein tharepiebedürftiger pathologischer Wahn? und wenn ja: Was unterscheidet ihn dann formal vom Gottesglauben? - Nur die Anzahl derer, die (wie viele Christen) zwar den Gottesglauben teilen, nicht aber den Teufelsglauben, über den sie vor einigen Jahren spotteten mit dem Satz: "Fritz Teufel ist eine schreckliche Realität."

Zum Glück gibt es für von "Besessenheit" geplagte Patienten die Hoffnung, dass sich humanistisch aufgeklärte Psychotherapeuten ihrer annehmen mit der Zielvereinbarung, dass im Sinne Sigmund Freuds ("Wo Es ist, soll Ich werden") das Ich des Betroffenen die von ihm abgespaltenen, zu Unrecht verteufelten Wesensanteile integrieren oder reintegrieren möge, damit sie soziale verträglich und dem Leben dienlich Lust, Freude und Glück spenden können.

Der Exorzismus aber mag auf der Müllkippe der Menschheitsgeschichte landen, weil er dahin gehört!