Einerseits - andererseits

Zur Ambiguität von Macht, Gewalt und Aggression

Das Wort Ambiguität bedeutet Doppelsinnigkeit oder Zweideutigkeit und sagt, dass eine Sache zwei Seiten hat und aus unterschiedlicher Sicht unterschiedlicher Betrachter sowohl positiv (wünschenswert) als auch negativ (verwerflich) bewertet werden kann. Wenden wir es an auf den Begriff der Macht und deren Negation: die Ohnmacht, so scheint der positive Aspekt der Macht auf der Hand zu liegen. Der Ohnmächtige steht einem Geschehen hilflos und wehrlos gegenüber, er ist zur Untätigkeit verurteilt, ihm sind "die Hände gebunden", man sagt zu ihm: "Da stehst du machtlos vis-à-vis", er resigniert und sagt selbst: "Da kann man nichts machen." Der Mächtige hingegen kann in das Geschehen eingreifen, kann seine Lage verändern und nach Möglichkeit verbessern. Er verfügt über die Mittel und Fähigkeiten, seine eigenen Absichten zu verwirklichen, sein Leben und das seiner Mitmenschen planend zu gestalten und umzugestalten, kurz: er kann aktiv handeln, tun, was ihm nützlich, unterlassen, was ihm schädlich scheint. Als genialer und zugleich moralisch integrer Machthaber und Staatenlenker kann er historische Großtaten vollbringen, ein Gesetzeswerk schaffen, das für soziale Gerechtigkeit steht, ein vorbildliches Gesundheits-, Bildungs- und Rentensystem errichten, grandiose Brücken und Staudämme bauen, Wohnraum für alle schaffen, eine kluge Bodenreform durchführen (z.B. landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften gründen) oder anders: er kann all das ins Werk setzen, was dem Volk in seiner Gesamtheit nutzt, was das "Glück der größten Zahl" ermöglicht und wozu das Volk ihn bevollmächtigt oder ermächtigt hat.

- Nun, das Wort "ermächtigt" weist schon auf die Kehrseite der Medaille hin. Wer denkt hier nicht an das "Ermächtigungsgesetz", mit dem der Reichstag der Weimarer Republik sich selbst entmachtete und Hitler all jene Macht übertrug, unter deren Missbrauch er seine politischen Verbrechen beging, von seinen Angriffskriegen bis hin zur Ermordung der Geisteskranken und zum Holokaust, dem systematisch geplanten und durchgeführten Völkermord an den Juden, dem größten Völkermord aller Zeiten.

Hier, am Missbrauch der Macht, zeigt sich ihr Doppelgesicht, ihre furchterregende Rückseite. Der zum Despoten mutierte Machthaber wird nicht zögern, sein eigenes Volk auszubeuten; um seine Großmanns- und Allmachtsfantasien auszuleben, wird er, anstatt die Grundbedürfnisse der Massen zu befriedigen, d.h. für Nahrung, Kleidung und Obdach für alle zu sorgen, Prunkpaläste bauen, Waffenarsenale errichten und Atomraketen testen, er wird die Staatskasse plündern und sich, sobald ihm Gefahr droht, ins Ausland absetzen; zuvor aber wird er in Saus und Braus leben, Wasser predigen und Wein trinken. Man denke hier an das, was zurzeit in Nordkorea geschieht, wo der "Sozialismus" (man mag das Wort in diesem Zusammenhang kaum benutzen) eine seiner Fratzen zeigt und nur mehr für Tyrannei und Unterdrückung steht, die er doch nach dem Willen seiner genialen Begründer allererst beseitigen soll!

Von hier ist es nicht weit bis zum Begriff der Gewalt, die sich definieren lässt als die Energie, die aufgewendet werden muss, um Widerstände zu überwinden, Hindernisse zu durchbrechen und eigene Interessen gegen die Interessen anderer - gleichgültig, ob diese zu respektieren sind oder nicht - durchzusetzen. Auch die Gewalt hat zweierlei Gesichter: sie kann segensreich wirken im privaten Bereich, etwa wenn es einer Frau gelingt, einen Vergewaltiger mit einem gezielten Karateschlag außer Gefecht zu setzen, aber auch im öffentlichen Bereich, wenn ein Polizist einen Bankräuber erschießt, der gerade einer Geisel das Messer an die Kehle setzt. (Jenes ist Notwehr, dieses ist Nothilfe; beides ist erlaubt, dieses sogar geboten.) Selbst Carol Wojtyla (als vermutlich in einem luziden Intervall so etwas wie der "Heilige Geist" zu ihm sprach) hat einmal gesagt: "Man muss dem, der töten will, die Waffe aus der Hand schlagen!"

Und natürlich muss es auch staatliche Gewalt geben, denn Verbrechen aller Art zeigen, dass es nicht nur des Gesetzes, sondern auch der Gewalt bedarf, um das Recht zu erzwingen, wo es an Einsicht gebricht. Wichtig ist dabei nur, dass auch beim Einsatz staatlicher Gewalt die ethischen Prinzipien der Adaequatio (Angemessenheit) und Distinctio (Unterscheidung) gewahrt bleiben, zu deren Schutz sich die Maxime formulieren lässt: "So viel Gewalt wie nötig, so wenig Gewalt wie möglich!" Und auch die Trennung der Gewalten (Legislative, Judikative, Exekutive) muss im demokratischen Rechtsstaat garantiert sein. Hierüber wacht das Bundesverfassungsgericht. Anders als im Dritten Reich, als alle Gewalt praktisch in der Hand eines einzelnen Mannes (Hitlers) lag, als die Rassengesetze erlassen wurden und Roland Freisler seine menschenverachtenden Prozesse führte. Gegen staatliche Gewalt und staatlichen Machtmissbrauch ist Widerstand immer dann ethisch gerechtfertigt, ja geradezu geboten, wenn eine Regierung, deren Macht ursprünglich zwar vom Volk ausgegangen, dem Volk aber schon lange nicht mehr dient, dieses vielmehr ins Verderben stürzt und zu vernichten droht. Zu Recht feiern wir daher die Männer des 20. Juli als die wahren Helden der Nation und verurteilen wir im Nachhinein ihre Gegner als die eigentlichen Schurken und bedauern lediglich, dass diese (zunächst) mit dem Leben davonkamen.

Ähnliches wie über Macht und Gewalt lässt sich über Aggression und Aggressivität (Angriffslust und Angriffsbereitschaft) sagen, die sich immer dann zeigen, wenn Meinungsverschiedenheiten nicht mehr verbal ausgetragen werden und es zu anscheinend oder scheinbar nicht gütlich zu lösenden Konflikten kommt. Dabei ist nicht die Tatsache des Konflikts zu beklagen - denn Konflikte sind Ausdruck lebendigen Daseins, in dem Menschen nun einmal verschiedener Ansicht sein und unterschiedliche Interessen verfolgen können. Entscheidend ist allein, dass es dabei nicht zu Mord und Totschlag und, im Bereich der Politik, nicht zu immer mehr eskalierenden Machtkämpfen bis hin zu Völkerkriegen kommt. Spätestens seit Charles Darwin wissen wir, dass alles Lebendige sein Heil in Flucht oder Angriff sucht, immer wieder in Lebensgefahr gerät und sich, wo der Ausgang zur Flucht versperrt ist, zum Kampf stellen muss. Aggressivität als Feindseligkeit oder (harmloser) als Verteidigungs- und Lebenswille gehört also zu unserer biologischen Grundausstattung, die wir mit unseren Artgenossen, anderen Primaten und auch mit niederen Tierarten teilen. Fragt sich nur, wie wir im sozialen Zusammenleben mit unsern Trieben und Affekten umgehen. Diese selbst sind Naturvorkommnisse, unser Umgang mit ihnen ist dagegen ein Kulturprodukt.

Fazit - so schmerzlich es für mein Selbstwertgefühl sein mag -: ich muss die in mir schlummernde Möglichkeit der Aggressivität erkennen und Aggression, sei sie lediglich angeboren oder durch Erziehung noch verstärkt, als mir zugehörige und mir zur Bewältigung aufgegebene Triebmacht begreifen! Das ist kein Grund zur Verzweiflung, denn machen wir uns einmal die Grundbedeutung des Wortes klar: Aggression kommt aus dem Lateinischen, vom Deponens aggredi (aggredior, aggressus sum) und bedeutet zunächst nur so viel wie: an etwas herangehen, eine Sache in Angriff nehmen, Ärmel aufkrempeln und Hand anlegen, um die Welt und meine Lage (unser aller Lage) zu verändern und zu verbessern. Dabei sind positive (konstruktive) und negative (destruktive) Aggression in ein und derselben Handlung vereint: Wir fällen Bäume (zerstören Wald), um Blockhäuser zu bauen, sprengen Felsen, um Baumaterial zu gewinnen, amputieren Glieder, um Leben zu retten. Die Franzosen haben hierfür das Sprichwort: "On ne fait pas d' omelett sans casser des oeufs." (Man kann kein Omelett backen, ohne Eier zu zerschlagen).

Also: nicht das Potential unserer aggressiven Triebe ist das Übel, sondern eher unsere Unfähigkeit, dieses Energiepotential in den Dienst am Aufbau einer humanen und demokratischen, sozial gerechten, also sozialistischen Gesellschaft zu stellen. Oder anders und nun radikal ins Positive gewendet: es gilt, die uns eigentümliche zunächst blinde, nicht zielgerichtete Aggression in kritische, das heißt rational kontrollierte Aktivität umzuwandeln (in das, was Mitscherlich "gekonnte Aggression" nannte) und die auf diese Weise frei gesetzte und auf die Schaffung kultureller Werte gerichtete Triebenergie in einen kollektiven Prozess gesellschaftlicher Veränderung einzubringen.

So uns dies gelingt, sind wir nicht mehr in Atavismen befangen und können wir uns als Natur- und Kulturwesen betrachten.