"Ein reines Geistwesen"

oder Wie man einen Autor besser verstehen kann, als er sich selbst versteht

Pater Anselm Grün, promovierter Theologe (Doktorarbeit über Karl Rahner) und - nach eigener Angabe - Autor von eher 250 als 200 Büchern, darunter Werke über Engel 1), "Engel der Barmherzigkeit", "Engel der Sanftmut", "Engel der Geduld" usw., hat in einem Fernseh-Interview auf die Frage seines Gesprächspartners: "Was ist Gott?" geantwortet: "Gott ist ein reines Geistwesen."

Bravo, Pater! Das ist doch einmal eine bemerkenswert positive theologische Aussage, ohne Wenn und Aber, ohne Mystifizierung oder Hintertürchen, clare et distincte, wie es bester scholastischer Tradition entspricht und auch und gerade dem Atheisten mit zwingender Logik einleuchtet!

Der splendor veri et novi Info liegt dabei auf dem Attribut "rein" (lat. purus), mit dem der Begriff der Gottheit von allem Unreinen purgiert und substantiell gesondert wird. Rein - wir nehmen den Autor beim Wort - heißt pur, unvermischt, frei von jedweder Zutat, ohne alles, was den Begriff des reinen Subjektes, hier des Geistwesens in irgendeiner Weise einschränken, trüben, ja gar beflecken könnte.

Was, fragen wir da, könnte dieses Befleckende, Unreine, Schmutzige sein? - Nun, von anderen uns bekannten geistigen oder geistbegabten Wesen, nämlich von Menschen wissen wir, dass sie mit Körpern behaftet sind. Alles Körperliche aber, die Materie schlechthin gilt von alters her als Widerpart des Geistes, wiewohl nach neuerer Ontologie, insbesondere der Schichtentheorie Nicolai Hartmanns 2), Erich Rothackers, Philipp Lerschs und anderer Autoren der Körper der Träger des Geistes ist, das Fundament, auf dem dieser "aufruht", die Conditio sine qua non, ohne die es

1) Phantastische Fabelwesen, die, da geschlechtslos, anatomisch unterdeterminiert, andererseits aber auch wieder überdeterminiert sind, da sie nicht nur Arme, sondern zusätzlich auch noch Flügel haben.

2) s. Nicolai Hartmann, "Das Problem des geistigen Seins", Berlin, 1933 den Geist als Funktion höchstentwickelter Biomasse gar nicht geben kann.

Nicht so indes das "reine Geistwesen", der Geist Gottes, der nach Anselm Grün frei über den Wassern schwebt, ledig allen materiellen Ballastes und damit, weil körperlos, auch ohne alle Personalität. Ein apersonaler Geist also, was - wie wir sogleich sehen werden - so manches bislang unlösbar scheinende theologische Rätsel nunmehr obsolet erscheinen lässt.

Ein Wesen ohne Körper ist nämlich nicht nur geschlechtslos (womit aller patriarchalen und aller feministischen Theologie in gleicher Weise eine Abfuhr erteilt ist), ein Wesen ohne Körper hat natürlich auch keinen Kopf, kein Gehirn, weder Stammhirn noch Rinde, kein Limbisches System und keinen Cortex, kann also, hirnlos, wie es nun einmal ist, weder denken noch fühlen, weder wahrnehmen noch intuieren und somit auch keine moralischen oder intellektuellen Akte vollziehen. Damit entfallen alle jene personalen Attribute, die die klassische Theologie der Gottheit von alters her zuzuschreiben pflegt: Allgüte, All-Liebe und Allbarmherzigkeit (denn wo und wie, an welchem Sitz eines Gemüts sollten Gefühle der Empathie erzeugt und wahrgenommen werden, wenn kein neuronales Substrat existiert!), oder Wissen, gar Allwissenheit oder Allweisheit (wo, in welchem Organ, auf welcher Festplatte sollten Informationen gespeichert werden!), ferner Allmacht (entfällt mangels Masse und Energie!), Gerechtigkeit (ohne Wertbewusstsein und Rechtsgefühl nicht denkbar!) und schließlich auch Wille, Planung und Intention als Aktions- und Ausdrucksweisen jeglicher Personalität. Kurz: das "reine Geistwesen" Anselm Grüns ist Omelett ohne Ei – ein unfreiwilliger logischer Witz.

Damit, mit seiner Definition Gottes als eines "reinen Geistwesens" - wir verneigen uns mit Bewunderung - ist Anselm Grün in der Nachfolge des großen Karl Rahner eine denkerische Glanzleistung gelungen, indem er, wenn nicht expressis verbis und vermutlich ohne bewusste Absicht, so doch logisch zwingend den Schluss auf die reale Nicht-Existenz Gottes nahelegt. - Chapeau! Denn solch stringente conclusio aus dem Munde eines katholischen Dogmatikers zu hören, so viel sprachimplizite Rationalität und dass ausgerechnet einmal die Theologie als Magd (lat. ancilla) der Philosophie dienen könnte, derlei hätte gerade der skeptisch voreingenommene Atheist bislang kaum für möglich gehalten!

Und in noch einem anderen Sinne ist Anselm Grün zuzustimmen:

Wenn Gott als reines, also körper- und hirnloses Geistwesen unmöglich ist, so kann er natürlich nicht faktisch (extra mentem), sondern nur fiktional in den Köpfen der Menschen (in mente) existieren. Dort ist sein Platz, als Gedankending, Memplex oder Hirngespinst, dort mag er - launisch, wie er ist, bald Nutzen stiften, bald Schaden anrichten, Völkermorde gebieten oder Werke der Barmherzigkeit, je nachdem, was der Priesterschaft gerade genehm ist, und dort mag er weiterhin sein Dasein fristen von Gnaden derer, die ihn denkend erschaffen oder auch wieder vergessen.

Was aber Anselm Grün, den Meisterschüler Karl Rahners, betrifft, so schlage ich vor, ihm in Anerkennung seiner radikal revolutionären Dogmatik als einem Aufklärer des 21. Jahrhunderts die Ehrenmitgliedschaft im IBKA (Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten) anzutragen. - Sollte er bescheiden ablehnen oder sich ob der Exegese seines oben zitierten Lehrsatzes verwundert zeigen, so bedeute man ihm, dass das menschliche Denken mitunter auch ungewollt zu durchaus richtigen Ergebnissen gelangen kann!