Der Schriftsteller als Sprecher der Sprachlosen

Zur sozialen Funktion einer Literatur, die sich als gesellschaftliche Einrichtung versteht

Krieg, Liebe, Glück, Elend, Tod - daraus besteht die Welt, in der ich lebe, dies erblicke ich, wenn ich mich umsehe, und all dies ist vorhanden, lange bevor ich darüber nachdenke und darüber schreibe. Ich habe es nicht erschaffen, ich finde es vor - ich kann nichts erfinden, das nicht ist.

Die Wirklichkeit, die mich umgibt, bestimmt die Inhalte meines Denkens, und was da - zunächst vorsprachlich, chaotisch und namenlos - aus dieser Wirklichkeit sich herandrängt, ich kann nur versuchen, es zu benennen und zu ordnen, damit es seinen Schrecken verliere, durchsichtig und - zunächst im Geiste - verfügbar werde. Im Sprechen wird mir die Wirklichkeit zur Welt, im Sprechen erschließt sich mir das Ungeheure und wird mir vertraut, sprechend erfahre ich, was um mich ist und wer ich bin - im Dialog mit der Wirklichkeit klären, berichtigen und vervollständigen sich meine Vorstellungen von ihr, und nur im Bereich erfahrener Realität ist meine Rede glaubhaft, trifft mein Wort das Gemeinte.

Aber ich bin nicht Robinson. Ich lebe in einer Gemeinschaft unter Menschen, und also ist Wirklichkeit für mich nicht ein Gegenstand privater Entdeckerfreude, unverbindlichen ästhetischen Vergnügens oder gar interesselosen Wohlgefallens, sondern eben die gesellschaftliche Realität, in der ich lebe, mit all ihren bedrückenden und provozierenden Erscheinungen, ein Gegenstand, der fortwährend kritischer Untersuchung bedarf, der mich herausfordert, ihn zu werten und zu verändern, denn Erkennen und Darstellen bedeuten nicht gutheißen.

Greifen wir einen konkreten Bereich aus dieser gesellschaftlichen Wirklichkeit heraus: die Welt des psychisch Kranken.

"Wie kommt es", so hat man mich gefragt, "dass Sie gerade diesen Bereich zu einem Hauptthema ihrer literarischen Arbeit gemacht haben? Warum schreiben Sie über Außenseiter?"

Vorab: Ich habe den Außenseiter, auch ihn, nicht erfunden, weder das Wort noch die Sache - beides finde ich vor, es ist mir Vorwurf im doppelten Sinn des Wortes, und diesen Vorwurf greife ich auf.

Zum Wort, zur Sache, die es bezeichnet, und zur Gesinnung dessen, der es unkritisch benutzt:

Das Wort "Außenseiter" enthält eine Degradierung des mit ihm Gemeinten, eine negative Wertung, denn es ist bezogen auf eine als positiv, als gültig und verbindlich hingestellte und weithin verinnerlichte gesellschaftliche Norm, nämlich den Tüchtigen und Begünstigten, den Favoriten des gesellschaftlichen Rennsports, den Insider, den, der "in" ist, das heißt den von der Gesellschaft anerkannten und von ihr integrierten Menschen, den die kommerzielle Werbung mit Eigenschaften wie "erfolgreich", "jung", "gesund", "sportlich", "putzmunter" und ähnlichen Attributen ausgestattet hat. Diesem gehört die Welt, er schmiedet sein Glück, und frohen Herzens tritt er über die am Boden Liegenden hinweg und wendet sich den erfreulichen Seiten des Daseins zu, so unbeschwert und so zynisch, wie der Privilegierte nur sein kann.

Tatsächlich: der Außenseiter ist eine Kategorie der Verdrängung und der Gebrauch dieses Wortes eine - wenn auch oft unbewusste - verbale Geste der Abwehr, die unserem Verhalten gegenüber dem psychisch Kranken genau entspricht. Das Wort verrät die versteckte Inhumanität, mit der unsere sich so sozial dünkende Gesellschaft große Gruppen ihrer Mitglieder, sobald sie in irgendeiner Weise von der Norm - zumal der statistischen Norm - abweichen, als minderwertig stempelt, verstößt und vergisst - eine Gesinnung, die unser aller Verhalten mehr bestimmt, als wir wahrhaben wollen und als uns lieb sein kann.

Ich schlage daher vor, die Vokabel "Außenseiter" ersatzlos zu streichen oder allenfalls in das Wörterbuch des Unmenschen aufzunehmen.

Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, auch fortschrittliche Theologen und einige Politiker, haben den Teufelskreis erkannt, in dem unsere gesellschaftlichen Einrichtungen die Übel, die zu beseitigen sie beauftragt sind, fortlaufend in sich selbst erzeugen. Man weiß das, und wenn es dennoch dabeibleibt, so deshalb, weil die Verantwortlichen keinem Leidensdruck ausgesetzt sind und somit keinen Handlungsbedarf sehen. Aber nein! Man hat fast hätte ich's vergessen - enorme Fortschritte gemacht: In den geschlossenen Abteilungen der Universitäts-Nervenkliniken und in den psychiatrischen Landeskrankenhäusern hat man die unschönen und für jedermann sichtbaren Gitterstäbe vor den Fenstern durch unzerbrechliche Glasscheiben, durch Panzerglas ersetzt. Wer hätte derlei vor 500 Jahren auch nur zu denken gewagt! Auch Klimaanlagen wurden installiert, Zwangsjacken ausgemustert und durch Fixationsbetten ersetzt, und vorbei sind die Zeiten, in denen Patienten Tüten klebten oder Kugelschreiber zusammenschraubten - heute sortieren sie kleine Elektroteile für die Firma Siemens. Fortschritt, wohin man blickt!

Und psychosomatische Medizin? Psychotherapie? Mitscherlich?

- "Ich denke, Sie wollen hier Examen machen!" Mitscherlich ist für manche Dozenten und Prüfer nicht zitabel. Dieser "Nestbeschmutzer" hat eine Dokumentation mit dem Titel "Medizin ohne Menschlichkeit" über die verbrecherischen Experimente deutscher Ärzte an Häftlingen in Hitlers Konzentrationslagern zusammengestellt und sich dadurch die Feindschaft der Ärzte-Innung zugezogen. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist das Wohl der Patienten. Nach einem halben, spätestens nach einem Jahr stumpfsinniger Beschäftigungstherapie verfallen vor allem Langzeitpatient, der Lethargie. Dann sind sie auch nicht mehr renitent. Die Behandlung war erfolgreich.

Und sollte es einmal so krass kommen, dass die Würde des Menschen beleidigt wird, wenn, wie praktizierende Medizinstudenten berichten, im LKH Zwiefalten 30 von hundert Patienten keinen eigenen Waschlappen haben, so genügt es, wenn die Verantwortlichen (selber im Besitz eigener Waschlappen) treuherzig sagen: "So etwas gibt es einfach nicht!" Dabei bleibt es dann. Wahrhaftig, die Mattscheibe als Bewusstseinsschranke - wir sollten sie als Emblem an unsere Nationalfahne heften.

Der Außenseiter ist eine Kategorie der Verdrängung, das lebendige Denkmal gescheiterter Integration, Sand im sozialen Getriebe, denn die zivilisierte Gesellschaft ist vornehmlich damit beschäftigt, ihr Image zu pflegen. Sie verbannt die Obdachlosen ins Asyl und die psychisch Kranken hinter Panzerglas - an die Peripherie der Städte, ins landschaftlich idyllische Abseits, ins Aus. Der städtische Rasen bleibt sauber.

Dies der sozialpathologische Befund - Stachel im Fleisch und semesterfüllendes Thema für kritisch engagierte Literaten.

Bei Beherzigung des Satzes von Ernest Hemingway, der Schriftsteller solle nur über das schreiben, was er kennt, ist es daher nur folgerichtig, wenn Autoren ihren Platz am Schreibtisch verlassen und in die Institutionen gehen, um konkrete Kenntnis von den Vorgängen in dieser Gesellschaft zu erlangen, dass sie gerade die hinter Mattglas und Gitterstäbe verdrängten unschönen, bedrückenden und beschämenden Inhalte in das öffentliche und private Bewusstsein zurückholen, um auf diese Weise eine Grundvoraussetzung für die kollektive praktische Bewältigung dieser Inhalte zu schaffen. Dies eben, das Bewusstmachen des Verdrängten, halte ich für die soziale Aufgabe einer Literatur, die sich als gesellschaftliche Einrichtung versteht und bejaht: Aufklärung (oder modischer: Information) und damit permanente Therapie des chronisch an Verdrängungen leidenden öffentlichen und privaten Bewusstseins.

Wer von uns genügt der Norm? Wer von uns ist so jung, so erfolgreich, so gesund, so schön und so unbeschwert, wie die kommerzielle Werbung es uns vorgaukelt? Wer von uns ist frei oder wird zeit seines Lebens frei bleiben von Krankheit und Not, von körperlichen oder seelischen Leiden? - Die Chance, dass er früher oder später zum Außenseiter dieser Gesellschaft wird, ist jedem gegeben. Hätten wir, angesichts dieser Chancengleichheit, nicht allen Grund, uns mit dem Außenseiter zu solidarisieren, mit ihm, der eine Möglichkeit verkörpert, die in uns allen angelegt ist, und der unsere menschliche Kondition weit deutlicher veranschaulicht als jeder unauffällige sogenannte Normale? - Soll ich nicht über Außenseiter schreiben?

Aber wenn überhaupt, warum dann gerade Erzählungen und Hörspiele? Warum nicht Sachtexte, reine Informationstexte? Warum arbeite ich nicht wissenschaftlich? Oder - auch diese Frage liegt nahe - warum schreiben die Journalisten, die Ärzte, die Psychologen keine Hörspiele?

Die Antwort steckt in der Sache, die komplexer Natur ist, die eine rational zugängliche und beschreibbare und daneben eine nur erahnbare und allenfalls einfühlbare Komponente hat: eben jenen Bereich des Emotionalen, des nur subjektiv Erfahrbaren, des Vorsprachlichen, der sich der begrifflichen Analyse entzieht und sich nur im Bild, in der Metapher, auf dem Wege der Assoziation und das heißt mittels poetischer Rede vergegenwärtigen lässt. Die Zuständigkeit der Poesie beginnt da, wo die übrigen Weisen sprachlicher Mitteilung, die alltägliche Rede und die wissenschaftliche Fachsprache, an ihre vom Gegenstand her gesetzte Grenze gelangen. Methoden - auch sprachliche Ausdrucksweisen - sind in genau dem Maße tauglich, als sie ihrem Gegenstand angemessen sind, sie lassen sich nicht wahllos von einem Wirklichkeitsbereich auf den andern übertragen.

Dieser Sachverhalt weist auf alles andere als eine Rivalität zwischen Kunst und Wissenschaft und zeigt eher, wie sehr diese beiden Methoden der Welterfahrung mit wechselseitigem Gewinn aufeinander beziehbar sind. Dies belegt meine eigene Erfahrung: In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten habe ich auf Einladung Sozialpolitischer Arbeitskreise wiederholt in Universitäts-Nervenkliniken, so in Düsseldorf, Erlangen, Tübingen und andernorts, meine Krankheitsbeschreibungen vorgetragen und mit Patienten, Pflegern und Medizinern über meine Texte diskutiert. Dabei zeigte sich, dass die poetische Darstellung leidvoller seelischer Vorgänge dem Hörer Identifikationserlebnisse ermöglicht und dazu beitragen kann, ihm seine eigene gesellschaftlich bedingte oder doch gesellschaftlich mitbestimmte Situation durchsichtig zu machen und ihm Entstehung und Verlauf seiner Krankheit zu deuten.

So gesehen, ist tatsächlich jede Lektüre, aber auch jede andere Form der Kommunikation, das Gespräch mit Freunden und Bekannten, dem Ehepartner oder meinetwegen dem Seelsorger, therapeutischer Art und getragen von dem Interesse, das in den zumeist unausgesprochenen Fragen eines der beiden oder beider Gesprächspartner liegt: Wer sagt mir, was ich über mich wissen will? Wer zeigt, wer erklärt mir die Welt? Wer hilft mir? - Eine schlichte Einsicht, ein schlichter Vorgang, mag man sagen, aber ein menschliches Urbedürfnis, eine Grunderwartung, die wir spontan teilen, fernab von aller Ideologie.

Der medizinische Fachjargon beschreibt den Patienten als "Fall", eher wie ein Abstraktum denn als lebendigen Menschen, und das medizinische Lehrbuch liefert, mehr oder weniger korrekt, nur die rational zugänglichen, messbaren Fakten, während die poetische Rede den Bereich des Arationalen erschließt und zugleich die aus ihm sich aufdrängenden Emotionen allererst bewusst und benennbar macht. Dabei ist der Autor, das sprachliche Medium, sowohl Fürsprecher als auch Dolmetscher oder "Interpret" des Patienten. Denn der Patient selbst, gerade er als der doch primär Betroffene, ist oft gar nicht in der Lage, seine Ängste und Nöte wie auch seine Wünsche und Sehnsüchte zu artikulieren, sei es aus Scham, sich seelisch bloßzustellen, sei es aus Furcht vor Spott oder moralischer Einschüchterung oder weil die seelischen Verletzungen, die er erlitten hat, so entsetzlich sind, dass das Erlebte ihm schlicht die Sprache verschlagen hat. Der Schriftsteller kann dann wie ein Schauspieler die Rolle des Patienten übernehmen, sich empathisch in sie hineinversetzen und aus seiner, des Patienten Sicht alles das zur Sprache bringen, was dieser selbst nicht sagen kann oder verschweigen will. Dies wird umso mehr gelingen, je besser der Autor sein Handwerk, vor allem die Erzähltechnik des inneren Monologs, beherrscht, je vielfältiger und genauer seine Menschenkenntnis ist und je weiter seine soziale Fantasie reicht, so dass er womöglich auch in schwierigen Fällen anhand nur spärlich zugänglicher Daten die verborgenen seelischen Vorgänge erschließen kann. Korrektiv für die Verbindlichkeit, die Authentizität oder die Wahrheit einer solchen Literatur ist dabei stets die als Erkenntnisziel vorgegebene objektive Realität, denn mit Recht fordern wir vom Schriftsteller wie von jedermann, dass er nicht lüge, und von dem, was er schreibt, dass es den wahren Sachverhalt zeige.

Aus all dem ergibt sich: Die Poeten werden in dieser Gesellschaft ebenso wenig arbeitslos wie in irgendeiner anderen. Im Gegenteil: je mehr sie sich der gesellschaftlichen Realität öffnen, umso mehr Wirkungsmöglichkeiten werden sie entdecken, je mehr der von den Wissenschaften erarbeiteten Realien sie in ihr Bewusstsein aufnehmen, um so verbindlicher und gesellschaftlich aufschlussreicher werden ihre literarischen Äußerungen sein. Poetische Gestalt und wissenschaftliche Sachbeschreibung - ebenso wie intuitive Einfühlung und rationales Denken - können einander ergänzen und stützen als zwar verschiedene, aber auf ein gemeinsames Ziel gerichtete Weisen der Realitätserfahrung, indem beide Methoden, jede mit ihren spezifischen Mitteln, von verschiedenen Seiten dasselbe Objekt angehen. Die Wissenschaft liefert den Begriff, die Kunst die Anschauung - so wird der Gegenstand plastisch gemäß der Einsicht Kants: "Begriff ohne Anschauung ist leer - Anschauung ohne Begriff ist blind".

Nach so viel Grundsatztheorie ein Wort zur Schriftstellerischen Praxis und zur Entstehungsgeschichte meiner Texte, soweit sie die Schicksale psychisch Kranker zum Gegenstand haben:

Der erste Anstoß zu diesen Texten ging aus von der unmittelbaren Begegnung mit Patienten auf offener Straße, im Bus, in einem Haus, in dem ich wohnte, auf dem Hauptpostamt in Bonn, in einem Kuhdorf im Elsass, wo ich Urlaub machte. - Wirklichkeit. Bedrückende und provozierende Wirklichkeit, die Sprache werden wollte und die mir zuerst die Sprache verschlug. Was ich während meines Studiums der Philologie gelernt hatte, war unbrauchbar. Arthur Schnitzlers Novelle "Fräulein Else", die ich damals las, und wenig später James Joyce halfen weiter und ermöglichten mir die Erarbeitung des inneren Monologs als eines für die Darstellung bewusster und unbewusster seelischer Vorgänge geeigneten Ausdrucksmittels. Aber das genügte nicht. Denn Äußerungen, - die sprachlichen psychisch Kranker -, der manisch-depressiven und der schizophrenen Patienten vor allem, sind durch die Krankheit in spezifischer Weise verändert. Diese Eigentümlichkeiten, will man sie angemessen darstellen, muss man kennen. Kenntnisse aber wollen erarbeitet sein und sind weder durch Bekenntnisse noch durch irgendwelche vagen Anmutungserlebnisse zu ersetzen. Also setzte ich mich wieder auf die Schulbank und studierte medizinische Psychologie und Psychiatrie. Den größten Nutzen - im Blick auf meine literarische Arbeit - zog ich dabei aus den Forschungsergebnissen Hans Prinzhorns, Leo Navratils und Theodor Spoerris und ihren Werken "Bildnerei der Geisteskranken", "Schizophrenie und Sprache" und "Sprachphänomene und Psychose". Ich bin diesen und anderen Autoren zu Dank verpflichtet, aber auch den Ärzten, Psychologen und Soziologen unter meinen Bekannten, mit denen ich meine Texte unter allen nur erdenklichen fachlichen Gesichtspunkten durchzusprechen pflege und die seit Jahren meine besten Lektoren sind. Auf die Idee, meine Texte mit Schriftstellerkollegen, Redakteuren oder Verlagslektoren zu diskutieren, würde ich nicht im Traum verfallen, denn - so seltsam das klingen mag - an formalästhetischen Fragen bin ich nicht sonderlich interessiert. Die Sache ist's, die die Form mit innerer Notwendigkeit hervortreiben muss. Formfehler und Stilbrüche weisen auf ein gestörtes Verhältnis des Autors zur Wirklichkeit. An diesem seinem Verhältnis zur Wirklichkeit müsste Literaturkritik, wie ich sie verstehe und wünsche, ansetzen, sie müsste die Sphäre der Werkimmanenz überschreiten und ideenkritisch verfahren, oder anders: ästhetische Fragen sind keine Sache für sich, die zugleich eine Sache für niemanden wäre, sie führen vielmehr, treibt man sie nur folgerichtig voran, notwendig zu Fragen der Erkenntnistheorie und der Ontologie, zu Fragen schließlich der Gesellschaftspolitik. Im Wie steckt das Was, die Form offenbart Wesen, und eben dieses gilt es zu erfassen (oder das, was ich oben den "wahren Sachverhalt" nannte). So autoritär es vielleicht klingt: der Autor sollte schreiben, was die Wirklichkeit ihm diktiert. Sie darf ihm die Hand führen. Vertraut er ihr, so vertraut sie ihm, erschließt sich seiner Sprache, bequemt sich zu den Mitteln, die sie ihn lehrt und mit denen er ihr dient. Nur im Bündnis mit der Wirklichkeit ist der Autor unangreifbar. Nur soweit er die Sache auf seiner Seite hat und auf Seiten der Sache steht, trifft sein Wort das Ding, sagt er, was ist, gelangt das Seiende zur Sprache und gelangt er, selber ein Teil des Seienden, zum Bewusstsein seiner selbst.

Natürlich gibt es in meinen Texten Personen, Handlungen, Szenen, Milieus, Konflikte und Sinnzusammenhänge und wie immer die Kategorien klassischer Ästhetik lauten. Natürlich schreibe ich traditionell und konventionell, und gern gestehe ich, dass die Poetik des Aristoteles und seine Worte über die Mimesis, die Kunst der Nachahmung, für mich aufregender zu lesen sind als Max Benses Computerlyrik. Menschen und Handlungen, Handlungen und Menschen - davon bin ich umringt, daraus besteht die Welt, in der ich lebe, und wollte ich sie leugnen, sie gar aus meinem Bewusstsein verdrängen und auf ihre Darstellung verzichten, so hätte ich das Gefühl, die Welt zu verfälschen, die Wirklichkeit, meinen besten Verbündeten, zu verraten und zu verlieren, und dies, der Verlust der Realität, so meine ich, wäre das Schlimmste, was einem Autor, was dem Menschen überhaupt widerfahren kann.

Ich will aus meiner Weise, die Welt zu sehen und darzustellen, keine Norm, keine allgemeinverbindliche Verhaltensweise für andere herleiten, und Konstitution, Temperament, Erfahrung und Überlegung mögen andere Autoren zu anderen Methoden und anderen Formen der Weltanschauung führen. Erfasst zum Beispiel nicht auch das Neue Hörspiel mit seiner Zitierung von Wirklichkeitspartikeln, mit seinen Geräusch-Collagen und seiner kritischen Verwendung von Sprachklischees Realität? Intendiert es nicht auf andere Weise und mit seinen spezifischen Mitteln dieselbe Wirklichkeit, die uns alle umfängt? Und kann es nicht ebenso zur Enthüllung verborgener Realitätsbereiche, zur Aufdeckung versteckter Inhumanität und damit zur Bildung kritischen Bewusstseins beitragen wie die tradierten Formen des Schauspiels oder des Hörspiels die sich klassischer dramaturgischer Mittel bedienen? - Ich meine, es kann, es soll, und es will wohl auch. Nur frage ich mich bei solchen Stücken: Genügen sie wirklich den kritischen Ansprüchen, die sie erheben? Reproduzieren sie nicht das Chaos, anstatt es zu bannen? Deuten sie mir die Welt? Wirklich? Und wenn schon das Neue Hörspiel manchen seiner Befürworter als der Stein der Weisen erscheint - mangelt dann nicht der Weise dem Stein?

Ich lasse diese Frage offen und arbeite weiter wie bisher, das heißt ich konzentriere mich auf die gesellschaftliche Wirklichkeit mit allen ihren konkreten Bereichen, entwickle die Fiktion aus den Fakten, lebe mit meinen Figuren, suche ihre Nähe, dringe aufs Greifbare und bemühe mich, alle Abstraktion zu meiden, alles überall und Nirgendwo, alles Artifizielle, das nicht Ausdruck von Existenz, sondern Manier wäre, das die Wirklichkeit nicht enthüllte, sondern verkleisterte und das so allgemein wäre, dass sich konkret niemand getroffen zu fühlen brauchte. Ich versuche dies.

Während ich dies schreibe, sitzt der schwachsinnige Knecht eines Bauern vor der Schuppentür auf der Erde, schneidet Bilder aus alten Illustrierten und verwahrt sie in einem Karton. Vor einem halben Jahr haben die Ärzte seinen Kehlkopf entfernt. Er sammelt Bilder von Prinzessin Maxima. Er wiegt noch hundert Pfund. Manchmal zeigt er mir die Bilder. Er krächzt. Er küsst die Bilder. Er lächelt. Er kann nicht sprechen. Er hat nie schreiben gelernt. Er hat nie sprechen können.


Ich werde nicht arbeitslos.