Der Schlaf der Vernunft gebiert Schimären oder There is no heaven in the sky

Aristoteles unterschied zwei wissenschaftliche Disziplinen: die Physik und die Metaphysik. Der Physik entspricht die Sphäre des realen, der Metaphysik die Sphäre des ideellen Seins. Gegenstand der Physik ist die Physis, Gegenstand der Metaphysik die Metaphysis. Der Begriff Physis umfasst die Gesamtheit der Realien oder des real Existierenden, der Begriff Metaphysis die Gesamtheit der Ideen oder des als Idee (Vorstellung oder Gedanke) Existierenden. Die Ideen existieren in unseren Köpfen oder Hirnen und sind uns gegeben als Bilder, die wir als Vorstellungsbilder vor unserem geistigen Auge haben (in mente) oder die wir uns geistig vor Augen rufen können. Diese Bilder sind Erinnerungsbilder oder Visionen, Wunsch- oder Schreckensbilder, Traumbilder oder gar ganze virtuelle Welten, die wir - nach Maßgabe unserer Vorstellungskraft - ganz nach Belieben mit allen nur denkbaren Wesen bevölkern können und allen nur denkbaren Gegenständen ausstatten können, wobei die in der Sphäre des realen Seins geltenden Naturgesetze aufgehoben sind.

Manche dieser Vorstellungen haben eine reale Entsprechung. Dies gilt z.B. für unsere Vorstellungen von lebenden, also real existierenden Personen oder unsere Vorstellungen von Naturkatastrophen. Diese Vorstellungen nennen wir auch Abbilder (im Gegensatz zu Trugbildern, Illusionen oder Hirngespinsten).

Daneben gibt es Vorstellungen von Gegenständen, die zunächst lediglich imaginiert sind, keine (oder noch keine) reale Entsprechung haben, die vorerst nur als Vorhaben, Plan, Entwurf existieren, die aber irgendwann einmal ganz oder teilweise realisiert werden können.

Eigentlich problematisch (oder auch lustig, erheiternd) sind aber jene Vorstellungen, die keine nachweisbare reale Entsprechung haben, gleichwohl aber von interessierter Seite als Abbilder von etwas real Existierendem ausgegeben werden, wie z.B. der Teufel, von dem Karol Wojtyla sagte, er sei "eine schreckliche Realität".

Mit demselben empirisch unbegründeten Wahrheitsanspruch lässt sich natürlich die reale Existenz eines jeden beliebigen Monsters, des Ungeheuers von Loch Ness, des Unicorns, des Wolpertingers oder irgendeiner anderen Schimäre behaupten, weshalb es gut ist, dass unbewiesene positive Existenzaussagen grundsätzlich als falsch gelten.

Kein halbwegs aufgeklärter Mensch wird im Zoo nach dem Gehege für Einhörner, dem Käfig mit den Zentauren oder dem Nixenteich fragen. Aber Millionen Menschen glauben an die reale Existenz von Göttern, Geistern und Dämonen und lassen sich in ihrer Lebensweise und somit auch in ihrem Sozialverhalten von rational unbegründeten und oftmals vernunftwidrigen Vorstellungen leiten.

Der Titel eines Romans von Dieter Wellershoff lautet "Der Himmel ist kein Ort". Richtig! There is no heaven in the sky. Der Himmel ist kein raumzeitliches, real existierendes Gebilde.

Er ist kein realer, sondern ein mythischer (fiktiver) Ort, an dem sich der dreieinige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, mit seinen himmlischen Heerscharen, der heiligen Mutter Gottes und den übrigen Heiligen der Kirche sowie den Seelen der in den Himmel aufgenommenen Verstorbenen aufhalten. Dass bildhaft anschauliche Vorstellungen hiervon in menschlichen Hirnen existieren und dass diese Vorstellungen in unzähligen Gemälden und Schriften objektiviert sind, daran besteht kein Zweifel. Doch dass weltanschaulich-religiöse Hirngespinste (bedauerlicher oder glücklicherweise, das sei dahingestellt) keine reale Entsprechung haben, das darf bis zum Beweis des Gegenteils als wahr behauptet werden.

Und was die Metaphysik als Wissenschaft betrifft, so mag gelten: soweit diese Wissenschaft bestrebt ist, Abbilder von Trugbildern zu unterscheiden und Trugbilder zu entlarven, Urteile zu verifizieren oder zu falsifizieren, ist sie im Sinne Karl R. Poppers ernstzunehmen. Soweit sie aber Gott, Freiheit, Unsterblichkeit und andere Schimären postuliert und die zu erkennende Wahrheit ihrem Wunschdenken unterwirft, dient sie nicht der Aufklärung, sondern kippt sie um in deren Gegenteil und wird sie zum Obskurantismus.