De sexualibus

Ein Erfahrungsbericht

"Der Phallus, der aufsteht", sagte Hermann Kesten einmal, "gemahnt die Herrschenden an die Revolution."

Wohl wahr. Und wenn die politisch-gesellschaftliche Revolution ausbleibt (mangels Tatkraft der im Opiumrausch dahindösenden geknechteten Massen), so gibt's doch vielleicht Ersatzrevolutionen auf Nebenschauplätzen, die die große Misere vorübergehend vergessen lassen, oder mehr oder minder radikale Reformen im privaten Bereich der persönlichen Lebensgestaltung, frei von kirchlicher Vormundschaft, dank vielleicht spät, aber endlich dann doch erlangter ethisch-moralischer Autonomie, die den einzelnen gesund erhält.

So oder so ähnlich muss es wohl mir ergangen sein, der ich unter unglücklichen Umständen, nämlich als Kind erzkatholischer wohlmeinender, aber ahnungsloser Eltern auf die Welt kam, die, kaum dass ich geboren war, mich in die Kirche hineintraten und damit den Grundstein zu meiner weithin unglücklichen Kindheit und Adoleszenz legten.

Meine Mutter war Volksschullehrerin, hatte ihre Ausbildung bei den Ursulinen genossen und wusste von Anfang an: Kinder dürfen keine Sexualität haben. Kinder sind asexuelle Wesen, wie die christliche Pädagogik es gebietet. Darum dürfen sie das Nachthemd nicht ausziehen, obwohl sie lieber nackt schlafen würden, darum müssen ihre Hände auf der Bettdecke liegen, und wenn die Hände dort nicht liegenbleiben, so zieht man ihnen Handschuhe an und bindet diese an den Gitterstäben des Bettes so fest, dass das Kind sie nicht losreißen kann.

Etwa im zweiten Schuljahr begann der Kommunion- und Beichtunterricht. In diesem lernte ich, was meinen wahren Interessen diametral entgegenstand: Unkeuschheit (eine hochinteressante, faszinierende Sache) war in allen nur denkbaren Formen von Gott unter Androhung ewiger Höllenqual verboten. Derlei sollte ich einem fremden Mann im Beichtstuhl reumütig bekennen, auch wenn dies noch so peinlich war, und wie um mir die Sache zu erleichtern, erbot sich meine Mutter, die im Katechismus für Kinder explizierten zehn Gebote Gottes Stück für Stück mit mir durchzusprechen, um zusammen mit mir mein Gewissen zu erforschen. So geschah es, und wir kamen gut voran. In-der-Kirche-absichtlich-falsch-Singen, Widerworte geben und Maikäfer zertreten hatten wir schon herausgefunden und auf einem Zettel (dem Beichtzettel, wie meine Mutter ihn nannte) notiert, es nahte das sechste Gebot ("Du sollst nicht Unkeuschheit treiben"), und - "Da hast du nichts", sagte meine Mutter, huschte zu meiner Überraschung gleich weiter zum siebenten Gebot, erinnerte mich daran, dass ich genascht hatte, und so war diese peinliche Angelegenheit glücklich überstanden. Irgendwie brachte ich dann auch die erste Beichte und den "glücklichsten Tag meines Lebens", den Tag der Erstkommunion, hinter mich, und es folgte die sexuelle Latenzzeit mit allerlei skurrilen, aber nicht sündhaften Fantasien, denn eine Aufklärung fand nicht statt.

So erinnere ich mich, dass, als im Heimatdorf meines Vaters die Tochter des Hauptlehrers im Kindbett verstarb, der kleine Graf Sigbert, mein Spielgefährte, mit sorgenvoller Miene zu mir sagte: "Die Kinder werden den Frauen aus der Brust geschnitten, nicht?" und dass ich darauf antwortete: "Nein, die kommen aus dem Nabel." Die später, etwa zu Beginn meiner Pubertät, auf der Straße folgende Aufklärung durch die Dorfjugend kam der Sache dann schon näher, und was meine kindliche Unschuld betraf, so war mit der ersten Ejakulation damit endgültig Schluss, und es folgte die bekannte Berg- und Talfahrt von Sündenangst und Vergebung, Vergebung und Sündenangst von Beichte zu Beichte, wobei die zeitlichen Abstände zwischen den jeweiligen Absolutionen und den ihnen folgenden Rückfällen sich nach und nach verkürzten, so dass die Angst vor dem Liebesverlust, der von Gott angedrohten Höllenstrafe, wuchs und wuchs und mir das Leben verdarb, so dass mein ganzes Denken und Fühlen bald nur noch um dieses einzige Thema kreiste. – "Kämpfen! Kämpfen!" sagten die Beichtväter, und in meiner Freizeit des Nachmittags bald in der Pfarrkirche, bald in einer Nachbarkirche kniend, betete ich zur Buße komplette Rosenkränze und flehte Maria und alle Heiligen an um Beistand im Kampf gegen das Laster der Selbstbefleckung. Verächtlich, verwerflich, hassenswert war, was doch tiefe, tiefe Ewigkeit wollte und ganz und gar meinem wahren Bedürfnis entsprach. Aber die kirchliche Doktrin gebot, meine Interessen zu verleugnen - so verinnerlichte ich das Gebotene und entwickelte ein, wie Marx es nannte, "falsches Bewusstsein".

Meine schulischen Leistungen - es ging aufs Abitur zu - wurden zunehmend schlechter, Schlafstörungen stellten sich ein, es kam zu scheinbar unmotivierten Tränenausbrüchen, und meine Eltern kamen überein, mich Herrn Professor Wallenfang, dem alten Hausarzt unserer Familie, vorzustellen. Mein Vater begleitete mich zur Untersuchung und führte mit dem Professor ein Vorgespräch, dieweil ich im Wartezimmer saß, in dem ein Porträt Sigmund Freuds hing. Der Professor, ein silberhaariger alter Herr, hatte die Autorität seines Titels und seines Berufs, untersuchte mich mit großer Sorgfalt, wobei mein Vertrauen wuchs, und sagte dann zu meiner großen Erleichterung ohne jede Emphase, leichthin: "Sie sind ganz gesund. Aber rennen Sie nicht so viel in die Kirche! Gehen Sie lieber am Rhein spazieren! Und nehmen Sie an einem Tanzkursus teil!" Heute weiß ich, dass gerade die gelassene Selbstverständlichkeit seines Rates mich überzeugte. Er eiferte nicht, gab nur zu verstehen, dass die Kirche nicht so wichtig sei - es war, als ob er ein Stäubchen wegwischte. Und - darin erkenne ich heute sein therapeutisches Genie - sein Rat entsprach meiner eigenen innersten Neigung, schien aus meinem eigenen Innern zu kommen, versöhnte mich mit mir selbst, besser, als je ein "Seelsorger" es vermocht hätte. - Ich war mit mir selbst im reinen.

Fortan genoss ich meine Sexualität wie ein Heide, ohne Sündenangst und Reue. Ich las Freud und Russell, trat aus der Kirche aus, erwähnte dies ein Jahr später einmal Weggangs im Gespräch mit meinen Eltern, die kaum überrascht schienen, da sie derlei aus ihrem großen Bekanntenkreis wohl schon kannten. Meine erste Geliebte arbeitete als Serviererin in einer Bonner Studentenkneipe. Sie führte mich ein in den Garten der Lüste, ich kostete seine vielfältigen Früchte, prüfte alles, behielt, was für mich gut war, und verwarf den Rest. Es folgten wechselnde Beziehungen, die nie von langer Dauer waren, bis ich des Wechsels überdrüssig war und wieder solo und als Single lebte. Es fehlte nicht an Damen, die mir Avancen machten, aber vielen wurde ich rasch zu beschwerlich, zu anstrengend im Gespräch, und Gespräche - so war es immer - sind mir überaus wichtig. Auch war es mir gänzlich unmöglich, mich, wie etwa Alexander Comfort es empfahl, nicht für die Person meiner jeweiligen Partnerin zu interessieren, geschweige denn, meine erotischen Interessen zu splitten oder mehr als eine Beziehung zugleich zu unterhalten. Was ich anstrebte, war stets die traute Zweisamkeit. Auch die wohl unvermeidlichen Enttäuschungen konnten mich von diesem Ziel nicht abbringen, und wenn schon eine Beziehung unwiderruflich an ihr Ende gelangte, so setzte ich meine Hoffnung doch auf die von Erich Fromm so genannte "sukzessive Monogamie".

Dies war noch so in den siebziger Jahren, als ich an zahlreichen Volkshochschulen Wochenend-Seminare zu Themen der Sozialpsychiatrie leitete, die da lauteten: "Methoden gewaltfreier Konfliktlösung", "Macht Kirche krank?" oder "Ist die Ehe das Grab der Liebe?" - Zu diesen Seminaren erschienen oft abenteuerlich-chaotische Gestalten, die geeignete Foren für die Verkündigung ihrer mehr oder weniger vernünftigen und oftmals reichlich skurrilen Ideen suchten, mich als den Referenten vorschnell als Gesinnungsgenossen vereinnahmen wollten und mit penetrant missionarischem Eifer die "sexuelle Revolution" propagierten. Das konnte dann alles Mögliche bedeuten: Homosexualität, Bisexualität, Polygamie, Partnertausch, Gruppensex, Tantrismus oder gar die Überwindung von Ekel und Scham. Dabei beriefen sie sich bald auf Margaret Mead ("Mann und Weib"), Arno Plack ("Die Gesellschaft und das Böse und "Ohne Lüge leben"), Nena und George O'Neill ("Die offene Ehe"), auf Bornemans "Lexikon der Erotik", Neills "Summerhill", auf Sigmund Freud, Wilhelm Reich, Oswald Kolle und das Ehepaar Masters, und wenn das alles noch nicht reichte, auf die Paviane, die Schimpansen und die Bonobos. Das hätte man ja nun mit heiterer Gelassenheit quittieren können, zumal jede Lüge oder jede Übertreibung ja immer von dem Körnlein Wahrheit lebt, dass sie enthält, und das eben hätte man herausfinden müssen. Das Unangenehme war aber, dass diese revolutionären Prediger mit der gleichen Intoleranz auftraten, die sie den Andersdenkenden und Andersfühlenden zum Vorwurf machten, und dass sie nicht minder fanatisch schienen als jene religiösen Eiferer, die sich im Besitz der allein seligmachenden Wahrheit wähnen und die, statt zuzuhören und das Pro und Contra abzuwägen, nur ideologische Dogmen absondern. Mir selbst wäre es wohl kaum in den Sinn gekommen, meine eigenen Vorstellungen von Eros und Sexus anderen als Norm aufzuerlegen. Doch musste ich als Vertreter der Menschenrechte natürlich für sexuelle Autonomie eintreten und meine eigene Sicht der Dinge ebenso respektieren und achten wie die aller andern, sofern sie nicht der Rechtfertigung nicht sozial verträglicher Verhaltensweisen dienten, und als Anhänger der Humanistischen Psychologie zitierte ich meinerseits Karen Horney, Carl Rogers, Viktor Emil Frankl, Abraham H. Maslow, Gregory Bateson, Ronald, D. Laing, Erich Fromm und andere, sagte mit nichten: "Ich weiß, was dir frommt, und mache aus dir einen neuen Menschen nach meinem Bilde", sondern wehrte mich nur meiner Haut. Dazu bedurfte es manchmal ätzender satirischer Schärfe, denn meine Art, zu sein, ganzheitlich und personal zu lieben, galt meinen tough minded Gegnern (Ich selbst zählte zum Typus der tender minded persons) als spießbürgerlich-kapitalistische Unart. Großzügigkeit, Weitherzigkeit, Toleranz gegenüber sexueller Untreue seien geboten (als ob man in solchen Dingen überhaupt gebieten oder verbieten könnte!) - Rhetorisch geschult, gewann ich in Streitgesprächen zumeist die Oberhand, etwa wenn jemand die "Offene Ehe" pries (die O'Neills waren zu der Zeit noch nicht geschieden), dann sagte ich: "Eine offene Ehe ist eine Ehe, die nicht geschlossen ist" und hatte die Lacher auf meiner Seite. Oder wenn eine Feministin sagte, wenn die Männer untreu seien, dann könnten die Frauen dies auch, dann sagte ich: "Das verstehe ich nicht. Man beseitigt ein Übel doch nicht dadurch, dass man es verdoppelt!" Und als einmal ein Professor der Psychologie in der Evangelischen Akademie Iserlohn verkündete, er habe seiner Frau ihre persönliche sexuelle Freiheit schenken wollen, aber sie wisse damit nichts anzufangen, da, als er sich, wie Bedauern heischend, umsah, sagte ich trocken: "Et audiatur altera pars!" Da war er mir böse.

Menschen ermuntern einander gern, Risiken einzugehen, zu deren glücklicher Überwindung ihnen das Rüstzeug fehlt, oder über ihre Verhältnisse zu leben, ohne für den falsch Beratenen dann die Zeche zu begleichen. Oder sie brocken sich selbst eine ekle Suppe ein und bitten dann andere zu Tisch. Das sind schlechte Psychologen wie Ernest Bornemann, der sexuelle Freizügigkeit pries und Eifersucht als egoistisches Besitzdenken abtat. Bornemann hatte eine um etliche Jahre jüngere Lebensgefährtin, die ihn eines Tages, um eines jüngeren Mannes willen verließ. Bornemann fiel in tiefste Depression und beging Suizid.

Zur Teilnahme an den oben erwähnten Wochenend-Seminaren meldeten sich nicht selten Paare, die in einen nur schwer lösbaren Konflikt verstrickt waren und sich von mir Hilfe erhofften. Sei es, dass sie den kirchlichen Seelsorgern und Beratern misstrauten, sei es, dass sie keinen niedergelassenen weltlichen Therapeuten finden konnten - jedenfalls vertrauten sie mir und wohl auch den anderen Seminarteilnehmern, indem sie ihre Nöte offen zur Sprache brachten. Natürlich hütete ich mich, dirigistisch einzugreifen oder überhaupt mir praktische therapeutische Kompetenz anzumaßen. Dazu fehlte mir die Approbation und auch der Ehrgeiz. Ich hatte meinen Beruf und war und blieb ein psychologischer Theoretiker.

Ich sah aber rasch, dass sich die schwersten Konflikte allemal aus grundsätzlich unterschiedlichen Werthaltungen und einander oft diametral entgegenstehenden grundlegenden Lebensbedürfnissen der Partner ergaben. Diese antagonistischen Strebungen waren umso ausgeprägter, je weiter die Partner in den Skalen zwischen Nähe und Distanz oder Dauer und Wandel auseinanderlagen. Dann versuchte oft ein jeder der Konfliktpartner, sein Gegenüber bald durch Argumente, bald durch flehentliches Bitten, bald durch Beschimpfungen oder gar durch Drohungen und Erpressung auf seine Seite zu ziehen, zum "Guten" zu bekehren oder sich gefügig zu machen. Dies waren natürlich absolut destruktive, kontraindizierte Verhaltensweisen, die es zu verhindern galt.

Ich referierte in solchen Fällen dann gern aus Fritz Riemanns Buch "Grundformen der Angst" mit seiner höchst plausiblen Typologie des zwanghaft-depressiven und des schizoid-hysteroiden Menschen, deren unter Umständen extrem unterschiedliche Erlebens- und Verhaltensweisen sich aus ihren individuell verschiedenen Lebensgeschichten und Lebenssituationen erklären. Wer - vielleicht schon in seiner Kindheit - Nähe als Einengung, Zwang und Unterdrückung erfahren hat, wird nach Distanz streben, wer aber Distanz als Isolation, Einsamkeit und Verbannung erlebt hat, wird nach schützender Nähe streben. Der eine ruft; "Hilfe, ich bin eingesperrt!", der andere: "Hilfe, ich bin ausgesperrt!" Ähnlich ist's mit den unterschiedlichen Bedürfnissen nach Dauer und Abwechslung. Wer die Dauer als Erstarrung fürchtet, sucht sein Heil in der Veränderung; wer den Wechsel als chaotische Auflösung ansieht, sehnt sich nach dauerhaftem Halt. Bei extremer Divergenz der Bedürfnisse - so bitter es sein mag, dies zu sehen und einzusehen - wird man die Situation, in der das Paar sich befindet, als tragisch bezeichnen, da in diesem Fall nicht Wert gegen Unwert, sondern Wert gegen Wert steht, von denen immer nur einer, und zwar auf Kosten des anderen verwirklicht werden kann, so dass das Glück des einen notwendig das Leid des anderen ist. Beider Bedürfnisse sind also inkompatibel. Nun ist aber Schmerzfreiheit die Voraussetzung für Lustempfindung, und die Vermeidung von Leid hat den Vorrang vor dem Glücksgewinn. Und da, wie man sieht, ein für beide Partner glücklicher Ausweg aus der tragischen Situation oder ein für beide Seiten annehmbarer Kompromiss nicht möglich ist, bleibt als Lösung nur die Trennung oder die Ehescheidung, die beiden Partnern die Möglichkeit eröffnet, in einer neuen Beziehung oder glücklicheren Konstellation die so sehr gesuchte, lebensnotwendige sinnvolle Ergänzung zu finden.

An diesem Punkt meines Kurzreferats über Fritz Riemann und eines sich daran anschließenden Gruppengesprächs angelangt, sagte einmal einer der Konfliktpartner: "Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende."

Was mir selbst als Frucht solcher Gespräche und meiner vielen Begegnungen mit Menschen aller Art geblieben ist, ist die Einsicht, dass ich nicht von mir auf andere schließen darf, dass Menschen anders, ganz anders fühlen und erleben können als ich oder, wie Erich Neumann in seiner Schrift "Tiefenpsychologie und neue Ethik" sagt, dass das Gute des einen das Böse des andern sein kann oder das Böse des einen das Gute des andern. Aus oft schwer zu ermittelnden Gründen entstehen unsere unterschiedlichen Lebensbedürfnisse, die einander sinnvoll entsprechen können oder mitunter auch nicht, so dass ein jeder für sich herausfinden muss, was ihm an Nähe und Distanz, an Wechsel und Dauer zuträglich ist. Und was ich vor allem gelernt habe, ist, dass ein jeder wie George Devereux von sich sagen darf: "Ich habe das Recht, der zu sein, der ich bin, und kein anderer."