De gustibus non disputandum Info

Plädoyer für ästhetische Selbstbestimmung

In Seminargesprächen, literarischen Colloquien oder Diskussionen im Anschluss an Autorenlesungen kann es geschehen, dass zwei Diskutanten zu ihrer beider Überraschung plötzlich feststellen, dass sie denselben Lieblingsautor haben oder gar einen bestimmten Titel desselben Autors als ihr Lieblingsbuch bezeichnen. Beide sind dann äußerst entzückt, schwelgen in gemeinsamen Leseerinnerungen, schwärmen von der Schönheit bestimmter Glanzstellen, machen einander auf besondere ästhetische Valeurs des Werkes aufmerksam und geraten dabei geradezu in freudige Ekstase, denn geteilte Freude ist doppelte Freude.

Derlei kommt vor und erscheint dann wie ein Glücksfall, in dem zwei ansonsten getrennte Herzen plötzlich zueinanderfinden. Das Lieblingsbuch, um das es jeweils geht, kann sowohl Hermann Hesses "Steppenwolf", "Der Zauberberg" von Thomas Mann, Rilkes "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", Salingers "Der Fänger im Roggen", der Roman "Die Sterne blicken herab" des Briten Archibald J. Cronin oder ein beliebiges anderes Buch sein wie in meinem eigenen Fall der von Ernst Robert Curtius übersetzte Roman "Haus aus Hauch" von William Goyen, für den sich gemeinsam mit mir auch Gustav Rene Hocke begeisterte.

Foto Streit

Weit häufiger allerdings ist der Fall, dass sich bei solchen literarischen Veranstaltungen Vertreter einander diametral entgegengesetzter Anschauungen so sehr in die Wolle geraten, dass sie zu Streithähnen werden, wie religiöse Fanatiker übereinander herfallen und einander wechselseitig zum rechten Glauben (dem eigenen) zu bekehren suchen. Dabei lobt dann jede Mutter ihre Butter, verdammt die Vorlieben der Andersdenkenden in Grund und Boden, und man sieht bestätigt, was der Volksmund meint, wenn er sagt: "Wat dem een sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall."

Wie kommt es, fragt man sich da, dass die Vorlieben und Abneigungen der Menschen soweit auseinanderdriften können? Die Antwort könnte lauten: Nun, einfach deshalb, weil die Menschen als Individuen eben verschieden sind. Sie werden zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten geboren, sind unterschiedlicher sozialer Herkunft, werden unterschiedlich erzogen, erhalten in Elternhaus, Schulen und Kirchen die unterschiedlichsten Informationen, machen im Umgang mit Menschen die unterschiedlichsten bald guten, bald schlechten Erfahrungen, lernen daraus bald dieses, bald jenes, lernen, was ihnen guttut und was ihnen schadet und entwickeln auf diese Weise im Lauf des Lebens ihre Vorlieben und Abneigungen, kurz ihren je eigenen, individuellen Geschmack, den man ihnen nicht nehmen kann, ebenso wenig wie ihr Alter, ihre Hautfarbe oder ihr Geschlecht.

Die Frage nach der Entstehung der diversen Geschmäcker erscheint daher müßig. Es genügt, sie als gegebene Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, Freiheit zu gewähren, so wie das Grundgesetz Religionsfreiheit gewährt, und einander bei aller Diversität mit Achtung zu begegnen.

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Auseinandersetzungen der oben beschriebenen Art sind also unsinnig und verdrießlich, sie führen zu nichts, und man sollte sie wie Streitereien über den rechten Glauben tunlichst vermeiden. Das ist freilich leichter gesagt als getan, denn Menschen in unübersichtlicher Lage fragen nun einmal nach dem rechten Weg, suchen sich zu orientieren und wollen aus der Fülle des Gebotenen herausfinden, was für sie selbst gut und richtig ist.

Kein Wunder also, dass, wo immer man (im Deutschunterricht in Schulen, in Buchhandlungen oder Bibliotheken) in ästhetische Streitgespräche hineingezogen wird, dass dann nicht nur von Schülern, sondern von allen privat oder beruflich mit Literatur Befassten die Frage gestellt wird, woran gute oder gar große Literatur zu erkennen sei, wie sie sich von minderwertiger Literatur unterscheide und ob es so etwas wie objektive Kriterien für ihre Bewertung überhaupt gebe. Oder anders: wie man denn sagen könne, jemand habe, was Bücher oder ganz allgemein Kunst betreffe, einen guten oder schlechten Geschmack, wobei sich der, dem man einen guten Geschmack attestiert, geschmeichelt fühlt, während sich der Leser vermeintlich oder tatsächlich minderwertigen Schrifttums, sobald er darob getadelt wird, dem Vorwurf des Banausentums ausgesetzt sieht und seine Vorliebe sodann nach Kräften zu verteidigen sucht.

Nun, was objektive (oder annähernd objektive) Kriterien der Wertung betrifft, so ist es primär die Aufgabe der Literaturwissenschaft, der Ästhetik sowie der Stilistik, diese herauszufinden und distinkt zu begründen, und Autoren wie Wellek und Warren, A.C. Baumgärtner, Malte Dahrendorf und andere sind damit auch bereits recht gut vorangekommen, so dass sich als derzeit relativ gesichert sagen lässt:

Große Literatur bemisst sich zunächst daran, dass sie über Zeiten und Ländergrenzen hinweg (mitunter in Vergessenheit geraten und dann wiederentdeckt) möglichst vielen Lesern in deren wichtigsten Lebensfragen etwas zu sagen hat, dass sie (als Litteraturé engagée) der Lüge oder dem (oft zeitbedingten) Irrtum entgegentritt, also die Wahrheit verbreitet und somit aufklärend wirkt und dass sie, nachdem diese inhaltliche Voraussetzung erfüllt ist, auch den formal ästhetischen Ansprüchen genügt, das heißt dass sie gerade das Wesentliche nicht platt, politisierend oder psychologisierend ausspricht, sondern suggestiv durch Aussparung (Understatement) vergegenwärtigt, denn gerade darin besteht das Wesen künstlerischer Gestaltung. (Das Gegenteil wäre geschwätziges Hinzufügen, das ein Buch lediglich dick macht, während es nur durch Weglassen dicht wird. Daher kommt das Wort Dichtung, mit dem wir Literatur von hohem Rang auszeichnen.) - Eine solche Literatur rührt den Leser in seinem tiefsten Innern an; sie ergreift, packt und erschüttert ihn, weckt Furcht und Mitleid, wirkt somit kathartisch und erhebt den Leser, indem sie ihn begeistert und auch wohl erschauern lässt vor dem Erhabenen. Die Kunst der Dichtung bestünde also darin, mit möglichst wenigen Worten möglichst viel zu sagen oder (so Peter Handke) aus fast nichts fast alles zu machen.

Eine nicht nur interpretierende oder gar nur beschreibende, sondern auch wertende Wissenschaft hätte unter anderen sodann die didaktische Aufgabe, aus der Fülle aller vorliegenden Werke der gesamten Weltliteratur einen elitären Kanon der im oben umschriebenen Sinne inhaltsreichsten, d.h. gehaltvollsten und formaläesthetisch kunstvollsten (das können hundert oder auch mehr oder weniger sein) zusammenzustellen und die Lektüre dieser Werke den Literaturstudenten als Pflicht aufzuerlegen, denn Kenntnisse darf man von jedem Examenskandidaten erwarten - nicht jedoch, dass er am Gekannten zugleich ein Wohlgefallen habe oder es gar liebe! Dies steht auf einem anderen Blatt, denn, wie es in einem französischen Lied heißt: "Die Liebe ist ein Kind der Freiheit."

Ein solcher Literaturkanon würde dann sicherlich von Shakespeare über die Klassiker bis in die Literatur der Neuzeit, über Robert Musil, Hermann Broch, Bert Brecht, Peter Weiss und andere bis zu Heinrich Böll und Günter Grass, Max Frisch und Peter Handke führen und könnte auch für fachlich nicht geschulte Leser eine Fundgrube zur Bereicherung ihrer privaten Lektüre sein.

Was meinen eigenen Geschmack betrifft, so muss ich bei allem Respekt vor der überlegenen Sachkenntnis meiner Hochschullehrer gestehen, dass ich bis heute nur mit einem vergleichsweise geringen Teil des mir Empfohlenen etwas anzufangen weiß. An Goethes "Wahlverwandtschaften", Musils "Mann ohne Eigenschaften", Hermann Brochs "Tod des Vergil" und Camus' "Sturz" bin ich gescheitert, das heißt ich musste die Lektüre abbrechen (so qualvoll wurde sie mir, und ich bin ja kein Masochist), weil ich das Gelesene einfach nicht verstand, sei es mangels der zum angemessenen Verständnis erforderlichen Vorkenntnisse oder bestimmter Lebenserfahrungen der Autoren, die ich mit ihnen hätte teilen können.

Zum Ausgleich dafür kann ich aber mit inniger Überzeugung sagen, dass es mir nicht im Geringsten an zahlreichen Lieblingsautoren und Lieblingsbüchern fehlt, die ich immer wieder aufs Neue und mit stets wachsendem Genuss und Gewinn lese. Um nur die mir wichtigsten unter diesen zu nennen: Goethes lyrische Gedichte, Eichendorff, Clemens Brentano, Adalbert Stifter, Marie von Ebner-Eschenbach, Theodor Storm, Wilhelm Busch, Arthur Schnitzler, Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Günter Grass (dessen "Katz und Maus" ich mit dem größten Vergnügen an seiner sinnlichen Sprache schon dreimal gelesen habe), ferner Wolfgang Borchert, Bölls Kurzgeschichten "Wie in schlechten Romanen" und "Die Waage der Baleks", Günter Herburger, Christoph Meckel und andere. Aus dem fremdsprachigen Raum sodann Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Edgar Allan Poe, Hemingway, Jerome D. Salinger, Leo Tolstoi (die Novelle "Herr und Knecht"), Iwan Turgenjew, Paul Verlaine und daneben natürlich auch einige weniger bekannte, über die manch einer vielleicht lächeln wird: Hier fallen mir Waldemar Bonseis ("Mario und die Tiere"), Wilhelm von Kügelgen ("Jugenderinnerungen eines alten Mannes") und Francis Jammes' "Almaide" (übrigens das Lieblingsbuch Hermann Hesses) ein. - Wie ich auf diese gestoßen bin? - Am ehesten wohl dank des freien Zugangs, den ich zu den unverschlossenen Bücherschränken meiner in diesem Punkt liberal eingestellten Eltern hatte, sodann durch Empfehlungen meiner gymnasialen Deutschlehrer und schließlich beim neugierigen Stöbern in Buchhandlungen und Antiquariaten.

Und ähnlich wie mit der Literatur ergeht es mir, was meinen persönlichen Geschmack betrifft, auch mit der bildenden Kunst. Auch in diesem Bereich weiß ich oft mit dem am meisten Gepriesenen und am höchsten Gerühmten, z.B. mit Picasso oder Kandinsky, nichts anzufangen, weil sie mich (aus welchen Gründen auch immer) einfach kalt lassen. Meine Lieblingskünstler sind und bleiben die Maler und Zeichner der deutschen Romantik, namentlich Caspar David Friedrich und Adrian Ludwig Richter, sodann die Impressionisten (Claude Monet, Camille Pissarro und Alfred Sisley) sowie aus jüngerer Zeit Arnold Böcklin und Raoul Dufy. Warum dies so ist, wüsste ich nicht zu sagen. Diese Künstler sind mir im Laufe meines Lebens ans Herz gewachsen. Die Hochgerühmten, zumal die Gegenstandslosen, blieben dagegen (nicht immer, aber oft) von mir unverstanden und ungeliebt, und nicht anders, vermute ich, wird's auch wohl mit meinem musikalischen Geschmack sein. Auch dieser mag mehr oder weniger geschult oder gebildet sein. Ich suche niemanden zu ihm zu bekehren, und er wird, so hoffe ich, niemanden kränken, so wie auch mich (von wenigen, noch zu besprechenden Ausnahmen abgesehen) die Geschmäcker anderer nicht kränken können.

Eine kritische Ästhetik und Kunstgeschichtsschreibung dagegen kommt um die Wertung der von ihr untersuchten Werke schwerlich herum. Sie wird das ihr wertvoll Erscheinende wertvoll, dass ihr minderwertig Erscheinende minderwertig nennen und sich dabei jener bereits oben skizzierten formal kritischen und ideologiekritischen Maßstäbe bedienen, die ihr für eine annähernd objektive Beurteilung am ehesten geeignet erscheinen.

Zwei ästhetische Phänomene vor allem fordern dabei ihre Kritik heraus: die Trivialliteratur und der Kitsch.

Was sie der Trivialliteratur vorwirft (so beliebt diese bei einem breiten Publikum auch sein mag), ist, dass diese Literatur, sowohl in der Form von Groschenheften als auch in gebundener Buchform der Masse der Leserschaft ein falsches Gesellschafts- und Weltbild vermittelt, indem sie lediglich Scheinbedürfnisse erzeugt und befriedigt, die wahren sozialen Bedürfnisse der Massen jedoch thematisch bewusst ausspart, die Bildung eines kritischen politischen Bewusstseins oder Klassenbewusstseins systematisch verhindert und somit nicht zur Emanzipation, sondern zur Verdummung des Volkes beiträgt.

Kitsch ist daneben jene Literatur, die durch hochtrabende, pathetische Reden große, edle und vor allem "tiefe" Gefühle zu wecken vorgibt, die tatsächlich aber wohl nur affektiert sind oder, schlimmer, mit Begeisterung für menschenverachtende politische Machthaber (Hitler-Kult) einhergehen. (Man denke in diesem Zusammenhang nur an die NS-Blut-und-Boden-Literatur oder die von Goebbels propagierte Deutsche Kunst, die im Haus der Deutschen Kunst in München zur Schau gestellt wurde - zu derselben Zeit, als grandiose Kunst wie etwa die Gemälde Emil Noldes als "entartet" beschimpft und geächtet wurde.)

Was den Umgang mit Trivialliteratur angeht, so empfiehlt der Literaturdidaktiker Malte Dahrendorf "Toleranz und heitere Gelassenheit". Das mag angehen, wenn man an Schnulzentexte wie "Steig in das Traumboot der Liebe" denkt. Aber es gibt Schlimmeres als Trivialität, nämlich die traurige Tatsache, dass manche Menschen nicht nur Gefallen an der "Insel der Schönheit", sondern auch an volksverhetzender, gewaltverherrlichender, rassistischer, antisemitischer Literatur finden (siehe Auschwitzlüge) oder gar Darstellungen sexueller Gewalt in Wort und Bild bis hin zur Kinderpornografie lieben. Hier stoßen wir streckenweise an eine rechtliche Grauzone, das heißt einen Bereich, in dem manches nicht oder noch nicht eindeutig gesetzlich geregelt ist. (Man denke an den Fall Edathy oder den, allerdings durch richterlichen Urteilsspruch eindeutig geklärten, Fall des SPD-Abgeordneten Tauß.) Angesichts solcher "Geschmäcker" dürften Toleranz und heitere Gelassenheit sich wohl verbieten, denn hier geht es nicht mehr um Gedankenfreiheit, sondern um Straftatbestände. Wo die Freiheit der Kunst und die Freiheit des Künstlers endet, da endet auch die Freiheit des Rezipienten, und wer wie der Marquis de Sade entsprechend seinem "Geschmack" kriminell tätig wird, der gehört zu Recht in die Psychiatrie oder ins Gefängnis.

Freiheit fordern wir dagegen für alles, was dem Geist humanistischer Aufklärung dient oder diesem wenigstens nicht im Wege steht, und die Welt des Geistes ist (mit der oben gemachten Einschränkung) so bunt und reich, dass sie nahezu jedem Geschmack ein schier unbegrenztes Tummelfeld voller Entdeckungsmöglichkeiten für die Suche nach Schätzen bietet, und wie das Grundgesetz Religionsfreiheit garantiert, garantiert es grundsätzlich auch Geschmacksfreiheit und alle Formen der Geschmacksbefriedigung, die sozial verträglich und gesetzeskonform sind, wobei das, was Wohlgefallen auslöst: nämlich die Schönheit jeweils im Auge des liebenden Betrachters liegt.

Darum sei ein jeder ermutigt und ermuntert, sich zu seinen Vorlieben und Abneigungen zu bekennen und die Geschmäcker Andersdenkender und Andersfühlender in derselben Weise zu tolerieren, wie er wünscht, dass man auch die seinen respektiere.

Dann ist Versöhnung im Streit, und es wird sich zeigen, dass auch gegensätzlich Getrenntes friedlich koexistieren kann.