Das Ticken der Stille oder Die Vergegenwärtigung des Unsagbaren im Sagbaren

Unlängst war ich Zuhörer bei einer Autorenlesung. Es las eine nicht unsympathische ältere Dame, die von einer Wanderung im Thüringer Wald berichtete, wo sie am Rand einer Lichtung auf einer Bank behaglich gerastet habe, um die Mittagszeit sei es gewesen, schattenkühl und ein mildes Lüftchen habe geweht. - Das war so übel nicht und ließ mich aufhorchen. Doch, ach, meine positive Erwartung wurde sogleich enttäuscht, denn die Autorin (statt Sprachmagie walten zu lassen) sagte wörtlich: "Das Schönste aber war diese wunderbare Stille des Waldes." Dagegen war sachlich nichts einzuwenden - das Ärgerliche an diesem Satz war aber die platte Benennung, das abgegriffene Etikett, das die Stille gerade nicht sinnlich vergegenwärtigte, sondern leblos und stumm ließ. Die Autorin hätte ein Faszinosum beschwören können, wenn es ihr gelungen wäre, die Stille selbst zum Sprechen zu bringen, sie aussparend zu vergegenwärtigen, so dass sie den Zuhörer sinnlich in ihren Bann gezogen hätte, oder wenn die Autorin, einen Ratschlag Edgar Allan Poes befolgend, die ihr vorschwebende Stimmung nicht beschrieben, sondern erzeugt hätte. Stattdessen hatte sie die Stille mit dem denkbar abgegriffensten Attribut zugekleistert und damit erledigt. Es kam aber noch schlimmer, denn wenige Sätze später sprach die Autorin schon wieder von dieser "wunderbaren Stille", und, als könnte Wiederholung die Sache steigern, sagte sie nach einer Weile gar zum dritten mal "diese wunderbare Stille". Danach fiel ihr wohl ein, dass ihr Deutschlehrer an den Rand ihres Aufsatzheftes gelegentlich "W.i.A." (Wechsel im Ausdruck) geschrieben hatte, und also - als es wieder einmal so weit war, dass sie ihrer Bewunderung der Stille emphatisch Ausdruck verleihen wollte - sagte sie nicht "wunderbare Stille", sondern "wunderbare Ruhe". Doch war ihrem Unvermögen damit nicht geholfen; denn auch wenn sie das schmückende Beiwort zusätzlich durch ein anderes ersetzt und etwa "lautlose", "absolute", "andächtige" oder gar "feierliche Stille" gesagt hätte, die Hände gefaltet und raffaelisch die Augen aufgeschlagen hätte - ihr Grundirrtum war, dass sie in, Unkenntnis Wittgensteins nicht schweigen wollte über das, von dem wir nicht reden können, über Stille als Lautlosigkeit oder Ruhe als Bewegungslosigkeit können wir ebenso wenig sprechen wie über das Nichts. Denn schon die Alten wussten: De nihilo nil nisi nil. Stille lässt sich nur ahnbar, fühlbar und erlebbar machen auf indirekte Weise: durch Verlautbarung der allerleisesten Geräusche, die gewöhnlich von irgendeinem Lärm (vom Getöse eines Düsenjets, vom Pfeifen des Windes, von Donnergrollen oder dem Gesang einer Wandergruppe) übertönt werden. Was die Autorin nicht konnte, war: schweigen. Schweigen und lauschen. Statt selbst ganz Ohr zu sein, musste sie sprechen, sagen, benennen, während die Kunst der poetischen Gestaltung gerade darin bestanden hätte, das unsichtbare im Sichtbaren erscheinen zu lassen, das am äußersten Rand der Stille gerade noch Vernehmbare zu vergegenwärtigen und den unsagbaren Rest durch Aussparung, durch Verschweigen als erahnbaren Urgrund suggestiv erfahrbar zu machen, so wie es Theodor Storm in seinem Gedicht "Abseits" gelingt, wo es heißt: "Kaum zittert durch die Mittagsruh Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten..." oder wie es in einem Gedicht eines anderen Autors heißt: "Kein Wagenrollen mehr, kein Sensendengeln und keines Menschen Laut. Von Ferne nur, verirrt, ein Hahnenschrei." Was der Autorin fehlte, war die Schulung der Aisthesis, der Wahrnehmung, der heben Denken, Fühlen und Ahnen wichtigsten geistigen Fähigkeit. - Und ich tröstete mich an diesem Tag mit der Gedichtzeile Hans Magnus Enzensbergers: "Ich lausche dem Wind wie ein Strauch."

Lauschen - das ist's! Lauschen mit allen Sinnen, bewusstes Wahrnehmen des Leisen und Leisesten, vom Fiepen einer Spitzmaus über das Rascheln eines welken Blattes, das über den Boden hinstreift, das Prickeln des Schnees an der Fensterscheibe, das träge Aufschlagen einzelner Tropfen, die vom Kaminkranz aufs Bleiblech der Abdeckung fallen, bis zum kaum noch vernehmbaren Summen eines winzigen Insekts - dies alles erlauschen und zur Sprache, zum Sprechen bringen, soweit Sprache nur reicht, bis an die äußerste Grenze des Sagbaren, wo das Unsagbare beginnt, das Wittgenstein das Unaussprechliche oder auch das Mystische nennt, das Geheimnis erahnen, staunend verstummen angesichts des indirekt Vergegenwärtigten, einer geheimnisvollen Welt jenseits der Sprache - hier innehalten und des Unsagbaren innewerden, hier verweilen und sich versenken, sich öffnen den raunenden, kaum vernehmbaren Stimmen, "die" (so Theodor Storm) "über der Tiefe sind."

Einen, einen einzigen Augenblick in meinem Leben hat es gegeben, da ich dem, was man die absolute Stille nennen könnte, so nah war, wie es näher kaum geht. Es war auf einem Spaziergang, einem Rundweg, der in halber Höhe des Runebergs um die Ruine der Runeburg führt. Dort rastete ich im Schatten eines überragenden Felsens auf einer Bank, dehnte die Glieder und blickte hinaus in die am Horizont bläulich verdämmernde Ferne. Es war in der Mittagszeit, die Sonne stand im Zenit, kein Laut der Stadt drang herauf, Ginster strahlte golden am Hang - der Wind, die Luft hielt den Atem an. - Da war es: ein winziger Laut - war's ein leises Knacken? Ein Knistern? Ein Ticken? Das Ticken einer Uhr? Gar meiner eigenen Armbanduhr? Ich hob die Hand an mein Ohr, aber da war nichts - und war doch anwesend, spürbar, irgendwo ringsum, wiederholte sich in unregelmäßigen Abständen nur weniger Sekunden - es war, so dachte ich, wie das Ticken der Stille, der Stille selbst, die sich verlautbarte, sich meinem Ohr erschloss, oder doch der leiseste, gerade noch wahrnehmbare Ton an ihrem äußersten Rand, da das Mysterium begann, und mit einem mal, während ich immer noch rätselte, hatte ich eine Eingebung, kam mir bei: dies ist das Platzen der Ginsterschoten, die ihren Samen entleeren. Ich kroch heran an einen der goldenen Büsche, grub meinen Kopf in ihn hinein und fand meine Ahnung bestätigt. Der Ginster war reif, er lebte wie alles Lebendige und gab sein Leben weiter für weitere Generationen in weiteren kommenden Sommern. Alles floss, und ich war darin.

Ist es zuviel gesagt, wenn ich dies eine mystische Erfahrung nenne? Ich glaube, nicht. Denn wenn auch an jenem Mittag ein Rätsel sich löste - das Geheimnis, das Mystische, von dem Wittgenstein und andere Autoren sprechen, ist mir geblieben und begleitet seither und fortan mein Leben, und auch wenn ich die Augen schließe und es nicht sehe, so höre ich's doch in meinem Innern, wie es sagt: "Horch! Ich bin da!"