Darf die Satire alles?

Kurt Tucholsky war sicherlich ein großartiger Satiriker und ein aufrechter Antifaschist, aber das macht ihn noch nicht zu einem gegen Irrtum gefeiten Literaturdozenten, und der von seinen Bewunderern gern zitierte Satz "Die Satire darf alles" löst in mir - ob des in ihm enthaltenen Wörtchen "alles" - sogleich kritische Reflexionen aus. Die Einschränkungen, die Tucholsky in seiner These (bewusst oder unbewusst) ausspart, drängen sich bei genauerem Hinsehen deutlich ins Bewusstsein, denn die Erfahrung lehrt, dass hinter Aussagen, die die Wörter "alles", "nichts", "immer" oder "nie" enthalten, zumeist eine unzulässige Verallgemeinerung steht.

So auch hier. Denn die Satire darf eben nicht alles, so wie auch sonst redende oder schreibende Menschen im Umgang mit ihren Mitmenschen nicht alles dürfen - sie dürfen weder verleumden noch beleidigen, und das bedeutet für den Satiriker: Die Freiheit der Kunst endet an den Grenzen, die ihr durch die allgemeine Gesetzgebung gezogen sind. Wer's nicht glaubt, mache sich sachkundig, lese das StGB oder lasse sich zusätzlich belehren von einem Anwalt seines Vertrauens.

Im Lexikon ist die Satire definiert als ein literarisches Werk beliebiger Gattung, das Missstände oder bestimmte Anschauungen kritisiert, indem es sie lächerlich macht. Selber Satiriker, stimme ich dem zu, zumal hier schon der Gegensatz der Satire zum Humor angedeutet ist. Auch der Humor kennt das Lachen, aber das humorvolle Lachen ist eben kein geistiges Kampfmittel, sondern Ausdruck wohlwollenden Verständnisses und dient der Versöhnung, während die Satire - je ätzender, umso wirkungsvoller - vernichten will, ohne Blut zu vergießen. Sie erschießt den Tyrannen nicht, sondern entlarvt ihn in seiner Bosheit oder Dummheit, indem sie ihn der Lächerlichkeit preisgibt in der Hoffnung, dass diese ihn töten werde.

Und in der Tat: wenn auch der Satiriker seine Wirkungsmöglichkeiten im allgemeinen unterschätzt, so wie der satirisch gebrandmarkte politische Machthaber sie eher überbewertet und deshalb zu unterdrücken trachtet - dem Satiriker verschafft das Gelächter, das er auslöst, Erleichterung; es befreit von Angst (das Komische verbreitet keinen Schrecken) und verschafft ihm die Solidarität seiner gleichgesinnten Genossen, die oft seine Leidensgenossen sind, denen er aus dem Herzen spricht, und Solidarität kann - zumal in revolutionären oder vorrevolutionären Situationen - die Massen stärken und zu (dann auch tätlichen und im Falle der Ultima ratio blutigen) Befreiungsschlägen ermutigen.

Dies ist die konstruktive Funktion der Satire im Aufbau einer menschenfreundlichen, unterdrückungs- und ausbeutungsfreien Gesellschaft, die der satirische Kritiker im Verbund mit den humanen, biophilen Geistern seiner Zeit anstrebt.

Neben dieser Lichtseite gibt es aber auch eine Schattenseite der Satire, wenn diese nicht mehr nur den Schurken und den Nicht-Angriffs-Pakt zwischen Hitler und Stalin einen Schurkenstreich nennt, sondern wenn sie kritisiert, was keiner Kritik bedarf und erst recht keinen Spott verdient. Dies ist der Fall, wenn jemand, der sich für witzig hält, dem womöglich an einer Blasenschwäche leidenden Papst einen gelben Urinfleck auf die weiße Soutane malt oder wenn ein Journalist sagt, Hannelore Kohl (eine gewiss liebenswerte und tüchtige Frau) sehe aus wie die Fehlpressung einer Barbiepuppe. Und um ein weiteres konkretes Beispiel zu nennen: Was soll man davon halten, wenn ein Cartoonist den am Kreuz sterbenden Jesus in einer Sprechblase "Bitte ein Bit!" sagen lässt - eine "Werbung", ob der nicht einmal die Bitburger Brauerei entzückt gewesen sein wird!

Hier wird eindeutig gegen die Präambel des Grundgesetzes verstoßen. Hier wird die Menschenwürde verletzt. Solche (als Satire getarnte und entschuldigte) Entgleisungen sind weder kritisch noch komisch, sondern zynische, barbarische Flegeleien, die, soweit Straftatbestände erfüllt sind, mit angemessenen Geldstrafen belegt werden sollten!

Unbestreitbar bleibt daneben die Notwendigkeit von Satire schlechthin als eines Mittels der Unterscheidung alles dessen, was zwecks Schadenvermeidung nicht verwechselt werden darf, denn dass es überall in der Welt der Differenzierung bedarf, zeigt schon der scherzhaft oft genannte Unterschied zwischen einem Kuhfladen und einem Polstersessel oder krasser: der Unterschied zwischen Nachttopf, Kochtopf und Zahnputzglas.

Kritisieren leitet sich ab vom griechischen Verb kritein (unterscheiden), und es ist psychologisch verständlich, dass der positiv Kritisierte sich wohl fühlt, während der negativ Kritisierte in aller Regel gekränkt reagiert, da er in seinem Selbstwertgefühl und in der Achtung seiner Mitmenschen herabgesetzt wurde. Doch ist eine gewisse narzistische Kränkung wohl unvermeidlich und als Appell zur Besserung vielleicht nicht nur zumutbar, sondern sogar hilfreich und daher wünschenswert.

Natürlich bedarf es hierfür der richtigen, sachlich angemessenen Bewertungsmaßstäbe, denn es gibt, wie sich im Folgenden zeigt, auch falsche, untaugliche oder schlicht alberne Kriterien, so etwa, wenn jemand (zugespitzt formuliert) behaupten wollte, ein Apfel sei eine missratene Birne oder eine Birne ein missratener Apfel. Richtig wäre es dagegen, einen wohlgeratenen von einem missratenen Apfel und eine wohlgeratene von einer missratenen Birne zu unterscheiden.

So bedarf Kritik ihrerseits der Metakritik, um sich nicht lächerlich zu machen, und der Satiriker sollte nicht mit Steinen werfen, wenn er im Glashaus sitzt.

Gegner der Satire und der Kritik schlechthin sind mitunter irgendeiner pseudohumanistischen Ideologie hörige Zeitgenossen wie etwa der Kölner Psychiater Peter Lauster, der, damit nur ja niemandem ein Härlein gekrümmt werde, für eine Gesellschaft ohne Lob und Tadel, Lohn und Strafe, Rüge und Anerkennung plädiert und dem ich - als Freund der Satire - geantwortet habe, er werde wohl auswandern müssen in einen anderen Kosmos, in eine gestaltlose Welt, grau in grau und lau in lau, wobei sich als friedhofsstiller Aufenthaltsort jener Ort empfehle, an den die im Mutterleib gestorbenen, ungetauften Kindlein kommen.

Hauptgegenstand der Satire - neben offenkundiger Menschenverachtung und unbelehrbarer Torheit - ist der Kitsch, der mit hochtrabenden Reden große Gefühle auslösen will und den es nicht nur in der Kunst, sondern als moralischen, sozialen, religiösen oder politischen Kitsch in allen Bereichen des Lebens gibt, so dass die Satiriker nicht arbeitslos werden. (Unvergessen bis heute die Schlagzeile in der BILD-Zeitung: "Wir sind Papst!", mit welchem Jubelruf der Springer-Konzern speziell dem chauvinistischen Kitsch die Krone aufsetzte.)

Bleibt zum Schluss die noch offene Frage: Was soll der Satiriker machen, wenn er keine Strafanzeigen wegen Blasphemie, Verleumdung oder Beleidigung, kein Schreibverbot und keine Morddrohungen erhalten will? Meine Antwort lautet: Am besten bedient er sich der von dem österreichischen Schriftsteller Karl Kraus (1874 - 1936) zur Meisterschaft entwickelten Methode, seine Gegner sich selbst entlarven zu lassen, indem er sie wörtlich zitiert. So verfährt Kraus in seinem Drama "Die letzten Tage der Menschheit", wo er seinen Gegnern das Wort überlässt und sie vorführt, so dass sie sich selbst um Kopf und Kragen reden. Diese Methode wurde weiterentwickelt von Autoren wie Carl Merz und Helmut Qualtinger ("Der Herr Karl") und ist vor allem dann unangreifbar, wenn die Zitate durch Zeugen oder gar schriftlich oder durch Tonaufzeichnungen belegt sind, denn Fakten sind schwer widerlegbar, und ein jeder darf sich auf sie berufen.