Brief an das Präsidium des P. E. N.

An das
Präsidium des
P.E.N.
Zentrum Bundesrepublik Deutschland
c/o Generalsekretariat
Sandstraße 10

61 Darmstadt

3. Februar 1974

betr. meine Unterzeichnung der Erklärung "Freiheit für Amalrik? Freiheit wofür?"

Sehr geehrte Kollegen,

unter der Überschrift "Stalinistischer Zynismus?" hat Hermann Kesten in der STUTTGARTER ZEITUNG vom 11. Januar dieses Jahres mir und jenen meiner Berufskollegen, die wie ich die Erklärung "Freiheit für Amalrik? Freiheit wofür?" unterzeichnet haben, Unmenschlichkeit vorgeworfen und die Unterzeichner dieser Erklärung, anstatt nach ihren Motiven zu fragen und sich mit ihren Argumenten auseinanderzusetzen, verteufelt und auf moralischer Ebene abgekanzelt, unter der gleichen Überschrift und in derselben Ausgabe der STUTTGARTER ZEITUNG schreibt Thilo Koch, die dem P.E.N.-Zentrum BRD angehörenden Unterzeichner der Erklärung hätten gegen Punkt 4 der Charta des Internationalen P.E.N. verstoßen.

Unter der Voraussetzung, daß diese Verdikte entgegen dem Anschein, den sie erwecken, nicht von jener Art sind, die Unterwerfung verlangt, daß sie nicht selbstgerecht-autoritär sind, sondern überhaupt Widerspruch dulden, darf ich Sie bitten, zur Kenntnis zu nehmen, was ich zu diesem Vorgang, soweit er mich selbst betrifft, zu sagen habe:

Die schriftlichen Äußerungen des sowjetischen Historikers Andreij Amalrik, die UdSSR sei ein "Land ohne Glauben, ohne Tradition, ohne Kultur und ohne die Fähigkeit, irgend etwas richtig zu tun" (Äußerungen, die die P.E.N.-Resolution "Freiheit für Amalrik" verschweigt und von denen ich allererst durch die mir von Friedrich Hitzer zugeleitete Gegenerklärung erfuhr) haben mich zutiefst entsetzt und empört und angesichts der Leiden des russischen Volkes und seiner hervorragenden Leistungen auf allen Gebieten der Kultur sowie im wirtschaftlichen und politischen Bereich mit Bitterkeit und Trauer erfüllt. Diese Äußerungen Amalriks sind objektiv wahrheitswidrig, sie stellen die historischen Tatsachen auf den Kopf und erscheinen, zumal ihr Urheber von Beruf Historiker ist, vorsätzlich lügenhaft. Dieser Mann scheint sein Vaterland zu hassen und sein eigenes Volk, das ihn hervorgebracht hat, das auch für ihn gelitten und gekämpft hat, zu verachten. Er wünscht seinem Land den Untergang, preist zynisch die USA als demokratisch und setzt seine Hoffnung auf einen dritten Weltkrieg, in dem die USA und die Volksrepublik China sich gegen die UdSSR verbünden und sie besiegen sollen. Amalriks Äußerungen haben mich erinnert an Hetzparolen aus der Zeit des Dritten Reiches, wie ich sie damals aus dem Mund selber verhetzter NS-Rüpel hören mußte, die mich als noch nicht zwölfjährigen Pimpf wenige Wochen vor Kriegsende in der Bannschule Heiligenstadt (Eichsfeld) vormilitärisch ausbildeten und für den Einsatz im Volkssturm drillten; sie haben mich erinnert an STÜRMER-Parolen und an NS-Plakate, auf denen der Russe als Bestie und Untermensch geschildert wurde. Diese und ähnliche Erfahrungen haben mich gegen Demagogie sensibilisiert, und ich kann und will diese Erinnerung nicht abstreifen.

In der P.E.N.-Charta wird die Zensurwillkür verworfen. Das ist recht. In der P.E.N.-Charta wird das Recht auf freie Kritik gegenüber den Regierungen, Verwaltungen und Einrichtungen gefordert. Auch das ist recht und so selbstverständlich, wie ein demokratisches Grundrecht nur sein kann. Aber ich habe die ganze P.E.N.-Charta unterzeichnet, und also habe ich mich verpflichtet, "wahrheitswidrigen Veröffentlichungen" entgegenzuarbeiten, und also frage ich Sie, ob ein Autor, der die P.E.N.-Charta unterzeichnet hat, wünschen und fordern kann, daß irgendein anderer Autor oder er selber in irgendeinem Land sich in dem Sinne frei und ungehindert äußern darf, wie Amalrik es getan hat, daß er das Recht auf freie Meinungsäußerung zu wahrheitwidrigen Veröffentlichungen mißbrauchen darf. Ich meine, gerade die P.E.N.-Charta verbietet einen solchen Wunsch, gerade ihr Wortlaut und ihr Geist stehen solchem Wunsch und solcher Forderung entgegen. Ein uneingeschränktes, absolutes Recht auf freie Meinungsäußerung gibt es nicht, weder in diesem noch in einem anderen Land (s. Artikel 5, Absatz 2, des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland). Dem trägt die Charta des Internationalen P.E.N.-Clubs Rechnung, und ich stehe zu Geist und Wortlaut dieser Charta, so wie ich auf dem Boden des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland stehe. Ich wünsche, daß der Geist unserer Verfassung lebendig bleibe, daß er im Parlament lebe und nicht nur dort, sondern in allen unseren öffentlichen und privaten Einrichtungen, entgegen dem Interesse jener, die unser Land zu faschisieren suchen. Ich wünsche, daß die Charta des Internationalen P.E.N.-Clubs respektiert werde auch und gerade von jenen Kollegen, die im Vorstand des P.E.N. sitzen, die die offeiziellen Resolutionen verfassen und die politischen Ansichten der Mehrheit der Mitglieder des P.E.N. vertreten. An ihnen ist es, zu beweisen, daß sie nicht gegen den Geist der Charta verstoßen, daß sie nicht für andere ein Recht auf Mißbrauch der Meinungsfreiheit fordern, welches das Grundgesetz für die BRD und die Charta des Internationalen P.E.N.-Clubs ihnen selber zu Recht verwehren und welches für sich selber zu beanspruchen ihnen, wie ich hoffe, nie in den Sinn käme.

In seiner Stellungsnahme in der STUTTGARTER ZEITUNG vom 11. Januar dieses Jahres hat Hermann Kesten die P.E.N.-Resolution "Freiheit für Amelrik" als Gnadengesuch bezeichnet. Hermann Kesten ist ein sprachbewußter Autor, der seine Worte zu wählen weiß, der genau das meint, was er sagt, und der auch hier den treffenden Ausdruck gewählt hat. Ein Gnadengesuch bestreitet nicht die Schuld des Verurteilten und bestreitet nicht die Rechtmäßgkeit des Urteils, sondern bestätigt beides, indem es darum bittet, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Auf solcher Grundlage ließe der Dissens, der im P.E.N.-Zentrum BRD und inzwischen auch in der Öffentlichkeit deutlich geworden ist, sich beilegen. Hier sehe ich eine Brücke zu wechselseitigem Verständnis, die schließlich sogar zu einer Einigung auf einen Modus zukünftigen gemeinsamen Handelns führen könnte, zumal auch die von mir und fünf weiteren Kollegen des P.E.N.-Zentrums BRD unterzeichnete Erklärung "Freiheit für Amelrik? Freiheit wofür?" die Möglichkeit eines so verstandenen Gnadengesuches offen läßt.

Ich höre gern, wie Sie hierüber denken, und grüße Sie.

Theodor Weißenborn