Klappentexte:

An unsichtbaren Fäden

Eine Nachbarin beschwert sich: sie werde „elektrisiert und man möge „um Christi willen die Maschine abstellen. Im gegenüberliegenden Haus versucht eine Frau sich aus dem Fenster zu stürzen. Der schwachsinnige Knecht eines Bauern sitzt vor der Schuppentür auf der Erde, schneidet Bilder aus alten Illustrierten und verwahrt sie in einem Karton. Auf dem Postamt beschreibt eine Frau mit einem Stock magische Kreise um sich und kritzelt in ein Telefonbuch:

Buch-Umschlagfoto: Fragmente der Liebe

Buchumschlag Vorderseite

"Alle sagen, ich bin böse, aber ich bin der Heilige Geist. Setzen wir den Fall, an den Schriftsteller ergehe von solchen realen Erscheinungen ein Appell und er reagiere auf diese Appell mit der Einsicht: Hier, vor und jenseits aller Sprache ist Wirklichkeit, und diese Wirklichkeit will Sprache werden - dann ist dies der Augenblick, da der Stoff als das vorliterarisch Gegebene zum Sujet wird und zur Gestaltung drängt. Aber angesichts des Gegenstandes (der eingangs genannten Erscheinungen) erweisen sich die meisten konventionellen Sprach- und Erzählformen, die dem Autor zur Verfügung stehen, als untauglich. Dem Autor verschlägt s die Sprache, er muss warten, bis ihm spezifische, dem Gegenstand angemessene Sprachformen Zuwachsen, oder er muss eine neue und gleichzeitig kommunikationsfähige Sprache erfinden. Ein für die adäquate Darstellung seelischer Vorgänge geeignetes Mittel bietet hier die aristotelische Mimesis, eine episch-dramatische Stilform, die die ästhetische Gestalt des Kunstwerks aus der ontischen Struktur seines Gegenstandes entwickelt, die also die Artistik mit der Imitation verbindet, so dass die poetische Erfindung und die Nachahmung realer bewusster seelischer Vorgänge ineinander übergehen. Dabei verschmelzen zwar der Autor und seine fiktive Figur in der Person eines zumeist monologisierenden Ichs zu einer Einheit, sie bleiben aber- paradoxerweise, und darin liegt die Schwierigkeit dieses Verfahrens - voneinander getrennt; denn bei noch so geglückter Identifizierung des Erzählers mit seiner Figur bleibt ein Teil seines Wesen, nämlich sein artistisches Bewusstsein, von der Figur abgespalten. Die Einheit, die als absolut erstrebt wird, bleibt relativ.

Der beste Ausweg a s dieser Notlage scheint vorerst der zu sein, dass der Erzähler den abgespaltenen Teil seines Wesens, den ordnenden Kunstverstand, so geschickt hinter seiner Figur verbirgt, dass er scheinbar nicht mehr aufzufinden ist; denn wir fordern zwar vom Kunstwerk die gestalthafte Ordnung, aber wir wollen den Zwang nicht spüren. In jedem Fall jedoch, im Fall des Gelingens wie des Versagens, bleibt der Autor ein Wesen, das zwar nur einen Rumpf hat, zugleich aber, wie der Gott Janus, zwei Gesichter trägt, die in entgegengesetzte Richtungen blicken. Der Grund für diese Spaltung liegt in der doppelten Aufgabe des Autors: zunächst muss er passiv und gleichsam bewusstlos sein und nur danach trachten, ganz Medium, ganz Stimme seiner Figur zu werden – kaum aber ist dies geleistet, da spürt er, wie die Figur, die er doch als lebendiges Individuum imaginiert hat, ein unordentliches Eigenleben entfalten will; er fühlt eine zweite, die artistische Instanz in sich aufgerufen und muss nun, in dem unerlässlichen Bemühen, das Chaos zu organisieren, die Schritte seiner Figur überwachen und aktiv lenken, er muss ihre Rede gestalten und alle ihre Äußerungen so stilisieren, dass dabei sein eigener, der ästhetische Zweck erreicht wird. So steht also der Autor, sobald er das Wagnis eingeht, die Rolle seiner Figur anzunehmen und ihre Maske zu tragen, dauernd im Widerstreit von Natur und Kunst, Empathie und Wertung, Freiheit und Gesetz und bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen chaotischer Lebendigkeit und kompositorischer Starre, ständig aufgerufen, das Gleichgewicht zu halten, und ständig bedroht, es zu verlieren.

Theodor Weißenborn

Einen "Klassiker der Moderne hat man Weißenborn genannt und nicht wenige seiner Prosatexte wie etwa "Opfer einer Verschwörung“, "Staub“, "Gesang zu zweien in der Nacht“, "Brief einer Mutter“ "Der Tod des Patienten...“ oder "Der Sündenhund zählen inzwischen zur Weltliteratur. Vielfach ausgezeichnet (u.a. mit dem Publikumspreis der Akademie der Künste und dem Georg-Mackensen-Preis für die beste deutsche Kurzgeschichte) und abgedruckt in Literaturzeitschriften wie SINN UND FORM, SVETOVA LITERATURA, LITERATUR UND KRITIK, DIMENSION und SPRACHE IM TECHNISCHEN ZEITALTER, wurden Texte der hier vorliegenden Sammlung in insgesamt 26 Sprachen übersetzt, als Hörspiele produziert und von Rundfunkanstalten in aller Welt ausgestrahlt.

Heinrich Böll sah in Weißenborns Prosa einen "tiefen religiösen Sinn“, Martin Gregor-Dellin (in der Wochenzeitung DIE ZEIT) konstatierte mit Blick auf Weißenborns bei Diogenes erschienenen Prosaband "Eine befleckte Empfängnis : "Es ist Dichtung: Dem Autor gelingt das seltene Beispiel einer Imitatio ammae, die dichterische Stimmführung eines Ichs, aus der mehr resultiert als Rollenprosa. Einzigartig, wie hier Wahn und Naivität ineinandergehen. Das Heilserwarten einer armen Kreatur, die in der sexuellen Vereinigung die Kommunion erkennt, und dann der schauerliche Umschlag ins Erschrecken, das Erwachen in Umnachtung - gespanntere, tiefere Versenkung ist kaum möglich, und nur Bigotterie kann daran Anstoß nehmen“.

Und Ulrich Sonnemann, der Weißenborn frühzeitig für sich entdeckte, rühmte: "Diese bis in die Nuance von Sinn und Syntax reichende Genauigkeit des poetischen Ohrs - ein in unserer Literatur überaus seltener Fund!"

So sieht‘s auch der Verlag, weshalb er diese Prosaband der Reihe seiner literarischen Trouvaillen einen herausragenden Platz einräumt.


Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.01.2001:

Thomas Köster preist den Autor des Sammelbands mit Texten aus fünf Jahrzehnten für die gelungene "Gratwanderung zwischen Literatur und Sozialkritik". Unter den Prosastücken finden sich "sprachlich teils meisterliche Texte", die ihre Kritik gewöhnlich aus der Ich-Perspektive vorbringen und auf einen allwissenden Erzähler verzichten, schwärmt der Rezensent. Er bemerkt, dass die frühen Texte zumeist "existentiell Beängstigendes" darstellen, das stets "dezent", also ohne erhobenen Zeigefinger, in der Handlung zum Ausdruck kommt, während in späteren Stücken bei Beibehaltung des "traurigen Grundtenors" auch Komik und Leichtigkeit zu finden sind.


Gebundene Ausgabe:640 Seiten
Verlag:Carl Böschen Verlag
Auflage:1. Auflage (1. Juni 2000)
Sprache:Deutsch
ISBN-10:3932212231
ISBN-13:978-3932212239