Buch-Umschlagfoto: Felici

Buchumschlag Vorderseite

Mit 56 Portraits und einer ausklappbaren Tafel

G. Felici, dessen Atelier in der Via Babuino N. 74-76 liegt, fertigt zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt zwischen den Weltkriegen - eine „fotografia pontificia“, das Foto einer Pilgergruppe, die sich, so vermutet der Betrachter, vor einem

Arkadengang auf dem Petersplatz versammelt hat. 57 Personen schauen den Fotografen an - nur wenige blicken zur Seite -, Männer, Frauen, Priester und Ordensleute, ein Militär, alle, so scheint es, tragen ein Abzeichen, alle das gleiche, das Pilgerabzeichen als Signum, das sie eint.

So viel ist bekannt, mehr nicht.

Aber zwei Künstler, ein Grafiker und ein Schriftsteller, sehen das Foto, erblicken schauend und betrachtend hinter dem optisch Wahrnehmbaren mehr als nur dies, entdecken und erfinden Gestalten und deuten, ein jeder mit seinen Mitteln, das Vorgefundene, indem sie der Anonymität der abgebildeten Personen auf den Grund gehen, sich den Widerständen, die ihnen dabei begegnen, fügen oder widersetzen, auslesen, was ist, hinzunehmen oder herbeitragen, was sein könnte und was in der Summe eben das zeigt, was die Vorlage verhüllt, und das sagt, was das Foto verschweigt.

Clas DS Steinmann, der Grafiker, löst die Porträts der einzelnen Personen aus der Sozietät der Gruppe heraus und verleiht einem jeden Gesicht mittels Vergrößerung jenen Raum und damit jenes Gewicht, die dem Individuum zukommen, die es im Leben wie in der Kunst beanspruchen darf und die wir ihm zubilligen. Aber nun geschieht Unerwartetes, ja Erschreckendes: wer angenommen hat, die Individualität des einzelnen werde im Maße der Vergrößerung immer deutlicher hervortreten, sieht sich getäuscht, denn was geschieht, ist genau das Gegenteil: die Gesichter verlieren alle Kontur, erscheinen geisterhaft, okkult, wie Totenmasken oder wie Gesichter von Toten, wächsern und schon amorph, eintauchend in eine Gestaltlosigkeit, die das scheinbar Unteilbare nicht nur teilt, sondern nichtet - Tropfen, die vergehen im Meer, im Apeiron.

Dieser grafische Befund provoziert eine Gegentendenz: die Zuordnung konkretester Lebensbilder, die nicht faktisch gewusst sind und daher nur imaginiert werden können. So assoziiert Theodor Weißenborn, der Schriftsteller, zu den anonymen Porträts der scheinbaren Unpersonen nun benennbare, fiktive oder gekannte, aber immer erfahrbare Einzelschicksale, Peripetien der Existenz, Beispiele menschlicher Kondition, die, auch in der möglichen Zuordnung zu anderen als den jeweils gegenüberstehenden Porträts, ein die Schicksale der einzelnen umgreifendes Thema ahnen lassen: die Heilssuche einer in Freude und Leid, Bosheit und Güte versammelten Christenschar als einer Gruppe im Fleisch gebundener, doch im Geist erlöster Glückseliger.

Eben darum konnte der Nachname des römischen Fotografen, Felici, diesem Buch seinen Titel geben: Felici die Glücklichen.


Taschenbuch Ausgabe:124 Seiten
Verlag:Eremiten-Presse
Auflage:1. (November 2000)
Sprache:Deutsch
ISBN-10:3873653249
ISBN-13:978-3873653245