Klappentexte:

In dieser Nacht begleite ich den Wind, der sich erhoben hat im Bourbonnais, wo er Kräfte gesammelt hat am späten Tag, mit Wolken aufsteigend aus der lauen Nässe der Acker und Weiden, anrückend gegen die Berge im Süden, die zu überwinden sind in einer langen Nacht aus Finsternis, Kälte und Regen. Wie er eingetroffen ist in Clermont, in der Dämmerung des Abends, war im Westen noch Licht, rötete sich und verblasste der Himmel um tintenfarbenes Gewölk, glänzten die Dächer schon feucht und glitzerte der Asphalt, wollte das Laub in den Parks nicht mehr wirbeln, klebte es nass am Boden, spiegelten Pfützen kahles Geäst, schnatterten noch ein paar Enten auf dem Weg zum Geflügelhausjenseits des Weihers im Jardin Lecoq, wurde es still auf der Place de la Prefecture und hatten die Läden im Centre Commercial schon geschlossen. Da war er allein mit ein paar Fußgängern, die nur ihnen selbst bekannten Zielen zustrebten, da lief er ihnen nach wie ein Hündchen, folgte ihnen auf dem Fuß und machte kehrt oder lief weiter, wenn die Haustüren sich vor ihm schlossen, rannte ziellos im Kreis, um den schwertschwingenden Vercingetorix auf der Place de Jaude, rannte die Treppe zur Terrasse d Auvergne hinauf und stieg von da auf die Dächer, bog die Antennen und ließ sie zurückfedern, kräuselte und fetzte den Rauch aus den Kaminen und ließ Schleier aus Regendunst über die Avenue des Etats-Unis hinwehen, versuchte bald dies, bald das, irrte ziellos umher und fror im Gestrebe der Türme der Kathedrale wie auf den Zinnen des Klosters der Ursulinen, blieb ausgesperrt da wie dort und zog schließlich weiter, zur Stadt hinaus und über sie weg bei Nacht in die Berge.

Buch-Umschlagfoto: Der Nu oder Die Einübung der Abwesenheit

Buchumschlag Vorderseite

Und wie die Erzählungen des Windes mich nach da und dort entführten und wieder zurücktrugen nach Chätelet, das ein Ort unter anderen war zu einer Zeit unter andern, hatte ich das Gefühl, dass Zeiten und Orte ihre Bedeutung verloren, dass sie sich aufhoben und aufgehoben waren ivi Wehen des Windes wie in einem Nu allumfassender Gegenwart, in dem mein eigenes Dasein in Raum und Zeit zur Erinnerung wurde, eine Geschichte war unter Geschichten, die der Wind mir zutrug, die. ich staunend vernahm oder mir selbst erzählte oder den Nachbewohnern des Hauses unter mir, in dem ich gelebt hatte, ich, Stephen Wanderer, in den Jahren nach 1972 - dahinfahrend mit dem Wind über den Höhen des Cantal, redete ich mit der Stimme des Windes zu jedermann an jedem Ort zu jeder Zeit und so auch zu mir, war ich mein eigenes Du, dem der Wind erzählte aus seiner luftigen Höhe herab: dort unten in Chätelet, über dem Dorf in der alten Schule - du siehst ihr Schieferdach inmitten der Wipfel der Marronniers - dort hat ein Mann gelebt, der den Nachbarn als närrisch galt. Ivi Garten hat er gespielt wie ein Kind und ging doch auf die Siebzig zu, hat seltsame Gerüste errichtet aus Bambusrohren wie Orgelpfeifen, damit mein Atem hineinfahre und sie durchblase und sich verwandle in ihrem Innern in tönenden Klang, Drähte hat er gespannt, dass ich sie zupfen und streichen möge wie eine Geige, und tönerne Glocken in die Bäume gehängt, auf dass ich sie läute. Und in den Vollmondnächten, um seine Narrheit zu krönen, hat er die Hunde jaulen gelehrt, das hatte dem Dorf noch gefehlt, aber es war leichter zu tragen als der weiseste EG-Beschluss, und ich selbst hab s geduldet, hab’s vernommen, das Geheul, und hab s weitergetragen und meine: es klang nicht schlecht! Und ich denke: wie gut wäre es um die Welt und die Menschheit bestellt, wenn alle Spleenigkeit sich mit Wohlklang paarte und wenn es den Narren gelänge, die Mächtigen zum Spiel zu verführen!

Der Nu oder Die Einübung der Abwesenheit ist der dritte Teil einer Romantriologie, deren vorangehende Teile Hieronymus im Gehäus und Die Wohltaten des Regens 1992 und 1994 erschienen sind.

Kritiken:

"Musik und Sprache, Sprache und Musik verschmelzen zu untrennbarer Einheit in einem Rhythmus, der den Leser gefangennimmt wie Ravels Bolero."
Günter Geschke

"Wo hätte man je seitenlang so staunende, lauschende, mythisierende Sätze über den Wind gelesen!"
Wolfgang Kopplin

"Außer Zweifel steht, daß Theodor Weißenborn mit dieser Einübung der Abwesenheit - das meint: mit dieser literarischen Sterbehilfe - tatsächlich Lebenshilfe leistet. Was konnte man einem Roman Schöneres nachsagen!"
Nürnberger Zeitung

Das Geliebte herausheben aus dem Grund,
aus der Finsternis und der Stille,
es mit Namen nennen und ihm einen Platz
geben in der Welt, damit es sei.

Gebundene Ausgabe:190 Seiten
Verlag:Carl Böschen Verlag
Auflage:1. Auflage (1. Juni 1999)
Sprache:Deutsch
ISBN-10:3932212185
ISBN-13:978-3932212185