Freiheit statt Kapitalismus!

Wie Helmut Kohl als Helmut der Verschwiegene in die Geschichte (oder, wie er selbst sagen würde, "in die Geßichte") eingehen wird, so wird Angela Merkel ihm als Angela die Alternativlose folgen; denn wann immer sie eine Entscheidung von großer Tragweite und mit womöglich verheerenden Folgen trifft, pflegt sie die warnenden Stimmen der Opposition zum Schweigen zu bringen mit der Behauptung, ihre Entscheidung sei alternativlos, womit sie sagen will, es gebe zu dem von ihr gewählten einen kein vernünftiges und praktikables Zweites.

Was mag der Grund für diese rhetorische Stereotypie sein? Entweder sieht sie tatsächlich keine zweite Möglichkeit, dann ist sie realitätsblind oder phantasielos, oder sie weiß sehr wohl, daß sie auch anders entscheiden könnte, ist aber nicht bereit, die Konsequenzen einer anderen Entscheidung in Kauf zu nehmen, da diese nicht in ihr christlich-kapitalistisch geprägtes Weltbild passen – dann verdrängt oder täuscht sie bewußt und regiert wie ihre gesamte Regierungsclique am Volk vorbei und über das Volk hinweg, um die Reichen reicher und die Armen ärmer zu machen.

Nehmen wir als Beispiel ihren Deal mit Erdoğan. Daß sie mit ihrer Euromanie Schiffbruch erlitten hat, ist evident, auch wenn sie diese Tatsache erbittert bestreitet. Die als Solidargemeinschaft gedachte EU hat in der Flüchtlingsfrage kläglich versagt. Die nationalen Egoismen etlicher Mitgliedsstaaten haben sich trotz aller humanitären Appelle als stärker erwiesen, so daß die Kanzlerin mit ihrem "Wir schaffen das!" allein dasteht. Nun hätte sie ja, anstatt Erdoğan 13 Milliarden Euro zuzusagen und sich zugleich von ihm abhängig zu machen, leicht 500 Milliarden Euro lockermachen können (wie vor Jahren bei der Rettung der Hypo-Real-Estate-Bank), wenn sie die Superreichen unter Nutzung des staatlichen Gewaltmonopols einfach enteignet hätte, um einen entsprechenden Betrag an das Hilfswerk der Vereinten Nationen zu überweisen. Auch die soziale Verelendung großer Massen im eigenen Land (eine halbe Million Obdachlose!) hätte auf diese Weise mit einem Schlag beseitigt werden können.

Ist das naiv? Etwa weil die Zahl der Arbeitslosen dann drastisch gestiegen wäre (so ja die permanente Drohung der Kapitaleigner)? Nicht unbedingt. Denn die verstaatlichten Betriebe hätten sich umrüsten lassen. Statt Kanonenrohre kann man auch Rohre für Bewässerungsanlagen, statt Panzer auch Mähdrescher und andere landwirtschaftliche Maschinen bauen und in jene Länder exportieren, in denen die größte Hungersnot herrscht. Damit hätte man zugleich eine Hauptursache der Flüchtlingsströme beseitigen können, zwar spät (denn das zuvor Versäumte läßt sich nicht über Nacht nachholen), aber immer noch rechtzeitig, um eine weitere Verelendung der Völker in aller Welt wenigstens nicht noch mehr anwachsen zu lassen. Aber gerade das ist von den christlichen Demokraten, die ihren Glauben "freudig bekennen" (O-Ton Angela Merkel) nicht gewollt. Tagtäglich begünstigen sie vielmehr via Gesetzgebung die Reichen! Bewußt von ihnen gewollt ist die Unterstützung der Reichen in deren Krieg gegen die Armen.

Nein, die Regierung Merkel will keine soziale Gerechtigkeit! Sie fördert vielmehr Ausbeutung und Unterdrückung und sieht angesichts der sozialen Not auch eines Großteils der eigenen Bevölkerung "keinen Handlungsbedarf" (siehe die Themen Vermögensabgabe, Erbschaftssteuer, Mietpreise, Leiharbeit, Altersarmut, Lobbyismus, Bankenrettung usw. usf.). Sie buhlt mit den Feinden des Proletariats und jammert gleichzeitig über die Politikverdrossenheit und das schwindende Vertrauen all derer, die längst nicht mehr zur Wahl gehen und die da sagen: "Sobald ich meine Stimme ,abgegeben‘ habe, ist sie einfach weg!"

Dies der vom Kapitalismus diktierte gesellschaftliche Status quo, den unsere Regenten unbedingt beibehalten wollen. Zwar gibt es in unserer Formaldemokratie auch Opposition, sogar zwei Formen der Opposition: eine Opposition von rechts und eine Opposition von links, wobei die faschistoide Opposition von rechts (AfD) zur Zeit zahlenmäßig die stärkere ist. Doch das (darauf setze ich meine Hoffnung) kann sich ändern, sobald die vorerst noch dahindösenden Massen einmal erwachen. Der nächste Banken-Crash, der sich in Italien abzeichnet, könnte ein Weckruf sein. Es kracht im Gebälk. Nach dem Brexit könnten weitere Exits folgen, und die NATO könnte (und sollte!) sich auflösen, sobald sich die Einsicht bei uns durchsetzt, daß Europa den USA in einem von diesen womöglich gewollten Krieg gegen Putin als Stoßdämpfer dienen soll.

Meine Alternative lautet: Freiheit statt Kapitalismus! Friede den Menschen unter den Brücken – Krieg den Villen im Tessin und am Wannsee in Berlin! Viva la vida! Es lebe das Leben!

Theodor Weißenborn
Links, wo das Herz schlägt
Politisches Credo eines früheren Katholiken.

Sommer 1953. Ich bin Unterprimaner und Schüler des Humanistischen Jacobi-Gymnasiums in Düsseldorf. Ein junger, offenbar progressiv denkender Studienassessor übernimmt den Geschichtsunterricht in der Unterprima, holt nach, was sein Vorgänger versäumt hat, und bespricht mit uns das "Kommunistische Manifest" von Marx und Engels aus dem Jahr 1848. Wir lesen den Text, und ich bin wie viele meiner Klassenkameraden tief beeindruckt. In gewissem Sinn, meine ich, ist das Manifest mit seinem humanitären Ethos und von tiefer Menschenliebe zeugenden Inhalt auch die Vorwegnahme von Forderungen der erst 50 Jahre später (1898) gegründeten Liga für Menschenrechte.

Wie dem auch sei – das Manifest ist ein Text von hoher Überzeugungskraft. Hinzu kommt, daß ich in einem Alter bin, in dem man sich gern für hehre Ideale begeistert, und soziale Gerechtigkeit ist wahrlich ein Ziel, für das zu leben und zu kämpfen sich lohnt. Kurz: von Stund an weiß ich: Welchen Beruf auch immer ich einmal ausüben werde – ob Lehrer, Arzt, Jurist, Maler, Schriftsteller oder Journalist –, immer werde ich auf der Seite der Ausgebeuteten und Unterdrückten stehen und deren Rechte verteidigen. Eine Alternative hierzu ist nicht in Sicht und wäre aus ethisch-moralischen Gründen auch niemals zu rechtfertigen.

Eine Sternstunde! Ich spüre: Hier wird für mein weiteres Leben eine Weiche gestellt. Ich habe eine Grundsatzentscheidung getroffen, die auf Jahre und Jahrzehnte hinaus meine berufliche Tätigkeit bestimmen wird, bis zum heutigen Tag, bis zu dieser Stunde, in der ich diese Zeilen niederschreibe.

Ich wechsle das Tempus und "beschwöre" ab jetzt – nicht raunend, sondern klar und deutlich sprechend – das Imperfekt, indem ich hinzufüge, daß ich in meiner Schulzeit (in voller Übereinstimmung mit meiner Begeisterung für den Marxismus) noch ein gläubiger, praktizierender Katholik war. Aber während meiner dann folgenden Studien der Philosophie, Germanistik und Romanistik sowie der medizinischen Psychologie wurde mir nach und nach klar, daß sich eine Sozialisierung der Gesellschaft in den christlichen Ländern wenn überhaupt, so nur gegen den erbitterten Widerstand der katholischen Kirche würde durchsetzen lassen. Die Kirche hatte mit den Faschisten paktiert: mit Mussolini, Franco, Hitler und anderen, zu denen auch der faschistische Regent der Slowakei (ein katholischer Priester!) zählte sowie Ante Pavelic, der Anführer der kroatischen Ustascha-Bewegung, den Pius XII. mehrmals zu seiner politischen Arbeit beglückwünschte. Zu dieser politischen Arbeit gehörte u. a. die Ermordung von 300 000 orthodoxen Serben, weil diese sich weigerten, zum Katholizismus zu konvertieren. Pavelic ließ sie in eine Schlucht treiben und dort mit Maschinengewehren niedermähen. Dabei waren ihm der Erzbischof von Sarajevo (der spätere Kardinal Stepinac) und 14 Dominikaner-Patres behilflich, die alle namentlich bekannt sind. 1945 verhalf Pius XII. Pavelic und anderen Faschisten zur Flucht nach Südamerika.

Ich wußte natürlich, daß hinter all diesen Schandtaten die Angst der Kirche vor den ach so gottlosen Kommunisten stand; daher auch von seiten des Vatikans die Unterdrückung der Befreiungstheologie in den lateinamerikanischen Ländern. (Diese Theologie hat inzwischen einen prominenten Märtyrer: Erzbischof Romero, der in der Kirche, am Altar stehend, von Reaktionären erschossen wurde.)

Zwar hatte Thomas Mann den Antikommunismus als die größte Torheit des 20. Jahrhunderts bezeichnet; doch daß Christen und Kommunisten zusammenarbeiten könnten, weil sie dasselbe Ziel, nämlich soziale Gerechtigkeit, anstreben, kam den Päpsten nicht in den Sinn. Denn: Die Kirche lernt nicht – sie lehrt. Sie hört nicht zu – sie verkündet. Sie ist kein Parlament – sie ist bereits im Vollbesitz der Wahrheit. Einer ihrer Päpste hatte sogar wörtlich gesagt: "Die Demokratie ist eine moderne Geisteskrankheit."

Noch heute integriert die Kirche lieber Kräfte aus der rechten als aus der linken Hälfte des politischen Spektrums. Und der Vatikan, die letzte noch existierende absolutistische Monarchie, ist der einzige Staat in der Welt, der die Charta der Menschenrechte nicht ratifiziert hat!

Nein, mit einer solchen Organisation wollte ich nichts zu tun haben. Diese eminent reaktionäre Vereinigung konnte ich unmöglich durch meine Mitgliedschaft unterstützen.

Was mich selbst betraf, so hatte die Kirche – diese Organisation, die dem Menschen grundsätzlich das Recht auf Selbstbestimmung abspricht – nie etwas Gescheites für mich getan, hatte mir vielmehr während meiner ganzen Schulzeit hirnrissige Dogmen eingetrichtert, die die Vernunft eines jeden halbwegs klar denkenden Menschen beleidigten, und mir im übrigen mit Schuldgefühlen und Sündenangst das Leben vergällt.

Dies alles mußte ich jetzt abschütteln. Ich tat es und verfuhr dabei gründlich. Ich las Bertrand Russell ("Warum ich kein Christ bin"), Sigmund Freud ("Die Zukunft einer Illusion"), Erich Fromm ("Psychoanalyse und Religion"), wurde Mitglied der Humanistischen Union und bereitete mich auf eine schon lange fällige Entscheidung vor. Im Sommer 1964 war es dann soweit: Ich trat aus der Kirche aus.

Wer der Kirche treu bleibt und am Glauben festhält, weil er Halt sucht, mag das tun. Ich tue es nicht. Ich komme aus erzkatholischer Enge, denke frei und strebe ins Weite.

Theodor Weißenborn
Was Sprache verschweigt

Ausbeutung und Unterdrückung haben viele Gesichter, tragen oft Masken und verstecken sich gern hinter anscheinend unverfänglichen, einfach nur sachlich oder gar positiv klingenden Begriffen wie z. B. Globalisierung, Fischfangquoten, Forschung, Bankenrettung, ethnische Säuberung, Entwicklungshilfe oder vertrauliche Gespräche. Ich will mir diese Vokabeln einmal der Reihe nach vorknöpfen, um mir ihre zu vermutenden, wahrscheinlichen oder tatsächlichen Bedeutungen (oft verbrecherische Sachverhalte) bewußtzumachen:

1. Globalisierung – Globalisierung beinhaltet u. a. eine neue Form der Ausbeutung. Sie ermöglicht, daß Millionen Menschen in den ärmsten Ländern der Welt für Hungerlöhne arbeiten, damit die Reichen in Europa billige Textilien, billiges Schuhwerk und andere besonders billige Konsumgüter kaufen können. Den Profit machen die Industriebosse. Kurz: Die Globalisierung schafft Voraussetzungen dafür, daß die Reichen weltweit immer reicher und die Armen immer ärmer werden.

2. Fischfangquoten – Das Wort lenkt ab von der Tatsache, daß Fischereiunternehmen der reichen Länder (deren Einwohner eher über- als unterernährt sind) mit riesigen Trawlern an der Westküste Afrikas den Atlantik leerfischen und den Küstenbewohnern dadurch ihre Hauptnahrungsgrundlage entziehen. Die Fische werden von einheimischen Arbeitskräften filetiert, die Filets werden in alle Welt verkauft – den Rest (Köpfe, Flossen und Gräten der Fische) dürfen die Einheimischen behalten.

3. Forschung – Hier muß man nicht nur an Dr. Mengeles "Zwillingsforschung" denken. Was Grausamkeit betrifft, so sind die USA inzwischen moralisch so heruntergekommen, daß sie es mit einem Dr. Mengele durchaus aufnehmen können. Wer weiß schon, daß in den USA, in einem Waisenhaus für puertoricanische Kinder, Säuglinge mit einer Milch ernährt wurden, der zuvor die Fett- und Eiweißbestandteile entzogen worden waren! Das Ergebnis dieses Forschungsexperimentes war vorauszusehen: Die Kinder starben, sie verhungerten.

Und wer weiß schon, daß amerikanische Ärzte etwa 10 000 kerngesunde Menschen mit Syphilis infizierten, um neue Medikamente an ihnen zu erproben! Die Betroffenen starben oder siechten über Jahre und Jahrzehnte hinweg qualvoll dahin. Soviel ich weiß, sind diese Verbrechen bis heute ungesühnt geblieben.

4. Bankenrettung – Ja, freilich. Angela Merkel verfügte mit leichter Hand, daß der Bankenriese Hypo Real Estate 500 Milliarden (eine halbe Billion!) Euro aus Steuermitteln erhielt, damit die Einlagen der Superreichen gesichert blieben und die Bank damit auf dem Weltmarkt weiterzocken konnte. Da frage ich: Wenn schon Verluste sozialisiert werden – warum dann nicht auch Gewinne? Oder wenn schon Gewinne privatisiert werden – warum dann nicht auch Verluste? Gerade an diesem Punkt könnte die Expropriation der Expropriateure (die Enteignung der Enteigner) ja einmal ansetzen!

5. Ethnische Säuberung – Eine menschenverachtende Vokabel. Ich hörte dieses Wort zuletzt aus dem Mund des türkischen Ministerpräsidenten, der wohl auch die Armenier für Schmutz hält, von dem das Land gesäubert werden mußte. "Ethnische Säuberung" bedeutet, daß Menschen verachtet werden, weil sie Angehörige eines bestimmten Volkes sind, und deshalb zu Tausenden oder aber Tausenden aus ihrer angestammten Heimat vertrieben werden. Das Wort kann auch bedeuten, daß ein ganzes Volk ausgerottet wird; dann ist es ein Synonym für Völkermord.

6. Entwicklungshilfe – Da "versickern" Gelder in Millionenhöhe auf Staatskonten oder in den Privatschatullen korrupter Regenten, die ihre eigenen Völker ausbeuten, und die Absender sind so linkisch oder selbst so korrupt, daß sie die Gelder nicht an die richtigen Adressaten, zumeist humanitäre Hilfsorganisationen, überweisen, für die sie gedacht sind. In diesem Fall, im Fall der Korruption, muß man sie wegen Untreue vor Gericht stellen. Im Fall blauäugiger Unbedarftheit aber muß man sie wegen erwiesener Unfähigkeit aus ihren Ämtern jagen.

7. Vertrauliche Gespräche – Solche Gespräche führt, wer das Licht der Öffentlichkeit scheut. Oft hört man, dieser oder jener Politiker habe mit diesem oder jenem Staatschef, Bankdirektor oder Industrieboß ein "vertrauliches Gespräch" geführt. Worüber mag man da wohl gesprochen haben? Vielleicht darüber, wie man unter Umgehung parlamentarischer Beschlüsse weiterhin Waffen in Krisenländer exportieren kann, etwa indem man sie über ein krisensicheres Drittland liefert oder indem man lediglich Einzelteile versendet, die der Empfänger dann in seinem eigenen Land zu einsatzfähigen Waffen zusammenbaut. (Der kriminelle Einfallsreichtum der Waffenexporteure kennt jedenfalls keine Grenzen.)

Vielleicht hat man aber auch darüber nachgedacht, wie die Öffentlichkeit sich am besten über waghalsige NATO-Aktivitäten wie die Stationierung neuer Atomraketen täuschen läßt, oder Absprachen getroffen, wie man gesundheitsschädliche Nebenwirkungen neuer Industrieanlagen verharmlosen kann, oder ob in Ländern außerhalb der USA (in Polen? in Deutschland?) weitere Foltergefängnisse der USA errichtet werden können, damit Obama, formal zutreffend, weiterhin sagen kann: "In den USA wird nicht gefoltert." Weißt du es? Ich weiß es nicht.

Theodor Weißenborn
Christentum und Sozialismus – ein unaufhebbarer Widerspruch?

Ein nahezu vergessener Schriftsteller namens Montini, der in Rom lebte und Enzykliken schrieb (Paul VI.), erklärte gelegentlich einer Reise nach Kolumbien den Hungernden in Bogotá, Revolutionen seien nicht mit dem Geiste des Christentums vereinbar. Das war, meine ich, eine sehr richtige Feststellung, die ich aus anderer Richtung wie folgt stützen möchte: Das Christentum, das Montini im Sinn hatte (nicht das des Nazareners!) ist nicht mit dem Geist der Revolution vereinbar, denn so, wie es von den Amtskirchen repräsentiert und zur ideologischen Absicherung von Herrschaftsansprüchen mißbraucht wird, steht es notwendig im Pakt mit der kapitalistischen Gesellschaft und mit faschistischen Regimen (siehe hierzu Karlheinz Deschner: "Kirche und Faschismus"). Diese Tatsache schmälert nicht die hervorragenden Leistungen einzelner Christen (Camilo Torres, Ivan Illich, Leonardo Boff und anderer), die es im Gegenteil gegen die offizielle Politik der Ekklesia (Amtskirche) in Schutz zu nehmen gilt. Peinlich wird die Sache, wenn kirchliche Kreise die persönlichen Verdienste dieser Männer als Beweis für den Fortschritt der Kirche hinzustellen versuchen.

Die Kirche hatte fast 2000 Jahre Zeit und hätte aufgrund ihrer politischen Macht längst die Gesellschaft in ihren Einflußgebieten sozialisieren können, wenn es ihr dazu nicht sowohl am Willen wie auch am Konzept gefehlt hätte. Aber überaus und über Gebühr beschäftigt mit gruppen-, schichten- und klassenweiser Anpassungstherapie und privater Seelenmassage und dem nicht einmal psychologisch-rational, sondern mythisch-mystisch verstandenen Seelenheil des einzelnen, hat sie jahrhundertelang versäumt, die unwürdigen gesellschaftlichen Konditionen zu analysieren, die den einzelnen auch im moralischen Sinne unfrei machen, weil sie seine Bewußtwerdung verhindern, und hat die Erarbeitung gesellschaftlicher Gegenmodelle den ach so gottlosen Marxisten überlassen. Rundheraus: Ich halte Sozialismus und Christentum zwar nicht von der Idee her, aber de facto für unvereinbar. Hier Dynamik, Veränderung, Fortschritt – dort statisches Beharren auf einmal erlangten Machtpositionen, Stabilisierung kapitalistisch-feudalistischer Herrschaftssysteme, Unterstützung korrupter, faschistischer oder faschistoider Regime, Verhinderung von Sozialreformen, Wissenschaftsfeindlichkeit und als makabre Pointe die Rehabilitierung Galileis fast zum selben Zeitpunkt, da Paul VI. seinen Anhängern den Gebrauch empfängnisverhütender Mittel verbot. Was soll man dazu noch sagen?

Hier könnte man einwenden, ich setzte die Ideen des Christentums, wie sie im Neuen Testament (insbesondere in der Bergpredigt) formuliert sind, kurzschlüssig gleich mit den Lehren der Amtskirche. Ich stelle daher klar: Was dem Sozialismus entgegensteht, das sind nicht der menschenfreundliche Geist des Nazareners, nicht die Lehre Jesu, der Nächstenliebe und Barmherzigkeit predigte, sondern das, was die Kirche verräterischerweise aus dieser jesuanischen Lehre gemacht hat (von der Rechtfertigung der Sklaverei durch den Apostel Paulus über die Verbrennung von Ketzern und Hexen bis hin zur Ablehnung der Demokratie, die einer ihrer Päpste als "moderne Geisteskrankheit" bezeichnete, und zur Nichtratifizierung der Charta der Menschenrechte)!

Daneben gilt: "Die Wahrheit ist immer konkret" (Lenin, bezugnehmend auf Hegel), und wahre Ideen, ob sie nun im Neuen Testament oder bei Hegel, Marx oder Lenin formuliert sind, existieren nicht für sich, sondern für den Menschen jetzt und hier, d. h. sie bedürfen der Verwirklichung am genauen historischen Ort, in genau dieser unserer konkreten gesellschaftlichen Lage. Von der Bergpredigt bis zur Vergesellschaftung der Produktionsmittel ist es so weit wie von der Theorie zur Praxis; das eine ist nichts wert ohne das andere, und wenn jemand aufgrund religiöser Erfahrung (was immer das sein mag) Nächstenliebe in soziale Tat umsetzt und somit Christentum und Sozialismus als Einheit in seiner Person verkörpert, so soll mir das recht sein, und ich nenne es ein hervorragendes Beispiel, dem die Ekklesia nacheifern sollte.

Allerdings möchte ich wetten, daß die Arbeiterpriester in Frankreich und Spanien oder anderswo nicht nur das Neue Testament, sondern vor allem neuere und differenziertere Schriften gelesen haben und sich eher auf alles andere als irgendwelche vagen und sentimentalen Anmutungserlebnisse berufen. Von solch politischer Konsequenz mag die Ekklesia offiziell nichts annehmen; sie duldet sie bestenfalls, solange es ihr und ihrem dogmatisch angestrengten Wahrheitsmonopol nicht an den Kragen geht. Sie – die "Infame", wie Voltaire sie genannt hat – hat die Caritas institutionalisiert anstatt sie überflüssig zu machen, weil sie die gesellschaftlichen Grundübel nicht beseitigen, die bestehenden Macht- und Besitzverhältnisse nicht ändern will; sie gibt dem Notleidenden Almosen, um ihm ungestört die Rechte vorenthalten zu können, die ihm zustehen; sie verleugnet die Ideen des Nazareners, in dessen Geist sie zu handeln vorgibt, und würde ihn kreuzigen, sobald er wiederkäme. Man lese Dostojewskis "Großinquisitor" und anschließend eine beliebige Ausgabe des "L’Osservatore Romano"! Man wird Dostojewski zustimmen. Und noch eins: Mahatma Gandhi hat gesagt: "Den Hungernden erscheint Gott in der Gestalt des Brotes." Ich glaube kaum, daß er damit die Eucharistie gemeint hat, denn eine Alternative zu profanem Brot wäre tatsächlich Opium.

Fazit: Wenn die Kirche sich dazu durchringen könnte, sich von ihrem überflüssigen Besitz zu trennen und an die Hungernden in aller Welt statt Bibeln Brot zu verteilen, so könnte ihre Lehre vielleicht überzeugen. Denn ob es ihr paßt oder nicht – gemessen wird sie nicht an ihren Worten, sondern allemal an ihren Taten!

Theodor Weißenborn
Freibier oder Vaterland

Als wir aufs Land zogen, Lissi und ich, haben mir wohlmeinende Freunde geraten, mich in die dörfliche Kommunalpolitik zu mischen, denn ich hätte das Zeug und folglich die Verpflichtung hierzu. Je nun, das Zeug – wenn’s nur darum geht, so hätte ich auch Meßdiener, Diakon oder Triakon werden können. Aber ich ließ mich überreden und trat gelegentlich der Kommunalwahlen im Jahr ’89 bei der Veranstaltung einer großen christlichen Volkspartei in Aktion.

Die Veranstaltung war an einem Sonntag-nachmittag im Gasthof "Zur Post", dem einzigen Haus am Platz, und natürlich hatte ich zuvor recherchiert und die Arbeitsbedingungen der Heimarbeiter vor Ort erkundet, wobei der "Rote Mätti" mein Informant gewesen ist. Der "Rote Mätti" ist Waldarbeiter, liest archäologische Bücher, hat die Mosaikböden der römischen Villa Tibor freigelegt und ist der einzige Wähler im Dorf, der sich offen zur SPD bekennt. Kandidat der großen christlichen Volkspartei war der Grundschullehrer Dollmann (über Namen scherzt man nicht!), der die neu angesiedelte Kleinindustrie pries und insonderheit den Mausefallenfabrikanten Spelthahn (von Spelthahn GmbH & Co. KG) als einen Wohltäter des Orts bezeichnete. Dieser Mann, so sagte er, lasse sich auch unternehmerisch von seinem christlichen Gewissen leiten und verteile die vorhandene Arbeit so gerecht, daß keiner seiner Heimarbeiter mehr als der andere, nämlich nicht mehr als monatlich 450 Mark, verdiene. Ich erklärte dem Kandidaten der großen christlichen Volkspartei, Herr Spelthahn habe aus Landesmitteln für die Schaffung eines jeden der neuen Arbeitsplätze 15 000 DM erhalten, was bei 100 Stellen exakt der Summe von 1,5 Millionen DM entspreche, die seine Villa am Ortsrand von Gelsberg gekostet habe. Der Monatslohn der Arbeiter sei so gering, weil Spelthahn dadurch die Sozialabgaben spare, und wie im übrigen denn er, der Lehrer, darüber denke, daß seine Schulkinder, anstatt ihre Hausaufgaben zu machen, den heimarbeitenden Müttern des Nachmittags beim Einpacken der Mausefallen helfen müßten, nur damit die pro Stück Entlohnten auf einen halbwegs annehmbaren Stundenlohn kämen.

Und ich zitierte aus einem Artikel mit der Überschrift "Kinderarbeit im Hunsrück", den Georg Weerth im Jahre 1847 in der "Neuen Rheinischen Zeitung" veröffentlichte und der mir von bemerkenswerter Aktualität erschien.

Hierauf erhob sich Unmut im Saal, denn Spelthahn gibt beim Sängerfest Freibier aus (und da dürfen die Kinder – so assoziierte ich – auch schon mal ein Schlückchen mittrinken, wenn die Eltern dabei sind, und gute Zeugnisse sind nicht so wichtig, weil ja sowieso alle zu Spelthahn geh’n, der zwar keine Lehrlinge ausbildet, aber noch ungelernte Kräfte als Lageristen einstellt). Und da ich die Anwesenden murren hörte, begriff ich sehr schnell: die Heimarbeiterlöhne hätten sogar noch niedriger sein können, als sie ohnehin waren, und sollte Spelthahn eines Tages auf die Idee kommen, sie zu senken – wer wollte es ihm verargen? Und darum lautet das Motto der katholischen "Arbeitnehmer"-Bewegung zu Recht: "Wir sind Beschenkte und dürfen danken!"

Spelthahn, der zugleich Jagdpächter ist, überläßt übrigens dem Wirtschaftsminister des Landes alljährlich im Herbst einen kapitalen Hirsch zum Abschuß. Der läßt dann dafür die Sau raus, und da gibt’s dann auch wieder Freibier, diesmal für die Treiber, Halali! (Und Spelthahns Villa, hinter vergoldetem Gitter, wird geziert von ionischen Säulen – der Architekt muß aus Dallas stammen!)

Dies war das Ende meiner Laufbahn als Kommunalpolitiker. Nun ist mein Ehrgeiz gekühlt, und wenn ich mich irgendwo ungebeten zu Wort melde, muß es um Tod und Leben gehen, darunter tu ich’s nicht mehr. Und anders als Sokrates setze ich meine Hoffnung nicht auf Einsicht und guten Willen, sondern allein auf den Leidensdruck. Indes, nach Tschernobyl scheint auch das mir inzwischen vermessen, denn wer irgendein hirnrissiges Warum hat – das kann Vaterland oder Freibier heißen –, erträgt fast jedes Wie.

Theodor Weißenborn
Das Unbehagen in der Demokratie

Das aus dem Griechischen stammende Wort "Demokratie" und die Sache, die es bezeichnet, bedeuten laut allen mir bekannten Enzyklopädien (im Gegensatz etwa zu Theokratie, Aristokratie, Plutokratie und anderen Herrschaftsformen) soviel wie Volksherrschaft, und diese stützt sich auf den ehernen Grundsatz, daß alle Gewalt vom Volke ausgeht, womit stets die Gesamtheit des Volkes und nicht etwa eine privilegierte Gruppe oder nur eine soziale Oberschicht gemeint ist, sondern (so in der Formaldemokratie) die Mehrheit, deren Wille auf direktem Wege durch Plebiszite (Volksabstimmungen) oder die Wahl von Volksvertretern (parlamentarische Demokratie) zu ermitteln ist. Auf diese Weise (so der englische Philosoph Jeremy Bentham, 1748 bis 1832) soll "das größte Glück der größten Zahl" gewährleistet sein, was freilich voraussetzt, daß die Mehrheit weiß, was für sie gut ist und nicht etwa in einem "falschen Bewußtsein" (Marx) befangen ist.

Genau hier setzt bereits unsere Skepsis an, denn selbst unter der Voraussetzung sogenannter freier Wahlen und dort, wo Wahlergebnisse nicht gefälscht werden, kommt es schon im Vorfeld von Wahlen zu massiven und oftmals irreführenden Beeinflussungen der Wähler, durch die Schürung von Ängsten oder verheißungsvolle Versprechen ("herrliche Zeiten", "Wohlstand für alle", "Keiner soll hungern und frieren", "blühende Landschaften" usw.), die sich dann über kurz oder lang als dreiste Lügen erweisen.

Besonders fragwürdig sind die Ergebnisse von Volksabstimmungen, die allenfalls etwas darüber sagen, was die Mehrheit will oder nicht will, aber nicht das geringste darüber, ob das von der Mehrheit Gewollte gut und richtig ist. Zwar sehen vier Augen mehr als zwei, aber auch fünf oder gar fünfzig Millionen Wähler können verblendet in einem Begeisterungstaumel Fehlentscheidungen treffen und sich wie die Lemminge ins Verderben stürzen. Wer garantiert, daß selbst nach den atomaren Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima nicht Mehrheiten weiterhin für das Betreiben von Atomkraftwerken plädieren? Und fordern nicht gerade jetzt fanatisierte Massen in der Türkei die Wiedereinführung der den Menschenrechten hohnsprechenden Todesstrafe? – Wer dächte da nicht unwillkürlich an den kollektiven Schrei: "Führer befiehl, wir folgen!" oder an das Ende der Weimarer Demokratie durch die Selbstentmachtung des Parlaments, das mehrheitlich das Ermächtigungsgesetz erließ und damit die Voraussetzung für die Schreckensherrschaft der Faschisten schuf?

Damit sind wir bei einem Beispiel, das zeigt, daß auch der parlamentarischen Demokratie nicht zu trauen ist – sei es, weil Abgeordnete mit Blindheit geschlagen sein können, sei es, daß sie (auch das ist menschlich) bestechlich und korrupt sind oder Vetternwirschaft betreiben, das heißt trotz ihres Auftrags, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, auf dem Wege der Gesetzgebung unter Täuschung der Öffentlichkeit Entscheidungen treffen, die (siehe die Zahlen der Obdachlosen, die der unterhalb der Armutsgrenze lebenden Kinder, die der verarmten Rentner) gerade nicht das Glück der größten Zahl, sondern im Gegenteil den wachsenden Wohlstand einer verschwindend kleinen Gruppe von Kapitaleignern fördern – jener 10 Prozent der Gesamtbevölkerung, die im Besitz von 90 Prozent des gesamten Volksvermögens sind!

Längst werden in den demokratisch verfaßten Ländern Europas und der übrigen Welt die wirklich wichtigen gesellschaftspolischen Entscheidungen nicht mehr von den gewählten Regierungen getroffen! Die Bankenbosse, die Konzernherren, die Pharmaindustrie, die Waffenfabrikanten sind es, die das Sagen haben, die die Regierungen unter Druck setzen und im Bündnis mit diesen die Völker knechten. Dies eben ist unsern Regenten vorzuwerfen: daß sie mit den Feinden ihrer Völker paktieren, die Demokratie mißbrauchen, ihre Wähler betrügen, daß sie das Unrecht verschleiern, statt es publik zu machen, und also mitschuldig werden. Manche zunächst demokratisch gewählte Regenten mutieren über kurz oder lang sogar zu Diktatoren, die demokratische Grundrechte abbauen, Verfassungen aushebeln und die Menschenrechte verletzen.

Von einer inhaltlichen Verwirklichung der Demokratie, etwa der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, kann ebenfalls nicht die Rede sein, obwohl gerade dafür Artikel 14 des Grundgesetzes ("Eigentum verpflichtet") die Voraussetzung böte.

Angesichts eines derart desaströsen Bildes, wie zumal die westeuropäischen parlamentarischen oder Formaldemokratien es bieten – was um alles in der Welt könnte bei einer derartigen Diagnose noch ein praktikables Therapeutikum sein? Wir wissen, längst sind die Monopolkapitalisten so klug geworden, daß sie die vielfältigen Formen der Ausbeutung geschickt zu tarnen wissen, längst sind sie so schlau, die unterdrückten Massen leidlich bei Laune zu halten und über ihre Nöte zu täuschen, damit sie nur ja kein Klassenbewußtsein entwickeln oder gar sich international zusammenschließen. Revolutionäre Situationen (obwohl sie da und dort, z. B. in Bangladesch, längst existieren) werden verschleiert, damit sie nicht ins Bewußtsein der Weltöffentlichkeit dringen. Die leidvoll Betroffenen, die Ausgebeuteten, hält man bewußt in der Angst, daß es ihnen, sobald sie aufbegehren, noch schlechter gehen werde als ohnehin schon. Wie sehr, bis zu welchem Grad muß der Leidensdruck noch steigen?

Ich bin kein Prophet, aber eines scheint mir sicher: Früher oder später wird es da oder dort zur Revolution kommen, und die Kapitaleigner, im Bündnis mit den Militärs, werden nicht zögern, Waffen einzusetzen, um ihre Pfründe zu sichern. Es droht ein womöglich globaler Krieg. Um ihn zu verhindern, ist eine neue Internationale weltweiter Friedenskräfte dringend geboten!

Theodor Weißenborn
Ein Chamäleon sieht sich ähnlich
Der Schriftsteller Theodor Weißenborn wird 70 - und interviewte sich ausnahmsweise kritisch selbst.

Theodor:Sie leben auf unwirtlicher Höhe der Schnee-Eifel: Hof Raskop. Wie hat man sich das Anwesen vorzustellen?
Weißenborn:Oje! Ihre Frage zielt auf äußere Lebensumstände, also auf Akzidenzien, während ich primär nach innen sehe. So habe ich einmal in Dublin, als der deutsche Botschafter mich fragte, wo ich zu Hause sei, ohne zu Zögern geantwortet: "In der Existenzphilosophie". Er zuckte zurück, als hätte er in einen Kaktus gefasst und ließ sofort von mir ab. - Ich hoffe, Sie tragen Lederhandschuhe und fragen nach.
Theodor:Aber immer! Was also - wenn Sie Wert darauf legen - was bedeutet Ihnen Philosophie?
Weißenborn:Sie bringt Licht ins Dunkel. Als Orientierung, Einsicht, Rechtfertigung und Korrektiv der Tat. Was die Existenz betrifft: Mit Heidegger kann ich nichts anfangen, aber Sartre (mit seiner Schrift "Der Intellektuelle und die Revolution") setzte mir einen Stachel ins Fleisch, und Jaspers verdanke ich die Einsicht, dass ich nicht schuldlos durchs Leben gehen kann, weil die Welt nach Christi Geburt und nach seinen Tod genaus tragisch strukturiert ist wie zuvor. Ein harter Fakt, den die Christen (ich bin christlich erzogen worden) verdrängen, weil sie permanent um ihr Seelenheil bangen und immer den Wunsch für die Realität nehmen. Also gilt: Was immer ich tue oder lasse - ich handle und trage die Folgen, moralische wie materielle.
Theodor:Geht´s vielleicht konkreter? Anhand eines Beispiels?
Weißenborn:Gern. Wenn ich Leben retten will, muss ich den mordenden Tyrannen erschießen. Tue ich dies nicht, so werde ich schuldig durch Unterlassung. Tertium non datur. Denn aus der tragischen Situation (immer hatte der Mörder eine schwere Kindheit) gibt es den schuldlosen Ausgang nicht.
Theodor:Haben Sie je geschossen?
Weißenborn:Nicht im Krieg. Für Hitlers Wehrmacht war ich zu jung, für die Bundeswehr später zu alt. Ich habe immer nur, wie Theodor Heuss empfahl, "mit goischtige Waffe" gekämpft, also das Wort zum Dolch gespitzt und satirische Giftpfeile verschossen.
Theodor:1986 haben Sie im Wahlkreis Bitburg für die Friedensliste kandidiert und landauf, landab friedenspolitisches Kabarett gemacht. Wer hatte da wen engagiert? Der Literatur den Citoyen? Oder der Citoyen den Literaten?
Weißenborn:Das kann ich nicht entscheiden. Wäre ich Sänger, so hätte ich Protestlieder gesungen, und als Maler hätte ich politische Plakate gemalt. Es kämpft halt jeder mit den Waffen, die er hat, und meine Waffe ist nun einmal die Sprache, die - und das nicht nur nebenbei - auch anklagen, verteidigen, richten und versöhnen will, damit real möglichst wenig geschossen wird.
Theodor:Kann sie das? Mit Erfolg? - Was hat Ihr Engagement damals gebracht?
Weißenborn:Wie lässt sich das messen! - Mein Wunsch nach Abrüstung, der Wunsch vieler, wahrscheinlich der meisten Deutschen in Ost und West, ist jedenfalls in Erfüllung gegangen: die atomaren Mittelstreckenwaffen wurden abgezogen und - hoffentlich! verschrottet. Sicherlich nicht allein dank der Friedensliste, sondern vor allem dank der Politik Michail Gorbatschows, aber das Ziel wurde erreicht: "Das Teufelzeug" (Erich Honecker) ist weg.
Theodor:Ihre spektakulärste öffentliche Provokation (ich beziehe mich auf einen Bericht im "Spiegel") war, als Sie damals unter dem Pseudonym Thomas Klausen Bundestagsabgeordnete, die der Aufstellung der Cruise Missiles und der Pershing-II-Raketen zugestimmt hatten, aufforderten, persönliche Patenschaften für diese Raketen zu übernehmen und die einzelnen Flugkörper auf die Namen ihrer Paten taufen zu lassen.
Weißenborn:Richtig. Die entsprechende öffentliche Zwangstaufe habe ich dann trotz des erbitterten Protestes der Paten bei einem Treffen der Friedensliste im Hunsrück vollstreckt, und meine Korrespondenz mit den Bonner Atomstrategen kann man als Buch nachlesen, sie ist unter dem Titel "Die Paten der Raketen" als Faksimile-Druck in den e´dition trêves erschienen und wurde inzwischen neu aufgelegt. Wichtig für die literarische Waffenschmiede war damals der Schritt von der Satire zur Real-Satire, das heißt die Einbeziehung des Gegners in die Performance, seine öffentliche Vorführung, die ihn nötigte, sich selbst darzustellen und bloßzustellen. Und keiner der Geleimten hat damals das Spiel durchschaut. Kohl wie Genscher, Möllemann und Mischnick und die Adam-Schwaetzer - alle, alle schrieben ernsthaft und betroffen zurück und suchten sich bald zornig-patzig, bald freundlich, bald pseudo-rational-bramabarsierend der Schlinge zu entziehen, die sie, je mehr sie zappelten, nur um so enger umschloss.
Theodor:Das war damals. Nun stecken wir wieder im Wahlkampf. Was tun Sie?
Weißenborn:Ich schreibe, lese und diskutiere auf meinen Vortragsreisen über das Thema "Wie Gewalt entsteht und wohin sie führt", weise hin auf die Wiederkehr des Verdrängten, des noch immer nicht Bewältigten, den Terror von rechts, die neuen und alten Fratzen des Faschismus, rufe "Auch für du -DVU!" und "Deutschland den Deutschen" und schäme mich, im Gedanken an Solingen und Hoyerswerda, ein Deutscher zu sein.
Theodor:Neben literarischen Preisen wie dem Georg-Mackensen-Preis und dem Publikumspreis der Akademie der Künste haben Sie auch inoffizielle Auszeichnungen erhalten. Ein Offizier der Bundeswehr z.B. verlieh Ihnen den Titel einer "linken Sau". Ein Boulevardblatt nannte Sie den "kommunistischen Antichristen" und so weiter.
Weißenborn:Derlei kommt vor. Schlimmer war, dass man mir telefonisch ein Attentat auf eines meiner Kinder androhte, und verdrießlich war, dass mich ein Kollege nach Aufführungen meines Holocaust-Hörspiels "Staub" in Budapest, Prag und Ljubljana einen "ästhetischen Faschisten" nannte. Da half auch mein Hinweis auf Delacroix nicht, der die Köpfe der Guillotinierten malte. Der sei eben auch ein ästhetischer Faschist, hieß es. Ich hatte ein Massengrab beschrieben, und das durfte nicht sein.
Theodor:Sie nutzen unterschiedliche literarische Gattungsformen: Gedicht, Essay, Hörspiel, Erzählung, Roman, so dass man Sie schon als "Chamäleon der Literatur" bezeichnet hat. Kränkt Sie dass?
Weißenborn:Im Gegenteil! Dieses Wort stammt doch von Wolfgang Weyrauch, meinem ersten Lektor, und war von ihm als Kompliment für den Parodisten gedacht ! - Tatsächlich ist die Parodie eine meiner Lieblingsgattungen, vor allem im Rahmen meines literarischen Kabaretts mit dem Titel "Kopf ab zum Gebet!", mit dessen Titel ich natürlich Kurt Tucholsky huldige.
Theodor:Kann man da eine Kostprobe hören?
Weißenborn:Gern: "Rausch, dionysische Feste - / Hedonie, Apathie, Agonie .../ Tadellos, senfweiße Weste, / Errare humanumst - und wie!"
Theodor:Ich tippe auf Benn.
Weißenborn:Bingo!
Theodor:Welches Ihrer Bücher sehen Sie als Ihr erfolgreichstes an und warum?
Weißenborn:Je nachdem, wie man Erfolg definiert: Geht´s um das Erreichen selbstgesetzter Ziele, so ist mein erfolgreichstes Buch das, an dem ich zur Zeit schreibe. Geht´s um Verkaufszahlen, so hatte ich die höchsten Auflagen in Polen mit meinem Roman "Als wie ein Rauch im Wind". Und die erfreulichste literarische Anerkennung brachte mir 1988 mein Prosaband "Opfer einer Verschwörung", eine Auswahl poetischer Pathographien, darunter auch meiner psychiatriekritischen Texte, die seitdem in 25 Sprache übersetzt wurden.
Theodor:Wie hat man sich Ihre Arbeitsweise vorzustellen, Herr Weißenborn?
Weissenborn:Die Technik ist unwichtig. Was zählt, ist allein das Ergebnis. Vulpius und Goethe schrieben beide mit Gänsekiel, aber Vulpius schrieb den "Rinaldo Rinaldini" und Goethe den "Faust".
Theodor Weißenborn
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