Plausibilia oder Einige grundsätzliche Überlegungen

Das Seinsganze und der Urgrund

Jedes einzelne (endliche, begrenzte und in diesem Sinne kontingente) Seiende tritt aus dem Seinsganzen hervor (emanatio), währt seine Zeit und sinkt in das Seinsganze zurück (regressus).

Das Seinsganze ist der Seinsgrund des Seienden.

Das Seinsganze "existiert" nur in dem Sinne, dass seine Teile existieren (exsistere sich abheben, hervortreten, zum Vorschein kommen) und somit als einzelne Seiende durch Abgrenzung vom Grunde (differentia) definiert sind.

Das Seinsganze selbst existiert in diesem Sinne nicht, da es, wie der Begriff "Seinsganzes" sagt, außerhalb seiner selbst, neben oder über ihm, kein weiteres Sein gibt, an das es angrenzen, von dem es sich unterscheiden oder aus dem es hervortreten könnte. (Mehr als alles gibt es nicht.) Es ist nicht definierbar, ist räumlich und zeitlich ohne Anfang und Ende, also unbegrenzt und somit unendlich. Es kann zu keinem genus proximum gehören (da es selbst der oberste Gattungsbegriff ist, der sich denken lässt) und verfügt über keine spezifische Eigenschaft, durch die es sich von anderem unterscheiden könnte (da es anderes als es selbst nicht gibt).

Anders: Eine Definition des Seinsganzen per genus proximum et differentiam specificam ist nicht möglich.

Das Seinsganze hat (wie die Kreislinie) keinen Anfang und kein Ende und (wie eine Kugeloberfläche) keinen Mittelpunkt und keinen Rand. Es geht wie eine Kreislinie und eine Kugeloberfläche überall in sich selbst über, geht überall in sich selbst hinein und kommt überall aus sich selbst heraus.

Alle Differenz, alle Polarität, alle Kategorialität wird vom Seinsganzen umgriffen als Differenz, Polarität, Kategorialität seiner einzelnen Teile.

Das Seinsganze als Gesamtheit alles Seienden umfasst ausnahmslos und restlos alles Seiende und ist somit vollständig. Das heißt alles und jedes Seiende, das sich nur denken lässt, ist im Seinsganzen enthalten. Dieses umgreift das Seiende in seiner ganzen Vielfalt, vom Summum bonum bis zum letzten Dreck - Gutes und Böses, Aufbau und Zerstörung, Aktivität und Passivität, Leben und Tod.

Wäre das Seinsganze vorstellbar als Akteur, so ließe sich sagen, dass dieser Akteur alles, was er tut, Gutes wie Böses, sich selbst antut. Hier drängt sich die Vorstellung des Ouroboros auf (der Schlange, die sich vom Schwanz her selbst auffrisst).

Manche Autoren setzen das Seinsganze (wie den Urgrund) mit Gott gleich. Dieser Vorstellung entspricht der monistische Gottesbegriff (im Gegensatz zum personalen Gottesbegriff).

Das Seinsganze als Ganzes ist keine Person, doch ist wie alles andere Seiende natürlich auch personales Seiendes (natürliche und juristische Personen) in ihm enthalten.

Teile des Seinsganzen (Seiendes im Sinne von Ideen, die - ob mit realer Entsprechung oder ohne sie - in den Köpfen von Menschen existieren) sind auch Götter, Geister und Dämonen, da der Begriff des Seinsganzen nicht nur alles real Existierende, sondern auch alles lediglich Gedachte, Fiktionale, also Hirngespinste oder Gedankendinge umfasst.

Wo die empirische Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion nicht möglich oder der wahre Sachverhalt nicht erkennbar ist, lassen wir die Sache auf sich beruhen.

Was ist, ist - was nicht ist, ist nicht, und zwar gänzlich unabhängig von unserm Dafür oder Dawiderhalten. Anders: was ist, lässt sich nicht hinwegzweifeln - was nicht ist, lässt sich nicht herbeiglauben.

N.S. Diese - mehr oder weniger stringent formulierten - Sätze beanspruchen keine absolute Geltung, sondern unterstellen sich (anders als Dogmen) rationaler Kritik.

Ist das Sein das Nichts?

Betrachten wir den Satz: "Das Sein ist das Nichts." - Was ist das? Ein Nonsens-Satz? Ein Satz, der gegen den zweiten Grundsatz der von Aristoteles begründeten formalen Logik, das Principium contradictionis, verstößt, weil er behauptet, dass ein Seiendes gleichzeitig sei und nicht sei? (Wörtlich heißt es bei Aristoteles: "Dass dasselbe demselben in demselben Sinne gleichzeitig zukomme und nicht zukomme, ist nicht möglich.") Ist die Aussage: "Das Sein ist das Nichts" also in sich selbst widersprüchlich? Oder kann man ihr einen vernünftigen, logisch widerspruchsfreien Sinn abgewinnen?

Veranschaulichen wir uns den Sachverhalt an einem uns allen bekannten Ding, das uns als Modell diene: an einer Medaille mit ihren zwei Seiten, ihrer Vorderseite und ihrer Rückseite. Von der Vorderseite lässt sich sagen: Die Vorderseite ist die Vorderseite und gleichzeitig nicht die Rückseite. Von der Rückseite lässt sich sagen: Die Rückseite ist die Rückseite und gleichzeitig nicht die Vorderseite. Jede der beiden Selten ist also das, was sie ist, und gleichzeitig nicht das, was sie nicht ist. Das Sein des einen ist also identisch mit dem Nicht-Sein (Nichts) des andern. Sein und Nicht-Sein kommen also jeder der beiden Seiten gleichzeitig, aber und das ist das Entscheidende!) nicht in demselben Sinne zu. Oder anders: Kein Seiendes ist nicht, was es selbst gleichzeitig ist. Sein Nicht-Sein ist nicht das Nicht-Sein seiner selbst, sondern das seinerseits nur das Nicht-Sein des übrigen oder anderen, dem Sein seiner selbst oder das Nicht-Sein des von ihm Differenten zukommt.

Damit ist geklärt, dass der Satz "Das Sein ist das Nichts" lediglich ein Scheinproblem enthält. Bei bilateraler oder dialektischer Betrachtung löst das Rätsel sich in Wohlgefallen auf, Aristoteles behält recht, und niemandes Vernunft wurde beleidigt.

Antinomien und wie sie sich vermeiden lassen

Eine der ältesten Antinomien, die wir kennen, ist das Lügnerparadoxon des griechischen Philosophen Eubulides, eines Schülers Euklids von Megara. Es lautet: "Der Kreter Epimenides sagt: "Alle Kreter sind Lügner."" - ist der Satz des Epimenides nun wahr oder unwahr? Eines von bei dem kann er ja nur sein, ja eines von bei dem muss er sein, denn (so das Principium contradictionis) von zwei Sätzen, die einander kontradiktorisch gegenüberstehen, muss notwendig der eine wahr und der andere falsch sein. Tertium non datur.

Wenn also Epimenides die Wahrheit sagt, lügt er, und wenn er lügt, sagt er die Wahrheit.

Diese Paradoxie ist zurückzuführen auf die Selbstbezogenheit des Satzes "Alle Kreter sind Lügner", da Epimenides selbst ein Teil jener Menge (alle Kreter) ist, über die er etwas aussagt. Unser Fehler ist es, dass wir den Satz jeweils als Element der Menge aller unwahren oder als Element aller wahren Sätze angesehen haben, oder anders: dass wir den Oberbegriff aller unwahren und den Oberbegriff aller wahren Sätze jeweils als Elemente ihrer selbst betrachtet haben. Genau das aber hat das Paradox heraufbeschworen und hätte nicht geschehen dürfen, da kein Satz über sich selbst etwas aussagen kann. Stets ist vielmehr das Aussagende vom Ausgesagten auszunehmen (Subjekt-Objekt- Spaltung).

Derselbe Fehler des Selbstbezogenheit unterlief Bertrand Russell im Juni 1901, als er bei der Niederschrift seiner philosophischen Autobiografie ("Philosophie - Die Entwicklung meines Denkens") auf das nach ihm benannte Russellsche Paradox stieß, wobei er sich fragte, ob die "Klasse sämtlicher Klassen, die sich nicht selbst als Element enthalten, sich selbst als Element enthält oder nicht. Versinkend in ergebnislose Grübelei, wandte er sich hilfesuchend an Alfred North Whitehead, der dem Spuk ein Ende machte, indem er in einem Brief an Russell kategorisch erklärte (ich zitiere sinngemäß): Keine Klasse kann sich selbst enthalten, denn, so wie sich kein Läufer selbst überholen kann, kann kein Gebiet sich selbst einschließen.

Daraus ergab sich als Grundsatz für die logische Typenlehre (Mengenlehre) das Gesetz der Hierarchie, das da lautet: Mengen erster Ordnung sind Elemente von Mengen zweiter Ordnung, Mengen zweiter Ordnung sind Elemente von Mengen dritter Ordnung usw. usf. bis hinauf zur Spitze der Pyramide, zur Menge aller Mengen, die wir auch das Seinsganze nennen können, und die ihrerseits nicht wieder Element einer größeren Menge sein kann, da es außer halb ihrer selbst nichts gibt, von dem sie eingeschlossen werden könnte (denn mehr als alles gibt es nicht), und die auch nicht Element ihrer selbst sein kann, da sie sonst kleiner sein müsste, als sie ist, oder anders: weil das Ganze stets größer ist als einer seiner Teile.

Damit war der Fehler der Selbstbezogenheit ausgeschlossen und die Gefahr unauflösbarer Antinomien gebannt.

Theodor Weißenborn
Die Würde der Behörden ist unantastbar

Im Fernsehen wurde über eine Musikerin, eine Violinistin, berichtet, die, hochbetagt, ihre Wohnung hatte räumen sollen und nach einer temperamentvollen Auseinandersetzung mit ihrem Hauswirt laut Gerichtsbeschluß als "tobsüchtig" in die Psychiatrie eingewiesen worden war.

Die Behördenangestellten, die mit der Auflösung ihres Hausstandes betraut waren, hatten offenbar nicht damit gerechnet, daß sie je wieder aus der Klinik entlassen werden würde, und hatten ihre gesamte Habe kurzerhand auf die Straße zum Sperrmüll gestellt: außer altgedientem Mobiliar vor allem Kartons mit Büchern, Noten, Fotos, Briefen und persönlichen Aufzeichnungen, kurz das Unschätzbare, nicht Quantifizierbare, Unersetzliche.

Dann aber geschah das Unerhörte: Ein junger Arzt, der die alte Dame in der Klinik untersucht hatte, erklärte sie für gesund, attestierte ihr eine bemerkenswerte Selbstkompetenz und Persönlichkeitsstärke, nannte ihre Zornausbrüche situationsgerecht, völlig adäquat und sozial zumutbar und sorgte für ihre umgehende Entlassung.

Inzwischen war aber die Sperrmüllabfuhr dagewesen – und der Schaden, der Verlust der gesamten persönlichen Habe der alten Dame, war irreversibel. Man hatte der Frau den Schlüssel zu ihrer – nunmehr leeren – Wohnung zurückgegeben und ihr süßsäuerlich alles Gute gewünscht.

Eine Woche später, nach neuerlicher Intervention des Hauswirts, hatte man die Frau in ihrer Wohnung aufgesucht und sie in der Toilette angetroffen. Sie habe keine andere Sitzgelegenheit, hatte die Frau gesagt. Sie besaß weder Bett noch Stuhl, noch Tisch und hatte, da sie auch keine Gardinen mehr besaß, die Fensterscheiben mit Zeitungen zugeklebt. Das sah (auch von außen) nicht gut aus. So war sie erneut auffällig geworden.

Zudem hatte sie nichts gegessen, wollte auch keine Nahrung zu sich nehmen – es sei ihr, so sagte sie, der Appetit vergangen –, und folglich wurde sie erneut in die Klinik gebracht.

Jetzt hatte man sie wieder da, wo man sie haben wollte, und ihr weiteres Schicksal würde wiederum abhängen vom austauschbaren Urteil launischer Ärzte, die je nach Studiengang und Lehrmeinung zu unterschiedlichen Diagnosen und Prognosen gelangten (bei denen jeder dreimal raten durfte), die je nach Plan (es ging reihum) auf der Aufnahmestation gerade Tag- oder Nachtdienst hatten und die sich durch die Bank eher als Agenten der Behörden denn der Patienten verstanden. (Die Leute vom Sozialamt, so sagte der Kommentator, hatten innerhalb ihres Ermessensspielraums korrekt nach Vorschrift gehandelt.)

Mir schnürte es die Kehle. Das Entsetzlichste war, dachte ich, daß die Frau ihre persönliche Habe verloren hatte, daß sie des Speichers ihrer Erinnerungen, ihrer geistigen Nahrung, ihrer Lebensgeschichte, ihrer Welt und somit ihrer Identität beraubt war.

Das Wichtigste, das sie ihr Leben lang verwahrt hatte: Fotos, Notizen, Briefe, die Träger von Ideen, die unerschöpflichen Stimulantien der Phantasie, kurz: ihr persönlicher Kosmos hätte womöglich Raum gehabt in einer Plastiktüte, die man ihr hätte mitgeben können, die sie bei sich getragen hätte wie ihren Kopf. Den, immerhin, hatte man ihr gelassen, aber man würde ihn vollstopfen mit Surrogaten und Giften.

Kein Buch, kein Foto, kein Brief – nicht einmal eine Tüte. Nun mußte sie das Verlorene, Vergangene in ihrem Innern tragen, sich die verlöschenden Bilder ihrer Welt vor ihr inneres Auge halten, ganz nah, um sie zu erkennen, einmal noch zu sehen in einem schon verdämmernden Licht. Nur dies noch war ihr geblieben: das, was sie sah, wenn sie die Augen schloß. Dieser Frau war behördlicherseits recht geschehen. Sie war Humanobjekt des Sozialvollzugs, und was noch ausstand, war lediglich die Vollstreckung der Finalbetreuung.

Theodor Weißenborn
Was ist eigentlich "Populismus"?

Populus ist das lateinische Wort für Volk, und von ihm abgeleitet sind die Substantive Popularität und Populismus sowie die dazugehörenden Adjektive populär und populistisch, wobei die Vokabeln Popularität und populär uns seit eh und je geläufig sind. Popularität bedeutet Volkstümlichkeit, Allgemeinverständlichkeit und Beliebtheit, das entsprechende Adjektiv somit volkstümlich, allgemeinverständlich und beliebt. Diese Wörter benutzen wir im allgemeinen wohlwollend, freundlich, tolerant, vielleicht auch einmal ein wenig herablassend oder auch spöttisch. Eigentlich Ehrenrühriges oder gar Verwerfliches ist damit jedenfalls nicht gemeint.

Anders ist’s dagegen mit dem Substantiv Populismus, das sich seit geraumer Zeit sowohl in Bundestagsdebatten als auch in öffentlich geführten politischen Diskussionen breitmacht und geradezu zu einem Schimpfwort geworden ist. Im Duden ist das Wort erklärt als "opportunistische Politik, die die Gunst der Massen zu gewinnen sucht". Damit, so scheint mir, ist der Begriff der Popularität eingeengt auf den politischen Bereich und zugleich inhaltlich erweitert um die moralisch fragwürdige Bedeutung der Prinzipienlosigkeit, Unberechenbarkeit, Launenhaftigkeit und Undurchschaubarkeit eines womöglich egoistischen Nützlichkeitsdenkens. Was zuvor als wünschenswert oder zumindest als wertneutral galt, nämlich Allgemeinverständlichkeit, mutiert nunmehr zu Vereinfachung, Gedankenlosigkeit, dümmlicher Oberflächlichkeit und gefährlicher Unvernunft und rückt in die Nähe des Unsinnigen oder gar Sträflichen.

Wie auch immer: Wir müssen das Wort Populismus in unseren Sprachschatz aufnehmen, die Abwertung, die sich in ihm ausdrückt, auf ihre Berechtigung überprüfen und möglichst unvoreingenommen zur Kenntnis nehmen, was die Vokabel Populismus an politischer Tendenz von einfühlbarer und nachvollziehbarer Unzufriedenheit über blindwütige Emotionalität bis hin zu verfassungsfeindlicher, staatsgefährdender, faschistoider Gesinnung abdeckt. Dabei könnte auch ein brauner Sumpf sichtbar werden.

Der populistisch agierende Demagoge (man denke an die Redner der Pegida-Kundgebungen) redet dem Volk oder bestimmten Volksgruppen nach dem Mund, um sich anzubiedern und Wählerstimmen für eine bestimmte Partei zu gewinnen. Dabei kann sogar der Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllt werden; dafür gibt es greifbare Beweise, denn der "Sprachschatz" des Populisten ist gespickt mit menschenverachtenden, fremdenfeindlichen, homophoben, antisemitischen und rassistischen Wendungen wie: "Ein kleiner Hitler könnte nicht schaden", "Unter Hitler hätte es das nicht gegeben", "Schluß mit dem Schult-Kult!", "Die Juden werden schon wieder frech", "Asylantenpack!", "Ausländer raus!", "Neger, husch, husch, zurück in den Busch!" Oder: "Die hat man vergessen zu vergasen." Die Sprache verrät die Gesinnung, und aus der Gesinnung erwachsen Taten wie das Anzünden von Asylantenwohnheimen, das Werfen von Sprengsätzen oder das Totprügeln farbiger Mitbürger.

Die Gefahr, die von einem solchen Populismus ausgeht, ist also kein Hirngespinst, sondern sie ist real gegeben. Sein Nährboden ist dabei, wie gerade das Beispiel der AfD zeigt, die wachsende Unzufriedenheit allmählich größer werdender Gruppen, der Obdachlosen, der Rentner, der Armen, der Groll der tatsächlich oder vermeintlich zu kurz Kommenden, der sich schüren läßt und sich schließlich als Haß gegen Fremde entlädt, deren bloßes Dasein von unaufgeklärten, in Vorurteilen befangenen und leicht verführbaren Köpfen bereits als Bedrohung empfunden wird. Hier zeigt sich ein allgemeiner Bildungsnotstand, die Verführbarkeit der Massen, man könnte auch sagen: das Sozialprodukt Dummheit als eine Art Verwahrlosung, die die populistischen Rattenfänger geschickt auszunutzen wissen, indem sie den "Pöbel aller Sorte" (Theodor Storm) nach ihrer Pfeife tanzen lassen.

Einem solchen Populismus mit allen Mitteln entgegenzuwirken, ist der Staat allerdings aufgerufen und sind wir alle verpflichtet, die wir friedlich zusammenleben wollen. Das ist so selbstverständlich – oder sollte so selbstverständlich sein, daß man es kaum sagen mag.

Was mir aber bei all dem auffällt, ist der Umstand, daß in den Medien immer wieder nicht nur vom Populismus, sondern vom Rechtspopulismus die Rede ist, so daß man fast meinen könnte, es müsse auch so etwas wie einen Linkspopulismus geben …

Was ist davon zu halten?

Einer der erfrischendsten und wahrsten Sätze, die ich je im Bundestag hörte, war der Satz eines Abgeordneten der Linkspartei: "Wir müssen nicht Banken, sondern Menschen retten!" – ein Satz von umwerfender, entlarvender und richtigstellender Überzeugungskraft, der mich innerlich jubeln ließ, weil er den Nagel auf den Kopf traf und die ganze verfehlte Finanzpolitik der Regierung mit einem einzigen Schlag vom Kopf auf die Füße stellte. Derartige rhetorische Glanzleistungen haben Seltenheitswert wie seinerzeit der Satz der Grünen: "Wer Waffen in ein Krisenland exportiert, handelt wie jemand, der Feuer mit Benzin löschen will."

Indes, kaum war dies Wort verhallt, da hieß es von seiten der Regierungsparteien: "Das ist Populismus!" Angesichts dieser erkennbar falschen, verleumderischen Etikettierung packte mich der Zorn: Was kam diesen wohl eher böswilligen als unwissenden Kritikern nur in den Sinn, ausgerechnet einen Sprecher der PDL in die Nähe der rechtsradikalen Verfassungsfeinde zu rücken und mit ihm die gesamte Partei zu beleidigen?

Die einzige Erklärung für diese Flegelei gegenüber der Opposition scheint mir die zu sein, daß unsere Regenten nicht mit der Mehrheit des Volkes, sondern mit der Oberschicht der Besitzenden paktieren. Da darf es natürlich den Reichen nicht an den Kragen gehen, und Reichensteuer, Vermögensabgabe und Erbschaftssteuer müssen tabu bleiben. Ein rationaler Diskurs zwischen Regierung und linker Opposition findet nicht statt. Ich ahne auch, warum: Die Regierung wäre den besseren Argumenten der Linken nicht gewachsen. Und deshalb bleibt ihr als Ausweg nur, hochmütig zu schweigen. Dabei nimmt sie in ihrer Selbstherrlichkeit in Kauf, in aller Öffentlichkeit ihren Mangel an sozialer Kultur zu demonstrieren: Während Sahra Wagenknecht in der Haushaltdebatte mit Sachkenntnis und in klarer und verständlicher Sprache die wirtschafts- und sozialpolitische Situation analysierte, blätterte Angela Merkel ostentativ gelangweilt in einer Mappe mit Papieren und spielte Sigmar Gabriel mit seinem Smartphone.

Um es deutlich zu sagen: Einen Rechtspopulismus gibt es allerdings. Beklagenswerterweise! Einen Linkspopulismus gibt es dagegen nicht! (Schon das Wort ist abstrus!)

Mag sein, daß viele Unzufriedene der AfD nur deshalb ihre Stimme geben, um der Bundesregierung einen Denkzettel zu verpassen. Ist es aber vernünftig, ein Übel durch ein noch größeres zu ersetzen? Hatten die AfD-Anhänger in der Schule keinen Geschichtsunterricht? Sind sie im Lehrplan nie über die Bismarcksche Sozialgesetzgebung hinausgekommen? Hat ihnen niemand gesagt, daß, wer aus der Geschichte nichts lernt, dazu verurteilt ist, sie zu wiederholen? Und welche Werte unserer "Leitkultur" hat man ihnen vermittelt? Mitgefühl, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe und Respekt vor der Würde des Menschen? Diese Werte doch wohl kaum!

Auch ich wünsche mir eine andere Regierung: eine Regierung, die den Reichen und Superreichen die Wege zu noch mehr Reichtum nicht ebnet, sondern durch wirksame gesetzliche Regelungen systematisch verbaut – zugunsten der Notleidenden, der Obdachlosen, der unter der Armutsgrenze lebenden Kinder, der verarmenden Rentner und anderer Gruppen von "sozial Schwachen". Auch ich wünsche eine stärkere Opposition und einen Regierungswechsel. Aber meine Alternative steht nicht rechts, sondern links von der Mitte!

Meine Alternative für Deutschland ist die Partei Die Linke!

Theodor Weißenborn
Ländliche Szene – Anfang 21. Jahrhundert

Meine Annäherungen an Menschen stehen, soweit es um Politik geht, unter keinem guten Stern, und ich denke manchmal, daß ich den Affront provoziere, so wie manche Bäume den Blitz auf sich ziehen. Denn oft gerate ich in Gesellschaften, die mir zuwider und von Herzen verhaßt sind.

So erinnere ich mich, daß ich im vergangenen Sommer nach einer nachmittaglangen Wanderung durch die Eifel in einen kleinen Weiler kam, dessen Namen ich vergessen habe. Es gab dort eine Gaststätte, ich trat ein, erschöpft, ruhebedürftig und arglos und ließ mir an der Theke ein Glas Wein geben. Am Stammtisch, unter Vereinsfahnen und wirrem Gehörn, saßen vier oder fünf Bauern, von denen einer, geröteten Gesichts und schlaganfallgefährdet, soeben kundtat, das Zigeunerlager auf dem Schlehenkopf sei ihm schon lange ein Dorn im Auge, und wenn es nach ihm ginge, würde er die Raupe ansetzen und die ganze Bagage den Hang hinunterkippen in die Sülz.

"Du sagst es! So ist’s!" tönte der Beifall der Runde. Und also mischte ich mich ein und fragte den Demagogen, was denn die Zigeuner ihm getan, daß er so über sie denke.

Sie arbeiten nicht, wurde ich belehrt, und kassieren Wiedergutmachungsgelder für irgendeinen alten Opa oder eine alte Oma, die angeblich im KZ umgekommen sind.

"Das ist unser Ortsvorsteher!" flüsterte die junge Frau an der Theke mir zu, und folglich erklärte ich dem Ortsvorsteher, was er da mache, sei Volksverhetzung, ein strafbarer Tatbestand, und er solle sich nicht wundern, wenn er eine Strafanzeige erhalte. Und schon entstand Unruhe, die sich, wie ich’s eigentlich hätte voraussehen müssen, nicht gegen den Mann des Volkes, sondern natürlich gegen mich, seinen Kritiker, richtete. Es gab lautes Gebölk, Schimpfworte fielen, nein, es waren wohl eher unartikulierte Laute – wie auch immer, ich fühlte mich bedroht, zahlte auf der Stelle und ging.

Ich habe keine Anzeige erstattet. Kein Zeuge hätte mir beigestanden, und so überließ ich dem Gegner das Feld, reicher um die Erfahrung, daß es nicht nur des Gesetzes, sondern auch der Gewalt bedarf, das Recht zu erzwingen, wo es an Einsicht gebricht.

Theodor Weißenborn
Nach bestem Wissen und Gewissen

Während meiner Gymnasialzeit – es war in der Adenauer-Ära – entbrannte in der Bundesrepublik Deutschland die Debatte um die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht. Das Thema wurde in der Öffentlichkeit wie in den Familien, aber auch in den Schulen heiß und kontrovers diskutiert, und so kam unser Deutschlehrer auf die Idee, uns als Hausaufsatz einen "Besinnungsaufsatz" über das Thema "Allgemeine Wehrpflicht – ja oder nein?" schreiben zu lassen, wobei uns das Ergebnis unserer Überlegungen freigestellt war.

Ich war zu der Zeit Mitglied der katholischen Jugendorganisation Neudeutschland, deren Düsseldorfer Ortsverband unser Religionslehrer (ein Priester) leitete, der uns jede Woche einmal in seinem Haus versammelte und uns dabei die jeweils aktuellen politischen und weltanschaulichen Direktiven erteilte. Auf die Frage, wie wir uns angesichts der Wehrpflicht entscheiden sollten, zitierte er den damaligen Papst (Pius XII.), der dazu gesagt habe, es sei "Gewissenspflicht des gläubigen Katholiken, das Abendland notfalls mit der Waffe in der Hand zu verteidigen". Vielleicht hatte der Papst Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes" gelesen und fürchtete weniger die gelbe als vielmehr die rote Gefahr – eine Furcht, die ihn als Apostolischen Nuntius dazu motiviert hatte, das Konkordat (Lat. concordia = Einklang der Herzen, herzliches Einvernehmen) mit Hitler zu schließen. Jetzt hatte er zwar nicht ex cathedra gesprochen, d. h. keine (vermeintlich unfehlbare) Entscheidung zu Fragen der Glaubens- und Sittenlehre verkündet, die für die gesamte katholische Christenheit gültig war, aber er hatte doch die Autorität seines Amtes – und als gläubiger Katholik, der ich damals noch war, fühlte ich mich durchaus angesprochen. Zudem: Meine Eltern waren CDU-Wähler – ich wußte also, was von mir erwartet wurde, und schrieb einen 36 Seiten langen Aufsatz, in dem ich mich für die Wiedereinführung der Wehrpflicht entschied und der – vermutlich nicht wegen seines inhaltlichen Fazits, sondern wegen seiner formalen Qualitäten – mit "sehr gut" benotet wurde. Wir sollten einfach "nach bestem Wissen und Gewissen" entscheiden, hatte der Religionslehrer noch gesagt. Das Gewissen (als die "Stimme Gottes") sei für jeden einzelnen die höchste Instanz, der allein er verpflichtet sei. Da es allerdings auch ein "irrendes Gewissen" gebe, müsse man sich jedoch auch in Gewissensfragen an "objektiven Normen" orientieren, und dies seien die sittlichen Normen, die das Lehramt der Kirche verkünde.

So ließ ich mich rhetorisch auf den Leim führen, anstatt zu fragen, ob die Stimme Gottes womöglich die Stimme eines Irren, eines Schizophrenen, sei, der den Franzosen gebiete, gegen die Deutschen zu kämpfen, und gleichzeitig den Deutschen gebiete, gegen die Franzosen zu kämpfen, und wie ich denn "Gewißheit" und sicheres "Wissen" (beides stecke ja in dem Wort "Gewissen") erlangen könne angesichts des Wirrwarrs von höchst widersprüchlichen Informationen von seiten aller möglichen Autoritäten oder Pseudo-Autoritäten, zerstrittener Parteien und mitunter auf hohem Niveau konkurrierender moraltheologischer Lehren und Irrlehren.

Denn das gerade ist ja das Problem! Wissen kann nur dann als gut, besser oder bestens bezeichnet werden, im Maße es gleichbedeutend ist mit Kenntnis und Erkenntnis des wahren Sachverhalts. Alles andere ist bloßes Für-wahr-Halten, Vermuten oder Glauben ohne Einblick in den Sachverhalt aufgrund einer Autorität, die ihrerseits lediglich angemaßt, verlogen oder im Irrtum befangen sein kann. Und was die "Stimme Gottes" betrifft, so halte ich – aus meiner heutigen Sicht – dagegen, daß das Gewissen des einzelnen ein Sozialprodukt ist, nämlich das Ergebnis eines lebenslang andauernden Sozialisierungsprozesses, an dem Elternhaus, Kirche, Schule und alle nur denkbaren sozialen Kräfte beteiligt sind, mit denen der Mensch jemals in Berührung kommt. Die Crux meines Daseins in der Welt, die mich gerade in schwierigen Entscheidungssituationen bedrückt, ist dabei gerade mein unzureichendes Faktenwissen, meine Unwissenheit, meine Befangenheit und Borniertheit aufgrund nur kümmerlicher Providenz (Voraussicht), Verführbarkeit und schier unüberschaubarer Manipulierbarkeit. Die Qualität meines Wissens hängt stets ab von der Qualität (dem Wahrheitsgehalt) der auf mich einprasselnden Informationen, die im einzelnen zu überprüfen meine Kräfte maßlos übersteigt. Alle Staaten haben ein Propagandaministerium; das der Bundesrepublik hat den Namen "Presse- und Informationsamt der Bundesregierung". Während des Faschismus war es das von Goebbels geleitete Reichspropagandaministerium. Aufgabe dieser Ministerien ist stets Beeinflussung der öffentlichen (und privaten) Meinungen, Indoktrination und dirigistische Lenkung, hinter der nicht immer die edelsten, sondern oftmals niedere, mitunter gar verbrecherische Interessen stehen.

Immer wieder stoßen wir auf das Dilemma der Fragwürdigkeit alles sogenannten Für-wahr-Haltens, Glaubens oder Wissens. Und nicht anders und nicht besser ist es um das "Gewissen" bestellt als dem Hort der innersten Wertvorstellungen des Menschen. Es ist knetbar wie Plastilin. Hat die Gesellschaft ihm als höchsten Wert das Vaterland vermittelt, wird der Betroffene sagen: "Right or wrong – my country!" Hat man ihn Liebe gelehrt, so kann er ein Menschenfreund werden wie Heinrich Pestalozzi.

So bleibt mir (und andern) als brauchbare Direktive für die Lebenspraxis in heiklen Entscheidungssituationen, zumal in tragischen Situationen, in denen nicht Wert gegen Unwert, sondern Wert gegen Wert steht, wohl nur die Möglichkeit der Entscheidung für jene Handlungsweise (im Tun wie im Unterlassen), die die größere Wert- und Sinnfülle verspricht, mit der Konsequenz, die sich daraus ergebenden Opfer tapfer in Kauf zu nehmen.

Wer sich also trotz der oben beschriebenen Schwierigkeiten der Wahrheitsfindung nach sorgfältiger Prüfung aller ihm zugänglichen Informationen und ohne seine innerste Überzeugung zu verraten zu einer verantwortbaren Entscheidung durchringt und danach handelt, der darf sagen: "Ich entscheide und handle nach bestem Wissen und Gewissen" und wird gleichzeitig so ehrlich sein, keine Unfehlbarkeit zu beanspruchen, und bescheiden hinzufügen: "Irrtum vorbehalten."

Dies ist die unaufhebbare Crux unserer Existenz in einer tragisch strukturierten Welt, in der wir alle leben und mehr oder weniger gut zurechtkommen müssen, da eine andere und bessere uns vorerst nicht gegeben ist.

Theodor Weißenborn
Statt einer Dichterlesung ...

Meine Damen und Herren, eine Autorenlesung im Jahr 2017 kann nicht eine Stunde der Erbauung, sondern allenfalls eine Stunde der Ernüchterung sein, und mit welchen Erwartungen Sie immer hierhergekommen sind – ich bin nicht gekommen, um Erwartungen zu erfüllen, sondern um Erwartungen in Frage zu stellen.

Wo immer in diesem Land, in Hörsälen und Schul- und Spinn-Stuben, die deutsche Dichtung gepriesen wird als "edelstes Geistesgut der Nation", als "unschätzbarer Hort alterslos gültiger, ewiger Werte", da bin ich rat- und sprachlos, da fühle ich mich fehl am Platze und suche das Weite. Eine Literatur, die das Ideale rühmt, anstatt die Realität zu analysieren, ist mir langweilig und verdächtig. Nicht nur, daß eine solche Literatur nicht beiträgt zur Aufklärung – sie schwärzt auch noch das Trübe, stabilisiert die verrotteten gesellschaftlichen Systeme, verklärt die Misere, rührt das Herz und vernebelt das Hirn, sie dient den Herrschern und verhöhnt den Menschen, der zwar nicht vom Brot allein, aber zunächst vom Brote lebt.

Meine Damen und Herren, seien Sie mißtrauisch, wann immer man Ihnen mit dem Wort "Dichtung" kommt und wo immer eine Autorenlesung mit dem Wort "Dichterlesung" angekündigt wird! Denn wo Dichtung im oben skizzierten Sinn gepriesen wird, da wird die Literatur als Politikum aus dem Tempel gejagt, da verleitet man zur Flucht ins Idyll, in die deutsche Innerlichkeit, und lenkt ab von den Aufgaben der Zeit. Im Hambacher Schloß liegt keine Dokumentation über Guantánamo, kein Dichterwort reimt auf Syrien, und Goethes Iphigenie ist kein Trost für die Opfer des IS.

Literatur ereignet sich – anders als viele Studienräte glauben – nicht in der raum- und zeitlosen Sphäre des Idealen. Literatur ereignet sich am genauen historischen Ort. Sie ist bezogen auf gegenwärtige Realität, die gesellschaftliche Realität, in der wir leben, mit der wir es tagtäglich zu tun haben, und kein Bereich dieser bedrückenden und provozierenden Realität ist der Literatur unwürdig. Literatur ist geistige Aktion in der Zeit, sie spricht hinein in eine konkrete gesellschaftliche Lage und sucht mit den Mitteln der Aufklärung die bestehenden Verhältnisse zu ändern. Ihre Aufgabe ist demnach nicht Verherrlichung, sondern Kritik, Kritik an den offenbaren oder verschleierten gesellschaftlichen Übeln, und das Nahziel dieser Kritik heiße: Zersetzung.

Ich wähle dieses Wort sehr bewußt, und ich meine damit: Zersetzung der Schein-Werte, der Un-Werte, die unsere Gesellschaft in veralteten Institutionen durch reaktionäre Personen propagiert, also Zersetzung dessen, was der Zersetzung bedarf und was nichts anderes als Zersetzung verdient.

Was – genau – bedarf der Zersetzung? Ich werde konkret: Zersetzt werden müssen die autoritären Strukturen dieser Gesellschaft, die Willkür und die Stupidität der Behörden, namentlich der Kontrollbehörden, die "keinen Handlungsbedarf" sehen selbst da, wo das Unrecht zum Himmel schreit, zersetzt werden muß unser Anteil an diesen Strukturen: unsere Autoritätshörigkeit, unser Gehorsam, zersetzt werden muß die latente wie die aktuelle faschistoide Aggressionswut nicht nur der Machthaber, die neue Atomraketen stationieren, sondern auch des Mannes auf der Straße, die atavistische Neigung, Meinungsverschiedenheiten nicht mit Argumenten, sondern mit der Faust auszutragen.

Zersetzt werden muß unsere Bereitschaft, persönliche Verantwortung zu delegieren, unsere schweigende Zustimmung, mit der wir die staatlichen Mordmaschinerien ölen, anstatt Sand in ihre Getriebe zu streuen, zersetzt werden muß unsere Unfähigkeit, Haß in kritische Energie, Aggressivität in Aktivität umzuwandeln, zersetzt werden muß unsere Vorliebe, abseits vom öffentlichen Geschehen unsern privaten Schrebergarten zu kultivieren und die politische Arbeit den andern zu überlassen.

Zersetzt werden muß die Flucht in den Rausch, in den Drogenkonsum, die Bewußtseinstrübung, die uns als Bewußtseinserweiterung verkauft wird. Zersetzt werden muß die Zufriedenheit, die uns blind macht für eigene und fremde Not, jene Ergebenheit in ein vermeintlich unabwendbares Schicksal und jene Bereitschaft zur Einsicht in vorgetäuschte politische Notwendigkeit, die den Mißbrauch der Macht durch die Herrschenden allererst ermöglichen. Denn die Herrschenden – wie könnte es anders sein! – wollen die Not ihrer Völker nicht wenden, sie sind ja selber diese Not!

Zersetzt werden muß die moralische Korruption jener Militärseelsorger, die als Handlanger kirchlicher und staatlicher Machtpolitik Gewissensbildung in Richtung auf Kampfbereitschaft und Einsatzfreude manipulieren, Bewußtwerdung verhindern und Anpassung lehren gerade da, wo sie zur Revolte aufrufen müßten, und welche die Lehre Jesu zur ideologischen Vorbereitung des nächsten Massakers mißbrauchen.

Zersetzt werden müssen die Vorurteile, aufgrund derer sauber gewaschene, persilgepflegte und auch sonst gut christliche Zimmerwirtinnen an farbige Studenten keine Zimmer vermieten wollen.

Zersetzt werden muß die NPD, zersetzt werden muß die AfD – ja, freilich –, aber zersetzt werden muß vor allem die weniger auffällige und darum gefährlichere antidemokratische Gesinnung zahlreicher Mitglieder der im Bundestag etablierten Parteien, die den Lobbyismus der Pharmaindustrie verschleiern, eine Vermögensabgabe der Reichen und Superreichen verhindern und immer wieder neuen Waffenexporten zustimmen.

Einige wenige Beispiele nur, die zeigen mögen, daß unsere gegenwärtige schwarzrote Regierung innerhalb wie außerhalb des Parlaments schärfster Opposition bedarf, allerdings – um eine für die Verwirklichung unserer Verfassung lebensgefährliche Verwechslung auszuschließen – einer Opposition von links, nicht von rechts!

Und schließlich: Zersetzt werden muß der Zynismus karitativer Hilfe, soweit den für die soziale Not Verantwortlichen die Verantwortung dadurch abgenommen wird, soweit die Mechanismen der Ausbeutung durch diese Hilfe verschleiert werden, dieser karitative Zynismus, der dem Notleidenden Almosen gibt, um ihm ungestört die Rechte vorenthalten zu können, die ihm zustehen.

Meine Damen und Herren, ich war konkret, und ich breche hier ab. Die Schmährede ist eine literarische Gattungsform, und eine Literatur, die sich selbst versteht als Kritik an der Gesellschaft, muß ätzen wie Salzsäure.

Wenn also Demokratie nicht nur ein leeres Wort ist und wenn wir mit der Demokratisierung unserer Gesellschaft und ihrer Institutionen Ernst machen wollen, dann lade ich Sie ein: Seien Sie beherzt und unbefangen, und wirken Sie – ein jeder an seinem Platz – zersetzend! Versagen Sie sich den Ansprüchen des Unrechts, mißtrauen Sie den gewählten Vertretern des Volkes, die nicht die Sache des Volkes, sondern die seiner privilegierten Oberschicht vertreten! Zerstören Sie die Übereinkunft der schweigenden Mehrheit, weisen Sie die falschen Normen der Leistung und des Erfolgs zurück, anstatt sie zu verinnerlichen!

Tun Sie das Unerwartete, das Verpönte, fallen Sie aus den Rollen, die man Ihnen zumutet und mittels deren man sie entmündigt, brechen Sie den Stil kultivierter Unverbindlichkeit in den öffentlichen politischen Diskussionen, seien Sie nicht verschämt, sondern unverschämt, wo immer es der Sache der Demokratie oder – um ein gleichbedeutendes Wort zu gebrauchen – des Sozialismus dienlich ist, und noch einmal: Wirken Sie zersetzend!

Sie tragen dadurch mit dazu bei, eine intellektuelle Tugend zu rehabilitieren, die durch Goebbels und seine Gesinnungsgenossen in Mißkredit gebracht worden ist: ich meine die Tugend der intellektuellen Zersetzung, die auch heute noch geschmäht wird von jenen Geistern, die diese Tugend am ehesten zu fürchten haben, eine Tugend, die gleichwohl in der Geschichte des deutschen Geistes und in der Geschichte der deutschen Literatur – von Lessing über Büchner, Heine, Tucholsky und andere bis hin zu Günter Wallraff – eine politisch und sozial notwendige, eine humane Haltung kennzeichnet.

Theodor Weißenborn
Wo Aufklärung versagt, hilft nur politische Macht

Es gibt einen Typus Mensch, der dadurch gekennzeichnet ist, daß er sein Alltagsgeschäft so versteht, daß er die Welt in den Bann seiner eigenen Nützlichkeitserwägungen zieht, in seinen Mußestunden aber kosmisch empfindet und Franz von Assisi empfiehlt.

Der "Bildungsmensch" also, wie Theodor Lessing diesen Typus nannte – ich versuche, ihn mir vorzustellen: skrupellos macht- und profitgeil, erfolgreich bei der Durchsetzung partikularer Interessen, die sowohl privatwirtschaftlicher als auch nationalökonomischer Art sein können, bedenkenlos über Leichen gehend ("Right or wrong my country!"), nie die zerstörerischen Folgen seines Tuns bedenkend, nie Sand, immer nur Öl im Getriebe der Zeit – und dabei kunstliebend, belesen, mit angenehmen Umgangsformen, wohl auch tier- und kinderlieb, Fan klassischer Musik, vielleicht ein Verehrer Eichendorffs wie Julius Streicher, der sich von den (jüdischen) Comedian Harmonists "In einem kühlen Grunde" vorsingen ließ – so verhöhnt die Gewalt den Geist, auch den der Künste, die lediglich oberflächlich-sentimental genossen und deren ethische Gehalte ausgeblendet, verdrängt werden.

So erschütternd und mitunter erweckend die Kunst auf den angemessen empfänglichen und sensiblen Menschen wirken kann – eben deshalb, weil sie den ganzen Menschen, den denkenden, fühlenden und handelnden, angeht –, sosehr sie, ihrem Wesen gemäß, das im Ethos verankerte Schöne erstrahlen läßt und mit Aristoteles das Ganze über dem Teil sieht, und sosehr dies alles sich als Hilfe und Heil herbeisehnen und beschwören läßt –, die Erfahrung zeigt, daß mit Gesang und Saitenspiel und auch mit salomonischen Sprüchen gegen Ignoranz und Verstocktheit nichts auszurichten ist, denn gegen Dummheit kämpfen die Götter vergebens. Die fromme Hoffnung, daß Bildung (Vorbild, Lehre, Unterweisung, Aufklärung, Kunsterziehung) ein Garant für Heil im Sinne moralischer Integrität sei und den Menschen unausweichlich edel, hilfreich und gut mache, ist offenbar trügerisch. Denn alles Wissen, jedes Mehr an Information, jede Technik der Naturbeherrschung oder der Menschenführung läßt sich ebensogut und ebensoschlecht zu eigenem und fremdem Wohl wie zu fremdem und eigenem Weh benutzen, und wer einmal zur Durchsetzung eines partikularen, nützlichen, im Sinne der Zweckrationalität vernünftigen Zieles entschlossen ist, wird seine Energie nicht etwa auf die Erlangung tieferer, besserer Einsicht, sondern nur auf raffiniertere, ausgeklügeltere, perfidere Rationalisierung seines Vorhabens verwenden.

Dies eben ist die permanente alltägliche Erfahrung, der Dauerfrust der Lehrer und Prediger wie der um Aufklärung bemühten und ihrem Ideal verpflichteten Künstler: der zu Belehrende will (in aller Regel) nicht belehrt, der zu Bekehrende will nicht bekehrt werden. – Ein fleißiger und sanftmütiger "Kultivator" könnte daraus die Lehre ziehen, das Rechte vor sich hin zu tun und sein Wort still und geduldig wirken zu lassen wie Sonne, Regen und Wind, in der Hoffnung, daß er mitunter wohl gar durch sein Nicht-Tun Besseres bewirken möge als durch sein Tun. Ein zorniger Klarinettist aber könnte sich womöglich dazu hinreißen lassen, den (politisch oder künstlerisch) andersdenkenden Dirigenten mit der Klarinette zu verprügeln. Das wäre nicht gut fürs Instrument.

Und da Lernen leichter als Lehren ist, könnten wir selber, die wir aus der Sicht der Andersdenkenden ja auch Andersdenkende sind, aus aller Erfahrung vielleicht den naheliegenden und überfälligen Schluß ziehen: Es liegt im Wesen der Kunst, daß sie nicht zwingt. Sie ist vielmehr, wie Sartre es formulierte, "ein Appell an die Freiheit".

Bleibt freilich für den, den es nach politischen Taten dürstet, das Unbehagen, daß menschliches Handeln (Tun und Unterlassen) sich durch Gesetze nur in deren Geltungsbereich erzwingen läßt. Wo dagegen, zumal in globalen Zusammenhängen, kein Richter ist, läßt sich nicht anklagen, sondern nur wehklagen, so daß es für den politisch engagierten und machtorientierten Zeitgenossen nur folgerichtig ist, keine lyrischen Gedichte, sondern Gesetzestexte zu verfassen und praktische Politik zu machen, mit dem Ziel, die Mehrheit und mit ihr die legale Macht zu erlangen, dem Andersdenkenden "den eigenen Wertwillen aufzuzwingen" oder, um es marxistisch zu formulieren, der Klasse der Ausgebeuteten und Unterdrückten zur Vormacht zu verhelfen, deren Diktat die Reaktion sich zu unterwerfen hat.

Hier gebe ich den Ball ab und überlasse die Sache dem Leser zu weiterem Bedenken.

Theodor Weißenborn
Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel
Satirisches Gespräch mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel

Ernst Schalk: Frau Bundeskanzlerin, welchen Stellenwert haben für Sie die Menschenrechte?

Angela Merkel: Die Menschenrechte haben für mich gleich nach den Interessen unserer Rüstungsindustrie absolut oberste Priorität.

Und wie denken Sie angesichts des jüngsten Fleischskandals über den Verbraucherschutz?

Der Verbraucherschutz steht für uns nächst dem Schutz der Lebensmittelindustrie an allererster Stelle.

Und wie ist es mit dem Tierschutz?

Hier darf ich einmal den ehemaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Lehmann zitieren, der sagte: "Wir sind keine Naturromantiker."

Richtig! Und in der Bibel steht ja auch: "Machet euch die Erde untertan!" Und das gilt natürlich auch für die Tiere.

Schön, daß Sie das sagen. Das zeigt mir, daß Sie mitdenken.

Frau Bundeskanzlerin, wenn Sie erlauben, nun eine Frage zum Thema "Banken": Wieso empfangen Sie Leute wie seinerzeit Josef Ackermann zu, wie es heißt, "vertraulichen Gesprächen"?

Natürlich zum Zweck der Vertrauensbildung. Das Vertrauen der Banken ist ein kostbares Gut, denn solange die Bundesregierung das Vertrauen der Banken genießt, haben diese alles im Griff.

Ah ja! Und die Spitzengehälter der Topmanager – halten Sie die für gerecht?

Nun, wer zweihundertmal mehr verdient als eine Putzkraft, muß natürlich auch entsprechend mehr auf seinem Gehaltskonto haben.

Logisch! – Aber wie denken Sie dann über das Wort "Hungerlöhne", das Gewerkschafter gern im Mund führen?

Da gefällt mir doch eher das Motto der Katholischen "Arbeitnehmer"bewegung, das da lautet: "Wir sind Beschenkte und dürfen danken."

Dazu eine Zusatzfrage: Was sagt Ihnen der Satz von Papst Franziskus: "Der Kapitalismus tötet."?

Das betrifft mich nicht – ich bin evangelisch.

Ja, natürlich! Und für Calvinisten ist Reichtum ja sogar der sichtbare Beweis göttlichen Segens!

Stimmt! Da gebe ich Calvin recht. Und in diesem Sinne sollten wir Christen unsern Glauben freudig bekennen.

Frau Bundeskanzlerin, wenn ich das Thema einmal wechseln darf: Wie reimt es sich zusammen, daß die Bundesregierung Afghanistan zu einem sicheren Herkunftsland für afghanische Flüchtlinge erklärt, deutschen Touristen aber gleichzeitig von Reisen nach Afghanistan wegen des dort wütenden Terrors dringend abrät?

Das muß sich gar nicht reimen, denn es handelt sich hier um freie Rhythmen.

Verstehe. Und eine weitere Frage: Wieso erlaubt die Bundesregierung den USA, in der Nähe von Frankfurt a. M. – auf deutschem Boden also – ein Foltergefängnis zu unterhalten?

Wenn das so wäre, wie Ihre Frage unterstellt, so geschähe es aus rein formalen Gründen, damit unsere amerikanischen Freunde weiterhin erklären könnten, in den USA werde nicht gefoltert.

Kleiner gedanklicher Sprung: Thilo Sarrazin fürchtete, Deutschland könnte sich abschaffen. Wie gefällt Ihnen in diesem Zusammenhang der Gedanke einer "ethnischen Säuberung" der Bundesrepublik?

nicht! Bayern gehört zu Deutschland, und die CSU ist und bleibt unser engster Koalitionspartner.

Und eine letzte, persönliche Frage: Frau Bundeskanzlerin, haben Sie schon darüber nachgedacht, was Sie machen werden, wenn Sie einmal nicht mehr Kanzlerin sein sollten?

Eine gute Frage! Darüber werde ich am besten einmal mit meinem Amtsvorgänger Gerhard Schröder sprechen.

Frau Bundeskanzlerin, ich danke für dieses Gespräch.

Theodor Weißenborn
Gehört der Islam zu Deutschland?

Selten hat das Wort eines Politikers zu einer so hitzigen Debatte geführt wie seinerzeit Christian Wulffs Ausspruch "Der Islam gehört zu Deutschland." Seitdem häufen sich die Demonstrationen, schaukeln Pro und Contra sich hoch, und es scheint, als hätte Wulffs Satz die Nation in zwei Lager gespalten. Im Lager der ihm Zustimmenden finden sich (neben den Muslimen) die liberal denkenden gast- und fremdenfreundlichen Demokraten, die die Religionsfreiheit achten und im Sinne des aufgeklärten Alten Fritz sagen würden: "In unserem Land soll jeder nach seiner Fasson selig werden." Im Lager der Buhrufer siedeln dagegen jene an Xenophobie (Fremdenfeindlichkeit) leidenden Chauvinisten und jene womöglich sozial zu kurz Gekommenen, die um ihre Arbeitsplätze bangen oder gedankenlos jenen Neofaschisten nachlaufen, die Asylantenwohnheime anzünden oder dies bejubeln – mit bepißter Hose und den Arm zum Hitlergruß erhoben. Das sind jene, die dem Ausland das Bild vom "häßlichen Deutschen" vermitteln und auf deren Zugehörigkeit zu Deutschland, auch wenn sie deutsche Pässe haben, wir gerne verzichten würden.

Was die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland im Sinne eines integralen Bestandteils betrifft, so wäre vorab zu klären, was Zugehörigkeit zu Deutschland ausmacht. Wer in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, deutsch spricht und vor allem die in Deutschland geltenden Gesetze, vornehmlich das Grundgesetz, achtet, der darf sich zu Recht als zu Deutschland gehörig oder als Deutscher fühlen, auch wenn er aus irgendwelchen Gründen noch keinen deutschen Paß hat – und dies völlig unabhängig davon, ob er Christ, Jude, Muslim, Angehöriger irgendeiner anderen Glaubensgemeinschaft, konfessionslos oder Freidenker ist.

Hat man dies im Sinn, so kann man sicherlich sagen: "Die, wie soeben beschriebenen, kulturell integrierten Muslime gehören zu Deutschland." Nur ist damit über eine mögliche Zugehörigkeit der Weltreligion Islam zu Deutschland noch nicht das Geringste ausgemacht. Schon die Bezeichnung "der Islam" ist eine schreckliche Vereinfachung und bedarf dringend einer Differenzierung, und zwar ist zu unterscheiden zwischen zwei divergierenden Erscheinungsformen des Islams. Es gibt einen friedliebenden, toleranten, sozialverträglichen, sozusagen aufgeklärten Islam, wie er anscheinend und hoffentlich vom Rat der Muslime in Deutschland repräsentiert wird und der, aufs Ganze gesehen, der kulturellen Integration nicht im Wege steht. Aber daneben, und das hat Christian Wulff wohl nicht bedacht, gibt es eben auch einen unaufgeklärten, fundamentalistischen Islamismus, der, befangen in theokratischem, antidemokratischem Denken, im Mittelalter steckengeblieben ist, der auf die Scharia mit ihren barbarischen Rechtsnormen und Rechtspraktiken (Geißelungen, Hinrichtungen, Steinigungen untreuer Ehefrauen etc.) schwört und zu dessen kulturell altüberlieferten Sitten und Bräuchen Schandtaten wie Genitalverstümmelungen, das Verprügeln von Frauen und Kindern, Zwangsverheiratungen und "Ehrenmorde" gehören, Straftaten und Verbrechen, die den Menschenrechten Hohn sprechen und die mit den in Deutschland geltenden Rechtsnormen unvereinbar sind. Dieser fundamentalistische Islam (oder Islamismus, wie ihn der sogenannte IS weltweit zu verbreiten sucht) gehört nicht zu Deutschland und wird hoffentlich auch niemals zu Deutschland gehören.

Als Glaubensgemeinschaft und als eine der drei großen monotheistischen Weltreligionen ist und bleibt der Islam für den vergleichenden Religionswissenschaftler im übrigen ein zwar fremdartiger und in manchen seiner Lehren befremdlicher, aber womöglich auch gerade deshalb faszinierender Gegenstand. Dem tolerant Denkenden dürfte es überdies nicht schwerfallen, die Ansichten Andersgläubiger, sofern sie nur sozialverträglich sind, zu achten, ohne sie zu teilen.

Dies ist alles andere als gläubige Übernahme oder Integration exotischen Kulturguts, die nur selten hilfreich, oft schädlich und mitunter sogar verderblich sein kann. Deutlich zu sehen ist dies am Beispiel christlicher Missionierung, die sich noch heute (so durch das Verbot empfängnisverhütender Mittel) in manchen Gegenden der Welt verheerend auswirkt.

Ich halte dafür, daß der Mensch autonom sei und weder einer christlichen noch einer jüdischen, noch einer islamischen Theokratie bedarf.

Bedenklich, bei aller gebotenen und erlaubten Toleranz und bei aller im Grundgesetz verankerten Religionsfreiheit, wäre es allerdings, wenn irgendeine Glaubensgemeinschaft hierzulande eine Art Parallelgesellschaft gründen und, statt nach deutschem Recht zu handeln, ein eigenes, in Deutschland nicht geltendes Recht, etwa gemäß dem Talmud oder der Scharia, praktizieren wollte. Gegen solche Versuche der Rechtsanmaßung dürfte und müßte der Staat sich mit allen legalen Mitteln zur Wehr setzen!

Natürlich werden kirchlich gebundene Geister, zumal Vertreter der gesellschaftlich repräsentativen Großkirchen, immer bestrebt sein, in öffentlich-rechtlichen Gremien (etwa in den Rundfunkräten) Einfluß auf die Politik und damit auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens zu nehmen. Und natürlich dürfen sie sich zu diesem Zweck auch aller ihnen zur Verfügung stehenden Medien bedienen, da dies als Meinungs- und Pressefreiheit zu den demokratischen Grundrechten gehört.

Bedenklich wird die Sache aber auch, wenn in Deutschland lebende nichtchristliche, jüdische, muslimische oder andere Gläubige Sonderrechte fordern, die im Widerspruch zu den hierzulande geltenden Gesetzen stehen. Und nicht weniger bedenklich ist es, wenn eine sich für besonders fortschrittlich haltende Bildungsministerin dafür sorgt, daß – auf Kosten des Steuerzahlers – an unseren staatlichen Hochschulen Lehrstühle für Islamistik eingerichtet werden und an staatlichen Schulen neben katholischer und evangelischer Religion nun auch noch islamische Religion gelehrt wird. Hier geht mir das Gleichbehandlungsprinzip zu weit, richtiger: Hier wird es in der genau falschen Richtung angewandt! Gleichheit läßt sich in diesem Bereich viel sinnvoller auch dadurch herstellen, daß an staatlichen Hochschulen grundsätzlich keinerlei theologische Lehrstühle (Lehrstühle für katholische, evangelische, jüdische, islamische oder irgendeine andere Theologie) geduldet werden. Auf diese Weise könnten die kirchlichen Privilegien (nach endlicher Aufkündigung des zwischen dem Vatikan und Hitler geschlossenen Konkordats) wenigstens schon einmal in einem Teilbereich der Gesellschaft abgeschafft werden.

Und speziell zum Thema Religion als Unterrichtsfach noch dies: An Schulen in kirchlicher Trägerschaft mag Religion meinetwegen gelehrt werden, nicht aber an staatlichen Schulen, die sich weltanschaulicher Neutralität befleißigen sollten. Fort also mit solch wissenschaftsfeindlichem Plunder, und Schluß mit der Verfilzung staatlicher und kirchlicher Interessen im Gesundheits- und Bildungswesen! Und als Forderung an unsere Gesetzgeber: Erfüllt endlich, und zwar konkret und in allen sozialen Bereichen, den Verfassungsauftrag der Trennung von Kirche und Staat!

Natürlich weiß ich, was dem bei den Regierenden entgegensteht: Es ist die Angst vor dem Verlust von Wählerstimmen, die Angst vor politischem Machtverlust, denn die Kirchen predigen, wenn auch vielleicht nur noch verhalten, Anpassung und Gehorsam und sind eher an der Erhaltung des politischen Status quo als an dessen Veränderung interessiert. Angesichts dieser traurigen Tatsache empfiehlt sich als Handlungsmaxime für den einzelnen, aus der Kirche auszutreten und wo immer nötig gegen "Pegida" zu demonstrieren!

Theodor Weißenborn
Ist Angst ein schlechter Ratgeber?

Seit Jahrzehnten beobachte ich folgendes: Spitzenpolitiker und Konzernbosse treffen sich zu "vertraulichen Gesprächen" , und ich ahne schon, daß es dabei um Entscheidungen von großer Tragweite geht, um Projekte, die so große – bekannte oder auch unbekannte – Gefahren in sich bergen, daß sie die Existenz Tausender Menschen, ja womöglich ganzer Völker oder der gesamten Menschheit bedrohen. Dabei kann es um alles Mögliche gehen, wovon Kapitalisten und Imperialisten sich Profit und Macht versprechen. Zum Beispiel um den Bau von Aluminiumfabriken in Indien, welche Gifte freisetzen, die schwere und schwerste Krankheiten erzeugen, so daß Tausende Arbeiter qualvoll dahinsiechen und sterben. Verantwortlich hierfür war und ist in diesem Fall Josef Ackermann, der ehemalige Chef der Deutschen Bank, den Angela Merkel kurz zuvor zu einem (natürlich) "vertraulichen" Gespräch empfangen hatte. Es kann sich aber auch um den Export schwerer Waffen in Krisengebiete, etwa nach Saudi-Arabien, handeln, die zwecks Irreführung der Öffentlichkeit auf Umwegen über friedliche Drittländer geliefert oder als Teilstücke versandt werden, die der Empfänger dann vor Ort selbst zusammenbauen kann. Auch um die Stationierung atomarer Raketen kann es gehen oder (selbst nach den Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima!) um die Errichtung neuer Kernkraftwerke.

Natürlich lassen solche Projekte sich auf die Dauer nicht verheimlichen. Früher oder später sickert an einer undichten Stelle etwas durch, oder investigative Journalisten decken die Sache auf – dann ist die Öffentlichkeit alarmiert, und wache kritische Geister wie Robert Jungk oder Peter Scholl-Latour treten auf den Plan, warnen und mahnen und gefährden die beabsichtigte weitere Kumulation von Macht und Kapital. Dann setzt die Gegenpropaganda der Planer und Macher ein, die nicht einsehen wollen, was lange vor unserer Zeitrechnung schon der chinesische Philosoph Laotse wußte: nämlich daß Weisheit nicht nur im Tun, sondern mitunter mehr noch im Unterlassen bestehen kann. Aber da es den Herrschenden nicht um Weisheit, sondern um Geld geht, spielen moralische Kategorien für sie keine Rolle. Die Kritiker werden beschimpft, verhöhnt und verlacht und müssen sich regelmäßig den Satz anhören: "Angst ist ein schlechter Ratgeber."

Aber stimmt dieser Satz überhaupt? Schauen wir doch einmal genauer hin! Einfach bejahen oder verneinen läßt sich der Satz nicht, dazu ist er zu allgemein. Es bedarf also der Differenzierung, das heißt, wir müssen herausfinden, welche höchst unterschiedlichen Formen und Arten von Ängsten unter dem Oberbegriff Angst zusammengefaßt sind. Da wäre zunächst die panische, eine tatsächlich höchst gefährliche Angst zu nennen, dann alle psychotischen Ängste aus den Formenkreisen der Schizophrenien und Zyklothymien (die Paranoia oder Verfolgungsangst, die Verarmungs- oder Erkrankungsangst – Ängste, die oft mit Depression einhergehen, dann die neurotischen Ängste (Phobien) wie z. B. die Klaustrophobie (Angst vor engen Räumen), die Agoraphobie (Platzangst), Anachrophobie (Angst vor Spinnen), Höhenangst und viele andere Ängste bis hin zur Xenophobie (Fremdenangst) und schließlich die wohlbegründeten Realängste, auf die eher das Wort Furcht zutrifft.

Wie sind diese unterschiedlichen Ängste zu bewerten? Panische Angst tritt am ehesten da auf, wo viele Menschen auf engem Raum zusammengepfercht sind: in Fußballstadien, Bierzelten, Diskotheken und an ähnlichen Orten, wo dann viele bei Gefahr nur noch sich selbst zu retten suchen und wo die Schwächeren zu Boden getreten und totgetrampelt werden. Gegen solche Panikausbrüche hilft wohl am besten eine klug vorausschauende Organisation: vor allem die Bereitstellung ausreichend vieler Fluchtwege, die dann auch frei gehalten werden müssen. (Man denke an die Panikkatastrophe in Duisburg, bei der mehr als 20 Menschen zu Tode kamen, und an die hilflosen Kommentare der Veranstalter, deren einziges Interesse die Schuldabweisung war!)

Die psychotischen Ängste sind sachlich zumeist unbegründet. Sie sind Krankheitssymptome, beruhen auf Wahnvorstellungen und sind der Therapie zuzuführen. Ihre gefährlichste Form ist die Paranoia, da der von ihr Betroffene nicht nur suizidgefährdet ist, sondern auch andere Menschen verletzen und töten kann.

Harmloser erscheinen daneben die Phobien, die oft erst dann der Therapie bedürfen, wenn sie als schwerere oder leichtere Handicaps den Betroffenen an normalen Lebensvollzügen hindern, etwa wenn ein im 14. Stockwerk eines Hochhauses wohnender Klaustrophobiker es nicht wagt, den Aufzug zu benutzen. Gefährlicher, weil zum Fremdenhaß bis hin zur Fremdenverfolgung tendierend, ist da schon die Xenophobie, die von Demagogen aller Couleur für deren mitunter menschenverachtend-kriminelle Ziele ausgenutzt werden kann (siehe die Pegida-Bewegung).

Bleiben schließlich die Realängste, wohlbegründete Befürchtungen realer Gefahren, seien es nun Naturkatastrophen oder von macht- und profitgeilen Politikern oder Wirtschaftsbossen verursachte Kriege, in denen es nicht um Menschenrechte, sondern um Öl geht. Diese Realängste sind wie Warnleuchten oder Warnsirenen, die man nicht abschalten darf, sondern deren Rufe man beachten muß, um auf Mittel zu sinnen, wie der Gefahr am besten zu begegnen ist. Diese Realängste lasse ich mir nicht nehmen. Ich verteidige sie und preise sie als mögliche Lebensretter und höre auf sie wie auf die Stimmen guter Freunde, die auf mein Wohl bedacht sind.

Theodor Weißenborn
Werden wir von Narren regiert?

Von Hartmut von Hentig stammt der bemerkenswerte Satz, es sei Aufgabe der Schulen, die Unterscheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen zu lehren. Hat man dies als Lehr- und Lernziel vor Augen, so wird man sagen müssen, daß die große Mehrzahl unserer Berufspolitiker, vor allem der Regierungsmitglieder, dieses Bildungsziel nicht im entferntesten erreicht hat. Wie ist es sonst zu erklären, daß Kommunen, Länder und Bund in mehr oder weniger regelmäßigen Zeitabständen immer wieder zig Millionen, mitunter sogar Milliarden Euro an Steuergeldern in protzige Opernhäuser, Museen und Philharmoniegebäude, gigantische Brücken, Flughäfen, Schiffahrtskanäle, Autorennstrecken und Olympiastadien investieren – also in lauter Dinge, die kaum jemand braucht, am allerwenigsten die unter der Armutsgrenze lebenden Kinder, die verarmenden Rentner, die alleinverdienenden Männer, die ihre Familie nicht ernähren können, oder gar die Obdachlosen, die unter den Brücken hausen. Wer setzt diese falschen Prioritäten, wenn nicht unsere Regenten, die doch in ihrem Amtseid geschworen haben, den Nutzen des Volkes zu mehren und Schaden von ihm abzuwenden? Tatsächlich denken diese von uns gewählten Volksvertreter aber offensichtlich nicht an die Interessen des Volkes und seine große Mehrheit, die mehr und mehr verarmende soziale Unterschicht, sondern vornehmlich an die Interessen der Reichen und Superreichen: die Industrie- und Bankenbosse, Waffenexporteure und Pharmakonzerne, als deren Handlanger sie fungieren und die ihnen dafür mit hochdotierten Beraterposten danken.

So werden Volksvertreter zu "Volksverrätern", reagieren gekränkt, wenn man sie als das bezeichnet, was sie sind, tagen (statt in sich zu gehen und den von ihnen angerichteten Schaden wiedergutzumachen) weiterhin hinter verschlossenen Türen, unterzeichnen geheime Verträge, durch die das Volk, das doch laut Verfassung der oberste Souverän ist, mehr und mehr entmachtet und geknechtet wird, und wenn doch einmal eine ihrer Schandtaten aufgedeckt wird, so stellen sie sich unwissend und tun so, als hätten sie die von ihnen unterzeichneten Verträge nicht richtig verstanden und wären selbst hereingelegt worden, obwohl sie doch über alle nur erdenklichen Informationsquellen verfügen, ganze Stäbe von Beratern ihnen zur Seite stehen und einige von ihnen – man staune! – gar ein juristisches Staatsexamen gemacht haben!

Oder irrt der naive Zeitgenosse gerade in diesem Punkt? Haben sie ihre Doktor-Examina ergaunert? Ihre Personalien gefälscht? Haben sie kein Abitur? Vielleicht nicht einmal einen Hauptschulabschluß? Jedenfalls, wenn sie ein Geldgeschäft tätigen oder einen Handelsvertrag schließen, wirken sie wie ein Katherlieschen, das Schrottpapiere kauft. Hat also jener Satiriker recht, der behauptete, Helmut Kohls Lieblingssendung im Fernsehen seien die Tele-Tubbies? Haben wir’s also im Umgang mit unsern Regenten wenn nicht mit psychisch Kranken, so doch vielleicht mit Karnevalisten zu tun? Oder aber (was womöglich weit schlimmer wäre): Sind unsere Regenten moralisch verkommen? Dann könnten sie sagen, sie seien weder unterbegabt noch gar idiotisch, sondern lediglich charakterlos und korrupt, und das sei nicht so schlimm, weil dies mehr oder weniger alle seien.

Wenn wir dies gelten lassen, so bleibt den Kritisierten ja auch noch die Möglichkeit, zu ihrer Entschuldigung zu erklären, sie hätten einen Vater und eine Mutter gehabt, seien das erste oder letzte Kind in der Geschwisterreihe gewesen, hätten eine Hasenscharte und seien deshalb in der Schule gemobbt worden. Und wenn alle Stricke reißen, so könnten sie immer noch aus Gesundheitsgründen ihr Amt niederlegen, ohne persönlich Schadenersatz leisten zu müssen, denn als beamteter Berufspolitiker kann man sich so ziemlich alles leisten. Man kann Millionen Euro an Steuergeldern verschwenden, Menschen hungern und frieren lassen, demokratische Grundrechte mißachten, Foltergefängnisse unterhalten und das Volk belügen – das alles ist legitim, wenn es nur im Rahmen der im Namen des Volkes erlassenen Gesetze geschieht!

Mein Vorschlag: Man unterziehe einen jeden für ein Regierungsamt Nominierten vor der Wahl zunächst einmal einem Eignungstest, der aus zwei Teilen bestehen sollte – einer charakterliehen Prüfung unter Mitwirkung bewährter Lobbyisten der Pharmaindustrie, bei der der Grad der Bestechlichkeit ermittelt werden sollte, und einer Prüfung der ökonomischen und juristischen Fachkenntnisse oder auch einfach nur des gesunden Menschenverstandes.

Wie sonst könnte sichergestellt werden, daß behördliche Kontrollen ohne Voranmeldung durchgeführt werden? Daß bei den Gerichtskassen eingehende Strafgelder nicht an Fußball- oder andere Sportvereine, sondern an Flüchtlingsheime oder Obdachlosenasyle weitergeleitet werden? Daß die Bundeswehr keine Gewehre erhält, die um die Ecke schießen? Daß Gesetze nicht nur erlassen, sondern auch umgesetzt werden? Daß statt Banken Menschen gerettet werden? Wie könnte verhindert werden, daß für humanitäre Zwecke gedachte staatliche Gelder in den Privatschatullen korrupter Despoten verschwinden, die ihre eigenen Völker ausbeuten oder gar ausrotten? Wie ließe sich der eklatante Mangel an sozialer Kultur beheben, der sich nicht nur im Internet zeigt, wo Politiker aufs ordinärste beschimpft werden, sondern selbst im Bundestag, wo Kanzlerin und Vizekanzler in der Haushaltsdebatte, während Sahra Wagenknecht spricht, ostentativ gelangweilt in Papieren blättern oder mit dem Handy spielen?

Dies alles und derlei mehr im Blick habend, sage ich zwar nicht "Gabriel muß ins Zuchthaus, Merkel an die Wand", aber ich sage doch "Ein Mann wie Gysi muß ans Ruder!" Und ich sage auch nicht, daß man die Banken- und Konzernbosse köpfen soll; das Leben und das Existenzminimum sollte man ihnen schon lassen. Aber ihre Villen im Tessin, ihre Luxusyachten und Privatjets könnte man ihnen getrost wegnehmen.

P. S. Soeben erfahre ich aus den Medien, daß der Bund den Ländern Geld für den sozialen Wohnungsbau zahlt. Die Länder müssen dieses Geld aber nicht für den sozialen Wohnungsbau ausgeben, sondern dürfen es auch für andere Zwecke verwenden. Das ist zwar eine Narretei, aber keineswegs ein Karnevalsscherz, ist eher zum Weinen als zum Lachen und zeigt einmal mehr die Notwendigkeit, die Verantwortlichen auf ihren Geisteszustand zu untersuchen und notfalls unter Kuratel zu stellen.

Theodor Weißenborn
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